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Expertenbeitrag

 Georg Stawowy

Georg Stawowy

Vorstand der Lapp Holding AG für Technik und Innovation, LAPP

Digitalisierung

Keine Panik bei der Digitalisierung

| Autor/ Redakteur: Georg Stawowy /

Deutschland befindet sich in puncto Digitalisierung im Kriechgang, sagen viele. Doch schneller ist nicht immer besser. Vielleicht gibt es auch ein falsches Verständnis davon was digitaler Fortschritt ist.

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Über all die Herausforderungen der Digitalisierung läuft man Gefahr, den Kundennutzen aus den Augen zu verlieren.
Über all die Herausforderungen der Digitalisierung läuft man Gefahr, den Kundennutzen aus den Augen zu verlieren.
(Quelle: Pixabay)

Schon wieder eine Einladung zu einer Konferenz über die digitale Zukunft. Jeden Tag könnte ich meine Zeit bei Vorträgen zu diesem Megatrend verbringen. Leicht kann es einem schwindlig werden, wenn man nur den Visionären und Evangelisten zuhört. Am Rednerpult kommt die Zukunft schneller als man die Prozesse dafür organisieren kann. Wenn die Mikrofone dann aber ausgeschaltet sind, werden die Töne leiser und nicht wenige Kollegen beklagen einen Digitalismus, der wenig bringt – weder den Herstellern noch den Anwendern.

Rasch eine vermeintlich intelligente Funktion in ein Gerät einbauen, ein Big Data Projekt aus dem Boden stampfen oder überall Sensortechnik einpflanzen, ist noch keine Vorbereitung auf die Zukunft, von der wir wissen, dass sie neu und anders sein wird. Da gibt es viel Rausch, Bauerntricks und auch manche Übertreibung, die im Zuge der Digitalisierung schnell begonnen wird. Und noch schneller eine Datenflut zur Folge hat, die kein Programmierer leicht bewältigen kann. Gerade die deutschen Mittelständler und Familienunternehmen sind bekannt für ihren Innovationsdrang. Aber auch dafür, dass sie Luftblasen zum Platzen bringen. Ganzheitlich werden sich Prozesse und Produkte - aber auch das Denken - an den Arbeitsplätzen verändern müssen, wenn wir aus der Digitalisierung Vorteile für die Kunden ziehen wollen.

Digitalisierung ist das Mittel, zufriedene Kunden der Zweck

Dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, zeigt sich am besten an Amazon: Viele nennen das zweitwertvollste Unternehmen der Welt als leuchtendes Vorbild in Sachen Digitalisierung. Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich ist Amazon ein Logistik-Gigant. Bei Amazon bestellen wir nicht, weil uns der Webshop so gefällt, sondern weil es das Unternehmen schafft, die unmöglichsten Dinge fast immer innerhalb von 24 Stunden zu liefern. Genau diesen Service wollen die Kunden haben. Pläne, eigene Packstationen aufzustellen oder gar Pakete mit Drohnen auszuliefern, zeigen, worin die Stärke von Amazon tatsächlich liegt. Ohne Digitalisierung wäre all das nicht zu managen, aber sie ist vor allem das Werkzeug, um eine schnelle und effiziente Supply-Chain zu ermöglichen. Ein anderes Beispiel ist ein Flughafen: Digitalisierung bedeutet, dass eine intelligente Software die nahe Zukunft prognostizieren kann und die Prozesse danach ausrichtet, dass an allen Gates das richtige Personal steht und es zu keinen Verspätungen in der Abfertigung kommt. Digitalisierung hängt nicht an mehr Computern und größeren Bandbreiten, sondern an den Prozessen – und sie ist nicht Selbstzweck, sondern sie muss einen neuen, spezifischen Kundennutzen schaffen.

Radikaler Kundennutzen

Wie auch bei Amazon sind Logistik und Supply-Chain-Prozesse auch bei Lapp ganz wesentliche Hebel, um Kundennutzen zu schaffen. Der Endverbraucher kann viele Produkte online bestellen und die Verbindungslösungen (Kabel, Stecker, Switche, Zubehör, fertig konfektionierte Systeme) nach seinen Bedürfnissen konfigurieren. Die Lieferung erfolgt in Deutschland innerhalb von 24 Stunden; in Europa dauert es kaum länger. Die Errichtung von Produktionsstätten und Lagern auf mehreren Kontinenten stellt einen vergleichbaren Servicegrad weltweit sicher. Ein noch schnellerer Lieferservice würde den Kunden derzeit keinen weiteren Vorteil bringen. Die Potenziale liegen in aller Regel nun an anderen Stellen einer ganzheitlich gedachten Wertschöpfungskette. Die Identifikation der Produkte per QR-Code zum Beispiel, das würde Vorteile bringen.

Industrie 4.0 – was ich übrigens für eine tolle Marketinginitiative Deutschlands halte – bedeutet kürzere Innovationszyklen. Das schafft Druck. Doch man kann nicht erfolgreich am Wettbewerb teilnehmen, wenn man sich dem Wandel nicht stellen würde: Anbieter wie Lapp müssen daher das Portfolio ausbauen, tiefer in die Anwendungen eintauchen und die Mitarbeiter befähigen, die Kunden zu beraten. Das Ziel ist es hier, dass in jedem noch so komplexen Maschinennetzwerk, egal bei welchen Protokollen und Standards, Daten und Strom sicher und schnell von A nach B transportiert werden.

Der Fortschritt ist eine Schnecke

Die Digitalkonzerne Facebook, Google & Co. wirbeln vieles durcheinander. Deutschlands Mittelstand, die Basis eines bereits langanhaltenden Wohlstands, wirkt im Vergleich langsam und zögerlich. Doch Veränderungen müssen nicht disruptiv passieren, viele Verbesserungen geschehen durch stetige Entwicklung. Der Maschinenbau und viele vergleichbare Industriebranchen sind weniger technologieverliebt als vielmehr anwendungsgetrieben. Die Veränderungsgeschwindigkeit wird dabei häufig überschätzt, auch in der Digitalisierung.

Nur keine Panik bei der Digitalisierung - das ist keine populäre Position. Ich halte mich an Peter Drucker, der sagte, es gibt nicht viel Nutzloseres, als effizienter zu machen, was man eigentlich gar nicht tun sollte. Deshalb schauen wir genau hin was wir wie und warum digitalisieren.

Der Fortschritt ist eine Schnecke, lautet ein bekanntes Sprichwort – die technischen Möglichkeiten entwickeln sich hingegen in rasender Geschwindigkeit. Heute Industrie 4.0, morgen Künstliche Intelligenz. Wer sich aber allein von den technischen Möglichkeiten treiben lässt, wird sehr wahrscheinlich mit hohem Tempo in die falsche Richtung laufen.

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 Georg Stawowy

Georg Stawowy

Vorstand der Lapp Holding AG für Technik und Innovation, LAPP