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Robotrechtler Eric Hilgendorf

Kein Langweiler, sondern Jurist

| Autor/ Redakteur: Nils Güntner / Jürgen Schreier

„Eine gewisse Pedanterie, ein gewisser Konservatismus gehört zum Juristen dazu“, erklärt Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf auf die Frage, wieso viele in seinem Berufsfeld gemeinhin als Langweiler gelten. Der Würzburger Jurist mit KI-Expertise versucht gar nicht erst, das Vorurteil des realitätsfernen Paragraphen-Wühlers zu widerlegen. Hat er auch nicht nötig.

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Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf ist Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtstheorie, Informationsrecht und Rechtsinformatik und Leiter der Forschungsstelle RobotRecht an der Universität Würzburg.
Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf ist Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtstheorie, Informationsrecht und Rechtsinformatik und Leiter der Forschungsstelle RobotRecht an der Universität Würzburg.
( Bild: Nils Güntner )

Und dennoch: Als Prof. Hilgendorf am Montagnachmittag pünktlich den Hörsaal zur Vorlesung „Rechtsphilosophie II“ betritt, erweckt er durchaus den Eindruck eines Bilderbuch-Juristen. Grauer Anzug, lila Krawatte und leicht verstrubbelte, dunkelbraune Haare, die an den Seiten bereits grau geworden sind. Er führt die Vorlesung wie ein Geschichtenleser, steht stationär am Pult und gestikuliert mit der rechten Hand, während die linke seine Brille hält. Vereinzelt stellt er Fragen, beantwortet diese jedoch rasch selbst, wenn sich niemand meldet.

Erst nach ein paar Minuten bröckelt das vorgefertigte Bild des Juristen langsam und der Mensch hinter dem Professor und Lehrstuhlinhaber für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtstheorie, Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Julius-Maximilians-Universität kommt zum Vorschein. Dann erst fällt auf, dass er oft verschmitzt lächelt, dass er den Saal permanent nach Wortmeldungen scannt und dass er die Vorlesung gerne mit Anekdoten anreichert.

Dann erst merkt man ihm seine Begeisterung für die Rechtsphilosophie an: Er bringt viele Beispiele, lässt aber auch Fragen offen und regt zur Diskussion an. Teilweise muss er sich fast zwingen, zum geplanten Ablauf der Vorlesung zurückzukehren. „Es macht Spaß, das ausführlich zu lesen“, fügt er zur Geschichte der Menschenrechte an. Und man ist sogar als Nicht-Jurist geneigt, ihm zu glauben.

Eigene Vorurteile auf dem Weg zum Juristen überwunden

Auch Hilgendorf selbst musste erst einmal eigene Vorurteile auf dem Weg zum Juristen überwinden. Nach seinem Abitur 1980 in Ansbach und dem Wehrdienst in Veitshöchheim studierte der gebürtige Schwabe Philosophie und Neuere Geschichte in Tübingen. Trotz seiner Leidenschaft für die Philosophie fehlte ihm aber etwas: „Ich habe gemerkt, dass philosophische Positionen manchmal etwas unklar sind. Und dass es in der Philosophie häufig an Kriterien dafür fehlt, was gut ist und was schlecht ist“.

Nach dem zweiten Semester sieht er sich nach einem weiteren Studienfach um, entscheidet sich gegen die blutige Medizin – und für Jura. „Allerdings mit sehr vielen Vorurteilen“, gibt er zu. Erst im Laufe der Jahre lernt er das Fach lieben, ohne jedoch die Philosophie aus den Augen zu verlieren. Vielleicht ist er gerade aufgrund dieser Vorurteile und seinem Bezug zur Philosophie kein typischer Jurist geworden.

Es gibt aber auch noch andere Indizien: Seine zahlreichen Projekte weisen ihn als jemanden aus, der über den Tellerrand schaut. Nach seiner Promotion in den Fächern Philosophie (1990) und Jura (1992) habilitiert er 1997. Seit 2001 ist er nun Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtstheorie, Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Juristischer Rat für das KI-Land China

Zusätzlich ist Hilgendorf noch in zahlreichen Gruppen und Gremien aktiv. Das merkt man vor allem, wenn man versucht, einen Termin bei ihm zu bekommen. „Die Belastung ist hoch, aber das was ich tue, habe ich mir selbst herausgesucht. Es macht Spaß.“ Neben seiner selbst gegründeten Forschungsstelle RobotRecht in Würzburg, wo Rechtsfragen zu autonomen Systemen untersucht werden, engagiert er sich vor allem international. Seit Juni 2018 ist er unter anderem Mitglied der neu geschaffenen „High-Level Expert Group on Artificial Intelligence“ der EU, 2010 gründet er selbst einen chinesisch-deutschen Strafrechtslehrerverband.

Die Kontakte nach Ostasien bezeichnet er selbst als „zweiten Arbeitsstrang“. Die Verbindung mit China ist ihm gerade deshalb so wichtig, weil China in vielen Fällen deutsches Recht – insbesondere deutsches Strafrecht – übernommen hat. Durch Austauschprogramme und Gastprofessuren diskutiert Hilgendorf mit asiatischen Kollegen dann vor allem über Unabhängigkeit und Politikferne. Also über eine Entscheidungsfindung, die sich nur an Recht und Gesetz, nicht an Willkür und Funktionären orientiert. „Wir helfen dabei, den rechtsstaatlichen Aufbau in China voranzutreiben. Generell sind die Chinesen sehr viel aufgeschlossener, als man sich das hier vorstellt.“ In der Arbeit mit China kann Hilgendorf auch ein fachliches Gebiet ausleben, das er sich nach und nach selbst beigebracht hat: Die Technik – und insbesondere: Künstliche Intelligenz.

Ethische Fragen autonomer Systeme

Schon während seiner ersten Station als Hochschullehrer in Konstanz begleitete er den Siegeszug des Internets als Experte für Internet-Recht. Auch für Digitalisierung und Technik etablierte er sich von da an als Experte, bis vor etwa 10 Jahren die Anfrage durch das Wirtschaftsministerium kam, bestimmte Robotik-Projekte zu begleiten. Für den Würzburger Professor ist das Aufkommen von Künstlicher Intelligenz wohl ein Glücksfall.

Mit seinem unüblichen Profil als Philosoph, Jurist und Technik-Experte ist er geradezu prädestiniert für Diskussionen um Autonome Systeme. Hier schlagen in der Grundlagenforschung zahlreiche ethische Fragen auf, die die Rechtsphilosophie zu beantworten versucht. Durchaus kontroverse Fragen: „Können Maschinen Verantwortung tragen? Kann Strafrecht auf Maschinen angewandt werden?“ Und: „Können Maschinen Rechte haben?“

Dass sich Künstliche Intelligenz letzten Endes durchsetzen wird, ist für Hilgendorf keine Frage. „Aber man sollte die Entwicklung steuern. Man sollte sie einhegen, man sollte sie so gestalten, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Nicht die technische Entwicklung [an sich; N.G.] und das Interesse einzelner Großkonzerne.“ Dadurch, dass Verantwortung an Künstliche Intelligenz abgegeben wird, dürfe kein straf-, bzw. haftungsfreier Raum entstehen, in dem sich Großunternehmen einer Haftung entziehen könnten.

Knallharte Unternehmer, getarnt als Hippies

Monopolbildung in der Industrie, Bedeutungsverlust des Staates und die Abhängigkeit von einigen wenigen Firmen stellen für Hilgendorf Gefahren dar: „Es wird nicht klar transportiert, dass es hier im Wesentlichen um kommerzielle Gesichtspunkte geht, um Macht gewinnen, um Dominanz. Ich glaube, dass sich die Ziele der Großindustrie gegenüber vor 50 Jahren überhaupt nicht verändert haben. Aber die Tonart ist eine ganz andere geworden. Zuckerberg tritt auf wie ein Hippie, wie ein 68er aus Kalifornien, verfolgt aber knallharte unternehmerische Ziele.“

Nichts ist langweilig von dem, worüber Hilgendorf in türkisblauem Hemd im schwarzen Ledersessel seines Büros in der Domerschulstraße philosophiert. Inklusive er selbst. Wiederum widerspricht er vielen Vorurteilen, indem er sich nicht als Richter über Fragen, sondern eher als Sucher von Antworten entpuppt. Wieso das Vorurteil dennoch existiert? „Wer sich als Juristin, als Jurist zu stark engagiert oder mitfühlt, der wird nicht wirklich gut arbeiten können. Das gibt eine gewisse Tendenz zur Distanziertheit und das mag nach außen hin manchmal als Pedanterie und Langweilertum wirken.“

Wenn man sich umschaut, vermittelt sein Büro den gleichen Eindruck wie er selbst: Vor fein säuberlich aufgereihten Buchreihen größtenteils juristischen (und langweiligen?) Inhalts stehen unzählige kleine, interessante und obskure Skulpturen. Vor einem Regal hängt das chinesische Zeichen für Weisheit mit dem Spruch von Konfuzius: „Der Weise lässt sich nicht irreführen“. Hilgendorfs Lebensmotto? Ist „Carpe Diem“. Der Spruch steht als Inschrift auf seinem Ehering. Er ist ja Professor und Jurist, deswegen hat er ihn wahrscheinlich nicht tätowiert… Oder doch?

Projekt „Künstliche Intelligenz: Eine Multimedia-Reportage“

Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Projekt „Künstliche Intelligenz: Eine Multimedia-Reportage“. Beteiligt daran sind rund 300 Studierende der Universität Würzburg, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Frankfurt. Das Projekt findet im Rahmen des ‘Wissenschaftsjahres 2019‘ statt und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Weitere Informationen unter www.wissenschaftsjahr.de

Nils Güntner absolviert ein Masterstudium Journalismus & Business Communications an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS).

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Lukas Kroll; NuernbergMesse / Frank Boxler; BMBF; Nils Güntner; gemeinfrei; gemeinfrei (geralt / pixabay); Anna-Lena Hillenbrand; Siemens Healthineers; Palo Alto Networks