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Machine Learning „Jedes Ding hat seine Zeit“ – Wie KI den Ko-Autor von Shakespeare identifiziert

| Redakteur: Linda Bergmann

Die lang vermutete Ko-Autorenschaft in Shakespeares Heinrich VIII konnte nun mittels KI bestätigt werden. Wer an dem berühmten Stück beteiligt war und wie der Autor identifiziert wurde, lesen Sie hier.

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Was lange währt, wird endlich klar: Machine Learning hilft bei der Identifikation, wer an Shakespeares Heinrich VIII beteiligt war.
Was lange währt, wird endlich klar: Machine Learning hilft bei der Identifikation, wer an Shakespeares Heinrich VIII beteiligt war.
(Bild: Jaredd Craig / Unsplash)

Bereits seit 1850 gibt es Studien darüber, die sich mit der Frage nach einer möglichen Ko-Autorenschaft in Shakespeares Heinrich VIII beschäftigen. Der Literatur-Analyst James Spedding äußerte damals bereits die These, dass neben Shakespeare ein gewisser John Fletcher, ebenfalls populärer Dramaturg, Passagen des Stückes geschrieben habe.

Linguistische Studien waren schon auf der richtigen Spur

Mit dem Einsatz neuer Technologien ist es nun gelungen, digital das zu beweisen, was Spedding im 19. Jahrhundert mittels eines Vergleichs der linguistischen Eigenheiten beider Autoren herausgefunden hat. So fand Spedding beispielsweise heraus, dass Fletcher häufig Abkürzungen für bestimmte Worte (ye für you oder 'em für them) verwendete. Ebenso neigte der Shakespeare’sche Zeitgenosse dazu, Füllwörter wie sir, still oder next einzubauen, um einer Pentameter-Zeile eine sechste Silbe zu verleihen.

Doch welche Teile welchem Auto zuzuschreiben waren, das konnte Spedding zu seiner Zeit nicht im Detail ausmachen. Auch gab es kritische Stimmen aus der Wissenschaft, die einen dritten britischen Dramaturgen als Ko-Autoren ins Spiel brachten: Philipp Massinger.

Algorithmen als Schlüssel zur Autoren-Identifikation

So sollten fast 170 Jahre vergehen, bis sich Petr Plecháč von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag dieser Fragestellung annahm und durch Verwendung von KI die These Speddings mit neuen Ergebnissen unterstützen konnte. Machine Learning-Algorithmen können darauf trainiert werden, unverwechselbare Muster eines Autors zu identifizieren.

Genau das, wendete Plecháč auch bei seiner Studie an. [1] Er trainierte Algorithmen darauf, den Stil Shakespeares zu erkennen, indem er andere Stücke, die von Shakespeare zu der Zeit verfasst wurden, als Heinrich VIII entstand (zum Beispiel Cymbeline, Das Wintermärchen, Der Sturm). Das gleiche Verfahren wendete er bei Stücken von John Fletcher an (unter anderem Bonduce, Monsieur Thomas, Valentinian).

Schließlich ließ er den Algorithmus über das Drama Henry VIII laufen, mit der Fragestellung nach der Autorenschaft. Mittels des Rolling-Window-Verfahrens scrollte er durch das gesamte Werk. Anders als bei den vorangegangenen linguistischen Analysen, hat Plecháč das Werk nicht in seine logischen Bestandteile zerlegt und analysiert, sondern er betrachtete ein kontinuierliches Fenster, das er Vers für Vers weiterschob und kam so zu dem überraschenden Ergebnis, dass das Werk sowohl Abschnitte gemischter Autorenschaft, als auch Einzelarbeiten beinhaltet. Insgesamt decken sich aber Plecháč Ergebnisse mit denen Speddings, die besagen, dass gut die Hälfte des Stückes aus der Feder von Fletcher stammt. Durch den Einsatz von Algorithmen ist eine feinkörnigere Analyse möglich, die offenbart, dass sich die Autorenschaft nicht nur am Anfang neuer Szenen, sondern auch am Ende bereits vorangegangener verändern.

Auch Werke von Philip Massinger wurden zum Vergleich in die Algorithmen eingespeist, das Ergebnis: es gibt nur wenig Beweise für eine Beteiligung Massingers, weshalb eine Ko-Autorschaft in Heinrich VIII eher unwahrscheinlich ist.

Durch Machine-Learning können also nicht nur aktuelle und zukünftige (Produktions)Prozesse optimiert und automatisiert werden, sondern eben auch Beiträge zur wissenschaftlichen Erforschung vergangener Zeiten geleistet werden.

[1] Die Studie ausführlich aufgegriffen hat das Magazin "Technology Review": https://www.technologyreview.com/s/614742/machine-learning-has-revealed-exactly-how-much-of-a-shakespeare-play-was-written-by-someone/

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