Industrie 4.0 Ist Industrie 4.0 alter Wein in neuen Schläuchen?

Redakteur: Anke Geipel-Kern

Damit Industrie 4.0 Realität wird, muss sich einiges in den Köpfen ändern. Das sagt Fred Wilbert, technischer Geschäftsführer der Leonardo Group. Er plädiert in seinem Vortrag auf dem Digital Plant Kongress für die Konzentration auf die Wertschöpfung und um Prozessvereinfachung

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Fred Wilbert ist Mitbegründer und technischer Geschäftsführer der Leonardo Group
Fred Wilbert ist Mitbegründer und technischer Geschäftsführer der Leonardo Group
(Mittermueller Bildbetrieb)

Hatten wir das nicht auch schon? Natürlich Sie erinnern sich richtig. In der Mode sind dies schmale Strickkrawatten, in der Betriebsorganisation der Ruf nach totaler Vernetzung und Datenkraken. Da war doch was: CIM, MES, APS, Data Warehouses und -mining – vor gut 30 Jahren – der Zeitraum ist erstaunlich dicht an den Zyklen der wiederkehrenden Mode.

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Was bringt die totale Vernetzung?

Jetzt also schon wieder der Ruf nach totaler Vernetzung, Datenaustausch und –speicherung. Ach ja, wir haben dazugelernt. Die Schnittstellen sind standardisierter, die Softwarealgorithmen besser und die Rechner schneller geworden.

Wir lernen auch gerade dazu, wie transparent und zugänglich Daten werden, vor allem, wen sie mal im Internet und in der „Cloud“ angekommen sind. Sind das die Gründe warum wir schon wieder damit anfangen sollten? Wem nützt es? Hat es Nutzen? Wo ist hier die (4.) industrielle Revolution?

Produkte und deren Daten und Herstellung zu verfolgen macht immer dann Sinn, wenn dies aus Qualitäts- oder Haftungstechnischen Gründen gefordert bzw. notwendig ist. Pharmazeutische Hersteller kennen das schon immer und mussten sich auf immer härtere Auflagen einstellen.

Gleiches passierte in der Luft- und Raumfahrtindustrie oder beim Bau von Automobilien. Extrem hoher Anspruch an die Sicherheit der Produkte, verbunden mit komplexen Prozessen bis in die Supply Chain können letztendlich nicht durch manuelle Aufschriebe und Logbücher beantwortet werden. Validierungsfähige Chargenverfolgung, Haftungsrechtliche Absicherung schreit geradezu nach fehlerfreier Datenerfassung und Dokumentation.

Genutzt haben diese Auflagen allen, die sich mit komplexer Datenerfassung, Schnittstellen zu Maschinen, Softwarepaketen, deren Integration und Validation beschäftigten. Dem Anwender war es eher lästig bis suspekt, der Kunde muss es letztendlich bezahlen.

Automation macht erfolgreich

Haben wir die Positivindikation für Industrie 4.0 damit schon abgehakt? Vielleicht nicht? Fertigungssteuerung braucht doch exakte Daten am besten via SCADA, MDE und BDE – genau das liefert doch Industrie 4.0. Revival der Leitstände und 40 Zoll Bildschirme im Meisterbüro? Theoretisch ja, praktisch nein.

Alle, die sich kritisch mit dem Thema Finite Planung auseinander gesetzt haben, mussten zugeben, dass entweder die notwendige Datengrundlage nicht vollständig bekannt oder die Annahmen, u.a. Forecast basiert, schlichtweg falsch sind.

Es gilt immer noch die alte Hollerith Grundregel: Garbage in, Garbage out. Der Leitstand mutierte zum Leidstand und verschwand genauso schnell aus den Fabriken, wie sich die Erkenntnisse des Lean Management und Manufacturing verbreitet haben.

Selbststeuerende Regelkreise, Low Cost Automation, Innovation in Produkten und Prozessen, also die konsequente Beseitigung aller Verschwendung hat die Industrie und Mittelständigen Unternehmen schlagkräftig gemacht und nicht die Perfektionierung der Nicht-Wertschöpfung durch EDV und Softwaresysteme.

Fazit: Die Forschung beschäftigt sich lieber mit dem Versuch der Komplexitätsbeherrschung und damit verbundenen Fördertöpfen, als mit simplen erprobten, ja oftmals zu einfachen (Kanban!), damit fast langweiligen Steuerungssystemen.

Beratung und Software suchen nach profitablen Geschäftsfeldern, hier bietet Industrie 4.0 alle Elemente und Phantasien unerschöpflicher Beschäftigung und Umsätze.

Verstehen Sie mich nicht falsch, es geht nicht um Innovationsverweigerung und Rückschritt – sondern um betriebliche Realität, Wettbewerbsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen an Internationalen Märkten. Die korrekte Beantwortung liegt nicht im erneuten Versuch der Komplexitätsbeherrschung, sondern in der Umsetzung von schnellen, schlanken, kostengünstigen Prozessen.

Innovation in Produkten und Prozessketten – also der Wertschöpfung – und nicht Investition in Datengräber und Organisation. Weglassen der Nicht-Wertschöpfung, nicht deren Perfektionierung ist das Ziel! Denken Sie aus der Sicht des Kunden – und die Lösungswelt sieht anders aus.

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