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Expertenbeitrag

Jan Rodig

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CEO tresmo

Standard- versus Individuallösung

Ist es sinnvoll, eine IoT-Plattform selbst zu entwickeln?

| Autor/ Redakteur: Jan Rodig / Redaktion IoT

Trotz des riesigen Angebots kann es gute Gründe geben, ernsthaft über die Entwicklung einer eigenen IoT-Plattform nachzudenken. Welche Gründe sind das und welche Fragen sollten Unternehmen vor der Entscheidung klären?

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Die Gründe, warum Unternehmen eine eigene IoT-Plattform entwickeln, sind unterschiedlich.
Die Gründe, warum Unternehmen eine eigene IoT-Plattform entwickeln, sind unterschiedlich.
(tresmo )

Unternehmen, die sich mit der Frage beschäftigen, eine eigene “IoT-Plattform” zu schaffen, tun dies nach unserer Erfahrung vor allem aus drei Gründen: Entweder wollen sie ein Plattform-Geschäftsmodell im Bereich IoT etablieren, ein Online-Portal für IoT-Anwendungen schaffen oder aber tatsächlich eine echte eigene IoT-Plattform schaffen.

In den beiden erstgenannten Fällen ist es sinnvoll, die vorhandenen IoT-Plattformen sorgfältig auf ihre Eignung für das eigene Vorhaben zu prüfen und auf einer davon die eigene Lösung aufzusetzen. Dies spart erfahrungsgemäß viele Monate oder sogar Jahre an unnötigem Mehraufwand für die Programmierung und das Testen von Basisfunktionalitäten, die keinen Wettbewerbsvorteil am Markt schaffen. Die Kernfrage in diesen Fällen lautet also “Wie finde ich die richtige IoT-Plattform?” (siehe dazu weiter unten). Um dabei die typischen Anfängerfehler zu vermeiden, ist es insbesondere wichtig, die IT-Architektur so aufzusetzen, dass sensitives domänenspezifisches Wissen besonders geschützt wird.

Große Konkurrenz für neue IoT-Plattformen

Nur in sehr wenigen Fällen hingegen, in denen von einer “neuen IoT-Plattform” die Rede ist, möchten Unternehmen tatsächlich eine weitere eigene IoT-Plattform etablieren, die mit den mehr als 500 Angeboten auf dem Markt konkurrieren soll. Prominente Beispiele aus Deutschland dafür sind unter anderem Adamos (eine strategische Allianz mehrerer Hersteller mit der Software AG) und Axoom (eine Tochtergesellschaft von Trumpf). Solche Überlegungen sind insbesondere in den Branchen Maschinen- und Anlagenbau sowie Industrieautomation verbreitet, wo zahlreiche Anbieter befürchten, dass ihre Kunden, also die Betreiber des Equipments, sich Asset & Operations Performance Management-Plattformen von Dritten einkaufen, um ihre Factory 4.0 zu steuern. Dann bleibt den Equipment-Herstellern nur noch die Rolle von Datenlieferanten in dominante Dritt-Plattformen – keine erstrebenswerte Entwicklung. Denn für die Equipment-Hersteller würde dies eine enorme strategische Marginalisierung bedeuten – in einer Zeit, in der Daten “das neue Gold” sind und das Geld zunehmend mit digitalen Services verdient wird.

Make – Was gibt es zu beachten?

In den wenigen Fällen, wo die Schaffung einer eigenen IoT-Plattform tatsächlich sinnvoll erscheint, gilt es vor allem vier zentrale Fragen zu klären, die für den Erfolg des Vorhabens von entscheidender Bedeutung sind:

  1. Wertschöpfungstiefe: Was ist der Aufsatzpunkt für die eigene IoT-Plattform? In aller Regel werden IaaS (Infrastructure-as-a-Service)-Angebote von den drei Anbietern Amazon Web Services, Microsoft oder Google genutzt, um Server für Storage (Datenspeicherung) und Compute (Rechenleistung) in der Cloud zu beziehen. Darüber hinaus nutzen zahlreiche IoT-Plattformen wiederum andere “Whitelabel”-IoT-Plattformen wie beispielsweise Predix oder Cumulocity als PaaS (Platform-as-a-Service), um darauf ihre eigenen Angebote aufzubauen. Je weiter “oben” man mit der eigenen Lösung beginnt, desto günstiger wird es, aber desto weniger Gestaltungsspielraum und Flexibilität hat man auch.

  2. Budget: Hat mein Unternehmen ausreichend finanzielle Mittel, um im harten Wettbewerb der IoT-Plattformen zu bestehen? In einem Markt, in dem Giganten wie General Electric, SAP, Microsoft, Siemens und Amazon Milliardenbeträge in ihre Plattformen investieren und in dem bald eine massive Konsolidierung zu erwarten ist, sollte sich ein neuer IoT-Plattformanbieter sehr gut überlegen, in welcher Nische und mit welcher strategischen Ausrichtung er sich positioniert.

  3. Kompetenzen: Hat mein Unternehmen die erforderlichen Kompetenzen in ausreichender Zahl an Bord? Software-Architekten, Backend-Entwickler, Frontend-Entwickler, Embedded-Kompetenzen, Data Engineers, Scrum Master und zahlreiche weitere rare Experten werden benötigt, um eine überzeugende IoT-Plattform zu schaffen. Auch wenn externe IoT-Entwicklungsdienstleister einen schnellen Start ermöglichen können, sollte der interne Aufbau der Kompetenzen sorgfältig geplant werden.

  4. Ökosystem: Wie schaffe ich ein attraktives Partner-Ökosystem um meine Plattform herum? Dabei sollten sowohl App-Anbieter (App-Store) in Betracht gezogen werden als auch Systemintegratoren, Big Data Spezialisten und domänenspezifische Expertise.

Buy – Wie geht man vor?

Aufgrund der Vielzahl und technischen Komplexität der IoT-Plattformen sowie den sehr unterschiedlichen Preismodellen und oft wenig aussagekräftigen Marketingmaterialien der Anbieter ist eine sorgfältige Auswahl das A und O eines erfolgreichen IoT-Projektes. Denn hat man erst einmal eine zunächst attraktiv erscheinende IoT-Plattform implementiert und mit den Geräten im Feld verknüpft, ist der Aufwand immens, wenn man später aus Kosten-, Sicherheits-, Skalierungs- oder funktionalen Gründen stattdessen eine neue Plattform implementieren muss. Im ungünstigsten Fall muss auch die Firmware aller Geräte im Feld manuell aktualisiert werden.

Der wichtigen Auswahl der richtigen IoT-Plattform widmen wir daher unseren nächsten Fachartikel, der hier in Kürze auf Industry-of-Things.de erscheint.

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