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Interview „Innovation heißt: die Welt radikal neu denken“

| Autor: Sebastian Hofmann

Ranga Yogeshwar kennen Sie als Moderator und Wissenschaftler. Seit Jahrzehnten arbeitet er aber auch eng mit KMU zusammen. Uns hat er verraten, was erfolgreiche Betriebe ausmacht und wie Unternehmer den Nährboden für echte Innovationen bereiten.

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(Bild: Ranga Yogeshwar)

Herr Yogeshwar, kaum einen Begriff schmeißen PR-Leute so inflationär um sich wie „Innovation“. Ist das Wort zur Worthülse verkommen?

Oft leider ja. Viele bekleiden sich damit wie mit einem Feigenblatt und Unternehmen mit echten Innovationen bleiben die Ausnahme. „Innovativ“, „agil“ und „vernetzt“ – das sind nette Begriffe, aber sie müssen auch gelebt werden!

Wie lebt man Innovation?

Innovation ist eine Haltung, eine Kultur. Innovation heißt: die Welt radikal neu denken. Nicht dem allgemeinen Trend nachlaufen oder das tun, was andere vorplappern. Sondern sich, seine Produkte und seine Position immer wieder hinterfragen.

Das klingt auf den ersten Blick nach einer typischen Start-up-Mentalität.

Absolut! Und sämtliche großen Digitalunternehmen sind ein Beispiel dafür, dass das funktioniert: Microsoft, Apple, Amazon und Co. – die gab es vor 30 Jahren noch nicht. Inzwischen zählen diese IT-Konzerne aber zu den wertvollsten der Welt. Dagegen stehen deutsche Mittelständler, die sich einer jahrzehnte- oder jahrhundertelangen Tradition rühmen. Die müssen sich warm anziehen.

Deutschland schläft bei der Digitalisierung. Wir haben einiges nachzuholen!

Bedeutet Tradition wirklich automatisch auch Rückständigkeit?

Also mit Blick auf die Digitalisierung muss ich leider schon feststellen: Deutschland schläft. Grade was das betrifft, sind viele KMU schlecht aufgestellt. Stattdessen kommt Software fast ausschließlich aus den USA und China. Wir haben einiges nachzuholen!

Und jetzt wirft uns die Corona-Krise noch weiter zurück…

Das würde ich so nicht sagen. Ich glaube eher, dass in der Krise für viele eine Chance liegt. Corona ist sogar ein Katalysator. Der beschleunigt einige Prozesse – zumindest im Bereich Digitalisierung. Unternehmen merken, dass es auch anders geht, schneller als vorher. Und Corona ist eben eine Lektion, dass Dinge, die man sich bislang nicht vorstellen konnte, doch eintreffen. Dass der Horizont der Möglichkeiten wesentlich größer ist als gedacht.

Und? Wird Deutschland aus dieser Lektion lernen?

Das ist fraglich. Denn es gibt viele Unternehmer, die sind übersättigt vom Erfolg, weil sie in der Vergangenheit großartig da standen. Und genau denen fehlt der Hunger nach Neuem, nach Innovation. Überlegen Sie doch nur mal: Wie viel Zeit nehmen sich Entscheider im Tagesgeschäft, um sich zu fragen „stimmt unser Produkt“, „ist das, was wir machen, sinnvoll“? Aber wenn sie den Mut dazu nicht finden, werden sie langfristig von der Bildfläche verschwinden.

Wie also muss ich mein Unternehmen jetzt aufstellen, um dieses Schicksal abzuwenden?

Schaffen Sie einen Nährboden, schaffen Sie Infrastruktur für Innovation. Innovative Unternehmen investieren in ihre Mitarbeiter. Sie sorgen dafür, dass die Belegschaft innovieren will, dass ein inneres Bedürfnis bei ihnen entsteht, eine echte Freude. Die Vokabel „muss“ darf dabei nicht vorkommen. Das Wollen ist entscheidend.

Yogeshwar und die Industrie

Als Schirmherr der „Top 100“ zeichnet Ranga Yogeshwar jährlich die innovativsten Unternehmen Deutschlands aus. Ergänzend dazu veranstaltet er die „Top 100-Denkerrunde“. Dabei trifft er sich mit ausgewählten Entscheidern und diskutiert konkrete Problemstellungen aus ihren Betrieben.

Aber heißt Innovation nicht auch: starre Rangordnungen einreißen?

Hierarchien zu missachten gehört auf jeden Fall dazu. Jemand, der eine gute Idee hat, muss damit schnurstracks zum Chef gehen können. Und der darf kein fertiges Produkt erwarten! Sondern das ist vielleicht ein wackeliger Prototyp, der noch gefördert werden muss, noch Arbeit braucht.

Mancher Leser wird sich jetzt denken: Na, wenn ich das mache, hagelt es vom Boss ein Donnerwetter. Mit wackeligen Prototypen brauche ich da gar nicht anzukommen! Und manch anderer schafft es vielleicht nicht einmal, zum Chef vorzudringen…

Sie haben Recht, leider funktionieren Hierarchien oft tatsächlich genau so. Da geht es um Renommee, um den Status und so weiter. Für Innovation ist das absolutes Gift. Trotzdem erlebe ich es viel zu oft – in Unternehmen, in staatlichen Institutionen, in Sendern und so weiter. Leidenschaft und Innovation entstehen da, wo man diese Hemmnisse einreißt und Freiräume auftut.

Gut, nehmen wir an: Ich bin Geschäftsführer, habe dieses Problem erkannt und will es beseitigen. Sicher gibt es bei so einem Wandel doch auch Gegner? Wie gehe ich mit denen um?

Das stimmt, die gibt es. Ich nenne sie inzwischen „die Rückwärtszähler“. Deren Ziel besteht nicht darin, radikal zu denken, sondern den Status Quo möglichst lange zu erhalten – zumindest so lange, bis sie aus der Chose raus sind. Als Geschäftsführer müssten Sie denen klar machen: Klammert Euch nicht an Euren Positionen fest! Wir müssen weg von dieser konservierenden Haltung. Es geht vor allem um die nächste Generation!

Naja, die hätte der Mittelstand ja auch gerne in seinen Reihen – wäre da nicht der Fachkräftemangel!

Bei diesem Thema haben wir per se ein Problem: Wir denken nicht global genug. Wenn wir die Zahlen der Ingenieure in Deutschland international vergleichen, sehen wir, dass andere dramatisch besser aufgestellt sind. Jeder zweite Ingenieur wird 2030 aus China kommen oder aus Indien. Dort bilden sie übrigens heute schon mehr Ingenieure aus als gesamt Europa. Und diese Menschen müssen wir auch für uns gewinnen.

Wie gelingt mir das als Geschäftsführer?

Indem Sie Innovationen ehrlich lieben, indem Sie aufgeschlossen sind! Diese Kultur zieht weitere Innovatoren an. Konkret heißt das: Legen Sie Ihren Fokus nicht auf kurzfristige Umsatzzahlen! Unterstützen Sie konsequent die Leute in Ihrem Unternehmen, die eine Idee haben! Junge Menschen merken sehr schnell, wie dynamisch Sie wirklich sind oder ob Sie sich nur mit Buzzwords kleiden. Zu oft passiert es noch, dass ein Mitarbeiter zwar innovativ ist, ihm aber der Nährboden fehlt.

Nun kann ich Sie natürlich nicht gehen lassen ohne einen Tipp für genau diesen Mitarbeiter. Was raten Sie ihm?

Trau Dich und hab Mut! Wir leben in der aufregendsten Zeit, die wir Menschen je erlebt haben. Auch heute noch kannst Du mit einer guten Idee Erfolg haben, Du musst nur anfangen. Und denk daran: Innovation ist nicht immer brav brav!

* Sebastian Hofmann ist Journalist im Ressort Job & Karriere bei der Vogel Communications Group.

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Über den Autor

 Sebastian Hofmann

Sebastian Hofmann

Journalist, Vogel Communications Group