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Ländervergleich USA-China

Industrielle KI in China: Viel Schein, aber (noch) wenig Sein

| Redakteur: Jürgen Schreier

In Sachen Künstliche Intelligenz liefern sich die USA und China ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Momentan liegen die USA vorn, denn etablierte Anbieter und agile KI-Start-ups können die kostengeplagte US-Fertigungsindustrie erfolgreich mobilisieren. In China tun sich KI Giganten wie Alibaba oder Tencent deutlich schwerer, ein industrielles KI-Ökosystem zu etablieren.

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KI-Revolution statt Kulturrevolution: Der Aufbau eines KI-Ökosystems in der chinesischen Industrie ist aber schwieriger als gedacht. Hier haben die USA einen gewissen Startvorteil.
KI-Revolution statt Kulturrevolution: Der Aufbau eines KI-Ökosystems in der chinesischen Industrie ist aber schwieriger als gedacht. Hier haben die USA einen gewissen Startvorteil.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Auch wenn in den USA der Konsum üblicherweise als Gradmesser der Konjunkturentwicklung herangezogen wird, sind die Vereinigten Staaten ein Land mit starker industrieller Basis. Auch in China schlägt das Herz der Wirtschaft in der industriellen Fertigung. Deshalb ist der Aufbau von Kompetenzen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) in der industriellen Fertigung nicht nur für den wirtschaftlichen Wandel entscheidend, sondern stellt auch ein auch eine Voraussetzung dar, um nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu generieren.

ABI Research, ein globales Beratungsunternehmen für den Technologiemarkt, stellt in seinem soeben veröffentlichten Report "AI in Industrial Applications" fest , dass die Vereinigten Staaten ungeachtet der nahezu gleichen Anzahl von installierten KI-fähigen Endgeräten im Vergleich zum "Reich der Mitte" einen Vorsprung genießen. Der Grund: In beiden Länder gibt es unterschiedliche Anreize und Ansätze, um Einführung und Verbreitung von KI in der industriellen Fertigung zu fördern.

Enge Zusammenarbeit aller KI-Stakeholder in den USA

In den USA wächst das Ökosystem der KI in industriellen Anwendungen sehr schnell. Die in Relation zu ihren chinesischen KollegInnen "teuren" US-Arbeitskräfte haben den Industriesektor veranlasst, kräftig zu rationalisieren, um die Effizienz der Produktion zu steigern und die Fertigungskosten zu senken. Derzeit arbeiten Cloud Service Provider, Smart Manufacturing Plattformanbieter, reine industrielle KI-Plattform- und -Service-Provider, aber auch die Anbieter von Gateways, Servern und Chipsätzen sehr eng zusammen, um KI in die industrielle Fertigung zu integrieren.

"Die großen Cloud-Player AWS und Microsoft haben eine Vielzahl von Partnerschaften mit Anbietern von industriellen KI-Entwicklungsplattformen, KI-Softwareanbietern und Systemintegratoren aufgebaut, um eine End-to-End- und Cloud-to-Edge-Lösung bereitzustellen, die die betriebliche Effizienz erhöht, Engpässe reduziert und den Ressourcenverbrauch in Fabriken optimiert", weiß Lian Jye Su, Principal Analyst bei ABI Research.

Big Data sind die Basis: KI-basierte Anwendungen sollen künftig auch für Big Business sorgen.
Big Data sind die Basis: KI-basierte Anwendungen sollen künftig auch für Big Business sorgen.
(Bild: Statista)

In China hat die chinesische Regierung zehn wichtige industrielle Fertigungssegmente aufgeführt, die 2015 "Made in China" sein sollen. Dabei ist KI eine strategische Komponente der IT-Technologie. Seit 2015 ermutigt die Regierung Provinz- und Kommunalverwaltungen, öffentliche Einrichtungen und staatliche Unternehmen, KI in der industriellen Fertigung einzuführen. Chinesische Cloud-KI-Konzerne wie Alibaba, Baidu, Huawei und Tencent haben alle KI im Bereich Smart Manufacturing zu einer Schlüsselpriorität ihrer Geschäftsstrategie gemacht.

Der Fertigungsdienstleister Foxconn - ein Inbegriff für das Phänomen der verlängerten Werkbank - hat mit Foxconn Industrial Internet (FII) sogar ein eigenes Unternehmen gegründet, das sich auf die Entwicklung von Software und Gebäudehardware, einschließlich Präzisionswerkzeuge, Server für Cloud-Dienste und Roboter, konzentriert, um die unternehmensinternen Digitalisierungsbemühungen zu beschleunigen.

Lieber Legacy als KI: In China ziert sich der Mittelstand

Trotz der Absicht und des Bestrebens der chinesischen Regierung, den Industriesektor digital zu transformieren, sind kleine und mittlere Hersteller, die einen erheblichen Teil des verarbeitenden Gewerbes in den Regionen (der Provinz) ausmachen, nur mäßig motiviert, den Regierungsrichtlinien zur der Einführung von KI und automatisierten Prozessen zu folgen. Für diese Akteure ist es nach wie vor wirtschaftlicher, Backend-Betriebsaufgaben manuell durch billige und reichlich vorhandene Arbeitskräfte durchzuführen zu lassen.

Unter diesen Umständen ist es natürlich recht schwierig, in China ein industrielles KI-Anbieter-Ökosystem in China. Viele Industrie- und Produktions-Start-ups in China konzentrieren sich nach wie vor auf die Konnektivitätsebene und nicht auf reine industrielle KI-Lösungen.

KI-Marktführer wie Alibaba sind zweifellos visionär und verfügen über eine eigene Suite von KI-basierten Lösungen für die industrielle Fertigung. Doch haben diese Cloud-KI-Unternehmen oft nicht den richtigen Draht zum "Mittelstand" und den richtigen Go-to-Market-Kanal, um die kleinen und mittleren Hersteller zu erreichen. Jene Unternehmen verlassen sich lieber auf bestehende Beziehungen zu Anbietern von Legacy-Lösungen, lokalen Systemintegratoren und - wie erwähnt - auf billige Arbeitskräfte zur Unterstützung des Back-End-Betriebs.

Das US-Modell ist auch in Europa erfolgreich

Dagegen sind industrielle KI-Start-ups in den USA reifer als ihre globalen Konkurrenten. C3, Falkonry, FogHorn, Sight Machine, SparkCognition, Uptake und Zymergen sind einige der anerkanntesten Start-ups mit bewährten Lösungen für KI-Entwicklungsplattformen für die Materialsynthese, für Machine Vision sowie zur Steigerung der Produktivität im Bereich der industriellen Fertigung.

Der Umsatz mit KI-basierten Buisiness-Anwendungen soll in Nordamerika bis 2025 rasant steigen.
Der Umsatz mit KI-basierten Buisiness-Anwendungen soll in Nordamerika bis 2025 rasant steigen.
(Bild: Statista)

Da sie herstellerunabhängig sind, können sie mit vielen etablierten Anbietern von Industrielösungen wie ABB, GE, Siemens und Honeywell koexistieren und die KI in den Brownfield-Einsatz einbeziehen, wodurch die Vorlaufkosten und die Barriere für die Einführung von KI sinken. Durch ihre Partnerschaft mit Systemintegratoren und regionalen Distributoren haben sich diese Start-ups auch in Europa, Südkorea und Japan etablieren können.

"Die hohen Arbeitskosten und die schnelle Markteinführung haben die US-Hersteller dazu veranlasst, bei der Einführung von industriellen KI-Lösungen aggressiver zu sein. Dies hat zu reinen KI-Spielern in den USA geführt und macht die USA so zum weltweit führenden Anbieter von industriellen KI-Lösungen. Im Laufe der Zeit gehen wir jedoch davon aus, dass China aufholen wird. Die Investitionen in KI und alle benachbarten Felder wie 5G und Robotik werden neue Möglichkeiten für inländische Unternehmen schaffen, die sich auf KI in der industriellen Fertigung konzentrieren, und dies wird Chinas nachhaltige Wettbewerbsvorteile stärken", ist Marktforscher Su überzeugt.

Zukunftsmarkt Künstliche Intelligenz

Ausgelöst durch Big Data und amerikanische Internetkonzerne wird die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz inzwischen vehement vorangetrieben. So bieten die maschinellen Lernverfahren der KI das Instrumentarium, um aus großen Datenmengen komplexe Zusammenhänge zu lernen, ohne explizit programmiert werden zu müssen.

Maßnahmen und Entscheidungen werden nicht nur datenbasiert vorgeschlagen, sondern direkt zur Steuerung von Geräten und Prozessen eingesetzt. Die Verfahren des Lernens in tiefen Schichten aus künstlichen Neuronen lassen intelligente Maschinen in beliebigen Sprachen mit uns sprechen, unsere gemeinsame Umgebung wahrnehmen und interpretieren. KI schafft eine neue Kommunikationsschnittstelle zu unserer Wohnung, dem Auto, den Wearables und wird Touchscreens und Tastaturen verdrängen.

Die Fraunhofer-Allianz Big Data hat eine Potenzialanalyse zum "Zukunftsmarkt Künstliche Intelligenz" erstellt. Ziel dieser Analyse ist es, den aktuellen Stand bezüglich der Marktreife und den Einsatzpotenzialen der KI-Technologien auf dem deutschen und internationalen Markt systematisch zu erfassen.

Die Darstellung basiert auf der Analyse einschlägiger Marktstudien und Prognosen, den Ergebnissen von Zukunftsworkshops mit Vertretern ausgewählter Anwendungsbranchen (Callcenter, Gesundheitswesen und industrielle Produktion) sowie einer Untersuchung der nationalen und europäischen Projektförderung im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Für die KI-Systeme "Autonome Roboter", "Autonome Transportmittel", "Smarte Geräte" und "Kognitive Assistenten" werden bedeutende Marktsegmente und zentrale Akteure aus der Wissenschaft und Wirtschaft identifiziert. Die Anwendungsbeispiele (Use Cases) zeigen den Einsatz von KI-Kompetenzen in konkreten Produkten aus den jeweiligen Branchen sowie die laufenden Forschungsaktivitäten anhand ausgewählter Projekte der Fraunhofer-Institute auf.

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