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Bosch Rexroth im Interview

Industrie 4.0: Wir werden die Fabrik in Bewegung bringen

| Autor/ Redakteur: Ines Stotz / Lisa Marie Waschbusch

Intensiv diskutiert wird überall in der Industrie, wie die Fabrik der Zukunft aussehen soll. Dr. Heiner Lang von Bosch Rexroth spricht im Interview mit "Elektrotechnik" über seine Vorstellungen und was sich künftig ändern muss.

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Industrie 4.0: Das IoT Gateway spielt bei Bosch Rextroth eine zentrale Rolle – sowohl für Neu- als auch für Bestandsmaschinen.
Industrie 4.0: Das IoT Gateway spielt bei Bosch Rextroth eine zentrale Rolle – sowohl für Neu- als auch für Bestandsmaschinen.
(Bild: Bosch Rexroth)

Dr. Lang, Sie haben seit gut einem Jahr den Vorsitz der Business Unit „Automation and Electrification Solutions“ bei Bosch Rexroth, was haben Sie sich vorgenommen?

Bosch Rexroth ist ein traditionsreiches Unternehmen mit breiter Technologie- und Umsetzungserfahrung. In enger Zusammenarbeit mit der Bosch-Gruppe setzen wir die vierte industrielle Revolution um und bringen unser gesamtes Produktspektrum vom Sensor über Steuerungs- und Antriebstechnik bis hin zu Softwarelösungen in den Markt. Unsere Aufstellung in marktorientierte, agile und schlagkräftige Business Units erlaubt es uns aber gleichzeitig, uns ganz auf unser Kerngeschäft zu konzentrieren und damit schnell und kundennah zu sein. Für unsere Business Unit geht es jetzt darum, konkrete Produkte und Lösungen für die Fabrik der Zukunft zu entwickeln. Und wir wollen uns noch stärker auf die Anforderungen des Mittelstands einstimmen.

Wie wollen Sie die neue Business-Unit strategisch und technologisch entwickeln?

Unser Anspruch ist, führender Hersteller für die Automatisierungsaufgaben der Zukunftsfabrik zu werden. Dabei stehen Lösungen und Dienstleistungen für die schlanke, aber hochflexible Produktion im Zentrum. Konsequent flexibel wird die Fabrik mit einem dezentralen Automatisierungsdesign mit verteilter Intelligenz und Interoperabilität über die Hierarchieebenen der klassischen Automatisierungspyramide hinweg. Die Elektrifizierung oder Hybridisierung spielt dabei eine wesentliche Rolle, denn klassische Hydraulik, Pneumatik und manuelle Mechanik werden nicht nur automatisiert, sondern erleben eine Aufwertung, das heißt, der Funktionsumfang wird erweitert und die Komponente ist in der Lage zu kommunizieren.

Wie stellen Sie sich die Fabrik der Zukunft vor?

Wir sind überzeugt, dass die einzigen ortsfesten Elemente der Zukunftsfabrik die vier Wände, das Dach und der Hallenboden sind. Alles andere, Maschinen, Anlagen und Prozesse sind veränderlich und mobil. Maschinen lassen sich ohne Verkabelungsaufwand innerhalb der Halle mobil verschieben und zu neuen Fertigungslinien kombinieren. In der Elektromobilität kommen zunehmend induktive Ladeverfahren zum Einsatz. Warum sollten Maschinen nicht über im Hallenboden eingelassen Ladestationen mit Spannung versorgt werden? Sämtliche Maschinen und Anlagen werden drahtlos Informationen untereinander und mit übergeordneten Systemen austauschen. Alle Komponenten und Systeme sind über die Hierarchieebenen hinweg interoperabel. Das garantiert maximale Flexibilität in der (Re-)Konfiguration des Equipments und plug&work-Funktionalitäten. Den Mitarbeitern stehen in Echtzeit sämtliche relevanten Informationen zu Verfügung, um die Prozesse kontinuierlich zu verbessern, höchste Qualität zu fertigen und zu dokumentieren

Was muss sich für die Umsetzung dieser Szenarien ändern?

Auf Sicht werden Maschinen keine externen Schaltschränke mehr haben, weil diese die Mobilität einschränken und Platz verschwenden. Hier setzt Rexroth bereits heute mit schaltschrankloser Antriebs- und Steuerungstechnik Maßstäbe. Sie regelt dezentral mehrere Achsen im Echtzeitverbund einschließlich zertifizierter Sicherheitstechnik. Damit können Maschinenhersteller ihre Konzepte konsequent modularisieren und Anwender ihre Fertigung flexibel neuen Anforderungen anpassen.

Was bietet Bosch Rexroth als Automatisierer und Produzent, was können Ihre Kunden erwarten?

Um ortsfeste und mobile Anwendungen von der Sensorik bis in die Cloud zu vernetzen kombiniert Bosch Rexroth Konnektivitätslösungen für Elektrik, Hydraulik und Mechanik mit Analyse- und Auswertewerkzeugen zur Beobachtung und Optimierung. Diese fügen sich wiederum in die Software- und IT-Angebote der Bosch-Gruppe ein. Dabei spielt das IoT Gateway eine zentrale Rolle. Diese Software-Lösung läuft auf allen Steuerungsplattformen von Rexroth und vernetzt sämtliche, auch bereits installierte Maschinen und Anlagen einer Fertigung. Im Zusammenspiel mit Sensoren erfasst es beispielsweise Betriebszustände und Qualitätsdaten. Mit dem neuen Device Portal gehen wir noch einen großen Schritt weiter: Anwender können weltweit alle mit IoT Gateway ausgerüsteten Geräte per Mausklick zentral verwalten, Updates aufspielen oder Security-Maßnahmen installieren.

Sie plädieren für OPC UA und TSN als empfohlene Standards für Industrie 4.0. Was sind Ihre Argumente? Wird es sich durchsetzen?

Die Fabrik der Zukunft ist durchgängig vertikal und horizontal vernetzt und das ist nur mit herstellerübergreifenden Standards denkbar. OPC UA ist hier ein sehr erfolgversprechender Ansatz, eben weil er die Automatisierungs- und die IT Welt verbindet. Er wird nicht von nur einem Steuerungshersteller getragen, sondern von vielen unterschiedlichen Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Sensor bis zur IT. Durch Companion Standards mit etablierten Industrie-Protokollen wie Sercos bindet OPC UA auch gewachsene Automatisierungslösungen nahtlos ein. Das sichert die Investitionen von Maschinenherstellern und Endanwendern. Mit TSN deckt OPC UA zukünftig auch die Echtzeitanforderungen der Automatisierungstechnik ab und kann die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation über alle Maschinen und Anlagen hinweg vereinheitlichen.

Was bietet Ihre Automatisierungsplattform Connected Automation für das IoT bereits?

Das Connected Automation-Portfolio umfasst intelligente Antriebe, skalierbare Steuerungshardware, die bereits auf die zukünftigen Anforderungen ausgelegt ist, Dienstleistungen und Software-Lösungen. Gerade bei der Software kommt es darauf an, den Umgang wesentlich zu vereinfachen, weil heute und auf absehbare Zeit weltweit ein Fachkräftemangel für die SPS-Programmierung herrscht. Gleichzeitig gibt es aber Millionen von Programmierern aus dem IT-Bereich, die mit C-Sprachen oder Java arbeiten. Zu ihnen hat Bosch Rexroth mit Open Core Engineering eine Brücke geschlagen. Erstmals können Programmierer mit Hochsprachen Automatisierungsfunktionen in ihrer gewohnten Umgebung erstellen und ohne SPS-Kenntnisse direkt auf die Steuerungen zugreifen. Ein praktisches Beispiel ist das IoT Gateway. Ein Techniker ohne SPS-Kenntnisse kann damit eine Bestandsmaschine innerhalb von vier Stunden vernetzen. SPS-basierte Lösungen erfordern im Vergleich einen Zeitaufwand von bis zu einer Mannwoche.

Was für Hausaufgaben liegen noch vor Ihnen und den Fabriken der Zukunft?

Eine der wichtigen Aufgaben besteht darin den Umgang mit der Technik einfacher zu machen, User Experience systematisch umzusetzen. Ein weiteres Thema ist die Datensicherheit, die IT-Security. Verlässlicher Schutz sensibler Produktionsdaten und ihrer Integrität ist zwingende Voraussetzung für die Akzeptanz einer jeden Vernetzungslösung. Hier orientieren wir uns an den strengen Vorschriften und bewährten Prozessen der Bosch-Gruppe. Security ist kein Zustand, sondern ein ständiger Prozess und wir schaffen die Voraussetzungen, dass die Automatisierung mindestens das gleiche Sicherheitsniveau wie die IT erreicht.

Der Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal Elektrotechnik erschienen.

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