Gastkommentar Industrie 4.0 – Was vom Hype übrig bleibt

Autor / Redakteur: Dr. Holger Schmidt* / EP Online

44 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben im vergangenen Jahr keine oder nur begrenzte Fortschritte bei ihren Projekten zum Thema Industrie 4.0 gemacht, schreibt McKinsey als Fazit über die Studie „Industry 4.0 after the initial hype“, für die 300 Entscheider aus der Industrie in Deutschland, USA und Japan befragt wurden.

In einer Umfrage wurden 300 Entscheider gefragt, welche Fortschritte sie bei ihren Industrie 4.0-Projekten bisher gemacht haben. Mit zum Teil unerwarteten Ergebnissen
In einer Umfrage wurden 300 Entscheider gefragt, welche Fortschritte sie bei ihren Industrie 4.0-Projekten bisher gemacht haben. Mit zum Teil unerwarteten Ergebnissen
(Bild: Pixabay)

Die Berater hätten auch positiv formulieren können, dass 56 Prozent gute oder sogar substantielle Fortschritte erzielt haben, womit Deutschland besser als die USA und sogar deutlich besser als Japan abschneidet. Aber die Sichtweise ist eigentlich egal, denn die entscheidende Frage muss heißen: Was bringt Industrie 4.0, wenn das Ziel der Projekte nur 10 Prozent geringere Kosten oder 10 Prozent höherer Umsatz bedeuten?

Mit derart geringen Ambitionen hilft Industrie 4.0 beim Mammutprojekt der Digitalen Transformation nicht weiter, zumal die deutschen großen Industrieunternehmen immer noch als Einzelkämpfer auftreten, um ihren eigenen Vorteil zu suchen, ohne industrieweite Synergien zu erzielen.

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In Deutschland werden die Vorteile der Digitalisierung stärker in einer erhöhten Effizienz als in einer Änderung des Geschäftsmodells gesehen. Genau hier liegt der Effekt der einseitigen Industrie-4.0-Kampagne, die als Digitalisierung der Fabriken lediglich auf Effizienzsteigerungen abzielt, aber spätestens dann im Desaster endet, wenn das perfekt produzierte, aber nicht digitalisierte Produkt nicht mehr nachgefragt wird.

Nokia und Kodak lassen grüßen. Denn die digitale Transformation hat größere ökonomische und soziale Implikationen als jede bisherige industrielle Revolution, so dass die Antwort nicht nur in einer Optimierung der Produktion liegen kann. Der Ausgangspunkt der vierten industriellen Revolution sind erstmals nicht die Produzenten, sondern die Konsumenten. Nur zehn Jahre hat es gedauert, bis eine Milliarde Menschen das Internet nutzten, ein Smartphone besaßen, in einem sozialen Netzwerk aktiv waren oder Daten in der Cloud ablegten.

Die Technik löste alte Verbindungen zwischen Verbrauchern und Unternehmen in oft fragmentierten Märkten auf, weil Digital-Firmen mit dem Plattform-Modell viele Wünsche der Verbraucher wie der Kauf eines Buches oder die Buchung einer Reise günstiger und/oder schneller erfüllten. Diese Plattformen haben den Kontakt zu Kunden in kurzer Zeit an sich gezogen und können ihn nun ohne weitere Kosten auf immer mehr Produkte ausweiten. Wer aber den Kundenkontakt verloren hat, gewinnt wenig, wenn er sein Produkt effizienter herstellt, was im Industrie-4.0-Konzept unterstellt wird. Vielmehr muss die nun beginnende Digitalisierung der Maschinen, der Autos, der Städte und Häuser mit der gleichen Ausrichtung am Kunden beginnen wie die erste Hälfte der Digitalisierung.

In vielen Unternehmen wurde inzwischen auch erkannt, dass die Digitale Transformation eigentlich an anderen Stellen als in der Produktion ansetzen muss. Die meisten Unternehmen hätten nennenswerte Fortschritte erst dann erzielt, als sie den „Industrie-4.0-Schirm“ verlassen und sich auf spezifische Anwendungen konzentriert haben. Um das Ziel zu erreichen, haben die meisten Unternehmen das Industrie-4-0-Label ganz abgelegt, um die erste Enttäuschung hinter sich zu lassen und sich auf die Elemente zu konzentrieren, die wirklich wertvoll waren, hat die Umfrage ergeben.

Inzwischen seien einige Illusionen über die Wunderkräfte der digitalen Revolution in den Fabriken verflogen. Unsicherheit bestehe vor allem im Produzierenden Gewerbe über die Frage, wie Industrie 4.0 tatsächlich auf den (Fabrik-)Boden zu bringen sei. Dort ist die Erfolgsquote daher auch geringer als bei den naturgemäß optimistischen Technologieanbietern, die ihr Portfolio um Industrie-4.0-Komponenten erweitert haben und versuchen, es den eher zögernden Produzenten zu verkaufen.

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