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Risikomanagement Industrie 4.0 bringt nichts, wenn die Versorgung stockt

| Redakteur: Jürgen Schreier

Aktuell zeigt das Coronavirus gnadenlos die Schwächen in den Lieferketten auf. Doch funktioniert Industrie 4.0 trotz aller Automatisierung und Sensorik nur, wenn der Nachschub reibungslos "rollt". Deshalb gilt es hier anzusetzen und Industrie 4.0 über die Werkshalle hinaus zu denken.

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Die Störungen in den Lieferketten werden für immer mehr Branchen zum Problem.
Die Störungen in den Lieferketten werden für immer mehr Branchen zum Problem.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Mal ehrlich: Hätten Sie gedacht, dass bald viele Gießereien die Produktion einstellen müssen, weil ihnen der Alkohol fehlt? Nun, vom Bierchen, das sich früher mancher von Hitze und Staub geplagte Gießer durch die Kehle rinnen ließ (heute geht das wegen der strengen Arbeitsschutzvorschriften nicht mehr) ist ist hier nicht die Rede. Es geht vielmehr um Isopropylalkohol (kurz Isopropanol).

Dieser (übrigens nicht trinkbare) "Stoff" ist nach einer Mitteilung des Bundesverbandes der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) mittlerweile zur Mangelware geworden, denn er wird derzeit für die Desinfektion gebraucht. Bei der Herstellung hochwertiger Gussstücke spielt Isopropanol als Form- und Kernüberzugsstoff eine entscheidende Rolle und bestimmt auch die Gussqualität.

Lieferkettenprobleme machen sich immer deutlicher bemerkbar

Auch im deutschen Maschinen- und Anlagenbau - übrigen ein potenter Abnehmer von Gusserzeugnissen - drohen Supply Chains zu reißen. So spüren laut Branchenverband VDMA knapp 60 Prozent der deutschen Maschinenbaubetriebe Beeinträchtigungen der Lieferketten, stufen die Auswirkungen, wie eine VDMA-Blitzumfrage zeigt, aber noch überwiegend als „gering bis mittel“ ein. Doch rechnen drei Viertel der Unternehmen, die bislang noch nicht betroffen sind, in den kommenden drei Monaten mit Beeinträchtigungen.

Die VDMA-Blitzumfrage zeigt auch, dass von den Auswirkungen der Pandemie alle Fachzweige des Maschinenbaus betroffen sind. In den Betrieben herrscht vielerorts Unsicherheit, ob die Produktionsausfälle in diesem Jahr noch aufgeholt werden können. Rund 70 Prozent der befragten Unternehmen rechnen für 2020 mit Umsatzeinbußen, davon knapp die Hälfte (45 Prozent) mit Umsatzrückgängen von mehr als zehn Prozent.

„Die Störungen der Lieferketten machen sich immer deutlicher bemerkbar, wobei hier bislang die Lieferländer Italien und China die größten Sorgen bereiten“, erläutert VDMA-Chefvolkswirt Dr. Ralph Wiechers.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt das Beratungsunternehmen PwC in seinem aktuellen Maschinenbau-Barometer. „Eine durch ihre Lieferketten und zahlreiche Kunden- und Lieferantennetzwerke so stark global vernetzte und exportorientierte Branche wie der Maschinenbau ist natürlich von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Wir rechnen daher nicht mit einer wesentlichen Aufhellung der Wachstumsprognose in naher Zukunft“, orakelt Dr. Klaus-Peter Gushurst, Leiter des Bereichs Industries & Innovation bei PwC.

Vor allem kleine und mittlere Betriebe fürchten laut PwC um ihre Umsätze. „Der Ausfall eines Teils der Belegschaft oder auch die Unterbrechung von Lieferströmen können sie weniger gut kompensieren als große Unternehmen", weiß Gushurst.

Der Virus hat einen Long-Tail-Effekt

Dabei wird das Virus sowohl kurz- als auch langfristige Auswirkungen auf die Industrie haben haben, ist man beim Technologieberatungsunternehmen ABI Research überzeugt. "Zunächst werden die Produktionschefs und Fabrikbesitzer versuchen, die Versorgung zu sichern und sich ein Bild davon zu machen, welche Probleme in der Lieferkette weiter oben bestehen und wie viel Einfluss diese auf ihre Zulieferer haben", weiß Michael Larner, Principal Analyst beim Technologieberatungsunternehmen ABI Research.

Längerfristig werden die Hersteller deshalb eine umfassende Due-Diligence-Prüfung durchführen und so ihre Risikoexposition transparent machen müssen, die auch die Zulieferer ihrer Vorlieferanten einschließt. "Um die Risiken in der Lieferkette zu mindern, sollten Hersteller nicht nur keine Komponenten von einem einzigen Lieferanten beziehen, sondern auch nicht von Lieferanten an einem einzigen Ort oder aus einer einzigen Region", rät Larner.

Genauso sieht es Dr. Florian Lucker, Dozent für Supply Chain Management an der Cass Business School in London; “Unternehmen, die sich des Risikos von Lieferunterbrechungen bewusst sind, bauen oft belastbare Lieferketten auf, indem sie Lager- und Notfalllieferanten einsetzen."

Jedoch ist das nicht immer ist das der Fall. Oft werden die Risiken schlicht unterschätzt oder gar verdrängt, weshalb Business Continuity in solchen Fällen dann "kreative Lösungen erfordert, die man weniger charmant auch als Durchwursteln bezeichnen könnte. Unternehmen, die keine belastbare Lieferkette haben, verlieren Umsätze. Das steht für Lucker fest.

Wie macht man die Versorgung sicherer?

Und so sehen sich zahlreiche Unternehmen, die vom Global Sourcing abhängig sind, aktuell mit Unterbrechungen in der Lieferkette konfrontieren und der Frage, wie die Risiken ähnlicher Störungen in Zukunft gemindert werden können. Soll man die Lieferantenauswahl erweitern (Lieferantendiversifizierung) oder mehr lokale oder Nearshore-Beschaffung betreiben? Wie viele Bestände an Rohstoffen, Unterbaugruppen und Fertigprodukten muss man auf Lager halten, um solche Krisen zu überbrücken?

Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die globalen Lieferketten sind "eine große Störung, ähnlich wie bei einem Erdbeben oder einem Tsunami", weiß Morris Cohen, Professor an der Wharton School der University of Pennsylvania. "Dies ist eine noch nie dagewesene Art von Störung. Ich glaube nicht, dass wir jemals so etwas gesehen haben", so der Wissenschaftler weiter.

Für ihn ist das Erdbeben vor der japanischen Küste und der nachfolgende Tsunami am ehesten mit dem Coronavirus-Ausbruch vergleichbar, was das Ausmaß der Unterbrechung von Lieferketten betrifft. Cohen: "Es war auch beispiellos, hatte eine globale Auswirkung und mehrere Dimensionen. Das Coronavirus ist ebenfalls eine Naturkatastrophe."

Obwohl das Erdbeben und der Tsunami in 2011 nur von kurzer Dauer gewesen sei, "leben wir bis heute mit den Folgen", sagt Cohen. Der Tsunami verursachte eine Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi und löste eine Freisetzung radioaktiver Stoffen aus, die bis heute andauert. "Viele Fabriken in diesem Teil des Landes wurden geschlossen - viel davon Key Suppliers für Abnehmer auf der ganzen Welt. Es dauerte viele Wochen, bis sich die Unternehmen wieder erholt hatten", erinnert sich der US-Professor.

Nachfolgend haben die Unternehmen ihre Instrumente zur Risikominderung in Lieferketten geschärft und erheblich in Strategien und Infrastruktur für das Risikomanagement investiert. Nun gebe es eine Methodik, die gut verstanden werde, und die meisten großen Unternehmen hätten eine Art von Supply-Chain-Risikomanagementprozess eingeführt, meint Cohen.

Viele Risikomanagementprozesse sind nicht robust genug

Allerdings sind diese Risikomanagementprozesse seiner Einschätzung nach nicht robust genug, um mit den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie fertig zu werden. Cohen: "Diese ist in ihrem Ausmaß und in ihrer Ausdehnung beispiellos. Wir haben noch nie eine Störung wie diese erlebt, bei der eine große Anzahl von Ländern ihrer Bevölkerung eine häusliche Quarantäne verordnet. Dazu gibt es überall auf der Welt Abschottungen."

Natürlich würden die Unternehmen jetzt ihre Strategien zur Beschaffung von Rohstoffen, Unterbaugruppen oder Fertigprodukten überdenken. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich das Konzept der Angebotsdiversifizierung allein darauf konzentriert, die Kosten kontinuierlich zu senken, erläutert Prof. Senthil Veeraraghavan, der ebenfalls an der Wharton School lehrt und forscht.

Unternehmen wie General Motors, deren Produkte sowohl in den USA als auch in China nachgefragt würden, profitieren von der Ansiedlung von Produktionskapazitäten in beiden Ländern auch wenn das Ziel primär darin bestand, nahe an ihren Kunden zu sein. In Übereinstimmung mit dieser Strategie würde es auch für andere US-Unternehmen von Vorteil, eine gewisse Lieferkapazität vorzuhalten, die sie im Falle wie der Coronavirus-Pandemie hochfahren können, fügt er hinzu.

Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Lieferketten spielen natürlich den Globalisierungskritikern in die Hände. Und einer der prominentesten sitzt im weißen Haus. Während man im exportlastigen Deutschland unverdrossen den grenzenlosen Handel preist, setzt die US-Administration recht ungeniert auf Protektionismus mit dem Ziel, die an Länder wie China und Mexiko verloren gegangen Arbeitsplätze wieder "zurückzuholen".

Kommt es zu einer Entglobalisierung?

Möglicherweise könnte die Coronakrise generell zu einer weniger globalisierten Weltwirtschaft (Éntglobalisierung) führen. Dieser vermag Eric Frey, Redakteur bei der Wiener Tageszeitung "Der Standard" durchaus einige positive Seiten abzugewinnen. So könnt es sinnvoll sein, wenn Unternehmen ihre Zulieferer diversifizieren und geografisch an sich ziehen. Vielleicht stärke der Corona-Schock auch die Bereitschaft der Weltgemeinschaft, zur Eindämmung der CO2-Emissionen für mehr Kostenwahrheit im Frachtverkehr zu sorgen. Und schließlich könnten neue Technologien wie der 3D-Druck in Zukunft viele physische Ferntransporte überflüssig machen.

Dennoch: Die Unterbrechung globaler Lieferketten durch die Corona-Pandemie werde mit Sicherheit einen Longtail-Effekt haben, glaubt Prof. Veeraraghavan von der Wharton School. "Lieferketten sind ein Problem, das ist so sticky, dass es Zeit braucht, um es zu lösen." Zusätzlich müssen die Unternehmen über genügend Kapital zu verfügen, um die Durststrecke durchzustehen.

Schneller erholen werden sich Unternehmen, die bereits in Risikominderungsmaßnahmen in der Lieferkette investiert haben, die also global verteilt produzieren und über mehrere Lieferanten für ein bestimmtes Vorprodukt verfügen. In eine so diversifizierte Zuliefererbasis ist eine Redundanz eingebaut, die eine schnellere Erholung ermöglicht, meint Prof. Veeraraghavan.

Industrie 4.0 hat in den letzten Jahren sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Doch lag der Schwerpunkt auf den Aktivitäten innerhalb der Werkstore. "Aber Investitionen in Robotik oder IoT-Sensoren und ähnliches setzen voraus, dass die Produktionsanlagen stetig versorgt werden. Covid-19 zeigt, dass sich die Hersteller ebenso auf die Fähigkeiten ihrer Zulieferer konzentrieren müssen wie auf ihre Fabrikhalle", sagt Michael Larner von der Technologieberatung ABI Research,

Hilfreich dabei könnten moderne ERP-Systeme sein, wenngleich nur bedingt. Zwar enthielten viele ERP-Plattformen Module für die Bestandskontrolle und das Supply Chain Management, doch angesichts der Dimension des Corona-Ausbruchs dürften sich viele Hersteller auch an spezialisierte Anbieter wenden.

Notfall-Kit macht Supply-Chain-Risiken sichtbar

Zu diesen spezialisierten Anbietern gehört beispielsweise die riskmethods GmbH. Das Münchner Softwareunternehmen hat eine Lösung entwickelt, um alle Arten von Risiken entlang der Lieferkette proaktiv zu identifizieren, zu bewerten und zu reduzieren. Für die Coronavirus-Krise riskmethods nun ein spezielles Notfall-Coronavirus Supply Chain Visibility Kit zur Verfügung – ein „out-of-the-box“ Tool, mit dem präzise lokalisiert werden kann, wo und wie das Liefernetzwerk im Zusammenhang mit Covid-19 betroffen ist.

Das Notfall-Kit von riskmethods verfolgt die mit dem Coronavirus verbundenen Risiken und bietet sofortige Transparenz und laufende Überwachung von Störungen bei Lieferanten, Häfen, Flughäfen sowie in Ländern und an Grenzen.
Das Notfall-Kit von riskmethods verfolgt die mit dem Coronavirus verbundenen Risiken und bietet sofortige Transparenz und laufende Überwachung von Störungen bei Lieferanten, Häfen, Flughäfen sowie in Ländern und an Grenzen.
(Bild: riskmethods)

Das Notfall-Kit, das innerhalb von 48 Stunden einsatzbereit ist, verfolgt die mit dem Coronavirus verbundenen Risiken und bietet sofortige Transparenz und laufende Überwachung von Störungen bei Lieferanten, Häfen, Flughäfen sowie in Ländern und an Grenzen. Dieses einmalige spezielle Angebot gewährt über einen Zeitraum von zwölf Wochen Zugang. Mit Hilfe innovativer KI-gestützter Risikoerkennung wird Einkaufs- und Supply-Chain-Verantwortlichen die direkte und unternehmensspezifische Identifizierung von Covid-19-Risiken ermöglicht, wie:

  • Produktionsausfallzeiten von Lieferanten
  • Quarantäne, Sperrzonen und Logistikbeschränkungen mit Auswirkungen auf Zulieferer und die eigenen Betriebsabläufe
  • länder- und standortbezogene Transportbarrieren und -beschränkungen
  • Force Majeure und Konkurs von Lieferanten
  • zukünftige Umsatzaussichten von Lieferanten

riskmethods behält die Auswirkungen auf die Lieferketten seiner Kunden genau im Auge. Bis heute wurden Kunden in über 50.000 Fällen darüber informiert, wo ihre Lieferkette in Gefahr sein könnte. Das hilft, Reaktionszeiten zu verkürzen und die Versorgung sowie den laufenden Betrieb abzusichern.

Zum Beispiel bei der Swiss Steel AG, die hochwertige Stähle für die Automobil-, Maschinen- und Apparateindustrie herstellt: „Die riskmethods-Lösung hilft uns, die Verbreitung des Coronavirus zu verstehen. Das gibt uns mehr Sicherheit im Tagesgeschäft und ermöglicht uns, eine gleichbleibend hohe Qualität und zuverlässige, pünktliche Lieferungen zu gewährleisten“, sagt Daniel Jung, Leiter Strategische Beschaffung.

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