User Experience Industrial Usability: Warum sich durchdachte UX-Konzepte lohnen

Ein Gastbeitrag von Marcel Möstel*

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War die Benutzerfreundlichkeit im industriellen Kontext lange Zeit das etwas vernachlässigte Stiefgeschwister von Produktivität und Stabilität, zeichnet sich analog zum B2C- auch im B2B-Kontext ein Paradigmenwandel ab. Doch wie schafft man ansprechende Nutzungserlebnisse?

Ein gutes Nutzererlebnis macht nicht nur Prozesse effizienter, sondern steigert auch die Attraktivität eines Unternehmens für junge Fachkräfte.
Ein gutes Nutzererlebnis macht nicht nur Prozesse effizienter, sondern steigert auch die Attraktivität eines Unternehmens für junge Fachkräfte.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash )

Ganz klar: Produktivität und Stabilität sind die zwei Maxime, die für Anwendungsoberflächen im Industriesektor am wichtigsten sind. Usability ist in der Welt des B2B-Business traditionell zweitrangig. Die Folge: Oberflächen, die zwar ihren Zweck erfüllen, aber hinsichtlich der User Experience (UX) nicht zeitgemäß sind. Gleichzeitig haben sich bei Consumer-Produkten intuitive Konzepte des UX-Designs etabliert, was die Diskrepanz im direkten Vergleich noch deutlicher macht.

Der Status quo

Nutzerinnen und Nutzer digitaler Dienste profitieren in ihrem Alltag ständig von optimierter UX, ohne dies überhaupt aktiv wahrzunehmen. Das beginnt mit der mühelosen Google-Suche auf allen Geräten, geht über die Freigabe von mobilen Zahlungen mittels Face-ID sowie die Buchung des nächsten Urlaubs in wenigen Klicks und findet sich auch auf sämtlichen Social-Media-Kanälen und deren intuitiver Bedienung wieder. Die jahrelange Optimierung der Nutzeroberflächen hat zu einer digitalen Landschaft geführt, in der sich nahezu jeder Mensch unkompliziert zurechtfindet.

Bei industriellen Anwendungen sieht es anders aus. Hier herrschen User Interfaces (UIs) vor, die eher an Betriebssysteme der späten neunziger Jahre erinnern, als an die moderner Anwendungen. Um sich hier orientieren zu können, müssen Anwender und Anwenderinnen oft Schulungen besuchen und sich lange einarbeiten. Die Prämisse, dass das System nur stabil funktionieren und produktiv sein muss, hat bei vielen Entwickler-Teams die Funktionalität in den Fokus gerückt und die Nutzerfreundlichkeit wurde, wenn überhaupt, nur zweitrangig beachtet.

Doch die Ansprüche ändern sich. Schließlich möchten Generationen, die als Digital Natives mit einfach bedienbaren Programmen und Oberflächen aufgewachsen sind, nicht mit – und sei es nur gefühlt – veralteten Werkzeugen arbeiten.

Kurz und knapp: Was gute User Experience und Interfaces ausmacht

Also, worauf gilt es zu achten, wenn man die Nutzungserfahrung optimieren will?

  • 1. Funktionen schnell erreichbar machen: Je kleiner eine Schaltfläche und je größer die Bewegung sein muss, um sie zu erreichen, desto schwerer ist es für User, sie zu betätigen. Dies gilt nicht nur für Apps auf dem Smartphone. Auch bei industriellen Anwendungen sollten Schaltflächen so dimensioniert und positioniert sein, dass sie angenehm schnell erreichbar und damit komfortabel zu bedienen sind. Dies gelingt über intelligente Interaktionskonzepte, die semantisch klug und mit möglichst wenigen Klicks zum Weg führen. Ganz nach dem Prinzip: Keep it smart and simple.
  • 2. Lieber eine User Journey als viele Auswahlmöglichkeiten: UIs, die zu viele Informationen und Aktionsmöglichkeiten bieten, wirken überwältigend auf das menschliche Auge. Ordnung und Struktur sind hier wesentliche Hilfen: Beispielsweise lassen sich Aufgaben in Bereiche gruppieren und nach Abhängigkeit untereinander weiter verzweigen. Denn letztlich geht es um die Frage, welche Informationen überhaupt benötigt werden. Eine geführte Customer Journey führt meist schneller ans Ziel als ein wahlloses Angebot zahlreicher Lösungswege.
  • 3. Nicht das Rad neu erfinden, sondern Komplexität reduzieren: Den größten Teil ihrer Zeit verbringen User nicht mit der Anwendungsoberfläche in ihrem Betrieb, sondern mit einer Vielzahl anderer Apps. Industrielle UIs, die sich an deren Design und UX orientieren, werden schneller akzeptiert und die Nutzung geht leichter von der Hand.

Anwendungsoberflächen im industriellen Umfeld werden immer komplexer sein als vergleichbare Apps im Privatbereich, da sie anderen Zwecken dienen. Eine gute UX kann dies jedoch ausgleichen, indem sie unnötige Komplexität aus der Verwendung der Oberflächen herausnimmt und sie so leichter zugänglich macht.

Welche Vorteile bieten gute UX und UI?

Unternehmen, die ihre Anwendungen mit zeitgemäßen UIs ausstatten und auf eine optimale UX achten, haben in vielen Bereichen gegenüber ihren Mitbewerbern entscheidende Vorteile:

Zeitgemäßes UX als Verkaufsargument
Stehen zwei Hersteller zur Auswahl, deren Lösungen qualitativ und preislich gleichauf sind, kann eine moderne Usability den Ausschlag für die Entscheidung geben. Am Ende sind es immer Menschen, die mit den Anwendungen arbeiten. Und Menschen bevorzugen die Lösungen, die angenehm zu nutzen und ohne großen Aufwand in den Teams etablierbar sind.

Höhere Produktivität der gesamten Belegschaft
Ist das Design der Anwendung intuitiv, finden sich User einfacher darin zurecht. Folgen sind nicht nur effizientere Arbeitsprozesse. Zusätzlich sinkt auch die Anzahl der Anfragen an den Support, die sich aus unübersichtlicher Menüführung oder komplexen Darstellungen ergeben. Außerdem sparen Unternehmen Kosten, wenn die User weniger intensiv auf neue Systeme geschult werden müssen, weil sich die Bedienung einfach vermitteln lässt.

Nutzen für User außerhalb der Industrie und des eigenen Kulturkreises
In vielen Fällen entscheiden IT-nahe Verantwortliche in Unternehmen über die Einführung neuer Lösungen. Sie kennen sich mit Apps aus und achten auf die Technologie im Hintergrund. Doch die Nutzerinnen und Nutzer im Alltag sind häufig Personen, die zwar in ihrem Berufsfeld erfahren sind, sich aber mit der Verwendung von spezialisierten Anwendungen noch nicht im Detail auskennen.
Hier hilft eine einheitliche, intuitiv gestaltete UX, die Nutzung für alle Beteiligten einfacher zu machen. Das gilt insbesondere auch für Systeme, die international oder zusätzlich von externen Partnern genutzt werden sollen. Hier helfen durchdachte UIs dabei, weitere Zielgruppen zu erschließen und alle Beteiligten auf einer Lösung zusammenzubringen.

Höhere Attraktivität für junge Fachkräfte
User, die im Privatleben eine gute UX gewohnt sind, sehen sich im professionellen Umfeld in den meisten Fällen mit veralteten Oberflächen konfrontiert. Hersteller und Unternehmen, die hier zeitgemäß handeln und ihre Geschäftsanwendungen an das B2C-Level angleichen, sind für jüngere Generationen interessanter. Wie bei der Entscheidung für die Einführung einer neuen Lösung kann eine gute Usability auch den Ausschlag dafür geben, ob das Recruiting erfolgreich verläuft oder nicht.

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Mehr Relevanz für potenzielle Partner
Die Vorteile guter Apps sprechen sich schnell herum, auch außerhalb der eigenen Kernbranche. Unternehmen, die auf intuitiv bedienbare Anwendungen setzen, machen sich nicht nur für Kunden und Talente attraktiver. Auch potenzielle Business-Partner werden auf zeitgemäße Lösungen mit einer attraktiven UX eher aufmerksam.

Conference & Expo: Future of Industrial Usability

Früher noch optional, wird Benutzerfreundlichkeit auch in der Industrie zunehmend zu einem obligatorischen Erfolgskriterium. Doch was bedeutet das und wo fängt man an? Wie gestaltet man eine optimale Mensch-Maschinen-Schnittstelle und erhöht so beispielsweise die Bedien- und Prozess-Sicherheit von Maschinen und Anlagen?
Die Konferenz Future of Industrial Usability am 26. und 27. Oktober in Würzburg liefert Antworten. Das neuaufgelegte Format dient als Plattform, auf der Expertinnen und Experten von neusten Entwicklungen berichten und echter Austausch möglich ist – branchenübergreifend und praxisnah.

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Zeitgemäße User Experience für Zukunftsfähigkeit

Mit jüngeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen auch neue Vorstellungen in Unternehmen, wie zeitgemäße Anwendungen auszusehen haben. Hersteller können sich mit einer durchdachten UX in ihren Systemen nicht nur deren Akzeptanz sichern, sondern auch die von potenziellen Kunden und Partnern.

Beim Thema Usability handelt es sich zum Glück um kein vollkommen neues Feld. Besonders der B2C-Sektor hat in den letzten Jahren eindrucksvoll gezeigt, wie gute UX aussehen kann – hier können sich B2B-Organisationen einiges abschauen, ohne sich ins Ungewisse stürzen zu müssen.

Eine gute Nutzbarkeit sorgt nicht nur bei Kunden der Anwendungen für eine höhere Zufriedenheit, sondern macht die Lösungen außerdem zugänglich für den internationalen Markt. Unternehmen, die Apps und Oberflächen im industriellen Umfeld erstellen, sollten aus diesen Gründen die Usability ihrer Lösungen in den Fokus rücken. Denn schließlich sind es nicht Unternehmen, die die Lösungen nutzen, sondern Menschen.

Anwendungsbeispiel: Impfung von Nutztieren mit Hilfe des IoT

Die Vorteile einer guten UX lassen sich anhand eines Beispiels aus der Pharmabranche verdeutlichen: Ein Hersteller von Lösungen für Veterinäre hat ein Gerät auf den Markt gebracht, das der Impfung von Nutztieren dient. Neben der Durchführung des Impfvorgangs an sich erfasst das Impfgerät wichtige Informationen über den Zustand des Tieres. Diese Daten sind sowohl für den Landwirt als auch für die Pharmaindustrie von Bedeutung und sollen nach der Impfung in die Cloud zur weiteren Verarbeitung transferiert werden.

Als Lösung kommt eine Smartphone-App zum Einsatz, die sich mit dem Impfgerät verbindet, die bei jeder Impfung Daten empfängt und zur Speicherung sowie Weiterverarbeitung an einen Cloud-Service weiterleitet. Zusätzlich dazu hat die App Zugriff auf den aktuellen Firmware-Status der Geräte und kann bei Bedarf Updates an diese verteilen.
Da es sich hier um einen sehr individuellen Einsatz der App handelt, arbeitete das Entwicklerteam schon während der Konzeption eng mit der Zielgruppe zusammen. So entstand beispielsweise die Idee, den häufig fehlenden Support bei Soft- und Hardware-Problemen durch eine App-integrierte Fehlerdiagnose sowie eine detaillierte FAQ-Liste zu ersetzen.

Hinzu kam: Die Impfgeräte sind weltweit im Einsatz und werden je nach Region von unterschiedlichen Berufsgruppen genutzt. Während es in Deutschland meist Veterinäre und ihr Personal sind, die Tiere impfen, können es in anderen Regionen auch landwirtschaftliche Fachkräfte sein. Ein einheitliches UX-Design der App hilft hier, die Nutzung auch länderübergreifend so intuitiv wie möglich zu gestalten.

* Marcel Möstel arbeitet als Head of Solutions bei Tresmo.

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