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Expertenbeitrag

Alexander Lapp

Alexander Lapp

Global Manager Digitalisation & eBusiness, U.I. Lapp GmbH

Kommentar

Immer gleich – und immer anders

| Autor/ Redakteur: Alexander Lapp / Marlene Mahlo

Prozesse zu standardisieren und zu automatisieren, ist ein zentrales Ziel jeder Digitalisierungsstrategie. Oft mit der Begleiterscheinung, dass Flexibilität verloren geht und die Standardisierung in erster Linie als Mittel zur Kostensenkung gesehen wird.

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Kunden wollen einheitliche Standards - und haben gleichzeitig den Wunsch nach individualisierten Produkten.
Kunden wollen einheitliche Standards - und haben gleichzeitig den Wunsch nach individualisierten Produkten.
(Bild: gemeinfrei / CC0)

Das Unternehmen U.I. Lapp GmbH versucht die Dinge anders anzugehen: Das Unternehmen nutzt die Standardisierung, um sein Angebot für die Kunden zu verbessern. Intern standardisieren, um dem Kunden mehr individuelle Lösungen anzubieten, lautet die Devise.

Standards sind etwas Gutes. Sie stellen sicher, dass eine M6-Schraube immer in ein M6-Gewinde passt. Auch in unserer Branche, der Verbindungstechnik, gibt es unzählige Normen und Standards, kaum jemand kennt sie alle. Viele dieser Standards haben eines gemeinsam: Sie beziehen sich meist auf physische Dinge – Leitungen, Steckverbinder oder ähnliches. Aber mit der Digitalisierung geht es um eine andere Dimension der Standardisierung, die als Grundlage für weitgehende Automatisierung dienen soll. Und dabei spielen Vernetzung, Daten und das Verknüpfen unserer Angebote mit digitalen Dienstleistungen eine zentrale Rolle.

Was ich meine, konnten Besucher der Hannover Messe 2019 im futureLab unseres Unternehmens ansehen. Zum Beispiel die smarte Kabeltrommel, die weiß, wie oft sie gedreht wurde, woraus eine Software wiederum errechnet, wie viele Meter Kabel noch übrig sind – um automatisch Nachschub zu bestellen, wenn der Vorrat zur Neige geht. Was das für das Thema Standardisierung bedeutet, kann man sich leicht ausmalen. Die Messwerte in dem mechatronischen Modul müssen über Funk gesammelt und an Lapp übermittelt werden, wo unser Bestellsystem sie richtig interpretieren muss. Oder, falls der Kunde nicht wünscht, dass die Kabeltrommel direkt mit unserem Unternehmen kommuniziert: Die Daten, die unsere smarte Trommel sammelt, müssen für die verschiedenen von unseren Kunden genutzten Warenwirtschaftssysteme interpretierbar sein, und diese müssen wiederum eindeutig und fehlerfrei mit unserem Bestellsystem kommunizieren können. Das klingt einfach, ist es aber nicht: Vom Messwert eines Sensors bis zum Eingang einer neuen Trommel beim Kunden müssen die Daten richtig verrechnet und die richtige Kabeltype gefunden werden. Dann muss unser System ein Lager finden, in dem das entsprechende Produkt vorrätig ist, eine Lieferung an den Kunden veranlassen und am Ende dem Kunden eine Rechnung zusenden und den Zahlungseingang überwachen.

Babylonische Sprachverwirrung

Jetzt wird es richtig kompliziert. Denn der Kunde möchte, dass alle diese Daten auch in seinen Systemen gespiegelt werden. Was Unternehmen wie Lapp vor große Herausforderungen stellt, weil jeder Kunde andere Software und Datenformate benutzt. Mit der Digitalisierung geht eine gigantische babylonische Sprachverwirrung einher. Können sich nicht alle Unternehmen an einen Tisch setzen und sich einigen, wie Daten gespeichert und ausgetauscht werden und gewissermaßen die M6-Schraube für Daten erfinden? Leider nein, denn dazu ist unsere digitale Welt viel zu komplex. In Unternehmen mit sehr begrenztem Zielmarkt und wenigen Anwendungen mag das gehen. Doch Lapp beliefert eine Vielzahl an Branchen – Maschinenbau, Bahnhersteller, Betreiber von Ölplattformen, Molkereien, Baufirmen, Hersteller von Windkraftanlagen und vielen mehr. Zudem hat innerhalb dieser Branchen jeder Marktteilnehmer seine eigenen Vorstellungen von Standardisierung.

Was tun? Die Versprechen von Industrie 4.0, vom Internet der Dinge und den damit verbundenen Technologien und Geschäftsmodellen lassen sich nur einlösen, wenn Daten frei fließen und alle Partner diese in einem Wertschöpfungsnetzwerk gleich interpretieren können. Es gibt bereits Versuche ähnlich wie in der Automobilindustrie digitalisierungsrelevante Themen zu standardisieren, allerdings stehen diese oft noch am Anfang. Die Digitalisierung braucht also eine Standardisierung, die gleichzeitig Vielfalt erlaubt. Mit dieser Quadratur des Kreises ist auch unser Unternehmen in hohem Maße konfrontiert.

Es bedarf nicht nur der Daten- und Prozessstandardisierung, sondern im Wesentlichen auch standardisierter Schnittstellen. Standardsysteme von der Stange sind nur bedingt die Lösung. Der Vorteil ist ihre Skalierbarkeit, Update-Garantie und globale Verfügbarkeit. Andererseits orientieren sie sich an der größten Klientel und werden mit jeder Anpassung komplexer. Lösungen sowohl mit metrischen wie auch „imperialen“ (britischen und amerikanischen) Maßeinheiten beispielsweise, die wir für unsere längenbasierten Produkte benötigen, bildet fast keine Standardsoftware ab. Daher ist eine Individualentwicklung erforderlich. Gleichzeitig wissen wir: Je näher wir am Standard bleiben, desto höher ist die Performance des Systems, und desto einfacher ist der Datenaustausch mit unseren Partnern und Kunden.

Der Kunde muss den Vorteil haben

Wie gehen wir mit den Herausforderungen um? Unsere wichtigste Prämisse ist, dass Kunden nicht unter unserer Digitalisierung leiden dürfen, sondern ganz im Gegenteil davon profitieren sollen. Wir bezeichnen uns als Kundenversteher und dieses Versprechen lösen wir auch bei der Digitalisierung ein. Die Kunst ist, nach innen ins eigene Unternehmen hinein zu standardisieren und automatisieren, jedoch nach außen zu möglichst vielen, teils sehr unterschiedlichen Kunden aber offen zu sein.

Ein gelungenes Beispiel ist unser Logistikzentrum in Ludwigsburg. Die hohe Standardisierung ermöglicht einen maximalen Grad an Automatisierung. Das ist hoch effizient. Vorteil: Der Kunde hat die meisten Produkte innerhalb von 24 Stunden in seinem Wareneingang. Dank E-Commerce können wir selbst in die entlegensten Gebiete unserer Erde unsere Liefertreue einhalten.

Losgröße 1 ist das Ziel

Logistik und Supply Chain Management ist einer von vier Kernprozessen, die wir bestmöglich automatisieren wollen. Ähnliche Aktivitäten betreffen zum Beispiel Vertrieb und Marketing- oder Produktionsprozesse. Diese Transformation wird uns erlauben, dem Trend zur Individualisierung von Produkten und digitalen Services gerecht zu werden. Losgröße 1 und Personalisierung, also ein auf kundenindividuelle Bedürfnisse zugeschnittenes Angebot, ist die Vision. Manche Kunden wollen eine besondere Verpackung, andere neben unserer Artikelnummer auch eine eigene Kennzeichnung auf dem Kabel. Bisher geschieht dies weitgehend manuell, künftig soll die Verarbeitung automatisch erfolgen. Gemeinsam mit Kunden arbeiten wir an einem Standard, der ihnen Freiheit für die Bearbeitung lässt.

Eine Sorge, die angesichts von Automatisierung und Digitalisierung viele umtreibt: Wenn etliches automatisiert wird, werden wir als Mitarbeiter dann noch gebraucht? Die klare Antwort: Ja. Standard hin oder her – es wird immer Anfragen von Kunden geben, die in kein Schema passen, da wird der Mensch dem Computer auch in Zukunft überlegen sein. Doch unsere Mitarbeiter müssen sich dem Wandel anpassen. Statt definierte Prozesse abzuarbeiten, die auch Maschinen erledigen können, werden sie mehr und mehr zu Problemlösern und Beratern. Das schlägt sich bereits in unseren Stellenausschreibungen nieder. Wir suchen weniger spezialisierte Fachkräfte und dafür mehr Personen, die soziale und interkulturelle Kompetenzen haben, vernetzt denken und lösungsorientiert sind. Ich finde, das ist eine gute Entwicklung: Die Technik übernimmt Routineaufgaben, der Mensch tut das, was er am besten kann: Er ist kreativ und empathisch – und darin Maschinen haushoch überlegen. Während Algorithmen die große Zahl an standardisierten Aufgaben erledigen, können wir uns um die speziellen Herausforderungen jedes einzelnen Kunden kümmern – die sind immer anders, aber wir wollen immer den gleichen maßgeschneiderten Service bieten.

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