Digitale Transformation

„Ich lief Gefahr, vom Markt verdrängt zu werden“

| Autor: Lisa Marie Waschbusch

Dr. Gunther Wobser lebte ein Jahr lang mit seiner Familie im Silicon Valley in Kalifornien.
Dr. Gunther Wobser lebte ein Jahr lang mit seiner Familie im Silicon Valley in Kalifornien. (Bild: Lauda Dr. R. Wobser GmbH)

In der heutigen Arbeitswelt ist Innovation der Weg zum unternehmerischen Überleben, meint Gunther Wobser. Für die digitale Transformation seines mittelständischen Unternehmens, holte er sich Inspirationen aus dem Silicon Valley, wo Innovation, Agilität und Dynamik zum Tagesgeschäft gehören.

Im Silicon Valley, wo namhafte Startups entstehen und Tech-Riesen wie Google, Facebook und Co. thronen, da lebte auch Gunther Wobser mit seiner Familie für ein Jahr. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist CEO der Lauda Dr. R. Wobser GmbH & Co. KG mit Hauptsitz im tauberfränkischen Lauda-Königshofen. Das mittelständische Unternehmen, das Temperiergeräte und –anlagen herstellt, wurde 1956 von seinem Großvater, Dr. Rudolf Wobser, nach dessen Flucht aus der DDR gegründet. Mittlerweile beschäftigt Lauda circa 440 Mitarbeiter, darunter 310 in der Zentrale, erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von 80 Millionen Euro und hat Kunden im Automotive-Bereich, der Chemie- und Pharmaindustrie oder der Labor- und Medizintechnik.

Druck durch Wettbewerb

Wobser hatte wahrlich nicht die Vision, nach dem Studium im Silicon Valley mit einer neuartigen Idee die Welt verbessern zu wollen. Ihn zwang der Wettbewerb zum Handeln: „Ich lief Gefahr, vom Markt verdrängt zu werden“, erklärt er. Ein amerikanischer Kunde wechselte zu einem Konkurrenten, der bisherige Kompressoren durch eine neue Technologie der thermoelektrischen Peltierelemente ersetzte. Jegliche Motivationen, seine Ingenieure dazu zu bringen, die neue Technologie zu entwickeln, scheiterten. „Das ist so, als würdest du deine Mitarbeiter, die schon immer Dieselmotoren gebaut haben, plötzlich beauftragen, Elektroautos zu bauen“, erzählt er. So hielt er Ausschau, ob andere Unternehmen die neue Technologie im Einsatz haben, und fand Noah Precision.

Er übernahm das an der Westküste der USA ansässige Unternehmen. Während seines USA-Aufenthalts integrierte er neben der Führung des Kerngeschäfts die Lauda-Tochter ins Mutterunternehmen. Er erstellte einen neuen Innovationsprozess und baute das Innovation Lab new.degree mit aktuell drei Mitarbeitern auf. Hier arbeitet er beispielsweise daran, ein stoffliches Gewebe zu produzieren, das individuell die Körpertemperatur regulieren kann. Mit der Übernahme von Noah Precision – heute Lauda-Noah – ebnete er sich den Weg ins Silicon Valley.

Wirtschaftlicher Boom

Das Silicon Valley umfasst den südlichen Teil der kalifornischen Metropolregion um San Francisco und San José. In den 1950er-Jahren errichtete die Stanford University dort ein Forschungs- und Industriegebiet: den Stanford Industrial Park. In den 60er- und 70er-Jahren folgten mit der Verbreitung der Computertechnik zahlreiche Unternehmen. Seither wächst das Valley stetig weiter: Heute leben hier mehr als drei Millionen Menschen, es gibt mehr als 1,5 Millionen Jobs. Dem Silicon Valley Index 2017 des Institute of Regional Studies zufolge, sind seit 2010 297.000 neue Jobs in dem Gebiet entstanden, die meisten in der Tech-Industrie. 2016 verzeichnete das Valley 46.000 neue Arbeitsplätze – ein Anstieg von weiteren drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Im Silicon Valley, so Wobser, lebe man wie in einer Blase, sei auch ein bisschen verrückt und arbeite mit hervorragend ausgebildeten und ambitionierten Menschen zusammen. Diese kommen nicht zuletzt aus dem Ausland: Insbesondere in der Tech-Branche kommen laut Silicon Valley Index 67 Prozent der 25- bis 44-Jährigen aus dem Ausland. Noch höher sei der Wert bei Frauen, hier sind es 76 Prozent. Kein Wunder, gilt das Silicon Valley doch als Magnet für Menschen aus der ganzen Welt mit dem unbändigen Hunger nach Erfolg und Anerkennung. Nicht selten ziehen die CEOs der Start-ups aus Indien oder Israel ins Valley, um sich zu vernetzen und ganz nah am global führenden Headquarter für Wissenschaft, Technologie und Kapital zu sein.

Deutschland = Innovationsland?

Es scheint, als fehle all dies in Deutschland noch. Dabei hat das Weltwirtschaftsforum in seinem globalen Wettbewerbsbericht 2018 Deutschland erst kürzlich als das stärkste Land in der Kategorie Innovationsfähigkeit eingeordnet – vor den USA an zweiter Stelle. Ausschlaggebend dafür waren unter anderem die Zahl angemeldeter Patente, wissenschaftliche Veröffentlichungen sowie die Zufriedenheit mit deutschen Produkten.

Laut Wobser gehe es künftig darum, durch das Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft den bereits vorhandenen guten Status zu wahren und zu stärken. Ein großes Hindernis für die Entwicklung sei jedoch insbesondere eine kritische Haltung zu Innovationen und Technologien, die in Unternehmen oftmals noch vorherrsche. Und Beispiele verfehlter Innovationspolitik gibt es einige. Kodak beispielsweise, die 1975 die erste digitale Kamera erfanden und nicht auf den Markt brachten, um ihr Hauptgeschäft, den Filmeverkauf, nicht zu gefährden – und im Jahr 2012 Insolvenz anmeldeten.

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Vier Dilemmata der Innovationen

Ein Grund für diese Fehlentwicklungen sind laut Wobser die vier Dilemmata im Zusammenhang mit Innovationen, denen Unternehmen häufig überfordert ausgesetzt sind: Zum einen entwickle sich die Technologie exponentiell, Menschen hingegen meist linear. Des Weiteren ließen sich nur Ideen verwirklichen, die nahe am Kerngeschäft einer Firma liegen – neue Pläne mit größerem Umfang „blieben stecken“. Zudem verharrten viele Unternehmen zu sehr in ihrem Kerngeschäft, Einstiegssegmente sowie disruptive Techniken würden vernachlässigt werden. Zu allerletzt seien viele Mitarbeiter zu sehr im Alltagsgeschäft eingebunden und änderten keine Prozesse, suchten keine neuen Werkzeuge.

Im Grunde genommen muss ein Unternehmen heute agil aber dennoch stabil, innovativ aber trotzdem etabliert sein. Wichtig ist es, eine Balance zu finden, sodass Innovationen auf der einen Seite, und das Kerngeschäft auf der anderen im Einklang miteinander stehen. Es geht nicht mehr darum, sich für eines von beiden entscheiden zu müssen. Vielmehr geht es darum, es zu schaffen, dass beides nebeneinander existieren kann. Diese beidhändige Führung und Organisation, die im Kontext von Arbeiten 4.0 üblicherweise als Ambidextrie bezeichnet wird, lernte Wobser im Silicon Valley kennen. Er belegte in den USA Kurse an der Stanford Graduate School of Business, die ihm vermittelt haben, wie entscheidend Innovation im Wettbewerb ist und wie schnell etablierte Unternehmen aus der Szene verschwinden können.

Innovation sichert Überleben

Die Digitalisierung, so Wobser, verändere die Arbeitswelt und Innovation sichere das unternehmerische Überleben. Dazu gehört es auch, so Wobser, Unternehmen neu aufzustellen: Hierarchien passen in das Zeitalter der Industrialisierung, heutzutage müsse das Mutterhaus aufgesplittet werden. Die Organisation bei Lauda besteht mittlerweile zum großen Teil aus einzelnen Teams, die für die Steuerung des Kerngeschäfts zuständig sind, und neuen, flexiblen und kundenorientierten Einheiten.

In diesem Zusammenhang wurde er sich auch erstmals über die Relevanz von Startups bewusst. Daher plädiert Wobser dafür, als Mittelständler unbedingt mit den jungen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Sein Unternehmen Lauda kooperiert mit dem Würzburger Startup Botfriends, das einen Chatbot für ihn entwickelte, und begann jüngst eine umfassende strategische Kooperation mit dem Dresdner Technologie-Start-up Watttron.

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Unvergleichbare Dynamik

Für junge Unternehmen im Silicon Valley wird es zunehmend schwerer, zu wachsen. Die Angel-Investitionen im Silicon Valley und San Francisco gingen dem Silicon Valley Index zufolge 2016 um 30 Prozent beziehungsweise 43 Prozent zurück; Kalifornien insgesamt verzeichnete einen ähnlichen Rückgang (-34 Prozent). Auch Wobser ist mittlerweile Mitglied einer Angel-Investmentvereinigung vor Ort, den Band of Angels, und hat in drei Startups investiert.

Ob das Silicon Valley in seiner Vielfalt, seinen Möglichkeiten und seinem Ansehen überschätzt wird? „Definitiv nicht“, ist sich Wobser sicher. „Es herrscht dort eine Dynamik, die nicht kopiert werden kann.“ Diese komme nicht zuletzt dadurch zustande, dass in die gesamte Szene massiv investiert werde, beispielsweise auch durch das Militär. Er selbst ist zwar erst seit wenigen Wochen zurück in Deutschland, plant allerdings schon den nächsten Trip nach Kalifornien und hat weiterhin einen Wohnsitz in Palo Alto. Nach nur einem Jahr sei man schließlich noch kein Experte, erzählt er.

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