Digitale Transformation Humanisierte Digitalisierung – der Mensch als Schlüssel zu einer erfolgreichen Digitalisierung

Ein Gastkommentar von Benedikt Ilg*

Rund um die digitale Transformation gibt es viele Spekulationen. Tatsache ist, der Mensch ist mittlerweile schlichtweg auf die Nutzung digitaler Anwendungen angewiesen. Doch wie steht es andersherum?

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Nur all zu oft scheint der Mensch im Diskurs um die Digitalisierung hinter die Technologie zurückzutreten – das sollte sich ändern.
Nur all zu oft scheint der Mensch im Diskurs um die Digitalisierung hinter die Technologie zurückzutreten – das sollte sich ändern.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Technologien entwickeln sich schnell und rasant, Menschen hingegen träge und langsam. Der Mensch hat daher beinahe schon keine andere Wahl, als seine Schwächen mithilfe von digitaler Unterstützung zu reduzieren.

Es hat so fast schon den Anschein, als würden sich die digitalen Anwendungen ihrer Übermacht bewusst sein und den Menschen Schritt für Schritt einnehmen. Eine Sache wird dabei jedoch gerne vergessen: Die Digitalisierung braucht den Menschen genauso so sehr, wie der Mensch die Digitalisierung benötigt. Denn nur wenn jedes Individuum selbst den digitalen Wandel zulässt, kann dieser überhaupt greifen. Es liegt also im Ermessen eines jeden Menschen inwieweit die digitale Transformation ihn oder sie unterstützen oder ersetzen darf. Aus diesem Gedanken heraus bildet sich ein neues Konzept, welches die Komponenten Mensch und Maschine zu einem gemeinsamen Gefüge verbindet: die humanisierte Digitalisierung.

Das Konzept der humanisierten Digitalisierung

Wie der Begriff selbst schon erahnen lässt, wird die Digitalisierung hier aus einem menschlichen Blickwinkel betrachtet. Digitale Produkte stellen so eine Ergänzung zur Arbeitskraft dar – keine Substitution. Viel mehr macht sich der Mensch die digitalen Anwendungen zunutze und verwendet diese, um sein Potenzial und sein Können zu erweitern und zu unterstützen.

Beliebte Anwendungsbereiche sind hierbei unter anderem der Gesundheits- und Arbeitsschutz sowie die Arbeitsorganisation. Aber auch die psychologische Arbeitsgestaltung kann durch die humanisierte Digitalisierung beeinflusst werden. Ziel ist es, den Fokus der Digitalisierung weg von der eigentlichen technologischen Innovation hin zu einer möglichst wirksamen menschlichen Adaption der digitalen Werkzeuge zu verschieben.

Der Mensch im Fokus

In den vergangenen Jahren stand die Entwicklung der Arbeitswelt ganz im Zeichen eines technologischen Aufschwungs. Für Aufgaben, die für den Menschen zu schwer, zu lästig oder schlichtweg nicht möglich waren, wurden mithilfe verschiedenster digitaler Anwendungen bequeme Lösungen gefunden. Der Mensch fokussierte sich dabei lediglich auf die Weiterentwicklung der Technologien, nicht jedoch auf seine eigene Weiterentwicklung. Auf der Strecke blieb das Bewusstsein für eigene Sorgen und Wünsche. Aus Bequemlichkeit wurde den Technologien fast schon eine Übermacht zugesprochen. Doch in einer Sache werden künstliche Intelligenzen, Maschinen und Roboter dem Menschen nie das Wasser reichen können: Emotionen.

Menschen empfinden Mitgefühl, Liebe, Reue, Trauer und noch vieles mehr. All das kann von einer Künstlichen Intelligenz vielleicht nachgeahmt werden, wird jedoch niemals einer tatsächlichen, authentischen Interaktion entsprechen. Gerade in Berufen mit einem intensivem Kundenkontakt spielt dies eine enorme Rolle, denn hier muss nicht nur der Mitarbeitende selbst, sondern auch der Kunde als Mensch im Fokus stehen. Kunden benötigen einen persönlichen Kontakt und vor allem Interaktion. Gerade in sensiblen Bereichen wie zum Beispiel im Gesundheitswesen ist somit der Mensch klar überlegen. Dies bedeutet folglich, dass Mitarbeitende für ihren Arbeitgeber noch immer den höchsten Stellenwert haben sollten. Unternehmen müssen daher verstehen, welch Potenzial in der menschlichen Interaktion steckt - gerade auch in der Kommunikation.

Potenzial des Menschen und Kommunikation als Schlüssel

Die Basis nahezu jeder menschlichen Interaktion ist Kommunikation. Ob im Austausch mit einem Kollegen oder beim Verkaufsgespräch mit dem Kunden - Kommunikation ist alles. Soll der Mensch im Fokus aller Belange stehen, muss folglich vor allem Kommunikation ins Rampenlicht rücken. Dies entspricht jedoch nicht der Realität. In vielen Unternehmen ist eine digitale Zweiklassengesellschaft an der Tagesordnung und markiert den Auslöser für eine tiefgreifende kommunikative Kluft.

Die Beschäftigten im Büro werden aufgrund der täglichen Nutzung der digitalen Kommunikationsanwendungen aktiv in den Abstimmungsprozess mit einbezogen, wohingegen gerade gewerbliche Mitarbeitende völlig ausgeschlossen zu sein scheinen. Doch es sind gerade diese Beschäftigten, die tagtäglich mit den Kunden Beratungsgespräche führen, zu ihren Patienten eine Verbindung aufbauen müssen oder den neuen Kollegen an einer Produktionslinie einlernen. Diese Belegschaftsgruppen haben es verdient, wieder als Mensch wahrgenommen zu werden, der etwas zu sagen und eine Meinung hat.

Mit einer Kommunikation auf Augenhöhe wäre ein erster Schritt in Richtung humanisierte Digitalisierung getan. Denn auch sie müssen einen Zugang zu digitalen Kommunikationskanälen im Arbeitsalltag bekommen, wenn man ein Arbeitsumfeld schaffen möchte, in dem sich alle wertgeschätzt und verstanden fühlen sollen.

Es muss also ein multidirektionaler Kommunikationskanal erschlossen werden, der auch für Mitarbeitende auf der Fläche, im Lager, in den Produktionshallen oder auf der Station jederzeit zugänglich ist. Es steckt nämlich eine riesige Chance darin, Beschäftigte als Menschen wahrzunehmen, die etwas bewirken wollen. So kann zum Beispiel niemand einen Prozess besser optimieren als jemand, der seit Jahren oder Jahrzehnten nichts anderes macht. Doch genau dieses Potenzial wird bisher noch nicht abgerufen, weil den gewerblichen Mitarbeitenden nicht dieselben Privilegien wie ihren Kolleginnen und Kollegen im Büro zugesprochen werden. Neben Kommunikation auf Augenhöhe sollten auch Themen wie die Sinnhaftigkeit der Arbeit, Flexibilität und eine ausgeglichene Work-Life-Balance in Angriff genommen werden. Operative Mitarbeitende sind meist an ortsfeste Arbeitsplätze gebunden und daher in ihrer Flexibilität und Selbstbestimmung bereits eingeschränkt. Mit einer mobilen Kommunikationsanwendung würden ihnen zum Beispiel Informationen in Echtzeit sowie relevante Inhalte jederzeit zur Verfügung stehen und damit ein Teil des Arbeitsgeschehens flexibilisiert werden.

Die Zukunft verlangt nach Entfaltung

Sicherlich ist Kommunikation nur ein kleiner Teil des großen Ganzen, doch ist sie ein Grundstein für einen respektvollen Umgang auf Augenhöhe, wie ihn jeder Mensch verdient hat. Digitale Errungenschaften und Künstliche Intelligenzen werden nie einer Interaktion mit anderen Menschen gleichkommen. Jedes Individuum muss sich selbst in den Fokus rücken, sich seinen Stärken und Schwächen bewusstwerden.

Was festgehalten werden kann, ist, dass der initiale Ausgangsfaktor für jegliche Veränderungen zukünftig Mensch heißen sollte. Ausgehend davon muss eine Einheit aus Menschen und Maschine geschaffen werden, wobei der Fokus stets darauf liegen muss, digitale Tools so einzusetzen, dass sie die menschliche Arbeitskraft unterstützen. Letzten Endes müssen Unternehmen lernen, dass hinter allen Mitarbeitenden Menschen mit einem enormen Potenzial stecken.

* Benedikt Ilg verantwortete bis Ende 2018 als Projektleiter bei der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG die Konzipierung der Data Analytics Strategie und ist heute CEO der Flip GmbH.

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