30 Jahre Mobilfunk Happy Handy Birthday – wie das Mobiltelefon auszog die Welt zu erobern

Von Sebastian Human

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Auch wenn es das Handy schon länger gibt, begann morgen vor dreißig Jahren das gleichnamige Zeitalter in Deutschland. Wir gratulieren und nutzen, wie man das an Geburtstagen so tut, die Gelegenheit für einen Blick zurück.

Was zukünftige Generationen, die die archäologischen Überreste des Handy-Zeitalters finden, wohl über uns denken werden?
Was zukünftige Generationen, die die archäologischen Überreste des Handy-Zeitalters finden, wohl über uns denken werden?
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Obwohl die zentrale Technologie, also sowohl Hardware als auch Mobilfunknetz, bereits lange vor dem denkwürdigen Datum existierte, markiert der Julibeginn vor dreißig Jahren einen Wendepunkt im Kommunikationsverhalten der Deutschen. Schließlich läutete der 1.7.1992 die Massennutzung des Mobilfunks und der zugehörigen Endgeräte ein, die unser Leben prägen sollten, wie kaum eine andere technische Errungenschaft der letzten Jahrzehnte.

Schwere Knochen nicht nur im Dinosaurierzeitalter

Wie schon erwähnt, sind Mobilfunk und Mobiltelefonie auch an jenem schicksalhaften Mittwoch des Jahres 1992 kein Novum mehr. Das A-Netz startet bereits 1955 als sogenannter „Zugpostfunk“. Beim Verbindungsaufbau ist man lange allerdings noch auf eine freundliche Vermittlung angewiesen und muss vor allem über das nötige Kleingeld, das dann doch ein paar Pfennig mehr sind, als die handelsübliche Telefonzelle frisst, verfügen. Dann kann man allerdings nicht nur ein koffergroßes Mobiltelefon im Auto umherfahren, sondern auch verdutzte Gesichter vermuten – den massentauglichen Videobeweis gibt es erst viele Jahre später als die Videotelefonie breiten Einzug hält –, wenn man mal eben auf der Fahrt an die Nordsee die zurückgelassene Verwandtschaft in der bajuwarischen Provinz anklingeln und von der urlaubsbedingten Vorfreude schwärmen kann.

Ab 1972, wir befinden uns mittlerweile im B-Netz, dürfen die Telefonierwilligen dann selbst wählen, doch ein teurer Spaß bleibt das allemal. Die Grundgebühr beläuft sich schließlich auf 270 D-Mark, auch wenn sich die Minutenpreise laut Deutscher Telekom damals dann wenigstens an den Festnetztarifen orientiert haben und somit überschaubar gewesen sein sollen. Immerhin: Eine Abrechnung im 12-Minuten-Takt klingt auch heute noch fair – omnipräsente Flatrates mal außenvor gelassen. Damit ist dann aber halt auch gerade mal das Netz bezahlt.

Wer anschließend wirklich auch noch darin telefonieren will, braucht eine entsprechende portable Telefonzelle und die kann auch schon mal mit einem niedrigen fünfstelligen Betrag zu Buche schlagen. Da die Netzkapazität allerdings für noch nicht mal 100.000 Anschlüsse ausreicht, werden B-Netz-Anschlüsse gehandelt wie Taxilizenzen. Nur, dass auch zu dieser Zeit vermutlich mehr Menschen mobil telefonieren als beruflich ein Taxi fahren wollen.

Das C-Netz kann hieran leider auch nicht all zu viel ändern. Viel mehr als eine Million Menschen können ab 1985 auch hierin noch nicht auf Schritt und Tritt telefonieren, aber immerhin gibt es nun eine universelle Vorwahl. Vorher war Deutschland in drei Zonen aufgeteilt und wenn jemand von Norden nach Süden fuhr, musste man oftmals die Rufnummer mit drei Vorwahlen ausprobieren, bis man mit einer davon fündig wurde. Gehört man – und natürlich die zu kontaktierenden Personen – nun also zu den glücklichen Auserwählten, muss man endlich nicht mehr die verschiedenen Zonen-Vorwahlen von Tante Greti auf Norderney oder Kumpel Reinhold in Darmstadt auswendig wissen – oder sich notfalls eben auf das Trial-and-Error-Prinzip verlassen. Die 0161 regelt das schon, man braucht nur die Ziffern danach. Richtig praktisch wird es aber, wenn man herausfindet, dass man die nun erhältlichen SIM-Karten auch als Telefonkarte in der Telefonzelle nutzen kann. Und das ist angesichts noch eher überschaubarer Standby-Zeiten von sechs Stunden durchaus nicht unwichtig.

Auch schön: Funklöcher sind damals wohl noch kein all zu großes Problem. Niedrige Frequenzbänder in Kombination mit ordentlich Sendeleistung garantieren Netzabdeckung fast überall – auch an Bahnstrecken und Autobahnen. Dem gegenüber steht ein enormer Energiebedarf, weswegen die meisten Mobiltelefone auch damals noch in Autos verbaut sind. Handys, sofern sie existieren, haben ein hochgradig hosentaschenunfreundliches Format und sind eher zur Selbstverteidigung als zur grenzenlosen Kommunikation geeignet. Roaming gibt’s obendrein auch noch nicht und so bleibt man wohl oder übel auf Anrufe innerhalb Deutschlands beschränkt.

1987 einigt man sich dann auf den weltweiten digitalen Übertragungsstandard GSM, was für Global System for Mobile Communication steht. Entwickelt wird er in europäischer Co-Produktion von französischen und deutschen Fachleuten, worauf fünf Jahre des Aufbaus und der Implementierung folgen.

1992 ist es dann aber soweit und mit dem D-Netz geht das an den Start, was die Deutsche Telekom den ersten „Mobilfunk für alle“ nennt. Nicht ganz ein Jahr später, im April 1993, nutzen bereits 130.000 Menschen dieses Angebot und ein erster Wettbewerb entsteht zwischen D1 der Telekom und D2 privat von Mannesmann. Unternehmerischer Ehrgeiz und technischer Fortschritt sorgen schließlich für mehr Leistung bei gleichzeitig niedrigeren Kosten. Statt gut 50 Mark berappen zu müssen, sinkt die monatliche Grundgebühr im Schnitt bald auf 30 Mark.

SMS, UMTS und das mobile Internet

Will man kommunizieren, auch wenn man im wörtlichen Sinne nichts zu sagen hat, bietet die SMS, also der Short Message Service, bald darauf auch schon sagenhafte 160 Zeichen Platz für alles, was lieber schriftlich denn mündlich mitgeteilt werden will, soll oder muss. Vor allem in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre avanciert das, was eher zufällig als Abfallprodukt der neuen Netztechnik entstanden ist, zum Tech-Highlight der Deutschen. 1999 verschicken die Deutschen rund 3,6 Milliarden SMS. Und der Duden nimmt das Wort „Simsen“ in den offiziellen Wortschatz auf.

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Ende 1998 zählt T-Mobile nach eigenen Angaben 5,5 Millionen Nutzerinnen und Nutzer, und unterhält 1.000 Mobilfunkstandorte. Zum Vergleich: Heute hat die Telekom über 53,2 Millionen Mobilfunkkunden und betreibt in Deutschland 34.000 Standorte. Was für viele der gut 53 Millionen Menschen heute Standard ist, war damals aber noch undenkbar: mobiles Internet.

Doch das sollte der neue Mobilfunkstandard UMTS, kurz für Universal Mobile Telecommunications System, beziehungsweise 3G ändern. Die Provider ziehen in eine regelrechte Bieterschlacht um die begehrten Lizenzen und der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel kommt aus der Freude kaum mehr raus, nimmt sein Ministerium doch rund 100 Milliarden Mark ein. Die Schattenseite des Ganzen sind Geschichten namhafter Bieter, denen das in die Lizenzen investierte Geld letztendlich beim Netzausbau fehlt, wodurch die Lizenzen wieder an den Staat zurück gehen und Milliardenabschreibungen anfallen.

Doch das technische Potenzial von 3G ist klar ersichtlich. 2004 bietet die Telekom als erster Akteur am Markt Übertragungsraten von bis zu 384 Kilobit pro Sekunde, womit das Senden und Empfangen von Bild, Ton und Daten einen großen Sprung nach vorne macht. Auch wenn ein gutes Drittel Megabit heute für keinerlei Schnappatmung mehr sorgen dürfte, ist das damals nicht weniger sensationell als der Überraschungserfolg von Rehakles und Team bei der Fußball-Europameisterschaft in Portugal.

Mit Hardware wie dem Motorola Razr, dem Siemens SL 45 oder dem Blackberry werden auch die Endgeräte immer bunter und multimedialer. Plötzlich verfügen die nun deutlich hosentaschengerechteren Geräte auch noch über Kameras und MP3-Player und der Crazy Frog aus der Klingelton-Werbung (ja, sowas gab’s damals noch) treibt ein ganzes Land in den Wahnsinn.

Einen weiteren Meilenstein gibt es im Januar 2007 zu bestaunen, als Steve Jobs der Weltöffentlichkeit das erste Iphone mit neuartiger Touchscreen-Oberfläche präsentiert. Schon kurze Zeit darauf kann fast kein Handy – Verzeihung Smartphone – mehr ohne Wischen übers Display bedient werden und ganz nebenbei ist damit eine Art der Benutzerschnittstelle geboren, die viele weitere elektronische Geräte prägen wird. Wirklich schnell ist das Teil damals aber noch nicht – zumindest nicht im Internet. Denn das erste Apple-Telefon funkt noch im gemächlichen EDGE-Netz, schneller geht es erst 2008 mit dem Nachfolger Iphone 3G. Mit dem ersten Samsung Galaxy startet 2009 das ewige Duell zwischen dem Apple- und dem Google-Betriebssystem Android, das die Smartphone-Welt bis heute prägt.

Ab dann geht alles ganz schnell – in mehrerlei Hinsicht. 2010 führt die Telekom das LTE- oder auch 4G-Netz ein, mit dem viele Nutzer und Nutzerinnen bis heute mobil surfen. Der neue Funkstandard ermöglicht damals bereits Downloadraten von bis zu 100 Megabit pro Sekunde, heute sind es sogar bis zu 300 Megabit. Dass das LTE-Netz im ländlichen Kyritz an der Knatter im Nordwesten Brandenburgs in Betrieb genommen wird, ist dem damit verbundenen Symbolcharakter zuzuschreiben: Denn LTE soll nach Wunsch der Telekom für alle da sein, und nicht nur für die Menschen in den großen Städten.

2019 geht mit 5G dann die fünfte Mobilfunkgeneration an den Start und nimmt den Anspruch des Vorgängers erneut auf, beziehungsweise soll diesen ergänzen. Möglich sind so Übertragungsraten von einem Gigabit und eine Latenzzeit von unter 10 Millisekunden, was dem Ausdruck Echtzeit schon recht nahekommt. Einsatzszenarien rund um das autonome Fahren oder das Internet of Things werden immer wieder herangezogen, um den Nutzen dieser Geschwindigkeit und Bandbreite zu illustrieren. Perspektivisch sollen bis zu 10 Gigabit im Download möglich sein.

Die Mobilfunk-Zukunft

Heute, 30 Jahre nach dem Start des D-Netzes, und dem damit verbundenen Start ins Handy-Zeitalter steht der nächste Sprung schon bevor. Der nächste Standard nennt sich wenig überraschend 6G. Mit ihm sollen unter anderem Videochats und virtuelle Treffen über Hologramme der Gesprächsbeteiligten laufen können. 6G will mit bis 400 Gigabit pro Sekunde auch noch mal um ein Vielfaches schneller sein als 5G.

Mit welchen Endgeräten wir diese Bandreiten dann schlussendlich nutzen, wird die Zeit zeigen. Dass Kommunikation und zunehmend auch Interaktion – Stichwort Metaverse – auch zukünftig über die heute etablierten Smartphones laufen wird, ist zumindest fraglich. Eine denkbare Vision ist es, dass das Kästchen in der Tasche von einem kleinen Knopf am Ohr abgelöst wird. Auch ist eine zunehmende Nutzung von Brillen oder Kontaktlinsen für virtuelle Anwendungen denkbar.

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