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Digitalisierung

Großunternehmen fehlen die Fachkräfte für digitale Transformation

| Redakteur: Katharina Juschkat

Die digitale Transformation ist für viele deutsche Großunternehmen nicht mehr so wichtig wie noch vor einem Jahr, zeigt eine aktuelle Studie. Das liegt unter anderem an fehlenden Fachkräften und mangelndem Vertrauen in Mitarbeiter.

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In deutschen Großunternehmen fehlen die Fachkräfte für eine digitale Transformation, so eine aktuelle Studie.
In deutschen Großunternehmen fehlen die Fachkräfte für eine digitale Transformation, so eine aktuelle Studie.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Jeder redet von der digitalen Transformation – aber wo steht Deutschland eigentlich? In einer repräsentativen Umfrage unter rund 2.000 deutschen Großunternehmen mit einem Jahresumsatz ab 250 Millionen Euro, die die Digitalberatung Etventure zusammen mit dem Marktforschungsinstitut GfK seit 2016 jährlich durchführt, zeigt sich in den Jahren 2016 bis 2018 eine steigende Bedeutung des Themas. In der aktuellsten Umfrage jedoch sinkt die Bedeutung – in der Vorjahresumfrage nannten noch 62 Prozent der befragten Unternehmen die digitale Transformation als eines ihrer drei wichtigsten Unternehmensziele, dieses Jahr sind es nur noch 54 Prozent.

Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle wichtig

Philipp Depiereux, Geschäftsführer von Etventure, wertet diesen Trend als negativ: „Digitale Transformation wird das Wirtschaftssystem grundlegend verändern und wir stehen gerade einmal am Anfang.“ Positiv sehe er aber, dass sehr viele Unternehmen Prozesse oder sogar das bestehende Geschäftsmodell digitalisieren. So könnten schnell Gewinne durch Kostenreduktion und Effizienzsteigerung erzielt werden.

Das lange laut Depiereux jedoch nicht: „Der Schlüssel zu weiterem Unternehmenswachstum, neuen Zielgruppen und neuen Umsätzen liegt dagegen vor allem in der Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle – und das ist langfristig auch entscheidend, um am Markt in einer Spitzenposition bestehen zu können. Diese Gefahr wird von den Unternehmen insgesamt kaum gesehen.“

Fehlende Mitarbeiter sind das größte Hemmnis

Als größtes aktuelles Hemmnis bei der Umsetzung der Digitalen Transformation nennen die befragten Unternehmen mit deutlichem Abstand „fehlende qualifizierte Mitarbeiter mit Digital-Know-how“ (76 Prozent). Gleichzeitig aber schwindet das Vertrauen in die vorhandenen Mitarbeiter immer weiter. Während vor zwei Jahren noch fast jedes zweite Großunternehmen seine Mitarbeiter für ausreichend qualifiziert hielt, die Digitalisierung voranzutreiben, sind es jetzt gerade noch rund ein Viertel (28 Prozent). Als weitere zentrale Hürden werden „fehlende Zeit“ (50 Prozent) angegeben und mit 45 Prozent die Einsicht, dass im Unternehmen „die Erfahrung zur digitalen Umsetzung von Produkten und Prozessen fehlt“.

Keine Umsatzeinbußen befürchtet

Etventure-Geschäftsführer Depiereux merkt an: „Die Digitale Transformation bedeutet vor allem ein Kulturwandel im Arbeiten und im Mindset, weg vom perfektionistischen ‚Ingenieursdenken‘, weg vom Fokus auf das Produkt, hin zum Kunden.“ So lange dies im Unternehmen keine ganzheitliche Verankerung finde, würden Trainings- und Lernerfolge nach ein paar Wochen verpuffen.

Trotz der massiven Sorgen um Fachkräfte und die eigenen Mitarbeiter gehen sechs von zehn Unternehmen davon aus, den Wandel gestalten zu können. Gleichzeitig sagt nahezu jeder zweite befragte Entscheider (46 Prozent), dass seine Firma in den kommenden drei Jahren keine Umsatzeinbußen zu befürchten hat, auch wenn überhaupt keine Maßnahmen zur digitalen Transformation getroffen würden.

Schwache Konjunktur lässt Innovationsbereitschaft sinken

Zwar sieht eine Mehrheit von 41 Prozent die eigene Branche unter starken oder sehr starken Veränderungsdruck durch die Digitalisierung. Dass gleiches auch für das Geschäftsmodell des eigenen Unternehmens gilt, glauben allerdings nur 23 Prozent der Befragten.

Außerdem können sich nur wenige Manager vorstellen, dass Tech-Konzerne wie Google oder Amazon ihre größten Wettbewerber sein könnten (21 Prozent). Vielmehr gehen 76 Prozent davon aus, dass die größte Gefahr von Unternehmen aus der eigenen Branche ausgeht. Sorge vor Startups hegt mit 3 Prozent fast niemand.

Der Etventure-Geschäftsführer warnt aber vor dem Nichtstun: „In meiner Beobachtung sind deutsche Unternehmen nach einer langen konjunkturell starken Phase saturiert und zu wenig innovativ, was die Eroberung neuer Geschäftsfelder angeht. Die Auftragsbücher sind aktuell voll und das Interesse gilt primär der Abwicklung.“ Dabei sei gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu investieren, schätzt Depiereux und erklärt: „Die Konjunktur schwächt sich ab. Wenn die Auftragsbücher leer sind, gibt es zwar genug Zeit für das Thema, aber dann werden meistens die Innovationsbudgets gekürzt.“

Der Markt teilt sich

Ein Prozent der Großunternehmen in Deutschland lenkt bereits die Hälfte oder mehr seiner Gesamtinvestitionen in Maßnahmen zur digitalen Transformation. Bei zwei Dritteln beträgt dieser Anteil maximal zehn Prozent. Es bahnt sich eine auffällige Teilung im Markt an. So erwirtschaften bereits heute 19 Prozent der befragten Unternehmen über die Hälfte ihres Umsatzes über digitale Kanäle.

„Bis 2022 könnte sich diese Gruppe laut unserer Befragung auf etwa 30 Prozent erweitern“, vermutet Geschäftsführer Depiereux. „Weil aber viele auch weiterhin kaum in digitale Transformation investieren, wird es eine deutliche Kluft im Markt geben: Ein Drittel der Großunternehmen in Deutschland wird überwiegend digital Umsätze erzielen, ein Drittel nur zu weniger als zehn Prozent und das restliche Drittel liegt irgendwo dazwischen.“ Rund jedes zweite Großunternehmen laufe so Gefahr, bei der Digitalen Transformation abgehängt zu werden.

Die Studie zeigt auch einige positive Weichenstellungen. Mehr als verdoppelt hat sich gegenüber 2018 (15 Prozent) die Anzahl der Großfirmen, welche die Position eines Chief Digital Officer (CDO) für die Umsetzung der digitalen Transformation geschaffen haben (2019: 36 Prozent). Jedes zweite Unternehmen berichtet auch von einer Zusammenarbeit mit Startups, mit Universitäten oder Forschungseinrichtungen und ein Drittel der Unternehmen kooperiert mit Wettbewerbern. Ein Viertel aller Unternehmen will sich weiterhin „allein auf eigenes Know-how und eigene Ressourcen verlassen, um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern.“

Big Data, Plattformökonomie und KI als wichtigste Technologie

Auf die Frage, welche Technologien den größten Einfluss auf die Geschäftsentwicklung haben werden, antworten die befragten Unternehmen am häufigsten mit Big Data und Smart Data. An zweiter Stelle liegt der Aufbau digitaler Plattformen / Plattformökonomie und an dritter Stelle Künstliche Intelligenz. Interessant ist dagegen die Einschätzung, in welchen Technologie-Bereichen Deutschland künftig eine Spitzenposition einnehmen könnte. Hier stehen die Robotik und flexible Produktionsverfahren an erster und zweiter Stelle, erst danach Künstliche Intelligenz. Plattformökonomie folgt auf Platz sechs in der Liste. „Die Unternehmen sehen also trotz der großen Bedeutung sowohl von KI als auch Plattformökonomie wenig Chancen, dass Deutschland hier eine führende Position einnimmt“, kommentiert Philipp Depiereux.

Das Fazit von Depiereux zu der Studie ist, dass sich viele Unternehmen zu schnell zufrieden geben: „Meine Sorge ist, dass mit einer Eintrübung der wirtschaftlichen Lage die Unternehmen wichtige Entscheidungen und Investitionen, insbesondere auch in Mitarbeiter oder in neue Geschäftspotentiale, vertagen. Dabei ist gerade die Digitale Transformation der wichtigste Hebel, um potentielle Umsatzrückgänge im klassischen Geschäft zu kompensieren beziehungsweise den Wachstumskurs der Unternehmen zu ermöglichen.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal elektrotechnik erschienen.

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