Nachgefragt: 3 Experten zu I4.0 – Teil 1

Für die vernetzte Produktion sollten alle an einem Strang ziehen

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Ist die Plattform Industrie 4.0 des BMWi aus Ihrer Sicht auf dem richtigen Weg oder was muss noch getan werden, um vor allem auch dem Mittelstand den Zugang zu Indus­trie 4.0 zu erleichtern? Oder: Was müssen Industrieunternehmen noch lernen? Sind Sicherheitsbedenken die größten Bremsklötze?

Dr. Bernhard Quendt, CTO der Siemens-Division Digital Factory, Nürnberg: Der Mittelstand sollte jetzt starten und nicht warten, bis der Wettbewerb zum Handeln zwingt.
Dr. Bernhard Quendt, CTO der Siemens-Division Digital Factory, Nürnberg: Der Mittelstand sollte jetzt starten und nicht warten, bis der Wettbewerb zum Handeln zwingt.
(Bild: Siemens, HESSE)

Dr. Bernhard Quendt: Wir begrüßen die Plattform Industrie 4.0, an der wir aktiv beteiligt sind, und bieten bereits heute erste Produkte und Lösungen an, die die Zielsetzungen von Industrie 4.0 erfüllen. Mit zunehmender Vernetzung und Digitalisierung nehmen aber die Anforderungen an die Sicherheit von Daten und Prozessen zu. Cybersecurity ist eine große Herausforderung und ein wichtiger Wettbewerbsfaktor in einer digitalisierten Wirtschaft. Sicherheit ist immens wichtig und unsere Kunden erwarten eine sichere Produktionstechnologie inklusive Datensicherheit. Mit dem ‚Defence in Depth‘ Konzept unterstützt Siemens Unternehmen dabei, ihre Security-Strategien zu überprüfen und wirksame Maßnahmen zu entwickeln.

Robert Wachendorff, Geschäftsführender Gesellschafter bei Wachendorff: In Richtung Industrie 4.0 zu gehen, bedarf es vieler kleiner, exakt aufeinander abgestimmter Schritte.
Robert Wachendorff, Geschäftsführender Gesellschafter bei Wachendorff: In Richtung Industrie 4.0 zu gehen, bedarf es vieler kleiner, exakt aufeinander abgestimmter Schritte.
(Bild: Wachendorff)

Robert Wachendorff: Der Ansatz und der Fortschritt bei grundsätzlichen Themen, die sich mit einer längerfristigen Zukunftsperspektive beschäftigen, sind im Generellen immer verbesserungsfähig. Allerdings maße ich mir nicht an, dort konkrete Vorschläge zu machen, dazu liest man in der Fachpresse zu Recht viele, auch konträre, Vorschläge von vielen kompetenten Fachleuten, die sich weit intensiver mit diesem Thema beschäftigt haben. Bei Industrie 4.0 gilt es meiner Meinung nach, wie bei vielen anderen Themen auch, die Intelligenz der Masse zu nutzen und die Erfahrungen Vieler zu bündeln, sich früh mit dem Thema auseinander zu setzen und mit ruhiger Hand die Aspekte umzusetzen, die den wirkungsvollsten Effekt in seinem eigenen Unternehmen bewirken. Bedenken sind dabei insofern wichtig, um mögliche Risiken zu erkennen; sie sind aber schädlich, wenn danach nicht daran gearbeitet wird das Risiko zu minimieren, sondern sie als Begründung für ‚nichts tun‘ verwendet werden. Wie bei allen Technologien und Philosophien gibt es Risiken und Chancen, in die wir uns begeben, um Fortschritt aktiv zu gestalten. Bezüglich Sicherheit und deren Konsequenzen muss man sich in allen Lebenslagen bewusst werden – hinsichtlich dem Thema Industrie 4.0 oder generell in der Automatisierung finden unsere Kunden in uns einen kompetenten Partner, der auf Risiken hinweist und pragmatische Lösungen anbietet.

Rahman Jamal, Global Technology & Marketing Director bei National Instruments: Deutschland hinkt in Bezug auf die Digitalisierung gefährlich weit hinterher.
Rahman Jamal, Global Technology & Marketing Director bei National Instruments: Deutschland hinkt in Bezug auf die Digitalisierung gefährlich weit hinterher.
(Bild: National Instruments)

Rahman Jamal: Industrie 4.0 ist ja kein brandneues Phänomen. Es ist im Grunde nichts anderes als die konsequente Fortsetzung von CIM. Dabei handelt es sich um das bereits in den 70er Jahren initiierte Konzept der computerintegrierten Fertigung, dessen Ziel eine durchgängige digitale Informationsverknüpfung, insbesondere in der Produktion war. Der Terminus Industrie 4.0 tauchte erstmalig auf der Hannover Messe 2011 auf. Doch handelt es sich nicht etwa um eine Revolution, wie es oft hieß, sondern eher um eine lang anhaltende Evolution. Sprich, an Industrie-4.0-fähigen Systemen wird schon lange gearbeitet. Diese müssen den KMUs nur vorgestellt werden. Nehmen wir beispielsweise die oben genannten IIC-Testbeds: Diese wurden initiiert, um Dinge auszuprobieren, zu ermitteln, was praxistauglich ist und was nicht, und die Ergebnisse der Öffentlichkeit bekannt zu geben. Laut dem BMWi zeigen zahlreiche Studien, dass solche Kenntnisse über die sich ergebenden Chancen und Geschäftsmöglichkeiten in der digitalisierten Welt beim Mittelstand jedoch noch nicht angekommen sind. Gefragt ist hier also ein Wissenstransfer, so wie er vom BMWi in den ‚Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren‘ für 2016 geplant ist. Dort soll dargestellt werden, wie sich die gezeigten Praxisbeispiele positiv auf ihr Geschäftsmodell auswirken. Zudem sollen interessierte Unternehmen Unterstützung bei Fragen der Digitalisierung, zu Sicherheitsaspekten und Anwendungen aus dem Bereich Industrie 4.0 erhalten. Wünschenswert wäre hier jedoch, dass der Fokus nicht nur auf Deutschland und Industrie 4.0 liegt, sondern dass auch internationale Kooperationen wie eben die IIC-Testbeds beleuchtet und gefördert werden. Denn das Thema Digitalisierung geht uns alle an – global. Unternehmen und Länder müssen alle an einem Strang ziehen, gemeinsam Standards und Architekturen entwickeln, statt dass jeder sein eigenes Süppchen kocht.

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Über den Autor

Dipl. -Ing. Ines Stotz

Dipl. -Ing. Ines Stotz

Fachredakteurin Automatisierung, Maschinenbau-Ingenieurin, Fachjournalistin seit 2001; Vogel Communications Group