Software-Entwicklung Fertiger fürchten digitale Disruption

Autor / Redakteur: Carlo Pacifico* / Stefan Guggenberger

Im Vergleich mit anderen Branchen wird immer klarer, dass die Fertigung noch nicht agil genug ist. Eine aktuelle Befragung unter 2.200 Fachleuten zeigt: Wo Nachholbedarf besteht, wie Unternehmen die digitale Transformation vorantreiben und dem Fachkräftemangel begegnen.

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In der Industrie ist Agilität mittlerweile zu einem zentralen Erfolgsfaktor geworden. Daraus ergeben sich für Fertiger viele Chancen, aber auch ein Digitalisierungsdruck.
In der Industrie ist Agilität mittlerweile zu einem zentralen Erfolgsfaktor geworden. Daraus ergeben sich für Fertiger viele Chancen, aber auch ein Digitalisierungsdruck.
(Bild: gemeinfrei // Pixabay)

Unternehmen, die bislang verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen sind, haben eines gemeinsam: Sie können flexibel auf neue Anforderungen reagieren – so ein Bericht von Out-Systems. Allerdings zeigt eine neue Untersuchung in Zusammenarbeit mit Deloitte, dass die Fertigungsbranche den aktuellen Herausforderungen nicht so gut gegenübersteht. Gerade im Vergleich zu anderen Branchen ist erkennbar, dass die Fertigung in puncto Agilität Nachholbedarf hat.

Über die Studie

Seit 2014 untersucht Out-Systems jährlich den aktuellen Stand der Applikationsentwicklung und die daraus resultierenden Herausforderungen für Unternehmen. Für die aktuellen Studien wurden weltweit über 2.200 Führungskräfte (IT und Business) aus den verschiedensten Branchen befragt – die Erstellung des Berichts für den erstmals untersuchten Fertigungssektor erfolgte mit Deloitte.

Agilität ist zu einem zentralen Faktor für Unternehmen geworden. An der Corona-Krise, die Unternehmen aller Branchen unter Druck setzt, lässt sich das exemplarisch aufzeigen. In der aktuellen Pandemie sehen sich Fertiger mit unterbrochenen Lieferketten und mit Kurzarbeit konfrontiert, was den ohnehin bereits bestehenden Digitalisierungsdruck weiter verschärft.

Fertiger fürchten digitale Konkurrenz

Als größte Risiken nannten die für die Untersuchung befragten Fertigungsunternehmen: Gefahr einer Rezession (78 Prozent), veränderte Kundenpräferenzen (78 Prozent), disruptive regulatorische Veränderungen (84 Prozent) sowie die digitale Disruption durch einen etablierten Wettbewerber (81 Prozent).

Die Gefahr einer Disruption durch neue Wettbewerber wie in anderen Branchen besteht für Fertiger weniger. Denn ihre Produkte und Fertigungsprozesse sind häufig derart spezialisiert, dass das Auftreten eines neuen Spielers, der quasi aus dem Nichts eine ähnliche Qualität liefern kann, eher unwahrscheinlich ist. Vielmehr fürchten sie, dass etablierte Mitbewerber, die über ähnlich spezialisierte Kompetenzen verfügen, Produkte deutlich effizienter und kostengünstiger herstellen können – etwa durch den Einsatz smarter Fertigungstechnologie.

Die größten Sorgen in der Fertigungsbranche.
Die größten Sorgen in der Fertigungsbranche.
(Bild: OutSystems)

Evolution, nicht Revolution

Nicht verwunderlich ist es, dass sich diese Situation auch in den Prioritäten der Befragten widerspiegelt: Als Hauptziel nannten sie die Senkung von Kosten und die Steigerung der Effizienz (22 Prozent), um damit gegen die Konkurrenz durch wirtschaftlichere Mitbewerber gewappnet zu sein.

Für die Unternehmen stellt sich die Frage, wie sie die eigenen Herstellungsprozesse so beschleunigen können, dass sie selbst konkurrenzfähig bleiben. Allerdings agieren sie dabei in anderen Zeitdimensionen als andere Branchen, denn einschneidende Veränderungen in diesem Sektor benötigen Zeit: Maschinenparks sind in aller Regel auf zehn bis zwanzig Jahre ausgelegt. Fertiger setzen daher auf Evolution statt auf Revolution.

Erleichterungen am Fließband: Software-Entwicklung in der Fertigung

Mit modernen Low-Code-Plattformen können Unternehmen die Anwendungsentwicklung – und damit auch ihre digitale Transformation deutlich beschleunigen:

  • Statt über herkömmliche Kodierung können Fachleute – Software-Entwickler ebenso wie versierte Geschäftsanwender – Applikationen über eine intuitive, visuelle Benutzeroberfläche erstellen. So entsteht echter, auf Standards basierender Software-Code, den Entwickler bei Bedarf auf Codezeilen-Ebene anpassen können. Die Bandbreite der unterstützten Unternehmensanwendungen reicht von geschäftskritischen Lösungen, die ERP- und CRM-Systeme ersetzen, über mobile und Web-Apps für interne Prozesse bis hin zur vorausschauenden Wartung.
  • In diesem Kontext spielt auch die Frage eine Rolle, wie sich Mitarbeiter in die Entwicklung involvieren lassen, die keine ausgebildeten Software-Entwickler sind. Wie verschiedene Beispiele belegen, gibt es für neue Out-Systems-Entwickler eine schnelle Lernkurve – und dadurch geringe Schulungskosten: Selbst IT-Mitarbeiter ohne jegliche Programmierkenntnisse lernen innerhalb einer Woche, eine elementare Applikation zu entwickeln.

Zentraler Faktor: neue Software-Komponenten

Die wichtigsten Ziele der Fertigungsbranche.
Die wichtigsten Ziele der Fertigungsbranche.
(Bild: OutSystems)

Zur Erreichung der gesteckten Ziele – der Senkung von Kosten und die Steigerung der eigenen Effizienz – besteht ein hoher Bedarf an Entwicklung von Software-Komponenten. So wollen knapp die Hälfte der befragten Fertigungsunternehmen in der kommenden Zeit zehn oder mehr neue Anwendungen erstellen. Bei knapp einem Drittel (31 Prozent) liegt die Zahl der geplanten Applikationen sogar noch höher: Sie wollen 25 oder mehr Anwendungen liefern.

Um ihre Industrie-4.0-Bestrebungen zu realisieren, müssen Fertiger allerdings oft auf einem noch recht elementaren Level beginnen. Denn häufig ist der benötigte ‚digitale Grundstock‘ noch gar nicht vorhanden. Um das zu ändern, sind Teams mit qualifizierten Entwicklern notwendig. Jedoch besteht gerade hier die größte Schwierigkeit: Gerade einmal ein Zehntel der befragten Fertiger beschrieb die Suche nach qualifizierter Verstärkung als „einfach“ oder „sehr einfach“.

Agilität steigern, Digitalisierung vorantreiben

So gewinnt die Steigerung der unternehmensinternen Agilität gerade für Industrieunternehmen besondere Brisanz. Es zeigt sich, dass Hersteller, als Antwort auf diese Herausforderungen und um resilienter zu werden, neue Strategien und Abläufe benötigen. Um im Digitalisierungsrennen nicht das Nachsehen zu haben, sollten Industrieunternehmen daher jetzt die entscheidenden Grundlagen schaffen: Sie sollten zum einen in die Digitalisierung der eigenen Werkshallen sowie in Workflow-Automatisierung – wie Logistik-Tracking in Echtzeit, prädiktive und präskriptive Wartung – investieren. Zum anderen sollten sie mit fortschrittlichen Technologien – wie Predictive Maintenance, IoT, digitalen Zwillingen und maschinellem Lernen – für eine höchstmögliche Effizienz in ihren Fertigungsprozessen sorgen.

Diese Basis ist im steigenden Wettbewerb von besonderer Brisanz, auch um die so dringend benötigten IT-Fachkräfte auf Dauer nicht an scheinbar innovativere Arbeitgeber aus agileren Branchen zu verlieren – und um die Grundlagen für Wachstum zu schaffen.

* Carlo Pacifico arbeitet als Regional Vice President Central Europe bei Out-Systems.

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