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Die dritte Dimension

Experten-Roundtable: AR, VR und MR im Maschinenbau

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Runde zeigt sich jedoch skeptisch: „Force Feedback auf den Fingerkuppen reicht nicht aus, wenn der User nicht auch am Arm spürt, wenn er gegen eine Wand stößt.“ Er erwähnt vom Nutzer geführte Gelenkarmsysteme, die im Falle eines haptischen Konflikts eine Kraftrückkopplung bewirken, sowie Exoskelette, wie sie derzeit für VR-Spiele auf den Markt kommen. „Ich kann mir vorstellen, dass das auch für uns eines Tages nutzbar wird“, meint Wratschko, „dann wäre der Mock-up-Bau wirklich nicht mehr State-of-the-Art.“

AR/MR lebt von der Datenbasis

Die große Begeisterung für Augmented- und Mixed-Reality-Anwendungen, die er seit der Interpack 2017 bei seinen Kunden verzeichnet, ist für Wratschko zwar sehr erfreulich, dennoch warnt er: „Das Thema ist komplexer, als sich viele das vorstellen. Es reicht nicht, sich einfach eine AR-Brille anzuschaffen. Zunächst muss die Datenbasis vorhanden sein.“ Wenn es Kunden „gefühlt zu komplex“ werde, unterstütze Optima gerne. Ohne die notwendigen Daten wie beispielsweise Stücklisten, 3D-Modelle, Wartungspläne, Datenblätter und Einbauanleitungen könne eine Brille wie die HoloLens zumindest genutzt werden, um bei Instandhaltungsmaßnahmen remote zu unterstützen: „Unser Servicetechniker kann dann quasi mit den Augen des Kunden, der die Brille trägt, auf die Anlage sehen“, erläutert der Gruppenleiter, „für einige ist das eine schöne Einstiegsanwendung.“

Dr. Christoph Runde, VDC Fellbach: „Es darf nicht passieren, dass ein Anwender künftig fünf AR-Brillen vorhalten muss, weil er Maschinen von fünf verschiedenen Maschinenbauern betreibt.“
Dr. Christoph Runde, VDC Fellbach: „Es darf nicht passieren, dass ein Anwender künftig fünf AR-Brillen vorhalten muss, weil er Maschinen von fünf verschiedenen Maschinenbauern betreibt.“
( Bild: Jürgen Weller Fotografie )

Für weitere Nutzungsmöglichkeiten unterstützt eine spezielle IT-Abteilung bei Optima. Sie übernimmt die Datenaufbereitung und stellt das gesamte Back-End zur Verfügung, damit es der User über Tablet oder HoloLens verwenden kann. Auch Dokumente des Kunden können eingebunden werden. Sanwald bestärkt: „Es gibt für den Kunden nichts Schöneres, als seine bereits erstellten Wartungspläne in unserem Total Care-Produkt TCAM eingebunden wiederzufinden.“

An einer Anpassung dieser Daten für die Anwendung auf dem AR-Front-End komme man jedoch nicht herum – ganze PDF-Seiten in das Sichtfeld eines HoloLens-Trägers einzublenden sei nicht sinnvoll. Dr. Runde rät zu einfachen Dialogen oder Piktogrammen: „Man kann sich an Bereichen wie Blended Learning oder auch Responsive Webdesign orientieren. Auch für das Navigieren, zum Beispiel über Sprachsteuerung, müssen die Applikationen angepasst werden. Allgemein ist die Vorbereitung des Backends eine Baustelle, die dringend angegangen werden muss“.

Mit VR Maschinen im Reinraum "zerpflücken"

Ein weiteres wichtiges Anwendungsfeld für VR- und AR-Methoden ist die Schulung. Alexander Hermann, Training Manager bei Optima Pharma, urteilt: „Das Wichtigste für mich als Lehrender ist Anschaulichkeit – und die ist im VR Center gegeben.“ Doch er weist auch darauf hin, dass es mit dem Vorhandensein einer Powerwall nicht getan ist. Wie bei jeder Form von Schulung sei die Aufbereitung der Inhalte entscheidend. Der rote Faden, und damit ein Konzept, sei wichtig, das unterschiedliche Medien und Möglichkeiten einbeziehen kann. Dies müsse unterschiedlichen Lern-Leveln und selbstverständlich auch den verschiedenen Zielgruppen wie Operator, Validierer und Maintenance-Mitarbeiter gerecht werden. „Durch die Einbeziehung der VR-Techniken ergeben sich tolle Möglichkeiten; wir haben hier einfach ein Werkzeug mehr zur Verfügung“, so Herrmann.

In der ersten Phase gehe es um Terminologien und technisches Verständnis. In weiteren Phasen könne das VR-Center auch genutzt werden, um mit den Lernenden zusammen kurze Videos zu erstellen, die sich dann in die Power-Point Schulungsunterlagen integrieren lassen. „Allein mit VR/AR lässt sich jedoch keine Dreitagesschulung gestalten. Nach zwei Stunden ist der Aha-Effekt weg – und länger kann man eine 3D-Brille am Stück auch fast nicht tragen. Dann schaltet man besser in den 2D-Modus.“ Hermann sieht auch Möglichkeiten, den besonderen Herausforderungen von Reinraumanwendungen zu begegnen. „Dort kann ich ja nicht zu Schulungszwecken einfach mal rein und die Maschine auseinander pflücken. Daher habe ich die Bediener einer solchen Reinraumanlage, die bereits in Betrieb ist, in das VR Center eingeladen. Mal sehen, was da passiert“, meint Herrmann gespannt.

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