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eco-Umfrage Europa: Digitale Souveränität sieht anders aus

| Redakteur: Jürgen Schreier

Nach einer aktuellen Umfrage des eco-Verbandes sehen IT-Experten eine starke Abhängigkeit von außereuropäischen Technologien und Services, z.B. bei Cloud-Diensten. Braucht Europa deshalb ein eigenes digitales Ökosystem, um die Hoheit über seine Daten zu behalten?

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Die vom eco-Verband befragten IT-Fachleute wollen mehr Rechenzentrumskapazitäten in Europa.
Die vom eco-Verband befragten IT-Fachleute wollen mehr Rechenzentrumskapazitäten in Europa.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Wie souverän ist Europa? Um die politische Souveränität der EU ist es Moment nicht gut bestellt. Seit die Corona-Pandemie den alten Kontinent erreichte, ist "Brüssel" ziemlich abgemeldet. Die Nationalstaaten haben das "Heft des Handelns" an sich gerissen, um dann ohne Abstimmung mit den EU-Institutionen, ja nicht einmal mit den Nachbarstaaten, über über Wochen hin ihr eigenes Süppchen zu kochen.

Doch das ist aber beileibe noch nicht alles. Auch in digitaler Hinsicht ist Europa nur sehr eingeschränkt souverän. Geht man ein paar Minuten in sich und überdenkt die eigenen Nutzergewohnheiten im Internet, wird man schnell zu dem Schluss kommen, das man gegoogelt, gefacebookt oder getwittert hat, Hinter all diesen tollen Diensten, die unser Leben schöner und farbiger und ein großartige Nutzerfahrung bieten, stecken Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley -. und die wollen hauptsächlich eines eines - nein, nicht unser Glück -, sondern unsere Daten, um die wiederum zu Geld zu machen.

Der Markt für Daten - Gibt's den überhaupt?

Im Zeitalter von Big Data, Analytics und KI ist das erst einmal nichts Böses. Denn wer kein Geld verdient und keinen Gewinn macht, ist bei seinen Shareholdern schnell unten durch. Denn der Gewinn bzw. des Maximierung sind im Kapitalismus systemrelevant, um einen Begriff aus diesen Tagen aufzugreifen.

Doch wird die Sache dann problematisch, wenn die Tekkies, um jeden einzelnen einen "eisernen Käfig" bauen, um letztlich das Nutzerverhalten gewinnbringend zu steuern, wie die emeritierte Harvard-Professorin Shoshana Zuboff in ihrem Buch "The Age of Surveillance Capitalism" plastisch beschreibt.

Hinzu kommt, dass die Dominanz weniger großer Silicon-Valley-Unternehmen zu einer starken Oligopolisierung auf Märkten geführt hat. Auf diesen Aspekt weisen unter anderem Volker Meyer-Schönberger und Thomas Ramge ("Reinventing Capitalism in the Age of Big Data") hin und stellen Überlegungen an, wie der Wettbewerb mithilfe einer stärkeren Demokratisierung von Daten gestärkt werden könnte.

Sogar in den USA, wo man in Kreisen von Trumps Republikanern eher dem Laissez-faire-Kapitalismus huldigt, scheint der Konsens zu wachsen, dass die Tech-Giganten zu viel Marktmacht besitzen. Folglich dürfte es nicht unwahrscheinlich sein, dass sich die US-Wettbewerbsbehörde FTC die "Großen" - also Amazon, Apple, Google und abermals Facebook – "vorknöpfen" wird. Ob es aber zu der immer geforderten "Zerschlagung" einzelner Tech.Konzerne kommt, scheint jedoch eher unwahrscheinlich.

Dystopie Überwachungsstaat

Das Gegenstück zum "Surveillance Capitalism" amerikanischer Prägung bildet der "Surveillance Communism" in China. Dort arbeitet man seit Jahren mit Hochdruck, daran, ein totales Überwachungsnetz zu etablieren , in dessen Mittelpunkt ein datenbasiertes Social-Scoring-System steht..

Hierbei verschmelzen alle Datenströme der Wirtschaft und der Politik zu einer einzigen Symbiose, einem einzigen Überwachungssystem, das Bürgern laufend Punkte für ihr Verhalten gibt. Wer "konform" (mit dem politischen System) ist, wird belohnt – wer nicht, der wird bestraft.

Auch in Sachen Gesichtserkennung dürfte China mittlerweile führend sein. So sind beispielsweise Mobilfunkanbieter in China dazu verpflichtet, die Gesichter ihrer Kunden bei Abschluss eines Handyvertrages zu scannen. Die offizielle Begründung für die Verschärfung lautet, die Cybersicherheit zu erhöhen und Internetbetrug zu reduzieren.

Allerdings - das sollte man ehrlicherweise nicht verschweigen - ist Meinung der Chinesen selbst zum Gesichtsscan durch den Mobilkfunkbetreiber einem Bericht der Plattform netzpolitik.org recht uneinheitlich. Manche Blogger auf der beliebten Seite Sina Weibo halten die Maßnahme für gerechtfertigt, um Betrügereien zu verhindern, andere äußerten Bedenken hinsichtlich der Verfügbarkeit von personenbezogenen Daten für die Regierung.

Ein dritter Weg für Europa?

Datenkapitalismus auf amerikanische Art oder ein Big-Data-basierter Überwachungstaat wie in China? Oder doch ein dritter Weg? Diese Fragen gilt es zu beantworten, schließlich stehen datenhungrige Technologien wie künstliche Intelligenz und Machine Learning in den Startlöcher. Und die begnügen sich nicht immer (nur) mit Sensor- und Maschinendaten.

Dabei macht gerade die aktuelle Coronakrise deutlich, wie abhängig man hierzulande von IT-Produkten und IT-Services außereuropäischen Anbieter ist.. So organisieren viele im Homeoffice Arbeitenden ihre Arbeits- und Abstimmungsprozesse mithilfe digitaler Tools und Technologien, die nur in seltenen Fällen ihre Kinderstube in Europa hatten.

Allein die rapide Zunahme von Online-Videoferenzen hat dem dem US-Plattformbetreiber Zoom nicht nur mächtig Traffic beschert, sondern laut Bloomberg ein Kursfeuerwerk an der Börse beschert und dem Firmengründer Eric Yuan einen Zuwachs des Nettovermögens um 112 Prozent innerhalb kurzer Zeit..

EU hostet nur vier Prozent der weltweiten Daten

Wie eine heute veröffentlichte Blitzumfrage des eco-Verbandes zeigt, setzen die Unternehmen nicht nur zur Bewältigung der Corona-Herausforderungen stark auf Dienste von Anbietern außerhalb Europas. Ein Großteil der IT-Experten in Deutschland bewertet diese Abhängigkeit als zu hoch – etwa bei Endgeräten (32,3 Prozent), Bürosoftware (31,7 Prozent), Netzwerk-Software (30,9 Prozent) und verschiedenen Cloud-Services (zwischen 20,4 und 26,6 Prozent).

„Sichere und verlässliche digitale Infrastrukturen in Europa, wie beispielsweise Rechenzentren und Cloud-Dienste, sind die Grundvoraussetzung für digitale Souveränität“, ist Béla Waldhauser, Sprecher der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland, überzeugt.

Derzeit würden aber nur vier Prozent aller weltweit verfügbaren Daten in der EU gehostet, so Waldhauser weiter. Besonders in Deutschland liege das daran, dass die Rahmenbedingungen für Infrastruktur-Betreiber im internationalen Vergleich schlecht und wenig wettbewerbsfreundlich seien, beispielsweise zu hohe Stromkosten für Rechenzentren und zu komplizierte und langwierige Genehmigungsverfahren.

Unabhängige Cloud-Services und offene Standards fördern

Unternehmen und Institutionen in Deutschland hätten jedoch ein großes Bedürfnis die eigene Digitalisierung selbstbestimmt gestalten, sagt Andreas Weiss, Geschäftsbereichsleiter digitale Geschäftsmodelle im eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. „Dafür brauchen IT-Entscheider die Freiheit, IT-Ressourcen nach europäischen Standards zu beziehen und nutzen zu können“, sagt Weiss. Er fordert, offene Standards für Schnittstellen ebenso stärker zu fördern wie offene Quellcodes und das Prinzip der Datensouveränität zu unterstützen.

Diese Forderung teilt jeder zweite IT-Experte in Deutschland. Offene Standards für besseren Datenaustausch wünschen sich 52 Prozent der 500 von Civey befragten IT-Experten.* Denn diese fehlen oder sollten stärker ausgebaut werden, damit das eigene Unternehmen digital souveräner handeln kann, sagen 45,8 Prozent der Befragten. Mehr Rechenzentrums-Leistungen aus Deutschland wünschen sich 24,5 Prozent, mehr europäische IT-Anbieter am Markt 23,1 Prozent.

"Europa braucht mehr eigene Innovation in Zukunftstechnologien. In vielen Bereichen, beispielsweise bei Elektromobilität, Robotik, Telekommunikation, Social Media und in der Cloud hat Europa entweder nie eine führende Rolle erlangt oder wird von anderen Regionen nach hinten durchgereicht. Damit hängt unser Wirtschaftsraum letztlich am Tropf ausländischer Technologielieferanten. Und auch politisch werden wir diese Abhängigkeit zu spüren bekommen, wie der Handelsstreit mit den USA erahnen lässt", meint Henrik Hasenkamp, CEO des deutschen Cloud-Anbieters gridscale.

GAIA-X soll digitale Souveränität steigern

Große Erwartungen hat die Branche dabei an das Cloud-Projekt GAIA-X, das Datensouveränität, Datenverfügbarkeit und Innovation anstrebt. „Mit GAIA-X startet Europa ein ambitioniertes Projekt für sichere, verteilte und souveräne europäische Dateninfrastruktur“, sagt Weiss. Mit Bezug auf die EU Datenstrategie werden abgestimmte eco Systeme für Infrastruktur- und Datendienste etabliert und den Anwendern eine große Auswahl an GAIA-X konformen Diensten nach einheitlichen Standards bereitgestellt.

"Wir müssen die Cloud als Infrastruktur für die digitale Ökonomie und Gesellschaft begreifen. GAIA-X will der Idee des Netzwerks und der Kooperation Geltung verschaffen in der Cloud.", so EuroCloud-Vorstand Thomas Noglik.

Dabei solle GAIA-X kein neues Amazon oder Google, keine europäische Kopie, die den amerikanischen oder chinesischen Cloud-Anbietern Konkurrenz macht, werden, so Noglik weiter. Die Initiative GAIA-X wolle vielmehr gemeinsame Regeln und Standards für eine Dateninfrastruktur in Europa schaffen - und, wo nötig, offene technische Lösungen entwickeln, um diese Standards umzusetzen. Noglik: "An diesem Ökosystem können sich nicht nur Cloud- und Edge-Anbieter aus der EU beteiligen, sondern auch Provider aus Übersee und Fernost, sofern sie sich den gemeinsamen Regeln anschließen."

Und das ist mittlerweile auch der Fall. Zu den rund 60 bisher beteiligten Firmen und Organisationen gehören neben der Deutschen Telekom, 1&1 Ionos, SAP, BMW, Arvato Bertelsmann, Bosch, QSC, ENBW, Red Hat und Secunet auch die amerikanischen Cloud-Computing-Platzhirsche AWS, Google, IBM und Microsoft.

GAIA-X ist kein Closed Shop

Doch wie GAIA-X funktionieren? "In diesem technischen Ökosystem sollen EU-Bürger, Unternehmen und Behörden erstens immer die Hoheit über ihre Daten behalten. Der Datenaustausch zwischen Geschäftspartnern oder zwischen Bürgern und Plattformen muss sicher, datenschutzkonform und denselben Regeln für alle folgen. Zweitens sollen Nutzer Datendienste im GAIA-X-Netzwerk freier miteinander kombinieren und verknüpfen können. Dann wären auch, anders als heute, Aufwand und Risiken eines Anbieterwechsels überschaubar. Drittens soll GAIA-X den technischen Wettbewerb um digitale Lösungen in Europa stärken. Wir brauchen einen Markt, der nicht zwangsläufig auf wenige Monopole hinausläuft, sondern eine breite Vielfalt an Innovation hervorbringt, und zwar von mehr als einer Hand voll Anbietern", erläutert EuroCloud-Vorstand Thomas Noglik.

Doch ob GAIA-X ein Erfolg wird nicht natürlich davon abhängen, wie sich ein eigenes europäisches Daten-Ökosystem im freien Markt behaupten kann. "Es geht am Ende um Geschäftsnutzen für den Kunden. Die Frage ist also, gelingt es uns, die angedachten Dienste in einer Geschwindigkeit und Qualität bereitzustellen, die für Kunden in Europa wirklichen Nutzen schafft. Im Unterschied etwa zum Datenschutz geht es bei GAIA-X ja nicht um Gesetze und Verbote, sondern um ein Netzwerk konkreter Services, die Bürger, Unternehmen und Behörden einsetzen", so Henrik Hasenkamp von gridscale.

Das Projekt GAIA-X

GAIA-X soll Innovation in Europa fördern und die datenbasierte Wirtschaft stärken. Die unter GAIA-X versammelten Cloud- und Edge-Dienste unterstützen digitale Geschäftsmodelle aus Europa, die auf dieser Infrastruktur weltweit wettbewerbsfähig wachsen.

Das Lösungskonzept von GAIA-X beruht auf zentralen technischen Anforderungen an eine Architektur einer vernetzten, offenen Dateninfrastruktur:

1. Datensouveränität im Sinne einer vollständigen Kontrolle über gespeicherte und verarbeitete Daten sowie die unabhängige Entscheidung darüber, wer darauf zugreifen darf.

2. Einsatz nachvollziehbar sicherer, offener Technologien, u.a. durch Einsatz von Open Source Grundsätzen, in einem offenen Ökosystem.

3. Dezentrale bzw. verteilte Datenverarbeitung über Multi-Edge, Multi-Cloud oder Edge-to-Cloud Verarbeitung für die Gewinnung von Verbundvorteilen.

4. Interoperabilität sowohl hinsichtlich technischer und semantischer Standards als auch im Sinne einer Interkonnektivität auf Netzwerk-, Daten- und Dienstebene zwischen Edge- oder Cloudinstanzen.

5. Unabhängige und automatisierbare Zertifizierung und Kontrahierung eines Teilnehmers am GAIA-X-Ökosystem bzgl. der Einhaltung des GAIA-X-Regelwerkes hinsichtlich IT-Sicherheit, Datensouveränität, Service Levels und Rahmenverträgen.

6. Bereitstellung zentraler Dienste, die das Ökosystem für einen sicheren und anwendungsfreundlichen Betrieb benötigt (z. B. Authentifizierung).

7. Selbstbeschreibende GAIA-X-Knoten zur Förderung der Transparenz, aber auch zur Schaffung neuer Geschäfts- und Anwendungsmodelle teilnehmerübergreifend (z. B. Daten- oder Dienstvermittlung).

Broschüre zu GAIA-X

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