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Interview mit Rami Avidan, Leitung Geschäftsbereich IoT bei T-Systems „Es ist unsere Strategie, der Orchestrator dieses IoT-Ökosystems zu werden“

Redakteur: Sebastian Human

Je weniger es um Fragen der technischen Machbarkeit geht, desto wichtiger werden das Verständnis für echte Kundenbedürfnisse und eine zukunftsfähige Strategie für das eigene Geschäftsmodell. Wir haben uns mit Rami Avidan über seine Vision für das IoT-Geschäft der Deutschen Telekom unterhalten.

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Mit ihrem IoT-Hub, der diese Woche im Rahmen der Digitalkonferenz DIGITAL X DIGITAL EDITION präsentiert wird, will die Deutsche Telekom hoch hinaus.
Mit ihrem IoT-Hub, der diese Woche im Rahmen der Digitalkonferenz DIGITAL X DIGITAL EDITION präsentiert wird, will die Deutsche Telekom hoch hinaus.
(Bild: Deutsche Telekom AG)

Das Thema Internet of Things genießt auch bei der Deutschen Telekom hohe Priorität und so verkündeten die Bonner im April 2019 mit einiger Begeisterung, dass die Unternehmenstochter T-Systems Rami Avidan für die Leitung des Geschäftsbereichs Internet der Dinge gewinnen konnte. Zuvor verantwortete er als CEO von Tele2 unter anderem den Aufbau des dortigen Geschäftsbereichs IoT.

Die Corona-Pandemie konfrontiert den in Stockholm lebenden Manager nicht nur mit der Notwendigkeit einer zweiwöchigen Quarantäne, sollte er momentan nach Deutschland einreisen wollen, sondern auch mit der Herausforderung, das IoT-Geschäft der Telekom „remote“ voranzutreiben. Zusätzlich muss er, wie viele andere Führungskräfte in diesen Tagen auch, sein Team aus dem Homeoffice koordinieren, was nach seinen Angaben aber außerordentlich gut funktioniert – und keinesfalls selbstverständlich ist.

Wir haben uns mit ihm zum Videochat getroffen. Ein Gespräch über deutsche Gründlichkeit, den Status quo und die Erwartungen in Sachen Industrial IoT sowie das neue Projekt der Telekom namens IoT-Hub.

Herr Avidan, das IoT ist ein wichtiger Pfeiler für die Digitale Transformation – auch in der Industrie. Wie weit deutsche Unternehmen in diesem Prozess sind, wird aktuell ambivalent bewertet. Wo stehen wir Ihrer Meinung nach auf diesem Weg?

Ich denke - und ich versuche wirklich, nicht zu dramatisch zu klingen - hier müssen wir zwischen einer Vor- und einer Nach-Corona-Zeit unterscheiden. Die Situation vor Corona war nicht wirklich gut für Deutschland. Nur 20 Prozent der Industrieunternehmen hatten die Digitalisierung auf ihrer Agenda, nur 50 Prozent hatten IoT-Lösungen bereitgestellt und das in einem eher kleinen Rahmen.
Spulen wir nun nur fünf Monate vor: Wir beobachten, dass die momentane Situation einen enormen Einfluss auf unsere Kundendialoge hat. Nun haben auf einmal nahezu 100 Prozent der Unternehmen digitale Themen auf ihrer Tagesordnung. Ganz oben hier: das IoT. Wir sehen hier also eine unglaubliche Entwicklung.

Das führt zwar noch nicht direkt zu unmittelbaren Geschäften, denn die Deutschen brauchen manchmal einfach etwas länger, um bei diesen Tech-Themen in Schwung zu kommen. Wenn sie aber einmal Fahrt aufgenommen haben, bewegen sie sich so schnell und zielgerichtet wie kaum jemand sonst.
Meine Prognose ist, dass wir einen raschen Wandel erleben werden. Corona führt zu einer massiven Beschleunigung der Digitalisierung. Etwas Vergleichbares haben wir hier zum Beispiel bei der Umstellung der Verkaufsmodelle der Automobilhersteller gesehen. Ich glaube, Ihre Leserinnen und Leser müssen sich daher keine Sorgen um die Zukunft machen.

Das Industrial Internet of Things macht diese Zukunft, also Industrie 4.0, erst möglich. Welche der zahlreichen technologischen Bestandteile sind schon heute flächendeckend im Einsatz?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich die Industrie-4.0-Revolution genauer ansehen. Was bereits seit geraumer Zeit zum Einsatz kommt, sind Track-and-Trace-Systeme, zum Beispiel in der Logistik. Was wir nun gerade erleben, und das ist neu, ist dass diese Daten mit Daten aus Produktionsstätten kombiniert werden. Das ermöglicht eine ganzheitliche Sicht auf die gesamte Lieferkette.

Wichtiger aber als eine einzelne Technologie ist das geplante Einsatzszenario beziehungsweise der Effekt, den man erzielen möchte. Schließlich liegen jeder IoT-Lösung etwa 20 Technologien zugrunde. Statt Daten beispielsweise in Silos zu speichern, muss es unser Ziel sein, sie zusammenzubringen.

Aber sehen Sie diese Entwicklung bereits wirklich stattfinden? Oder handelt es sich dabei noch immer mehr um Zukunftsmusik?

Nein, das erleben wir auf jeden Fall bereits im Praxisalltag. Und auch die Deutsche Telekom setzt stark darauf, dass diese Entwicklung so weitergeht. Wir investieren gerade wirklich hohe Beträge in den IoT-Sektor. Und das würden wir sicher nicht tun, wenn wir von dessen Potenzial nicht überzeugt wären.

Und erfüllen diese Entwicklungen bereits die Erwartungshaltungen der Unternehmen? Wo ist vielleicht noch Luft nach oben?

Auch das ist stark vom anvisierten Ziel abhängig. Viele der Lösungen, die bereits eingesetzt werden, liefern genau das, was von ihnen erwartet wird. Andere Möglichkeiten sind hingegen noch nicht so weit – weder technologisch noch, was die finanziellen Erwartungen an sie betrifft. Daher sind manche Unternehmen auch noch immer etwas skeptisch bei entsprechenden Investitionen.

An einem Telco-Beispiel lässt sich das vielleicht verdeutlichen. Die Art und Weise, wie die Telco-Welt aufgebaut ist, ist nämlich eigentlich ziemlich altmodisch: Viele der hier geschlossenen Verträge sind auf ein Jahr begrenzt. Die durchschnittliche Einsatzdauer eines IoT-Assets beträgt sieben bis acht Jahre. Diese Assets setzen wir weltweit ein und haben aber nur einen Einjahresvertrag für die Connectivity im Hintergrund. In der Realität ist es zwar so, dass 99,9 Prozent dieser Verträge nach diesem Zeitraum verlängert werden, dennoch zeigt uns die Zurückhaltung bei den Vertragsabschlüssen, dass die alte Welt noch nicht bereit für das IoT ist. Und genau hier wollen wir mit unserem IoT-Hub ansetzen.

Welche Rolle spielt die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit, also Ökosysteme, auf dem Weg zum IoT-basierten Geschäftserfolg und warum ist das so?

Rami Avidan verantwortet seit April 2019 die Leitung des Geschäftsbereichs Internet der Dinge bei der Telekom-Tochter T-Systems.
Rami Avidan verantwortet seit April 2019 die Leitung des Geschäftsbereichs Internet der Dinge bei der Telekom-Tochter T-Systems.
(Bild: Deutsche Telekom AG)

Ich kenne keinen Akteur auf der Welt, der eine End-to-End-IoT-Lösung anbieten kann. Kein Microsoft, Google, Apple, Samsung, AWS, Oracle, auch nicht die Deutsche Telekom oder ein anderes Unternehmen. Schließlich braucht man einen Chipsatz, der wiederum in ein Modul integriert werden muss, das wiederum in einem Gerät verbaut werden muss, das dann mit dem Sensor kommuniziert und dabei eine Art von Connectivity benötigt. Die Daten werden dann wieder in einem Data-Warehouse oder ähnlichem gespeichert, man nutzt Analytics und IoT-Softwareanwendungen und so weiter. Das Ökosystem existiert also bereits und eine gute Zusammenarbeit in diesem ist eine unbedingte Notwendigkeit, um dem Kunden die gewünschte End-to-End-Lösung in der von ihm erwarteten Qualität bieten zu können. Aus diesem Grund ist es unsere Strategie, der Orchestrator dieses IoT-Ökosystems zu werden.

Unser Glaube daran, dass wir das schaffen können, resultiert aus unseren Schlüsselqualitäten: unserer Fokussierung auf Sicherheit, Zuverlässigkeit, Servicequalität, Ethik/Moral, Kundenwerte und auch unseren guten Ruf und das Vertrauen, das unsere Kunden in uns setzen. Und wir greifen auch auf frühere Erfahrungen zurück, wenn es darum geht, wie wir an den Markt herantreten. In der Vergangenheit haben wir zum Beispiel versucht, vertikale Lösungen zu bauen. Und, wenn ich ehrlich sein darf, das hat nicht gut funktioniert. Denn dafür sind wir einfach nicht geschaffen.

Was wir hingegen gut können, ist, für unsere Partner horizontale Möglichkeiten zu schaffen, auf denen Experten dann vertikale Lösungen aufsetzen können. Und genau hierauf konzentrieren wir uns jetzt. Wir wollen ein Plattform-Player werden.

Daher stellt die Deutsche Telekom morgen im Rahmen der Digitalkonferenz DIGITAL X DIGITAL EDITION vermutlich auch ihr Projekt, den IoT-Hub, vor. Was hat es damit genau auf sich, was soll es leisten und woran könnte es scheitern?

Zuallererst soll es die Komplexität des Themas und damit die Hürden, denen sich manche Unternehmen gegenübersehen, reduzieren. Unser Ziel ist es dabei, den Einstieg und auch die Arbeit mit einem stetig heterogener werdenden IoT-Ökosystem so einfach wie möglich zu machen. Hierbei setzten wir auf Transparenz, Standards und offene Schnittstellen. Während des Betriebs vereinfachen standardisierte Schnittstellen die Kommunikation. Unterschiedliche IoT-Ökosysteme greifen Hand in Hand. Genauso gilt das für alle wichtigen Clouds, Protokolle und Technologien. Schlussendlich sind die Betriebsdaten überall dort verfügbar, wo die Nutzer sie brauchen. Sei es auf einem integrierten Dashboard, in den Systemen oder auf Desktops. In der Vergangenheit hatten wir so viele gute Stand-alone-Lösungen, doch am Ende des Tages waren es eben Stand-alone Lösungen mit Betonung auf „stand-alone“. Im IoT-Hub wollen wir Konnektivität, Geräte, Cloud-Dienste und Lösungen für die Datenanalyse vereinen. Und genau hier haben wir den Wettbewerbern etwas voraus. Bei AWS bekommst du heute zum Beispiel Einblicke in deine Daten, aber du erhältst keine detaillierten Informationen zu deinen Geräten oder über die Connectivity-Bestandteile, denn diese Infos liegen in einem separaten System.

Mit unserem Ansatz wollen wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Wir wollen unseren Kunden die Implementierung entsprechender Technologien erleichtern und das bei gleichzeitig deutlich reduzierten Preisen für den Betrieb der jeweiligen Assets. Und ganz nebenbei werden wir zum Orchestrator, der wir sein wollen, indem wir diese Infrastruktur harmonisieren.
Ich bin einfach so sehr davon überzeugt, dass das hier und jetzt genau der richtige Weg für uns ist. Es ist das Richtige für unsere Partner und schlussendlich für das gesamte IoT-Ökosystem. Ich weiß nicht, wie das schiefgehen soll.

All diese Ausführungen illustrieren sehr schön, warum Sie das IoT nicht als eine Technologie, sondern eher als eine Art strategisches Konzept beschreiben, das aus unterschiedlichen Anwendungsmöglichkeiten besteht. Haben Sie unter diesen einen „Liebling“? Und, wenn ja, warum?

Ja, den habe ich. Für mich geht es bei IoT tatsächlich mehr um Strategie als Technologie. Denn die Technologie ist längst soweit, dass wir mit ihr nahezu alles anstellen können, was uns in den Sinn kommt. Das Problem vieler Unternehmen ist daher nicht, dass sie nicht umsetzen könnten, was sie sich technologisch wünschen, sondern vielmehr, dass sie oft noch gar nicht wissen, was sie mit dem Einsatz entsprechender Lösungen erreichen wollen. Doch eine gute IoT-Strategie muss in die Gesamtstrategie der einzelnen Unternehmen integriert sein.
Um auf die Frage zurückzukommen: Ich habe viele Lieblinge. Aber am meisten liebe ich es, wenn unsere Kunden ihre eigene Geschäftsidee von Grund auf überdenken.

Wieder das Beispiel Automobilindustrie: Die meisten Hersteller kontrollieren ihre Verkaufskanäle noch immer nicht in vollem Umfang. Sie haben vielerorts noch immer Händler sitzen. Und Kunden haben Beziehungen zu diesen Händlern statt zum Hersteller selbst. Vor einigen Jahren haben die Konzerne dann erkannt, dass sie einen direkten Kommunikationskanal mit ihren Käuferinnen und Käufern benötigen. Also haben sie angefangen, Apps auf den Markt zu bringen, mit denen du zum Beispiel dein Auto finden, Infos über den Tankstand bekommen oder gar aufschließen kannst. Damit begegnen sie den Bedürfnissen einer Generation, die schlussendlich auch immer weniger Wert darauf legt, ein Auto zu besitzen, als vielmehr die Möglichkeit zu haben, eines zu nutzen, wenn sie den Bedarf danach haben.

Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass IoT-Technologien einen fundamentalen Wandel in der Industrie ermöglichen, der die Geschäftsmodelle der Unternehmen dahin gehend revolutioniert, dass sie gezielter auf die sich verändernden Bedürfnisse einer zunehmend digitaleren Gesellschaft, zu der auch du und ich gehören, einzahlen. Das gefällt mir sehr.

Danke für Ihre Zeit und diese interessanten Einblicke.

Sehr gerne.

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