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Wissenschaftsjahr 2019

Ersetzt Künstliche Intelligenz in Zukunft den Chef?

| Autor/ Redakteur: Anna-Lena Hillenbrand / Jürgen Schreier

Wer sich in der heutigen Welt umschaut, der wird ihr häufig begegnen: Künstliche Intelligenz (KI) bewertet unsere Kreditwürdigkeit oder kommuniziert mit uns in Form eines Chatbots. Auch in der Chefetage sorgt KI für zahlreiche Veränderungen. Doch wie beeinflusst sie die Führung von Unternehmen wirklich?

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Wolfgang Rüth. Leiter Business Development bei Salt Solutions: "Ein wesentlicher Vorteil ist die Objektivität der KI. Führungskräfte entscheiden häufig auch nach Bauchgefühl. Wenn dieses Bauchgefühl in Objektivität umgewandelt werden kann, können Manager fundierte Entscheidungen treffen."
Wolfgang Rüth. Leiter Business Development bei Salt Solutions: "Ein wesentlicher Vorteil ist die Objektivität der KI. Führungskräfte entscheiden häufig auch nach Bauchgefühl. Wenn dieses Bauchgefühl in Objektivität umgewandelt werden kann, können Manager fundierte Entscheidungen treffen."
(Bild: Anna-Lena Hillenbrand)

Jedem zweiten volljährigen Berufstätigen bereiten Veränderungen im Arbeitsleben durch Künstliche Intelligenz Sorgen. Das hat eine Umfrage des IMWF Instituts für Management und Wirtschaftsforschung ergeben, für die Mitte 2018 rund 2.000 Arbeitnehmer ab 18 Jahren repräsentativ befragt wurden. Viele Arbeitnehmer fürchten im Zuge der Automatisierung um ihren Job. Auch in den Führungsebenen wird KI immer häufiger bei Managemententscheidungen eingesetzt. Laut einer Befragung des Digitalverbands Bitkom von Anfang 2019 würden 30 Prozent der Befragten sogar ihren Chef durch eine Künstliche Intelligenz ersetzen.

KI als rechte Hand des Chefs?

Obwohl viele Menschen der Künstlichen Intelligenz mit Vorbehalt begegnen, hat sie bereits längst Einzug in unseren Arbeitsalltag erhalten. Führungskräfte haben eine große Verantwortung und müssen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter effizient arbeiten können. Sie haben vor allem eine vermittelnde Funktion, sind essenziell für Planung und Kommunikation.

Dabei setzen Manager immer häufiger auf die Unterstützung der intelligenten Systeme. „Künstliche Intelligenz kann mir als Manager helfen, die richtigen und wichtigen Informationen aus E-Mails, Portalen oder sozialen Netzwerken zu filtern und mir ‚mundgerecht‘ sortiert nach Priorität präsentieren“, sagt Guido Schmitz, Vorstand des Beratungsunternehmens Pentadoc.

In diesem Fall hat die KI die Funktion einer persönlichen Assistenz. Sie ist in die Infrastruktur des Unternehmens integriert und kann mit E-Mails und Kalendern der Führungskräfte arbeiten. Diese werden so entlastet, können ihr Potenzial als Führungskraft besser ausschöpfen und sich anderen Aufgaben widmen.

Künstliche Intelligenz kann aber nicht nur die Führungskraft entlasten – sie kann auch eine Führungskraft sein. Die Investmentfirma Deep Knowledge Ventures aus Hongkong hat eine KI Namens Vital im Jahr 2014 zum gleichwertigen Partner gemacht. Das KI-System war darauf trainiert worden, sich über mögliche Investments in der Medizinbranche eine Meinung zu bilden. Die Ergebnisse waren für das Unternehmen so hilfreich, dass Vital den Rang eines Vorstandsmitglieds bekam.

Ein wertvolles Werkzeug im Wettbewerb

Eine weitere Einsatzmöglichkeit von Künstlicher Intelligenz in der Führungsebene sind Business Analytics und Business Intelligence. Das Würzburger Unternehmen Salt Solutions arbeitet mit beiden Varianten. „Mit Business Analytics gelingt der Aufbau von Modellen und Simulationen, die aus der Analyse des Ist-Zustandes heraus verlässliche Prognosen für die Zukunft ermöglichen“, so Wolfgang Rüth. Leiter Business Development bei Salt Solutions. Business Intelligence dagegen nutzt laut Rüth Verfahren zur systematischen Analyse von Vergangenheitsdaten, um rückblickende Auswertungen bereitzustellen. Beides sind für Führungskräfte wertvolle Werkzeuge, um entlang der Supply-Chain das Geschäftsmodell zu optimieren.

Gewisse Aufgabenfelder werden von KI-Systemen übernommen, dementsprechend dem Mitarbeiter entzogen. „Hier gilt es, die Angestellten auf Akzeptanz zu schulen und ihnen zu vermitteln, dass künstliche Intelligenzen ihnen die Arbeit erleichtern sollen“, so Wolfgang Rüth von Salt Solutions.
Gewisse Aufgabenfelder werden von KI-Systemen übernommen, dementsprechend dem Mitarbeiter entzogen. „Hier gilt es, die Angestellten auf Akzeptanz zu schulen und ihnen zu vermitteln, dass künstliche Intelligenzen ihnen die Arbeit erleichtern sollen“, so Wolfgang Rüth von Salt Solutions.
(Bild: Anna-Lena Hillenbrand)

Je mehr intelligente Systeme aber in den Arbeitsalltag integriert werden, desto mehr Veränderungen ergeben sich, sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber. Gewisse Aufgabenfelder werden von KI-Systemen übernommen, dementsprechend dem Mitarbeiter entzogen. „Hier gilt es, die Angestellten auf Akzeptanz zu schulen und ihnen zu vermitteln, dass künstliche Intelligenzen ihnen die Arbeit erleichtern sollen“, so Rüth.

Es sei wichtig, dass die Mitarbeiter sich auf die Vorinformationen, die die KI gefiltert hat, verlassen und mit diesen weiterarbeiten. Andernfalls wäre der gesamte Prozess nach Einschätzung des Salt-Managers nicht mehr effizient. „Eine weitere Möglichkeit sind Change-Maßnahmen, in denen die Mitarbeiter an die Veränderungen herangeführt werden“, ergänzt Schmitz. Zu diesen zählen zum Beispiel Schulungen und Workshops, um den Mitarbeitern den Umgang mit KI näher zu bringen. Doch nicht nur die Mitarbeiter stehen in diesem

Umbruch in der Verantwortung

Während einige Arbeitnehmer durch KI entlastet werden, bedeutet es für andere den Verlust des Arbeitsplatzes. Tristan Behrens, KI-Experte aus Würzburg, sieht hier eine neue Herausforderung für Führungskräfte. Laut ihm ist es Aufgabe der Führungskräfte den Mitarbeitern Weiterbildungen im Unternehmen zu ermöglichen, sollte ihr Job durch die Automatisierung wegfallen. „Es gibt Prognosen, die besagen, dass es in den nächsten Jahren 50 Prozent Bewegung auf dem Arbeitsmarkt geben wird. Wichtig ist, dass das nicht Bewegung zum Arbeitsamt heißt, sondern zu neuen Arbeitsplätzen im Unternehmen“, so Behrens.

Tristan Behrens, KI-Experte: "Es gibt Prognosen, die besagen, dass es in den nächsten Jahren 50 Prozent Bewegung auf dem Arbeitsmarkt geben wird. Wichtig ist, dass das nicht Bewegung zum Arbeitsamt heißt, sondern zu neuen Arbeitsplätzen im Unternehmen."
Tristan Behrens, KI-Experte: "Es gibt Prognosen, die besagen, dass es in den nächsten Jahren 50 Prozent Bewegung auf dem Arbeitsmarkt geben wird. Wichtig ist, dass das nicht Bewegung zum Arbeitsamt heißt, sondern zu neuen Arbeitsplätzen im Unternehmen."
(Bild: Mareike Behrens)

Auch große Konzerne wie Amazon setzen auf KI in der Unternehmensführung. Der Internetriese hat im Bewerbungsprozess für neue Führungskräfte ein KI-System eingesetzt, das die Vorauswahl der potenziellen neuen Manager treffen sollte, um den Chefs diese Arbeitszeit einzusparen. Nach kurzer Zeit wurde dieser Prozess jedoch wieder abgeschafft, da er nur männliche Bewerber ausgewählt hatte.

Der Grund hierfür: Die künstliche Intelligenz hatte im Training zuvor nur Bewerbungen männlicher Kandidaten erhalten und somit das Geschlecht als Auswahlkriterium erlernt. „Die künstliche Intelligenz selbst ist nie ‚falsch‘. Wenn, dann ist es ihr Training, das falsch gewesen ist. Eines der häufigsten Risiken beim Einsatz von KI ist, neben zu wenigen Daten und der fehlenden Kontrolle, ein ungenaues Training“, warnt Rüth.

Entlasten, nicht entlassen

Wird die Künstliche Intelligenz allerdings richtig eingesetzt, erleichtert sie die Arbeit der Führungskräfte enorm. „Ein wesentlicher Vorteil ist die Objektivität der KI. Führungskräfte entscheiden häufig auch nach Bauchgefühl. Wenn dieses Bauchgefühl in Objektivität umgewandelt werden kann, können Manager fundierte Entscheidungen treffen“, so Rüth. Entscheidend hierfür ist das entsprechende Training. Oftmals müssen Führungskräfte in kürzester Zeit komplexe Materien durchdringen und Zusammenfassungen geben können. Wenn diese Aufgabe der KI übergeben wird, kann wertvolle Arbeitszeit gespart werden.

Die Automatisierung unserer Arbeitswelt ist bereits in vollem Gange. Wichtig ist es, die Akzeptanz der Mitarbeiter zu erlangen. Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes müssen die wenigsten haben, auch hierfür hat eine Führungskraft die Verantwortung zu tragen. Laut Bitkom-Präsident Achim Berg wird KI in naher Zukunft nur in den seltensten Fällen Vorgesetzte oder Mitarbeiter ersetzen. „Schon heute erhalten Techniker Hinweise auf die wahrscheinlichste Fehlerursache oder Ärzte Hilfe bei der Auswertung von Röntgenbildern“, sagt Berg. „KI wird in Zukunft auch Hilfe bei weitreichenden Managemententscheidungen geben – diese aber nicht selbsttätig treffen.“

Projekt „Künstliche Intelligenz: Eine Multimedia-Reportage“

Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Projekt „Künstliche Intelligenz: Eine Multimedia-Reportage“. Beteiligt daran sind rund 300 Studierende der Universität Würzburg, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft Frankfurt. Das Projekt findet im Rahmen des ‘Wissenschaftsjahres 2019‘ statt und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Weitere Informationen unter www.wissenschaftsjahr.de

Anna-Lena Hillenbrand studiert Unternehmenskommunikation an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt (FHWS).

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