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Weltfrauentag 2019

"Entweder man spielt nach den Regeln oder wird vom Platz gestellt"

| Autor: Lisa Marie Waschbusch

Es gibt sie, aber noch immer zu selten: weibliche Führungskräfte in technischen Berufen. Eine von ihnen ist Dr. Myriam Jahn. Wir haben mit der Geschäftsführerin eines IoT-Unternehmens über ihre Berufslauflahn, Vorurteile und eine Frauenquote gesprochen.

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Dr. Myriam Jahn ist seit Oktober 2018 CEO des IoT-Spezialisten Q-loud.
Dr. Myriam Jahn ist seit Oktober 2018 CEO des IoT-Spezialisten Q-loud.
(Bild: Q-loud)

Frau Jahn, wie ist Ihr beruflicher Werdegang?

Jahn: Ganz kurz: Zunächst war ich bei Boston Consulting (BCG) als Strategieberaterin tätig. Dann bin ich meinem Traum gefolgt und habe für ein inhabergeführtes Automatisierungsunternehmen arbeiten dürfen, wo ich 15 Jahre lang war, zuletzt als Vorständin einer Tochtergesellschaft. Seit 15. Oktober 2018 bin ich CEO des IoT-Unternehmens Q-loud und schon einige Zeit länger Aufsichtsrätin bei der Süss Microtec SE.

Sie haben unter anderem Elektrotechnik studiert, was noch immer eher untypisch für Frauen ist. Was hat Sie damals zu dieser Entscheidung bewogen?

Jahn: Es ist in der Tat eher untypisch für Frauen, aber das ist letztendlich auch der Hintergrund meines Studiums. Stellen Sie sich meine akademische Karriere wie folgt vor: Zuerst habe ich zwei Semester Informatik an der RWTH Aachen studiert, wo ich eine von wenigen Frauen war. Das ist schon einige Jahre her und die Situation wird sich leider nicht wesentlich geändert haben. Dann habe ich BWL studiert, habe ein Stipendium bekommen. Promoviert habe ich an einem Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik. In meinem Job bei dem Automatisierer, wo sich alles um Elektrotechnik drehte, habe ich mich entschlossen, Elektrotechnik zu studieren. Der Grund: Ich hatte den Eindruck gegen Klischees arbeiten zu müssen. Ich habe dort ursprünglich als Hauptabteilungsleitung Marketing angefangen. Und habe als Frau damit natürlich sämtliche Klischees in einer absolut männerdominierten Branche erfüllt, die man erfüllen kann. Um in zentrale Funktionen des Unternehmens zu kommen, habe ich letztendlich mit dem Studium einen Kompetenznachweis erbracht, was für die männlichen Kollegen dagegen nicht notwendig war. Trotzdem bin ich sehr froh, die Entscheidung für ein Elektrotechnikstudium getroffen zu haben, sonst wäre ich nie auf die Themen Industrie 4.0 und IoT gestoßen, bevor sie überhaupt Themen waren.

Um bei den beiden Themen zu bleiben: Was fasziniert Sie an Industrie 4.0 und IoT?

Jahn: Das fachübergreifende Know-how, was dafür zwingend benötigt wird. Aus meiner beruflichen Karriere weiß ich, wie schwierig die Kommunikation zwischen den verschiedenen Bereichen ist – sei es IT, OT oder gar BWL. Ich weiß auf der anderen Seite aber auch, wie viel Nutzen in den Themen steckt. Es liegt ein riesiger Hebel darin. Ich glaube an die vierte industrielle Revolution, wenn es uns gelingt, diesen Nutzen zu realisieren. Wenn es uns also gelingt, dass die Verantwortlichen der Elektrotechnik und die der IT miteinander reden.

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Sie sind CEO von Q-loud und hatten auch davor bereits einige Führungspositionen inne. Welchen besonderen Herausforderungen steht man als Frau in einer Führungsposition gegenüber?

Jahn: Das ist ein bisschen wie Fußballspielen und man kennt die Regeln nicht. Vom Schulhof ist man diesbezüglich nicht sozialisiert. Manche Fragen stelle ich mir heute noch, die für viele Jungs und Männer eine Selbstverständlichkeit sind. Man hat nur zwei Möglichkeiten: entweder nach den Regeln zu spielen oder vom Platz gestellt zu werden.

Sehen Sie diese Herausforderungen generell als Frau in Führungspositionen oder speziell auf die Branche bezogen?

Jahn: Ich sehe sie stärker in männerdominierten Branchen. Ich glaube, dass das Thema Männern wie Frauen im täglichen Berufsleben immer noch zu peinlich ist und viel zu verkrampft damit umgegangen wird.

Wie reagiert man auf Vorurteile und Probleme? Mussten Sie sich für Ihren beruflichen Werdegang auch mal rechtfertigen?

Jahn: Nein. Aber mein Elektrotechnik-Studium war sicherlich eine Reaktion auf Vorurteile. Und das ist sicherlich eine Art, wie man Vorurteilen entgegnen kann, indem man Klischees bewusst bricht und sich einfach durch mehr Kompetenz nicht in eine Schublade stecken lässt.

Wie glauben Sie, könnte man junge Frauen heute für technische Bereiche motivieren?

Jahn: Wenn ich das wüsste! Aber es muss uns gelingen, auch wenn wir es die letzten 80 Jahre nicht geschafft haben. Ein „Girl’s Day“ macht da noch keinen Sommer. Wenn nur Männer z.B. Ingenieurberufe ergreifen, dann ist die Zukunft der deutschen Industrie in Frage gestellt, die ja genau auf der sprichwörtlichen „deutschen Ingenieurskunst“ fußt. Also muss die Industrie, die die Techniker braucht, an den Schulen massiv werben. Oder glauben Sie, dass in Zukunft nur Jungs geboren werden? Wir reden immerhin von über 50 Prozent des Potenzials für Technikberufe, das mehr oder weniger von vorne herein ausfällt!

Warum sind Frauen für IT-Unternehmen und Führungspositionen Ihrer Meinung nach unverzichtbar?

Jahn: Die Frage schließt sich direkt an meine vorherige Antwort an: Wir können doch nicht ernsthaft dauerhaft auf 50 Prozent der potenziellen Führungskräfte verzichten, egal in welcher Branche. Insbesondere, wenn uns eine vierte industrielle Revolution ins Haus steht.

Eine Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem letzten Jahr besagt wiederum, dass insbesondere Jobs, die von Frauen besetzt sind, von der Digitalisierung in der Arbeitswelt betroffen seien. Das widerspricht im Prinzip ja Ihrer Aussage gerade…

Jahn: Nein, das widerspricht sich gar nicht. Zunächst stimme ich der Studie zu, weil Frauen in den repetitiven, schlecht bezahlen Berufen zu finden sind. Schauen Sie sich Unternehmen der Elektrotechnik und Sensorik an: Auf dem Shopfloor in diesen Unternehmen sitzen fast nur Frauen und diese Tätigkeiten werden in der Tat mit der Digitalisierung weniger werden. Technische Berufe werden dagegen mit der vierten industriellen Revolution sogar noch wichtiger.

Was halten Sie von der Frauenquote in Unternehmen?

Jahn: Fangen wir mal da an, wo man eine echte Quote eingeführt hat: in den Aufsichtsräten. Die Quote in den Aufsichtsräten hat wunderbar gewirkt. Wir haben das Thema „Quote“ schon in den 90ern massiv diskutiert. Damals war ich der Meinung, es bräuchte keine Frauenquote. 30 Jahre ohne Veränderung später, sehe ich das anders. In den Aufsichtsräten hat sich auch erst durch die Quote etwas verändert. Ich möchte trotzdem noch immer glauben, dass wir für Führungspositionen in Unternehmen ohne ein solch furchtbares, administratives Ungetüm auskommen wie eine Frauenquote. Aber, bei den GmbHs ohne Aufsichtsrat – der Mehrzahl der Unternehmen mit den in der Summe meisten Beschäftigten – passiert noch immer nichts. Sicher ist, wir brauchen keine Flexi-Quote, denn das ist für mich eine administrative Lösung ohne die positiven Effekte, die eine echte Quote haben könnte.

Nervt Sie inzwischen die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Ihrem Geschlecht und Ihrer persönlichen Karriere?

Jahn: Ja und nein. Es nervt mich, weil ich als CEO eines IoT-Unternehmens eine andere Aufgabe habe. Ich möchte für mein Unternehmen Q-loud stehen, Wachstum und Erfolg gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erreichen. Ich glaube, nicht Jede sollte trotz ihrer Kompetenz so viel kämpfen müssen, wie ich das getan habe. Deswegen möchte ich gerne weibliche Leistungsträger für eine technische Karriere bei der Q-loud gewinnen und das kann ich nur, wenn mir möglichst häufig die „Frauenfrage“ gestellt wird!

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