Interview Dirk Pohla, Appian „Egal, wie low Low-Code ist, es wird immer eine IT geben“

Das Gespräch führte Sebastian Human

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Der Low-Code-Ansatz ist in den meisten Köpfen vor allem dazu gedacht, Softwareanwendungen schneller zu entwickeln. Doch Low-Code kann noch mehr. Was das ist, beantwortet Dirk Pohla im Interview.

Dirk Pohla, Area Vice President für die Appian Software Germany GmbH, stand im Nachgang zur Appian World 2022 zum Gespräch bereit.
Dirk Pohla, Area Vice President für die Appian Software Germany GmbH, stand im Nachgang zur Appian World 2022 zum Gespräch bereit.
(Bild: gemeinfrei/Appian Software Germany GmbH / Pixabay )

Im Nachgang zur diesjährigen Appian World ergab sich eine Gesprächsmöglichkeit mit Dirk Pohla, der als Area Vice President für die Appian Software Germany GmbH tätig ist. Im Interview wollten wir herausfinden, welche Rolle Low-Code bei der IT-OT-Zusammenführung spielt und einen kurzen Blick auf die sozialen Dimensionen, die für den US-amerikanischen Low-Code-Plattformanbieter mit der Technologie verbunden sind, werfen.

Herr Pohla, in einem Ihrer Expertenbeiträge bei uns haben Sie davon geschrieben, dass Low-Code „integrativ“ sei. Können Sie hierauf noch mal etwas weiter eingehen?

Wenn wir über integrativ sprechen, kann es eine technische und auch eine fachliche Komponente geben. Zum Beispiel kann das bedeuten, dass man es schafft, IT-affine Leute aus bislang IT-ferneren Fachbereichen näher an die IT zu bringen. So kann man den Dissens, den man in vielen Unternehmen hier all die Jahre hatte, also zwischen Fachbereich und IT, etwas ausgleichen.

Missverständnisse zwischen den beiden Bereichen führten nicht selten zur Stärkung dieser fachlichen Silos – und möglicher Blockadehaltungen auf beiden Seiten. Wenn es richtig blöd lief, hörte man gar Formulierungen wie: ‚Die Deppen aus dem Fachbereich sind nicht in der Lage, klar zu schildern, was sie wollen.‘ oder ‚Die Deppen aus der IT sind nicht in der Lage, das, was wir ganz klar kommunizieren, so umzusetzen.‘ Das ändert sich allerdings und nicht zuletzt durch die jungen Menschen, die mit digitaler Technologie groß wurden. Für sie existieren diese Grenzen teils gar nicht und sie kommen mit einer anderen Bereitschaft ins Unternehmen, entsprechende Hürden selbst anzupacken und zum Beispiel in einem Programm was zu tun. Doch ich sage auch immer: Egal, wie low Low-Code ist, es wird immer eine IT geben. Die Komplexität mancher Aufgaben bedingt das schlichtweg. Fragestellungen wie ‚Welche Daten benötige ich und wo bekomme ich sie her?‘ oder ‚Wie kann ich sie technisch anbinden?‘ werden nicht von nur einem Low-Code-Entwickler beantwortet werden können. Auch wenn es im Zuge der Weiterentwicklung immer einfacher ist, Anbindungen an Drittsysteme technisch hinzubekommen, braucht es Menschen mit einem tieferen IT-Verständnis; zum Beispiel, wenn es um Datenstrukturen, Datenmodelle oder auch die Gesamtlandschaft geht.

Sie haben eben gesagt, es wird also immer auch noch speziell ausgebildete IT-Fachkräfte brauchen. Und ich weiß, eine entsprechende Aussage ist nicht ganz einfach zu treffen, aber wieviel Programmierwissen muss ein Mensch ihrer Meinung nach mitbringen, um wirklich effektiv mit Low-Code arbeiten zu können?

Eigentlich muss er gar kein Programmierwissen mitbringen. Wenn jemand Spaß daran hat, mit mobilen Endgeräten zu arbeiten oder vorm Computer zu sitzen und sich in Strukturen relativ schnell zurechtfindet, ist das schon eine gute Voraussetzung. Und dann haben wir ja ein Curriculum, was wir auch kostenfrei anbieten. In unserer Community Edition können sich die Leute im Prinzip selbst befähigen, das zu tun. Die Grundprinzipien sind schnell verinnerlicht.

In einer Analogie ausgedrückt: Stellen wir uns eine Kommode vor, die unendlich viele Schubladen hat und in jeder Schublade ist irgendetwas drin. Man muss wissen, welche Schublade man aufmacht, um zu finden, was man sucht. Doch man kann gegebenenfalls auch zwei andere Schubladen aufmachen, um das gleiche zu bekommen. Diese Mächtigkeit muss man natürlich beherrschen können und da spielt die Erfahrung eine Rolle.

Denn es gibt, wie gesagt, mehrere Wege, die zum Ziel führen. Hat man aber diese Grundprinzipien verinnerlicht, dann können viele Leute, die diese Affinität und das Basiswissen haben, damit arbeiten. Vielleicht nicht unbedingt meine Schwiegereltern, aber wenn ich mir ansehe, was mein 17-jähriger Sohn hier an Verständnis mitbringt, ist das schon ein ganz anderes Level. Die nachwachsenden Generationen spielen dem Low-Code-Prinzip also natürlich in die Karten.

Jetzt haben Sie ja schon etwas darüber gesagt, warum sie glauben, dass Low-Code gut geeignet ist, einen möglichst niederschwelligen Zugang zur Softwareentwicklung darzustellen. Können Sie hierzu mal ein Praxisbeispiel geben?

Wir beobachten, dass im heutigen Tagesgeschäft immer noch viele Abläufe unstrukturiert erfolgen. Ein simples Beispiel sind Kalkulationen. Das können unter anderem Angebotskalkulationen oder Kostenkalkulationen jeglicher Art sein, betreffen aber auch so etwas wie Forecasting. Gerne genommen werden dann xls-Tabellen die via E-Mail an Verteilerkreise zur Ansicht, Freigabe oder Ähnliches geschickt werden.

Das Problem: Nachvollziehbarkeit – also wer hat wann was eingetragen –, Messbarkeit – wie lange hat es gedauert, um einen Bereich auszufüllen – oder Auditierbarkeit – wer hat die Freigabe erteilt, wer hat die Anpassung vorgenommen – ist nicht vorhanden.
Und hier haben wir dann unser erstes Praxisbeispiel, wie ein Low-Code Ansatz Abhilfe leisten kann:

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Die Schritte dieses skizzierten Ablaufbeispiels sind überschaubar und wenig komplex. Das wesentliche Know-how, wie solch ein Prozessablauf aussieht, liegt bei den Fachbereichsanwendern. Integrationen in bestehende Systeme sind meist in der ersten Version noch nicht erforderlich. Mit einer Low-Code Anwendung können die Endanwender aus dem Fachbereich die Arbeitsabläufe modellieren, die Formulare erstellen und so eine im ersten Schritt einfache, aber auditier- und messbare Anwendung erstellen, inklusive Entscheidungstabellen und Ähnlichem. Wird es dann in der Weiterentwicklung IT-seitig Schritt für Schritt komplexer, kann jederzeit die IT hinzugeholt werden.

Gartner prognostiziert, dass 2024 rund zwei Drittel aller Anwendungen auf einer Low-Code-Plattform erstellt werden. Denken Sie, dass diese Entwicklung so auch auf die deutsche Industrie zutreffen kann?

Bei den Großen, also diejenigen Unternehmen mit über 5000 Mitarbeitern, bin ich mir sicher, dass das so sein wird. Bei den Kleineren glaube ich, dass es noch ein bisschen länger dauern wird.

Wie erklären Sie sich die Zurückhaltung gerade im Mittelstand, den der IT-Fachkräftemangel doch mindestens so hart trifft wie die Konzerne?

Um einen Sinn in der Adaption eines solchen Ansatzes zu sehen, muss zunächst ein Umdenken hinsichtlich der Bedeutung solcher digitalen Helfer ganz generell stattfinden. Das sehe ich speziell in den kleineren Unternehmen einfach noch nicht.

Um noch mal den Bogen zum Anfang und damit dem integrativen Element von Low-Code zu schlagen: Im Rahmen ihres Vortrags auf der diesjährigen Appian World wies Malala Yousafzai, die jüngste Nobelpreisträgerin der Geschichte, auch noch mal auf das grundlegende und vor allem geschlechterunabhängige Recht auf Bildung hin. Was hat das mit Low-Code zu tun?

Da kommen verschiedene Aspekte zusammen. Zum einen sind unsere Gründer sehr sozial engagiert und unterstützen verschiedene Einrichtungen; gerade in Washington DC eine ganze Menge. Auch haben wir im Unternehmen einen hohen Anteil von Frauen in Führungspositionen. Appian nimmt es also erst mal ganz generell ernst mit der Gleichberechtigung und wollte dieser jungen Frau eine Bühne bieten, dieses Thema zu adressieren.

Die andere Seite ist auch hier das Problem des IT-Fachkräftemangels. Diesen könnte man jedoch auch deutlich reduzieren, würden mehr Frauen eine Ausbildung in diesem Bereich absolvieren und entsprechende Berufe ergreifen. Doch gerade in den USA gilt: Wenn man eine gute Ausbildung haben will, muss man viel Kohle auf den Tisch legen. Daher wollen wir gerne entsprechende Stipendien an Personen vergeben und ihnen die Möglichkeit einer tiefgehende Schulung auf unserer Plattform ermöglichen. Das Ziel ist es, möglichst vielen Menschen dann am Ende eine Zertifizierung als Appian Consultant und somit eine berufliche Perspektive zu ermöglichen – die Kosten dafür tragen wir. Mit dieser Zertifizierung kann man sich dann beispielsweise auf Projekte im öffentlichen Bereich, wo wir mit Appian in den USA stark vertreten sind, oder der freien Wirtschaft bewerben.

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