Internet of Things Droht aus dem Internet ein Splinternet zu werden?

Ein Gastbeitrag von Sivert von Saldern & Dr. Christian Grünwald*

Der utopische Glaube an eine Selbstregulierung des Internets ist weitgehend erloschen. Stattdessen könnten die 2020er das Jahrzehnt der Netzregulierung werden. Im Zuge könnte der globalen Cyberspace in nationale ‚Mini-Internets‘ aufgteilt werden – das ‚Splinternet‘.

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Digitale Inselstaaten: Schon heute sprechen Experten von der ‚Cyber-Balkanisierung‘, weil je nach Region unterschiedliche Standards und Regulierungen im sogenannten World-Wide-Web gelten.
Digitale Inselstaaten: Schon heute sprechen Experten von der ‚Cyber-Balkanisierung‘, weil je nach Region unterschiedliche Standards und Regulierungen im sogenannten World-Wide-Web gelten.
(Bild: gemeinfrei // Unsplash)

Das Internet ist längst zur unverzichtbaren Lebensader der globalen Ökonomie geworden, durch die Corona-Pandemie hat dies noch einmal eine Verstärkung gefunden. Wir haben uns in vielfacher Hinsicht an das WWW, an das weltumspannende Kommunikationsnetz gewöhnt. Doch gibt es Kräfte, die dem Gedanken der freien, grenzüberschreitenden Kommunikation und Vernetzung zunehmend entgegenwirken. Aus dem Internet droht ein Splinternet zu werden. Schon heute gibt es Hinweise, wohin diese Entwicklungen in den nächsten 10 bis 20 Jahren führen könnten. Das Zukunftsbüro des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gibt mögliche Antworten auf diese und viele weitere Fragen. Mithilfe verschiedener, wissenschaftlicher Foresight-Methoden werden Hinweise auf zukünftige Entwicklungen und Zukunftstrends, die sich bereits in der Gegenwart andeuten, strukturiert zusammengefasst. Diese systematische Suche nach möglichen sozio-technologischen Zukunftsszenarien lässt auch Veränderungen im IoT erkennen.

Eine freier Raum ohne rechtliche Konzepte

Die Geschichte des Internets ist die einer Eroberung eines unbekannten, von ihr selbst geschaffenen Raums durch die Menschheit. Dieser neue Raum, der Cyberspace, entstand mit der kommerziellen Nutzbarmachung des Internets seit den 1980er Jahren, ermöglicht durch die Nutzung von TCP/IP-Protokollen. Einmal betreten, wurde das Neuland rasend schnell besiedelt. Schätzungen zufolge vollzogen sich im Jahr 1993 lediglich ein Prozent der Informationsflüsse der weltweiten Telekommunikationsnetze im Internet, während es nur sieben Jahre später zur Jahrtausendwende mit 51 Prozent bereits die Mehrheit des technischen Informationsaustausches beherrschte.

Der sich herausbildende Cyberspace war in vielfacher Hinsicht ein Raum für Experimente. Nicht nur technologisch, sondern auch politisch, rechtlich, gesellschaftlich und ökonomisch. Der US-Bürgerrechtler und Musiker John Perry Barlow trat im Jahr 1996 mit einer euphorischen „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ an die Öffentlichkeit: „Regierungen der Industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid nicht willkommen unter uns. Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln (…) Eure rechtlichen Konzepte von Eigentum, Meinung, Identität, Bewegung und Kontext gelten nicht für uns. Sie beruhen alle auf Materie, und hier gibt es keine Materie.“

Damit war die intendierte Grundausrichtung des Internets klar vorgegeben: Der Cyberspace sollte ein regulierungsferner Raum sein, in dem andere Regeln als in der analogen Welt galten. Eine gelebte Netzutopie, eine Befreiungstechnologie mit neuen Regeln.

Dabei war der Cyberspace von Beginn an von Asymmetrien geprägt. Die erste Asymmetrie bestand darin, dass Regulierung schon allein deshalb schwierig war, weil bestehende Instrumente der Regulierung nur bedingt auf das Internet angewendet werden konnten – vieles im Cyberspace war schlichtweg juristisches Neuland. Eine zweite Asymmetrie in der Frühphase der digitalen Sphäre resultierte daraus, dass wenige Netz-Wissende einer großen Mehrheit von Netz-Laien gegenüberstanden, welche die Funktionsweisen der Technologien nicht verstanden – und dies in großen Teilen bis heute nicht tun. Die dritte Asymmetrie ergab sich daraus, dass eine globale grenzüberschreitende Vernetzungstechnologie von den zentralen Regulierungsinstanzen, den Nationalstaaten, reguliert werden soll – und deren Regulierungskompetenz eben weitestgehend an den Grenzen des Nationalstaats endet. Insbesondere dieser letzte Punkt ist vielen Regierungen inzwischen ein Dorn im Auge.

Werden die 2020er Jahre zum Jahrzehnt der Regulierung?

Neue Phänomene wie Cyberkriminalität, Fake News, Plattform-Ökonomie, Bots oder auch Shitstorms haben die öffentliche Wahrnehmung der digitalen Sphäre verändert. Es scheint inzwischen Konsens zu sein, dass sich die netzutopistischen Träume der Internet-Pioniere nicht erfüllt haben, auch wenn diese versuchen, den Traum der weltumspannenden Vernetzung in realpolitischeren Dimensionen weiter zu träumen. Anders ausgedrückt: Der Glaube in die Selbstregulierungskraft der Netzwelt ist trotz vieler positiver Effekte der digitalen Welt nachhaltig erschüttert. Rufe nach umfassender Regulierung, insbesondere der sozialen Medien, werden von Jahr zu Jahr lauter. So mehren sich die Stimmen, welche die Ansicht vertreten, dass ein offenes Netz langfristig nur durch stärkere Regulierung zu erhalten sei. Da Nationalstaaten nach wie vor die maßgeblichen Regulierungsinstanzen sind, geschieht dies entlang nationaler Grenzen – global bildet hier die Europäische Union eine Ausnahme. Zugleich sind weltweit protektionistische Tendenzen entlang eben dieser nationalstaatlichen Grenzen zu beobachten, die auch den digitalen Raum betreffen. Das Internet ist zum Bestandteil geopolitischer Strategien geworden.

Ein 'Splinternet' droht

Aus dem Internet droht in Zukunft sukzessive ein ‚Splinternet‘ zu werden. Darunter wird die Vorstellung verstanden, dass das Internet in verschiedene nationale oder regionale ‚Mini-Internets‘ aufgeteilt werden könnte. Nicht wenige Analysten sind dabei der Meinung, dass diese ‚Cyber-Balkanisierung‘ keine Zukunftsvision, sondern (teilweise) bereits Realität ist. Schon heute kann nicht mehr von einem wirklichen World-Wide-Web mit gleichen Standards und Regeln gesprochen werden. Dazu tragen unterschiedliche Trends und Faktoren bei, auch das widersprüchliche Agieren der Internetkonzerne. So blockt Google aus Geschäftsinteressen bestimmte Suchanfragen in Russland – in einem Staat, der sogar ein eigenes alternatives Domain Name System (DNS) aufgebaut hat. Unterschiedliche Datenschutzregeln, der Ruf nach mehr Cybersicherheit, Fake News und Wahlkampf-Beeinflussung wie auch Fortschritte bei künstlicher Intelligenz dürften die Entwicklung hin zu unterschiedlichen Standards weiter vorantreiben. Zum Entstehen eines Splinternets könnte paradoxerweise auch der Ausbau der 5G-Netze beitragen, der ursprünglich einen einheitlichen globalen Standard für die Vernetzung bieten sollte. Ein digitaler Kalter Krieg um die Nutzung chinesischer oder amerikanischer Technologie zeichnet sich am Horizont ab, in dem Nutzer sich entscheiden müssen, auf welcher Seite sie stehen möchten. Der digitale Protektionismus führt zu einem Rückbau der Globalisierung: Die ‚Great Firewall‘ in China blockiert und zensiert politische, soziale oder sicherheitsrelevante Inhalte automatisiert und in Echtzeit. Und autoritär geführte Staaten wie Eritrea, Saudi-Arabien, der Iran, Vietnam oder Myanmar haben derart strenge Zensurregime, dass sich dort de facto separate, nationale Internets etabliert haben.

Vom Splinternet zum Industrial-Splinternet-of-Things

Diese Entwicklungen stellen auch das Narrativ eines globalen, autonomen Industrial-Internet-of-Things (IIoT) in Frage, auch im Anwendungskontext global vernetzter Industrien und der gemeinsamen Adressierung kritischer Herausforderungen in sektorübergreifenden Ökosystemen. Das IIoT befindet sich derzeit im Wandel. Weg von cloudbasierten, hierarchischen Systemen hin zu autonomen, sich selbst organisierenden, dezentralen ‚Systems-of-Systems‘, die ohne eine Cloud als zentrales Analyse- und Steuerungsorgan auskommen. IoT-Netzwerke ähnelten in ihrer visionärsten Form lebenden Organismen, die sich mittels Selbstlernfähigkeiten evolutionär an neue Gegebenheiten anpassen und die Systemgrenzen stetig verschieben. Entitäten, Funktionalitäten und Strukturen wurden sich eigenständig organisieren, weiterentwickeln und den optimalen Weg untereinander aushandeln, eine bestimmte Aufgabe zu lösen oder einen übergreifenden Zweck zu erfüllen.

Diese Idee würde durch das Splinternet im wahrsten Sinne des Wortes an ihre Grenzen stoßen. Was auf lokaler oder regionaler Ebene kein allzu großes Problem darstellt, erwiese sich im globalen Maßstab als überaus schwierig. Die Smart Factory am Rande der Stadt, in der autonome Produktions- und Logistiksysteme eigenständig Produktionsabläufe organisieren, bliebe vom Splinternet weitestgehend unberührt – es sein denn, gewisse Devices unterliegen der nationalen Regulation ihrer Herkunftsländer und haben nur eingeschränkte Interoperabilitäten mit anderen Systemen. Dies können zum Beispiel Restriktionen für den gemeinsamen Austausch oder die Verwertung von Daten sein. Viel eklatanter wäre die Situation, wenn das IIoT über die Grenzen des Werksgeländes hinausreicht und andere Akteure umfasst. Die internationale Integration von Wertschöpfungsketten in vernetzten Ökosystemen durch das IIoT wäre nur innerhalb des gleichen Standardisierungs-Raums möglich. Die momentanen Bestrebungen, die Transparenz und Resilienz von internationalen Lieferketten zu erhöhen, etwa im Lebensmittelbereich oder der Chipproduktion, würden darunter erheblich leiden, die Transaktionskosten von global agierenden Unternehmen sich stark erhöhen.

IIoT-Anwendungen müssten mit einer Art Gateway ausgestattet sein, um die Inkompatibilitäten zwischen den Systemen unterschiedlicher Staaten zu überbrücken – ähnlich gängigen Reiseadaptern, die im Urlaub im Hotel eine Verbindung zwischen elektrischen Geräten und nicht kompatiblen Steckdosen herstellen. Die Sicherheit und die Reaktionszeit von IIoT-Systemen wären hierdurch mehr als indiskutabel. Besonders zum Tragen käme diese Problematik beispielsweise im Bereich des Energiemanagements. Durch den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien wächst auch der Bedarf an autonomen Grid-Lösungen, die künftig Angebot und Nachfrage in internationalen Energiemärkten ausbalancieren und somit die Versorgungssicherheit und Netzstabilität auf lokaler Ebene erhöhen sollen. Autonome IIoT-Anwendungen sind hierfür eigentlich prädestiniert, verlässliche globale Lösungen blieben im Kontext des Splinternets allerdings nicht mehr als eine nette Zukunftsvision. Ähnliche Herausforderungen könnten sich auch mit Blick auf andere globale Herausforderungen offenbaren. IIoT-basierte Frühwarn- und Monitoring-Systeme, die weltweit, akteurs- und sektorübergreifend Daten sammeln, verknüpfen und analysieren, würden nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen können. So könnten künftige Pandemien, wie auf dem internationalen Parkett eigentlich geplant, nicht frühzeitig erkannt und bekämpft werden können. Gleiches gilt für Extremwetterereignisse oder die internationale Koordination des Katastrophenschutzes, der künftig zunehmend auf IIoT- und Automatisierungslösungen basieren soll.

Eine Befreiungstechnologie in geopolitischen Fesseln

Das als Befreiungstechnologie gestartete Internet wird durch ein Splinternet zunehmend in geopolitische Fesseln gelegt. Doch Potenziale können nur dann vollumfänglich gehoben werden, wenn Kräfte der Entfesselung wirken. Umso stärker ist dieser Wirkzusammenhang beim IIoT, dessen Ideale eng mit Kooperation, Vertrauen, Autonomie und Vernetzung verflochten sind - also ein kompletter Gegenentwurf zu all jenen Beweggründen, ein Splinternet zu schaffen.

* Sivert von Saldern & Dr. Christian Grünwald arbeiten beide als Foresight Director bei Z_Punkt The Foresight Company.

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