Schule 4.0

Digitale Transformation beginnt im Kopf

| Autor / Redakteur: Hinrich Herkewitz, Capgemini Consulting / Manfred Klein

„Digital Skills Gap“ überbrücken

Durch die fehlende strukturelle Verankerung digitaler Bildung in der Aus- und Weiterbildung ist die Vermittlung entsprechender Inhalte und Methoden im Studium sowie die Weiterbildung der Lehrkräfte zu oft dem Zufall überlassen. Es ist in diesem Zusammenhang ermutigend, dass die Kultusministerkonferenz den Aspekt Lehrerweiterbildung explizit als einen Schwerpunkt in ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ aus dem Dezember 2016 verankert hat. Ein Ansatzpunkt dabei könnte sein, für die Fortbildungsmaßnahmen selbst so weit wie möglich digitale Medien und Tools zur Wissensvermittlung einzusetzen. So erleben „digitale Immigranten“ direkt die Wirksamkeit digital unterstützter Lehr- und Lernkonzepte, die sie im eigenen Unterricht später anwenden sollen. Diese Erfahrung erleichtert es ihnen, bei der Umsetzung neuer didaktischer Methoden die Perspektive ihrer Schüler einzunehmen.

Der Einsatz von Bildungsmedien sowie die technische Infrastruktur bilden zwei weitere Kernthemen der KMK-Strategie. Dem Thema eGovernment widmet das Papier jedoch weniger als zwei Seiten. Es gibt also weiterhin Klärungsbedarf hinsichtlich der Frage, welche Rolle die IT bei der Reduzierung des administrativen Aufwands innerhalb der Schulen sowie der Schulträger und -aufsichtsbehörden spielen kann. Es wäre zu kurz gedacht, eGovernment im Schulwesen auf die Schnittstelle zwischen Eltern und Schulbehörden zu beschränken. Die größten Verbesserungspotenziale dürften vielmehr in der (ebenenübergreifenden) Zusammenarbeit der verschiedenen staatlichen und kommunalen Stellen untereinander sowie mit den Schulen liegen.

Bund und Länder nehmen Fahrt auf

„Zu guter Bildung im 21. Jahrhundert gehören IT-Kenntnisse und der souveräne Umgang mit der Technik und den Risiken digitaler Kommunikation ebenso wie das Lernen mittels der vielen neuen Möglichkeiten digitaler Medien. Zentral für den Erfolg digitaler Bildung ist die Pädagogik – digitale Technik muss guter Bildung dienen, nicht umgekehrt", so Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Um die Schulen in Deutschland flächendeckend in die Lage zu versetzen, digitale Bildung zu vermitteln, schlägt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) einen DigitalPakt#D mit den Ländern vor. Über einen Zeitraum von fünf Jahren sollen mit rund fünf Milliarden Euro die rund 40.000 Grundschulen, weiterführenden allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen in Deutschland mit digitaler Ausstattung wie Breitbandanbindung, WLAN und Geräten versorgt werden. Im Gegenzug sollen sich die Länder verpflichten, die entsprechenden pädagogischen Konzepte, Aus- und Fortbildung von Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen.

Eingebettet in ein Gesamtkonzept, das Pädagogik und Technik verbindet, kann der Einsatz neuer Medien im Unterricht gerade benachteiligten Schülern einen Zugang zu Bildungsinhalten erleichtern, die mit konventionellen Vermittlungsformen verschlossen blieben. Zu den besonders förderbedürftigen Schülergruppen zählen in der Regel Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und solche, die aus sozial oder familiär schwierigen Verhältnissen stammen. Dank neuer Individualisierungsmöglichkeiten des Unterrichts kann die Digitalisierung somit die Chancengerechtigkeit unseres Schulsystems verbessern. Abgesehen vom rein ethischen Aspekt ist das dadurch freigesetzte Bildungspotenzial schon aufgrund der demografischen Entwicklung für unsere Gesellschaft auch volkswirtschaftlich unverzichtbar.

Ralph Müller-Eiselt, Bildungs-Experte der Bertelsmann Stiftung und Mitautor des Buches „Die digitale Bildungsrevolution“: „Bei vielen Lehrkräften dominiert leider die Sorge vor zusätzlichen Belastungen: Ganztagsausbau, Inklusion, individuelle Förderung – und jetzt auch noch Digitalisierung! Die wichtige Botschaft lautet deshalb: Lösung statt Problem. Sinnvoll genutzt, hilft die Digitalisierung diese Herausforderungen zu bewältigen und die wachsende Vielfalt im Klassenzimmer zu meistern.“

Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, desto drängender stellt sich auch in Schulen die Frage nach der Informationssicherheit, vor allem beim Einbinden privater Endgeräte – Stichwort „bring your own device“ (BYOD). Da IT-Sicherheit und Datenschutz für Privatgeräte nur mit hohem Aufwand gewährleistet werden kann, herrscht hier akuter Handlungsbedarf aufseiten der Schulträger und Länder. Gefahren drohen im Netz aber nicht nur im Hinblick auf die mögliche Verletzung der Vertraulichkeit personenbezogener Daten von Schülern, sondern zum Beispiel auch durch Cyber-Mobbing, Cyber-Grooming und sogar das Dark Net. Lehrer müssen solche Gefahren kennen und verstehen, um ihre Schüler zu befähigen, damit im Alltag souverän und selbstbewusst umzugehen.

Damit Kinder und Jugendliche zu Erwachsenen werden, die sich in ihrer digitalisierten Lebens- und Arbeitswelt zurechtfinden, reicht es nicht, analoge Prozesse und didaktische Konzepte einfach in neue Medien und Technologien zu übertragen. Erforderlich ist ein Kulturwandel bei den Lehrkräften, die das Aufwachsen der Schüler im Zeitalter der Digitalisierung begleiten. Pädagogen werden dabei nicht durch Maschinen ersetzt, sondern durch neue Hilfsmittel und Lehrkonzepte befähigt, ihren Schülern bessere Bildung zu vermitteln. Bund, Länder und Kommunen stehen vor der größten Veränderung im Schulwesen seit Jahrzehnten. Nun kommt es darauf an, den Wandel mit politischem Mut, strategischem Weitblick und der notwendigen Sensibilität zu gestalten, um die enormen Chancen zu nutzen, aber auch die Herausforderungen und Risiken nicht in blindem Technikglauben auszublenden.

Ergänzendes zum Thema
 
Konservative Follower sind out 

Dieser Beitrag ist bei unserem Partnerportal eGovernment Computing erschienen.

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