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Interview

"Digitale Experimente" können dem Kunden die Angst vor Fehlinvestitionen nehmen

| Redakteur: Julia Moßner

Gerade bei großen Investitionen, beispielsweise im Bereich Industrie 4.0, möchten Kunden falsche Entscheidungen vermeiden. Industry of Things hat bei Achim Apel von ADLink nachgefragt, wie sein Unternehmen den aktuellen Herausforderungen im Bereich IoT und Elektronik begegnet.

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Sichtlich Spaß am Gespräch hatten Achim Apel von ADLink und Julia Moßner von Industry of Things.
Sichtlich Spaß am Gespräch hatten Achim Apel von ADLink und Julia Moßner von Industry of Things.
(Bild: Julia Moßner, VCG)

ADLink Technology entwickelt und produziert Produkte aus den Bereichen Embedded Computing, Test & Measurement sowie Automatisierungsanwendungen, welche Unternehmen verschiedener Branchen dabei unterstützen IIoT-Lösungen umzusetzen. Wir haben mit Achim Apel, Vice President of Sales von ADLink, der seit vielen Jahren in der Elektronikbranche tätig ist, über die Vorläufer des IoT, neue Businessmodelle für Anbieter von Digitalisierungslösungen sowie die aktuellen Marktentwicklungen in der Branche gesprochen.

"Früher bezeichnete man das IoT als Betriebsdatenerfassungssysteme"
(Bild: ADLInk)

Herr Apel, was ist Ihre erste Assoziation, wenn es um IoT geht?

IoT erinnert mich immer an meine Studienzeit in Würzburg, als ich 1975 Werkstudent bei IBM war. Damals habe ich meine Diplomarbeit über "Betriebsdatenerfassungssysteme" geschrieben. Was man damals als "Betriebsdatenerfassung" oder englisch "factory data collection" bezeichnet hat, ist im Grunde nichts anderes als IoT. Wir hatten damals nur noch nicht die technischen Möglichkeiten, um bidirektional zu arbeiten. Daten haben wir über eine Lochkarte oder Magnetstreifen erfasst, zum Beispiel in der Werkstattsteuerung.

Die Rechner waren riesig, da wurde die Lochkarte dann eingesteckt und jeder Werksauftrag wurde so digitalisiert. Mein Professor hat mir damals übrigens zu einer Promotion geraten, weil er in dem Thema bereits damals eine große Zukunft gesehen hat, aber aus der Promotion ist nie was geworden – aus dem IoT schon.

Was ist dann heute anders?

Heutzutage haben wir über Sensoren natürlich ganz andere Möglichkeiten, um Daten zu erfassen. Allerdings wird heute zu viel darüber diskutiert, dass jeder Steuerungshersteller seine Daten in die Cloud schicken soll. Aber keiner redet darüber, was danach dort mit den Daten passiert. Dies ist aus meiner Sicht genau der falsche Ansatz.

Darum konzentrieren wir uns derzeit vor allem auf die operative Ebene in der Fertigung. Das heißt, alles was im ERP-System – das in der Regel in einer Cloud liegt – passiert, ist nicht relevant. Denn die Latenzzeiten, um Informationen aus der Steuerung in die Cloud zu schicken und dann eine Antwort zu bekommen, sind viel zu groß. Deswegen ist auch nach wie vor das Thema Edge Computing so relevant, weil nur über Geräte am Fertigungsrand Anweisungen in Echtzeit erfolgen können.

Welches sind aus Ihrer Sicht hier die spannendsten Anwendungen?

Mit den heutigen Technologien sind wir zum ersten Mal in der Lage auch die "artificial Intelligence at the edge" durchzuführen bis hin zu Deep Learning-Anwendungen. Aktuelle Megatrends sind aus meiner Sicht das autonome Fahren und Robotik. Durch die heutige Technik ist es beispielsweise möglich, durch den Einsatz einer Smartcamera die Daten intelligent zu verarbeiten. Dies führt dann zu Right Data Available at Right Time at Right Place (3R).

Warum ist die Digitalisierung in der Fertigung, die sogenannte Industrie 4.0, denn noch nicht so weit vorangeschritten, wie sie es auf Grund der technischen Möglichkeiten sein könnte?

Obwohl sich die Welt technologisch derzeit dramatisch verändert, insbesondere im Bereich der heterogenen Plattformen, stoßen wir in der Fertigung derzeit an unsere Grenzen. In diesem Feld hat sich ein richtiger "Industriekampf" entwickelt. Die Komplexität in der Industrie und Automation ist bezüglich der unterschiedlichen Geräte, Anschlüsse, Maschinen etc. einfach sehr groß.

In Amerika werden – anders als in Europa – beispielsweise viel mehr Projekte im Bereich Logistik umgesetzt, wo man meistens einen schnelleren Return on Investment erzielt.

Warum ist das so? Hat das möglicherweise mit dem Fehlen eines wirklichen Industrie-Standards zu tun?

Man hat natürlich mit OPC UA versucht einen Standard festzulegen, getrieben insbesondere von den deutschen Automatisierern. Beim Thema "real time connectivity" bringt OPC UA uns allerdings nicht weiter. In der deutschen Fertigung wird auch weiterhin stur alles verkabelt, weil 5G noch nicht verfügbar ist. Es gibt bereits Lösungen, aber das sind häufig Insellösungen. Außerdem wird in der Fertigung natürlich auch immer genau nachgefragt, was es kosten soll und eine umfassende digitale Anbindung ist in der Regel sehr teuer. Daher schrecken viele vor so einem Invest erst einmal zurück.

Wie überzeugen Sie Ihre Kunden? Setzen Sie auf andere Businessmodelle oder Services?

Bei ADLink arbeiten wir mit sogenannten "digitalen Experimenten", was einfach aus dem Englischen übersetzt wurde. Auf deutsch klingt das wie ein Testfall, was es aber nicht ist. Wir bieten Kunden für drei Monate eine Lösung an, die komplett inklusive Software installiert wird. Nach drei Monaten kann der Kunde dann eine Entscheidung treffen, ob der Return on Investment absehbar ist. Wir nehmen Kunden so die Angst vor Fehlinvestitionen.

Es gibt aber auch schon andere Businessmodelle, bei denen der Kunde nur monatlich einen festen Betrag investiert und ihm dafür die gesamte Maintenance und der Betrieb abgenommen werden. Wir als Hersteller stoßen hier jedoch an unsere Grenzen, weil wir keine Serviceangebote haben. Deswegen suchen wir händeringend sogenannte OT-Serviceprovider, die sich in der Fertigung auskennen und solche Anlagen entsprechend betreuen können.

Im Mittelstand scheitert es oft an der Implementierung, deshalb sind viele Firmen auf der Suche nach Anbietern, die ihnen ein Komplettpaket liefern und zwar für heterogene, gewachsene Maschinenparks mit Maschinen von unterschiedlichen Herstellern.

Eine letzte Frage: einige Experten sprechen von einer Rezession, gerade in der Elektronikbranche. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Was wir derzeit merken ist eine wahnsinnige Verknappung auf dem Komponentenmarkt, weshalb wir oft nicht liefern können. Außerdem trüben äußere Einflüsse wie Handelsbeziehungen, Brexit etc. die Gesamtkonjunktur. Allerdings sind das aus meiner Sicht zwei Strömungen, die man auseinanderhalten muss, daher würde ich nicht von einer Rezession sprechen.

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