Durchstarten 2021 „Die Unternehmenskultur ist jetzt sehr entscheidend“

Redakteur: Sebastian Human

Wie hat das Jahr 2020 und mit ihm die Corona-Krise die deutsche Industrielandschaft geprägt? Wie ist hier aktuell die Stimmung? Welche Implikationen gehen mit der Krise einher? Über diese und andere Fragen haben wir mit Dr. Bernhard Braunmüller von Q Perior gesprochen.

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Dr. Bernhard Braunmüller arbeitet als Chief Sales Officer (CSO) bei der Business- und IT-Beratung Q Perior.
Dr. Bernhard Braunmüller arbeitet als Chief Sales Officer (CSO) bei der Business- und IT-Beratung Q Perior.
(Bild: Vogel Communications Group/Q Perior)

Herr Braunnmüller, wie ist das allgemeine Stimmungsbild bei Industrieunternehmen?

Ein allgemeines Stimmungsbild im Industriesektor gibt es aus meiner Sicht nicht. Es unterscheidet sich von Firma zu Firma und Branche zu Branche. Industrieunternehmen, die Kunden oder Branchensegmente bedienen, welche von der Corona-Pandemie stark betroffen sind, beklagen zumindest in diesen Absatzmärkten vielfach kritische Umsatzverluste und schwache Sales Pipelines. Das hat teilweise zu Einsparmaßnahmen, breitflächigen Projektstopps und Einstellungsstopps geführt. Bei betroffenen Industrieunternehmen, bei denen sich das jeweilige Produkt- und Service-Portfolio nicht kurzfristig auf andere, weiterhin funktionierende Kundensegmente schwenken lässt, fehlt zudem strategische Beweglichkeit und „Plan-B Fähigkeit“. Wenn ein Unternehmen auch vor der Corona-Krise schon unter Druck war, ist der Schritt in harte Krisenszenarien nicht mehr weit.

Auf der anderen Seite erleben wir aber auch Industrieunternehmen, die aufgrund ihrer Kundenmärkte und Produkt-Service-Portfolios weitestgehend unbeschadet durch die Krise kommen oder sogar kräftig Aufwind erleben. Die Stimmungslage ist also sehr individuell zu bewerten.

Welche Probleme/Herausforderungen treten in den Unternehmen während der COVID-19-Krise auf?

Die Möglichkeiten zur Kundenbetreuung und insbesondere zum Vertrieb und Verkauf wurden an vielen Stellen stark limitiert – und das ist schnell und unbarmherzig passiert. Unternehmen, die im Bereich Digital Selling nicht aufgestellt sind, stehen aktuell vor einer massiven Herausforderung. Im Operations-Umfeld mussten vielfach Schwierigkeiten in der Supply Chain bekämpft werden, sowohl materialseitig als auch hinsichtlich der Verfügbarkeit von Produktionsstätten und Mitarbeitern. Single-Sourcing-Strategien haben sich teilweise als Fallstricke erwiesen, wenn der gewählte Lieferant durch Corona ausfiel und keine Alternative zur Verfügung stand. Zudem stellen viele Führungskräfte fest, dass die Beziehungen zu und unter den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Homeoffice spürbar schwächer werden und insbesondere neue Kolleginnen und Kollegen nur begrenzt gut integriert werden können. Natürlich gibt es auch zahlreiche kommerzielle Herausforderungen, wie beispielsweise Zahlungsausfälle betroffener Kunden und Kundinnen, massive Preiskämpfe und Cash-Flow-Krisen.

Wie wirken sich diese Probleme auf die Arbeit der Unternehmen und damit auch Ihr Beratungsunternehmen aus?

Hier sehe ich vor allem zwei Faktoren: die Qualität der Führungsmannschaft und die Qualität der Unternehmenskultur. Führung in einer Krise wie Corona stellt enorme Ansprüche an die Führungskräfte. Es geht darum, die eigene Mannschaft einerseits offen und ehrlich über den Stand der Dinge zu informieren, andererseits aber auch Zuversicht und Energie auszustrahlen. Eine Führungskraft ist in Krisenzeiten mehr denn je im Fokus der Organisation – ob man will oder nicht. Da Führungskräfte genauso Unsicherheiten erleben und teilweise selbst keine Antworten haben, muss man sich deutlich mehr Zeit für Führungsaufgaben nehmen als sonst.

Zudem ist die Unternehmenskultur jetzt sehr entscheidend. Ist diese von Vertrauen, Teamplay und Leistungsbereitschaft geprägt, dann hat man deutlich mehr Resilienz und Kraft. Im Nachteil sind Organisationen, deren Kultur von interner Politik, Ellenbogenmentalität und starren Strukturen bestimmt wird. Denn jetzt brauchen alle Unternehmen die berühmten Extrameilen – und die erhält man nur von der eigenen Mannschaft. Wir als Beratungsunternehmen konzentrieren uns neben den inhaltlichen Leistungen vor allem darauf, die vielfach unter Druck stehenden Teams unserer Kunden zu stärken, indem wir Projektaufgaben mit Zuversicht und Elan angehen und dabei versuchen, unser Umfeld „mitzunehmen“. Wir erleben dabei enorm positive Resonanz auf unser Verhalten – es wird sehr geschätzt, dass wir trotz aller Corona-Schwierigkeiten unsere optimistische Haltung nicht verlieren.

Werden wir wieder zu einem „Normalzustand“ wie vor der Krise zurückkehren oder werden sich Prozesse und Abläufe künftig dauerhaft ändern? Wenn ja, mit welchen Änderungen rechnen Sie?

Wir sind überzeugt, dass gewisse Veränderungen dauerhaft sein werden. Insbesondere der Aspekt der virtuellen Zusammenarbeit hat sich bei den meisten Unternehmen bewährt. Man spart Zeit, Energie und Kosten, da viele Geschäftsreisen, Meetings vor Ort oder das Pendeln zum Büro wegfallen. Die ausschließlich virtuelle Zusammenarbeit, die heute in vielen Unternehmen zwangsläufig gegeben ist, wird es aber nicht geben – der Mensch ist ein soziales Wesen und eine dauerhafte Isolation im Homeoffice will nahezu niemand. Man wird also zu Mix-Modellen finden.

Nachhaltige Veränderungen erwarte ich zudem im Bereich des Supply Chain Management und im Operationsmanagement. Robustheit von kritischen Lieferketten und Business Continuity Management sind existenzsichernde Fähigkeiten, die bei diversen Industrieunternehmen nicht hinreichend ausgeprägt waren. Hier wird bereits nachgesteuert. Auf der anderen Seite erwarten wir einen „Catch-up“-Effekt: sobald sich die Pandemie gelegt hat, werden viele Firmen und Menschen Investitionen und Konsum aller Art nachholen wollen. Das wird große Chancen eröffnen – aber man muss auch hierauf gut vorbereitet sein.

Welche Lerneffekte haben Industrieunternehmen aus der Krisensituation mitgenommen und sind sie Ihrer Meinung nach für die Zukunft gewappnet?

Die größten Lerneffekte beziehen sich auf die Themen Digitalisierung und strategische Flexibilität. Fähigkeiten wie Digital Selling waren vielfach ein Fremdwort, weil die tradierten Vertriebswege bei den meisten Industrieunternehmen immer noch gut funktioniert haben und somit wenig Handlungsdruck bestand. Hier hat sich durch Corona ein enormes Momentum zugunsten der Digitalisierung entwickelt und vermeintliche Unmöglichkeiten haben sich als machbar erwiesen.

Lerneffekte im Bereich der strategischen Flexibilität umfassen Aspekte wie das Branchen- und Kundenportfolio, die Supply Chain und auch das Produkt- und Service-Portfolio. Starke Fokussierung hat bekanntlich strategische Vorteile. In Krisenzeiten fehlt dann aber schnell die Reaktionsfähigkeit, wenn der Absatzmarkt fokussierter Kundensegmente wegbricht und man keine Alternativmärkte bedienen kann. Es ist für unsere Wirtschaft sehr zu hoffen, dass diese Lerneffekte auch wirklich zu ausgewogenen Anpassungen im Geschäftsmodell führen – denn die nächste Krise wird unweigerlich kommen.

Welche Rolle können IoT-Technologien in diesem Kontext spielen?

IoT ist ein strategischer Faktor im Bereich der Digitalisierung und Automatisierung – beides Bereiche die durch die Krise stark an Fokus gewonnen haben. Beispielsweise überlegen manche unserer Kunden, wie man durch IoT im Sinne einer real-time Vernetzung der Produkte beim Kunden mit automatisierten Bestell- und Wartungsprozessen stärker an den Endkunden rücken und damit B2B2C-Ketten „überspringen“ kann. Diese Überlegungen gab es auch vor Corona bereits – aber im Zuge eingebrochener Kundenbetreuungs- und Vertriebsprozessketten hat das natürlich eine ganz andere Bedeutung erlangt. Zudem hat Digitalisierung im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bewusstsein noch einmal deutlich hinzugewonnen, was IoT-Innovationen weitere Wege ebnen wird.

Gibt es positive Aspekte, die Sie für Ihren Arbeitsalltag, vor allem also auch für den Vertrieb, aus der COVID-19-Krise mitnehmen?

Wir erleben beispielsweise, dass Kundentermine an vielen Stellen schneller und einfacher zu bekommen sind. Die „Rüstzeiten“ für ein Meeting sind auf beiden Seiten gesunken, was sich positiv auf die Bereitschaft für einen Austausch auswirkt. Aufgrund der zahlreichen Herausforderungen herrscht zudem ein gestiegenes Interesse an Beratungsthemen im breiten Feld der digitalen Transformation. Viele Firmen wissen genau was zu tun ist, um den eigenen Geschäftsbetrieb stabiler und zukunftsfähiger aufzustellen – und sind immer mehr bereit, jetzt auch wieder zu investieren. Natürlich fehlt der persönliche Kontakt unter Menschen auch im Business – das empfinde ich selbst so und das höre ich nahezu täglich in meinen Kundengesprächen. Einfach gesagt: alle freuen sich auf die Zeit nach Corona.

Bremst die Pandemie die Entwicklung hin zur Industrie 4.0 oder fördert die Krise diese eher?

Kurzfristig hat die Pandemie unserer Beobachtung nach klar gebremst. Nahezu alle Industrieunternehmen mussten entweder gegen Umsatzeinbrüche kämpfen oder die sprunghaft angestiegene Nachfrage bedienen – das hat zu Lasten von Industrie 4.0 viel Kraft und Fokus gekostet. Mittelfristig wird sich Industrie 4.0 aber nicht aufhalten lassen. Hier stecken schlichtweg zu viele strategische und operative Chancen drin. Zudem hat Corona gezeigt, dass Aspekte wie Vernetzung und Automatisierung die Robustheit im Geschäftsmodell erhöhen kann. Auch das wird Rückenwind geben.

Welchen Herausforderungen abseits der COVID-19-Krise sehen sich Industrieunternehmen im Arbeitsalltag derzeit ausgesetzt?

Eine Herausforderung sind die vielfach veralteten IT-Applikationslandschaften. Solche Legacy-Systeme sind oftmals teuer und unflexibel. Zudem können sie sogar die Umsetzung von IoT-basierten Geschäftsmodellen verhindern, zum Beispiel wenn nutzungsbasierte Lizenzmodelle für IoT-fähige Maschinen und Geräte nicht im ERP-System abgebildet und prozessiert werden können. Hier steht also eine große Phase der Erneuerung an, vor der Unternehmen nachvollziehbarerweise Respekt haben.

Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus dem Innovationsdruck durch generell immer kürzer werdende Innovationszyklen und der gestiegenen Gefahr seitens disruptiver Anbieter. Natürlich haben die meisten Industrieunternehmen erfahrene R&D-Abteilungen – aber es fehlt nicht wenigen an modernen Software-Kompetenzen, die für IoT-Lösungen unabdingbar sind. Das Themenfeld Cyber Security ist ebenfalls ein Druckpunkt, sowohl hinsichtlich der eigenen IoT-fähigen Produkte als auch bezüglich der eigenen Fertigung. Vernetzung macht auch angreifbar.

Wenn Sie einem/-r Einsteiger*in Ihr Arbeitsgebiet schmackhaft machen wollen, wie machen Sie das?

Die Beratungsbranche hat den Charme, dass man bei vielen unterschiedlichen namhaften Industrieunternehmen spannende Projekte begleiten und inhaltlich mitgestalten kann. Man leistet so einen wertvollen Beitrag und kann dabei für sich lernen, welche Themen und welche Segmente einem Spaß machen. Dies kann wiederum die Basis für die Vertiefung als Berater sein oder man wechselt irgendwann zum Kunden – den man vorher schon mal „beschnuppern“ konnte und somit gut einschätzen kann, worauf man sich einlassen würde.

Welche persönlichen Worte möchten Sie Kolleg*innen in Ihrer Branche und Ihrem Unternehmen mit auf den Weg geben?

Ich bin der Überzeugung, dass wir in Deutschland und Europa eine sehr große Anzahl an hervorragenden Industrieunternehmen haben. Daran ändert auch die Corona-Krise nichts. Dieser Stärke sollten wir uns trotz aller aktuellen Herausforderungen bewusst sein und weiter daran arbeiten, indem wir die enormen Chancen der Digitalisierung in Zukunft noch besser nutzen.

Vielen Dank für Ihre Einschätzungen.

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