Gastinterview Philosophie und Technik

„Die menschliche Verantwortung kann keine Maschine abnehmen“

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Deutschland lebt sehr stark von der technischen Innovation. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland auch eine gewisse Tradition der Technikskepsis. Wie sehen Sie dieses Spannungsfeld?

Ich bin nicht sicher, ob der Befund wirklich stimmt. Deutschland ist in vielen Bereichen das führende Technikland der Welt. Nehmen Sie die Exporte im Maschinenbau zum Beispiel: Kein anderes Land der Welt – nicht China und nicht die USA – können mithalten mit den deutschen Exporten. Die exzellente verlässliche Technik, das Ingenieurwissen, das in Deutschland besteht und im Moment nirgendwo auf der Welt besteht, ist einmalig. Wir haben viel mehr Aversionen gegen Naturwissenschaft und Technik in den USA. Schauen Sie sich mal die Lehrpläne an öffentlichen Schulen an: Das amerikanische Niveau in diesem Bereich ist auch viel schlechter.

Die Ingenieure in den USA wissen, dass die Ingenieurwissenschaftliche Ausbildung in den USA deutlich schlechter ist als in Deutschland. Beunruhigend ist, dass in einem Sektor – nämlich gerade der so relevante Sektor der digitalen Techniken – diese hohe technische Kompetenz in Deutschland nicht ausgereicht hat, um sich eine Spitzenposition zu sichern. Da ist uns eben Silicon Valley – nicht die USA als Ganzes – weit voraus.

Vielleicht hängt das auch gar nicht so viel mit Technikaffinität oder Technikkritik zusammen, sondern mit Venture Capital. Die Kapitalgeber in den USA sind risikofreudiger als in Europa. Und es hängt sicherlich auch sehr mit der konsumorientierten Praxis dieser Technologie-Konzerne zusammen. Apple ist das bekannteste Beispiel: Apple ist nicht das führende Technologieunternehmen, aber es ist führend in der Nutzerfreundlichkeit, und das hat Apple eine Spitzenstellung gerade im Smartphone-Bereich, aber auch bei den Laptops verschafft.

Und auch da gibt es in Deutschland sagen wir mal eine gewisse Zurückhaltung. Es gibt das traurige Beispiel der MP3-Technologie, die ein Fraunhofer-Institut in Deutschland entwickelt hat, für die sich aber hier in Deutschland nicht so viele Interessenten fanden, bis es dann international zu dem großen Renner wurde und sich zum Ende als eine große Technologie der Zukunft herausgestellt hat.

Fehlt uns sozusagen jemand wie die Unternehmerpersönlichkeit Max Grundig aus der Wirtschaftswunderzeit?

Ja, vielleicht. Das ist eine interessante Vermutung. Es könnte sein, dass uns diese schnelle Anpassung an Konsumenten-Interessen da fehlt. Dass wir zwar diese Ingenieurskompetenz haben, aber dass das schnelle und flexible Anpassen an Konsumentenbedürfnisse und -erwartungen in Deutschland jedenfalls hinter den USA hinterher hinkt.

Es gibt ja auch Technikbereiche wie die Gentechnik, wo man bei uns sehr vorsichtig und zum Teil ablehnend ist. Kann man es sich denn da zu sagen leisten: „Nein stopp! Das wollen wir nicht machen.“ Und andere Länder und Regionen investieren und entwickeln und besetzen dann Märkte.

Ich wurde vor vielen Jahren sehr scharf kritisiert, bis hin zu Forderungen, ich müsse mein politisches Amt (damals Kulturstaatsminister im Kabinett Schröder) aufgeben, weil ich sehr forschungsfreundliche Positionen in der Human-Gentechnik eingenommen habe. Ich hatte damals gesagt, dass ich das generelle Misstrauen nicht für gerechtfertigt halte. Da tun sich in der Tat Möglichkeiten auf.

Aber nicht alles, was möglich ist, wird auch gemacht. Wir haben natürlich die Möglichkeit, Menschen mit Pharmazeutika zu manipulieren. Das geschieht nicht. Es ist auch nicht so, dass die Arbeitnehmer an ihrem Arbeitsplatz Drogen verabreicht bekommen, damit sie effizienter arbeiten. Nochmal: Nicht alles, was technisch möglich ist, wird auch gemacht.

Und damit sollte man erst mal einen Vertrauensvorschuss geben. Das sehe ich also insofern ganz ähnlich. Ich empfand die Restriktionen in Deutschland als zu weitgehend. Großbritannien war da liberaler. Und damit hat sich jetzt auch in Großbritannien nicht die Inhumanität ausgebreitet, wie viele vermutet haben. Oder auch nicht in Singapur oder Israel, wo man auch viel forschungsfreundlicher im Bereich der Human-Gentechnologien war. Dennoch brauchen wir kritischen begleitenden Diskurs.

Bestes Beispiel dafür ist die Kernenergie. Da waren die Experten am Anfang kritisch und dann waren alle dafür und unterdessen gibt es die große Trendwende. Das heißt die Kernenergie wird nicht mehr als die große Zukunftshoffnung angesehen – weltweit nicht. Speziell in Europa nicht. Und ohne den kritischen Diskurs wäre es nie zu dieser Einsicht gekommen.

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