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eHealth Die Krise beschleunigt die Digitalisierung in den Kliniken

| Autor / Redakteur: Dr. Djordje Nikolic* / Susanne Ehneß

Die Corona-Pandemie zeigt: Vielen Kliniken stehen immer noch zu unausgereifte digitale Ressourcen zur Verfügung, um sich im Krisenmodus die nötige Agilität zu bewahren. Ein Gastbeitrag von Dr. Djordje Nikolic.

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Der Coronavirus treibt die Digitalisierung voran.
Der Coronavirus treibt die Digitalisierung voran.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Das Corona-Virus stellt das deutsche Gesundheitssystem dieser Tage vor bisher nicht gekannte Herausforderungen. Medizinisch sind Kliniken hierzulande qualitativ gut aufgestellt, personell stoßen sie jedoch auf Grund einer verhängnisvollen Sparpolitik in den vergangenen Jahren sowie aufgrund des bisher benötigten Mitarbeiterprofils in der IT recht schnell an Grenzen. Eine ausgereifte Digitalstrategie und Vernetzung der einzelnen Krankenhäuser untereinander könnte heute schon an vielen Stellen für Entlastung sorgen.

Tempo

Von der Krise getrieben, sehen sich viele Kliniken aktuell gezwungen, in schnellem Tempo Maßnahmen umzusetzen, die bis vor wenigen Wochen noch undenkbar schienen: Mitarbeitern aus nicht-medizinischen Bereichen wird beispielsweise ermöglicht, aus dem Home-Office zu arbeiten. Die Verwaltungsmitarbeiter können jetzt Abrechnungen von zu Hause aus bearbeiten, statt ins Büro zu fahren, das sich meist auf dem Klinikgelände befindet. Warum auch sollte man Mitarbeiter in die Epizentren des Corona-Virus schicken, sie damit der Ansteckungsgefahr aussetzen und dadurch gegebenenfalls schachmatt setzen? Wenn sie selbst nicht erkranken, so könnten sie Überträger werden. Das gilt es zu vermeiden. Durch neue Home-Office-Regelungen nehmen Kliniken in zunehmender Zahl ihre Verantwortung wahr, die Mitarbeiter zu schützen, bei denen die Arbeit auch aus der Ferne verrichtet werden kann.

Solche Maßnahmen geraten jedoch leider schnell an ihre Grenzen, wenn die erforderlichen Unterlagen, wie beispielsweise die Dokumentation, in großen Teilen immer noch nur in Papierform vorliegen. Auch war es in den vergangenen Jahren für die meisten Berufsgruppen eines Krankenhauses nicht im Scope, die technische Infrastruktur für Arbeit aus der Ferne zu schaffen.

Digitale Insellösungen

Kliniken müssen sich nach überwundener Corona-Krise von digitalen Insellösungen verabschieden und sich mit einer ganzheitlichen Digitalstrategie auseinandersetzen. Projekte dieser Art von Beginn an richtig aufzusetzen, bedeutet für Krankenhäuser, dass sie ihre über die Jahre eingespielten und oftmals veralteten Prozesse nicht nur in Frage stellen, sondern komplett umwerfen müssen. Auch verändert sich das Mitarbeiterprofil. IT-Mitarbeiter sollten bisher vor allem wenig kosten und dafür sorgen, dass der Nadeldrucker in der Ambulanz störungsfrei funktioniert. Digital-Architekten einer zeitgemäßen IT-Infrastruktur waren u.a. wegen der Finanzsituation der Kliniken nicht gefragt. Den Klinikverantwortlichen muss aber mittlerweile bewusst sein, dass automatisierte und standardisierte Prozesse in Zukunft Ressourcen bündeln und Kosten einsparen können. Dafür gibt es schon heute zahlreiche Beispiele.

Abläufe zeitgemäß digitalisieren

Wenn beispielsweise Terminvergaben, die Erfassung chronischer Erkrankungen und die Patientenaufklärung digitalisiert würden, könnte der Arbeitsablauf für das Personal vereinfacht werden. Zumal die Patientenaufklärung gleich in mehreren Sprachen zur Verfügung stehen würde. Die Mitarbeiter könnten sich dann auf Problemlösungen konzentrieren. Der persönliche Kontakt zum Patienten könnte wieder mehr in den Mittelpunkt rücken.

Das Tracking von Patienten und Geräten kann zu einer nahtlosen Steuerung des Patienten während seines Klinikaufenthalts führen. Optimierungsmöglichkeiten gibt es auch im Belegungs- oder Gerätemanagement sowie in der Reinigungssteuerung. Niemand sollte mehr auf der Suche nach einem bestimmten Behandlungsgerät oder einem freien Bett wichtige Zeit verlieren.

ePA

Dieser Tage zeigt sich wieder eindrucksvoll, wie sehr die elektronische Patientenakte (ePA) überfällig ist. In Zeiten von Corona ist es mehr als sinnvoll, dass alle Informationen zu einem Patienten gebündelt zur Verfügung stehen. Aber auch in „normalen“ Zeiten könnte sie Behandlungsprozesse schneller, effektiver und kostengünstiger werden lassen.

Die Vorteile sind schon genau so lange bekannt wie die ePA im Gespräch ist: Doppelerfassungen von Unverträglichkeiten, chronischen Erkrankungen oder bereits durchgeführte Diagnostik würden überflüssig werden, Fehler könnten minimiert und die Zufriedenheit des Patienten gesteigert werden. Die Liste der Vorteile ist beliebig verlängerbar.

Die digitale Akte würde das Personal auf Station entlasten und nebenbei auch den Abrechnungsprozess erleichtern. Ergänzend hierzu erleichtert ein weiteres Hilfsmittel den Arbeitsalltag von Ärzten und Pflegepersonal: Spezielle mit Barcodes versehene Armbänder zeigen ihnen auf einen Blick, welche Medikamente ein Patient benötigt. Das leidige Durchwühlen der Patientenakte wäre damit hinfällig. In deutschen Kliniken ist dies noch eine Ausnahme, während aus dem Ausland bereits aus zahlreichen Kliniken, z.B. in den USA oder Israel, positive Erfahrungen vorliegen.

Übergeordnete Strategie

Die Umsetzung einer übergeordneten Digitalisierungsstrategie kann auch abseits der Stationen für einen verbesserten und reibungslosen Ablauf sorgen. Dies betrifft unter anderem die Bereiche Einkauf und Logistik. Bereiche, die zwar vom Patienten nicht unmittelbar wahrgenommen werden, aber für eine hohe Versorgungsqualität erforderlich sind. Gute Erfahrung gibt es mit der Nutzung barcodebasierter Artikelkennung und webbasierten Bestellprozessen. Sie erleichtern eine effiziente Verbrauchssteuerung, verhindern Engpässe bei der Versorgung und gewährleisten eine bessere Rückverfolgbarkeit von Produkten. Digitale Schranksysteme können zudem als virtuelle Assistenten die Logistik und den Einkauf entlasten und sorgen für einen unkomplizierten Prozessablauf.

Der Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz darf nicht als Schreckgespenst gesehen, sondern muss als Chance verstanden werden. Hier scheuen sich viele Kliniken noch wegen der hohen Kosten, da der finanzielle Nutzen sich erst mittelfristig bemerkbar macht. Roboter können das Krankenhauspersonal jedoch beispielweise beim Auffüllen von Regalen oder dem Transport von Patienten und Waren unterstützen.

Im Operationssaal gewinnt die Robotic ebenfalls immer mehr an Bedeutung. Wer langfristig auf dem Klinikmarkt bestehen möchte, darf sich dieser Entwicklung nicht verschließen. In der Pflege ist die Unterstützung durch Roboter eine ernst zu nehmende Option – gerade in Zeiten des Pflegekraftmangels.

Finanzielle Mittel & guter Wille

Wo können Klinikmanager ansetzen, um eine ganzheitliche Digitalstrategie erfolgreich umzusetzen? Erforderlich sind ausreichende Mittel für Investitionen und allen voran der Innovationswillen des Managements. Die Klinikleitung und die IT-Leitung müssen ein gemeinsames Ziel haben und Entscheidungsfreudigkeit an den Tag legen. Die IT-Abteilung sowie klinische und administrative Anwender dürfen nicht nur in ihren jeweiligen Sphären nebeneinanderher arbeiten, sondern müssen regelmäßig den engen Austausch suchen und gemeinsam dafür sorgen, dass digitale Innovationen und neue Verfahren im Haus auch wirklich umgesetzt werden.

Es muss nicht nur Mitarbeiter geben, die den gesamten Digitalisierungsprozess steuern, sondern auch Mitarbeiter, die die dazugehörigen Tools verstehen und entsprechende Maßnahmen umsetzen können. Und vor allem: Die Wirtschaftsplanung darf nicht nur die aktuellen Notwendigkeiten enthalten, sondern muss Investitionen in die digitale Zukunft berücksichtigen.

Eines steht fest: Die Digitalisierung wird jetzt noch schneller voranschreiten, auch in der Medizin. Die Diskussion über die Telemedizin wird künftig anders geführt werden. Bisher wurde der Ausbau der Telemedizin unter dem Deckmantel des Datenschutzes ausgebremst. Das wird, nein, das muss sich sogar ändern. Denn die Gesundheitsbranche wird insgesamt verstärkt auf digitale Unterstützung zurückgreifen müssen, um Patienten medizinisch weiterhin bestmöglich versorgen zu können. Dazu gehört auch die Telemedizin. Kliniken, die hier nicht mitziehen, werden mittelfristig am Markt nicht bestehen können. Das Corona-Virus ist hierfür ein Beschleuniger.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal erschienen.

* Dr. med. Djordje Nikolic ist Gründer und Geschäftsführer von Consus Clinicmanagement. Der Arzt und Betriebswirt war zuvor viele Jahre lang als Klinikgeschäftsführer in Krankenhäusern verschiedener Versorgungsstufen tätig.

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