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Expertenbeitrag

Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames

Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames

Professor für Allgemeine BWL mit Schwerpunkt Organisation und ERP-Systeme, Technischen Hochschule Mittelhessen

Industrie 4.0

Die kaufmännische Perspektive der Digitalisierung

| Autor/ Redakteur: Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames / Redaktion IoT

Bisher stand im Bereich Industrie 4.0 hauptsächlich der technologische Fortschritt im Mittelpunkt. Doch nun stellt sich zunehmend die Frage: Welche betriebswirtschaftlichen Effekte lassen sich daraus nachweisen?

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Nicht nur der CFO eines Unternehmens interessiert sich für die Wirtschaftlichkeit von Industrie 4.0.
Nicht nur der CFO eines Unternehmens interessiert sich für die Wirtschaftlichkeit von Industrie 4.0.
(www.pixabay.com)

Nach nun mehreren Jahren von vielfältigen Informationen und Veröffentlichungen zum Thema Industrie 4.0/ Digitalisierung rückt ein weiterer Aspekt in den Fokus. In den Anfängen waren die Publikationen im Wesentlichen technologisch basiert und motiviert. So konnten die interessierten Leser oder Zuhörer bei Vorträgen lernen, dass durchaus ein Bauteil in der Fertigung zum bestimmenden Element werden kann, wenn man ihm Verarbeitungsinformationen mitgibt. In den Folgejahren wurden viele Beispiele von Industrie 4.0- Elementen gezeigt, die ein tieferes Verständnis ermöglichten. Auf den Hannover Messen der letzten Jahre konnte man diese Entwicklung sehr schön nachvollziehen. Inzwischen gelangen wir aber an den nächsten und sehr entscheidenden Punkt: Es ist die Frage zu beantworten, wo Industrie 4.0/ Digitalisierung in unserem Unternehmen betriebswirtschaftlich einkoppelt. Wir – spätestens aber der CFO eines Unternehmens- müssen verstehen, welche betriebswirtschaftlichen Effekte sich daraus nachweisen lassen.

Abbildung 1: Wirtschaftlichkeitseffekte (Quelle: THM).

Smart Electronic Factory stellt Frage nach Wirtschaftlichkeit

In der Smart Electronic Factory (SEF) e.V., einem Zusammenschluss von verschiedenen bekannten Unternehmen und Hochschulen zur Förderung von Industrie 4.0/ Digitalisierung im Mittelstand, werden seit Beginn Industrie 4.0- Elemente als Proof-of-Concept (PoC) bei Partnerunternehmen umgesetzt. Man könnte es als Operation am offenen Herzen bezeichnen, da es sich um Umsetzungen in realen Unternehmen handelt, die Gewinn- und Verlust- Betrachtung gesteuert werden. Und daher hat sich hier besonders die Frage nach der Wirtschaftlichkeit gestellt. An der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM), einem der Gründungsmitglieder der SEF, ist eine Systematik zur Bewertung solcher Proof-of-Concepts entwickelt worden. Diese Systematik kam dann bei 6 technisch erfolgreich umgesetzten PoC´s zum Einsatz. Es sollte die Antwort gefunden werden, ob sie auch betriebswirtschaftlich erfolgreich waren. In Abbildung 1 sind die Ergebnisse zusammengefasst. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Amortisationszeiten bei ca. 1 Jahr liegen und damit deutlich besser sind, als erwartet.

Exemplarisch soll hier ein PoC aus Abbildung 1 näher beschrieben werden: „Kommunikation Bauteil mit Maschine“. Im Detail geht es darum, dass eine Leiterplatte in der Elektronikfertigung am Beginn des Produktionsprozesses mit einem Data Matrix Code gekennzeichnet wird. Damit erhält die Leiterplatte ihre eindeutige Bestimmung. Über das Auslesen das Data Matrix Codes beim Eingang in den Bestückungsautomaten wird dieser vom Bestücker gelesen und mit dem geladenen Bestückungsprogramm verglichen. Sollte ein unzutreffendes Bestückungsprogramm geladen sein, dann wird der Prozess gestoppt, so dass keine Fehlbestückung vorkommen kann. Damit konnte erreicht werden, dass die Overall Efficiency Effectiveness (OEE) für diese Baugruppe von 85% auf 90% an der Bestückungsline gesteigert werden konnte. Außerdem konnte durch Reduzierung von Dokumentationsaufwendungen 1 Operator eingespart werden. Die Lohnkosten senkten sich um 40%, was in einer Herstellkostensenkung von 2% je Baugruppe resultierte. Die Profitabilität der Baugruppe konnte um 38% gesteigert werden. Der Return on Invest lag bei 225%, die Amortisationszeit bei 9 Monaten.

Es zeigt sich also, dass sich Industrie 4.0 resp. Digitalisierung rechnet. Ohne fundierte Wirtschaftlichkeitsrechnung wird der CFO eines Unternehmens schwerlich von Investitionen in diesen Bereich überzeugt werden können.

 

Über den Autor

Prof. Dr.-Ing. Gerrit Sames

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Professor für Allgemeine BWL mit Schwerpunkt Organisation und ERP-Systeme, Technischen Hochschule Mittelhessen