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Lieferketten Die Industrie zwischen Reshoring und Entglobalisierung

| Redakteur: Jürgen Schreier

Die Corona-bedingten Störungen in den Lieferketten haben viele Branchen lahmgelegt. Besonders hart getroffen hat es Unternehmen mit stark globalisierten Supply Chains. Wird deshalb die Industrie wieder nach Hause geholt oder findet gar eine Entglobalisierung statt?

Kommt mit Corona das Ende der Globalisierung und eine Rückkehr zur "Alten "Welt"?
Kommt mit Corona das Ende der Globalisierung und eine Rückkehr zur "Alten "Welt"?
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Entglobalisierung: Dieses Buzzword geistert seit einiger Zeit nicht nur die Medien, sondern hat auch Eingang in die wirtschaftswissenschaftliche Forschung gefunden. Spätestens seit der Corona-Krise, der ökonomische Folgen derzeit kaum abzuschätzen sind, hat sich das Blatt gewendet. Schlug das Herz des Bundesbürgers beflügelt von den Exporterfolgen noch mehrheitlich für den freien Welthandel und die Globalisierung, so sind die Mehrheitsverhältnisse ins Rutschen geraten.

Globalisierung: Eher Risiko als Chance?

Das Misstrauen gegenüber der Globalisierung wächst. Dies zeigt eine aktuelle Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" durchgeführt hat. Nur noch 38,3 Prozent der Befragten gaben an, die Globalisierung eher als Chance anzusehen, 57,7 Prozent empfinden sie hingegen als Risiko. Zum Vergleich: Im Mai 2017 empfanden 63,5 Prozent der Befragten die Globalisierung als Chance, nur 38,8 Prozent bezeichneten sie als riskant.

Maschinenbau: Lieferketten stabilisieren sich

Etwa 98 Prozent der Betriebe – und damit fast alle Maschinenbauer – leiden nun unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie - so das Ergebnis der 5. VDMA Blitzumfrage unter seinen Mitgliedsfirmen. Teilgenommen hatten 730 Unternehmen. „Die Nachfrageseite ist weiterhin sehr angespannt“, sagt VDMA-Chefvolkswirt Dr. Ralph Wiechers. „Bereits Anfang Mai verbuchten gut ein Drittel der beeinträchtigten Unternehmen gravierende Auftragseinbußen beziehungsweise Stornierungen, Ende Mai ist dieser Wert auf über 40 Prozent gestiegen“, erläutert er.

Die Probleme mit gerissenen Lieferketten relativieren sich jedoch Schritt für Schritt. Über 80 Prozent der beeinträchtigten Unternehmen berichten nun über keine oder nur noch geringe angebotsseitige Störungen. Anfang Mai lag dieser Wert noch bei 61 Prozent. „Bereits Anfang Mai deutete sich eine Entspannung der Versorgungslage entlang der Wertschöpfungsketten an. Diese erfreuliche Entwicklung hat sich fortgesetzt, wie die Ergebnisse der jüngsten Blitzumfrage belegen“, erläutert Wiechers. Über 40 Prozent der Unternehmen erwarten zudem weiter abnehmende angebotsseitige Probleme in den nächsten drei Monaten.

Dabei ist die Front der Globalisierungsgegner vermutlich weiter gewachsen, seit die Corona-Pandemie Deutschland und Europa erreicht und weite Teile des Wirtschaftslebens in Mitleidenschaft gezogen hat. Die massiven Störungen in den Lieferketten, die in vielen Unternehmen und Branchen zu Produktionseinschränkungen führten - allen voran in der Automobilindustrie und im Maschinenbau - haben die Verwundbarkeit einer hochgradig vernetzten Weltwirtschaft vor Augen geführt.

Die Versorgungsengpässe bei wichtigen Medikamenten (Indien ist inzwischen so etwas wie die "Apotheke der Welt") oder Schutzausrüstungen (wurden bisher in China hergestellt), waren dann nur noch das sprichwörtliche Tüpfelchen auf dem "i". Für den früheren EU-Abgeordneten und ultrakonservativen Publizisten Philippe de Villiers signalisiert die Coronakrise gar das Ende der „Neuen Welt“ und die Rückkehr zur „Alten Welt“.

Die Entglobalisierung begann in der Finanzkrise

Doch was tun? Deutschland holt die Industrie nach Hause, schrieb Dalia Marin, Wirtschaftsprofessorin an der TU München, unlängst in einem Gastbeitrag für das bereits erwähnte Nachrichten. Und das ist kein Wunschdenken, sondern tatsächlich Fakt. Auslöser dafür war nicht die Corona-Pandemie, sondern die globale Wirtschaftskrise 2008/2009 als Folge der sogenannten Sub-Prime-Krise.

Wie Studien des in Princeton lehrenden Wirtschaftshistorikers Harold James und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegen, begann damals die Rückverlagerung in Niedriglohnländer outgesourcter Produktionskapazitäten -.das sogenannte Reshoring. Seither ist der Anteil der Vorprodukte an den gesamten deutschen Warenimporten gemittelt stark gesunken, und zwar von 62 auf 55 Prozent. Wesentliches Motiv für das Reshoring ist nach Meinung von Experten die durch die Finanzkrise ausgelöste Verunsicherung, die viele Wirtschaftsakteure veranlasst hat, sich auf zunehmend auf "bekanntes" und damit vermeintlich sicheres Terrain" zurückzuziehen.

Die Unsicherheiten wachsen

So nahm der von Forschern an der Stanford University entwickelte Weltunsicherheitsindex zwischen 2008 und 2011 nahm um 200 Prozent zu. Zum Vergleich: Während des Ausbruchs des ersten Sars-Virus 2002 und 2003 stieg dieser Index lediglich um 70 Prozent. Nachdem Großbritannien 2016 dafür gestimmt hatte, die Europäische Union zu verlassen, schoss er zeitweilig um 250 Prozent in die Höhe. Folglich dürfte das Thema Verunsicherung auch im Zuge der Covid-19-Pandemie auf die (künftigen) Beschaffungsaktivitäten und die Supply-Chain-Architekturen erheblichen Einfluss haben.

Welche Veränderungen in der Wertschöpfungskette aufgrund der Erfahrungen aus der Coronakrise konkret zu erwarten sind - das wollten auch das Logistik-Beratungsunternehmen Abels & Kemmner und die AWF GmbH (Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Fertigung) wissen und haben dazu vom 20. April bis 24 April 2020 rund 250 Personen aus Produktions- und Handelsunternehmen, die in den Bereichen Produktion, Logistik, Supply Chain Management, Einkauf und Arbeitsvorbereitung tätig sind, sowie eine kleinere Anzahl an Beratern, befragt.

Make or buy ist (wieder) ein Thema

Praktisch die Hälfte ist sich sehr sicher (zehn Prozent) oder relativ sicher (39 Prozent), dass viele Unternehmen ihre Fertigungstiefe zukünftig wieder erhöhen werden. Die andere Hälfte der Befragten sieht dies genau umgekehrt. Vier Prozent sind sich absolut sicher und 48 Prozent relativ sicher, dass dies auch in Zukunft nicht geschehen wird. Dies legt den Schluss nahe, dass in weiten Teilen der Wirtschaft zumindest verstärkt über das Thema "make or buy" nachgedacht wird.

Verändern dürfte sich ferner die Lieferantenstruktur. Das legt die Umfrage von Abels & Kemmner und AWF nahe. Über 80 Prozent der der 250 Befragten gehen davon aus, dass es weniger Single Sourcing und mehr Multiple Sourcing geben wird. Ähnlich deutlich überwiegt die Meinung, dass es zukünftig mehr regionale Redundanz bei der Beschaffung wichtiger Materialien geben wird (26 Prozent trifft zu, 54 Prozent trifft eher zu).

Die Unternehmen werden Produkte ganz gezielt aus mehreren Quellen in unterschiedlichen Weltregionen beschaffen, um sich so zumindest etwas unabhängiger von Krisen den daraus resultieren Lieferstörungen zu machen. 82 Prozent der Befragten gehen stark oder eher davon aus, dass europäische Kunden wieder stärker auf frühere europäische Lieferanten zurückgreifen werden.

Beschaffung: DACH und EU verdrängen Fernost

Hingegen dürfte China - bisher ein zentraler Beschaffungsmarkt für viele Unternehmen - voraussichtlich an Bedeutung verlieren. Ähnliches gilt auch für die anderen Länder in Fernost. So erwarten 16 Prozent der Befragten in der Abels & Kemmner/AWF-Studie einen deutlichen und 50 Prozent einen leichten Rückgang der Beschaffungsmengen aus China. Für den restlichen Fernen Osten liegen die Werte bei acht Prozent (starker Rückgang der Abnahmemengen) bzw. 44 Prozent (leichte Abnahme).

Fazit: In Summe ist ein einen Rückgang der Globalisierung in der Beschaffung zu erwarten. Die Beschaffungsregion DACH, EU-Mitgliedsstaaten und Norwegen wird deutlich an Bedeutung gewinnen, der Ferne Osten inklusive China in seiner Bedeutung etwas abnehmen.

Störungen globaler Lieferketten wirkten sich insbesondere auf die Neigung der Unternehmen aus, Produktion aus dem Ausland zurück an den heimischen Standort zu verlagern, so Prof. Dr. Steffen Kinkel von der Hochschule Karlsruhe (rechts).
Störungen globaler Lieferketten wirkten sich insbesondere auf die Neigung der Unternehmen aus, Produktion aus dem Ausland zurück an den heimischen Standort zu verlagern, so Prof. Dr. Steffen Kinkel von der Hochschule Karlsruhe (rechts).
(Bild: TOBIAS SCHWERDT)

Ähnlich sieht es Prof. Dr. Steffen Kinkel von der Hochschule, der ebenfalls mit einer weiteren Zunahme der Rückverlagerungstätigkeiten rechnet. Basis dafür ist eine bereits im September und Oktober 2019 von der Hochschule Karlsruhe durchgeführte Online-Umfrage bei 655 produzierenden Unternehmen aus 16 führenden Industrienationen (Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Polen, Russland, Schweden, Spanien, Südkorea, USA und Vereintes Königreich), die die diesen Schluss zulässt.

„Demnach wirken sich die Störungen globaler Lieferketten insbesondere auf die Neigung der Unternehmen aus, Produktion aus dem Ausland zurück an den heimischen Standort zu verlagern“, sagt Studienleiter Kinkel, der an der Hochschule an der Fakultät für Informatik und Wirtschaftsinformatik lehrt und zugleich das Institut für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN) leitet.

„Von den befragten Unternehmen, die einen ziemlich hohen bis sehr hohen Einfluss der Störungen globaler Lieferketten auf ihre Geschäftstätigkeit erwarten, gehen fast 50 Prozent davon aus, dass sie in den kommenden Jahren Teile ihrer Produktion aus dem Ausland wieder ins Inland zurückverlagern werden."

Rückverlagerung: neue Jobs nur für Roboter?

Zusätzlich erleichtert würde die Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland und in die reichen Industrieländer dadurch, dass die Verwendung von Robotern heute billiger ist als jemals zuvor, meint die Münchner Handelsökonomin Dalia Marin. Ihre Rechnung ist so einfach wie überzeugend: Ein Unternehmen in Deutschland müsste einem deutschen Arbeiter viel mehr zahlen, als eine Arbeitskraft in China verdienen würde. Ein deutscher Roboter aber fordert überhaupt keinen Lohn, ganz zu schweigen von Sozialleistungen wie Krankenversicherung oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Auch bei der International Federation of Robotics (IFR) ist man überzeugt, dass die Einführung von Robotern in der Nach-Corona-Phase eine entscheidende Determinante des Produktivitätswachstums sein werde. Mit rationalisierungsbedingten Jobverlusten rechnet man beim Robotikverband alerdings nicht.

"Die Auswirkungen der Automatisierung auf die Beschäftigung unterscheiden sich in keiner Weise von früheren Wellen des technologiegetriebenen Wandels", sagt IHR-Präsident Milton Guerry. "Produktivitätssteigerungen und Wettbewerbsvorteile der Automatisierung ersetzen keine Arbeitsplätze - sie werden Aufgaben automatisieren, Arbeitsplätze erweitern und neue schaffen". Das gelte auch für die Wirtschaft nach der Covid-19-Pandemie.

Risikomanagement wird immer wichtiger

Neben Reshoring, mehr make als buy oder Multiple Sourcing gibt es natürlich noch weitere Strategien, um Lieferketten und Produktion resilienter zu machen. Wie die Umfrage von Abels & Kemmner/AWF nahelegt, wird die Bedeutung des Risikomanagements stark wachsen. Das gilt vor allem für den Mittelstand, wo das Thema lockerer gehandhabt werde als in größeren Unternehmen.

So hat beispielsweise Fraunhofer Austria und die TU Wien ein Tool -das „Fraunhofer Austria PRESIDE Dashboard“ - entwickelt, mit dem sich in Krisenzeiten wie der derzeitigen Covid-19-Pandemie wichtige Fragen rund um die Supply Chain innerhalb von Sekunden beantworten lassen: Wo kann es zu Lieferschwierigkeiten kommen? Welche Konsequenzen hat das Abriegeln einer bestimmten Region für die Verfügbarkeit der dort gelagerten oder produzierten Produkte?

Das „Fraunhofer Austria PRESIDE Dashboard“ beantwortet in Krisenzeiten wichtige Fragen rund um die Supply Chain innerhalb von Sekunden.
Das „Fraunhofer Austria PRESIDE Dashboard“ beantwortet in Krisenzeiten wichtige Fragen rund um die Supply Chain innerhalb von Sekunden.
(Bild: Fraunhofer Austria)

Basis der Visualisierung sind Handelsdaten verschiedener Unternehmen, die die Forscherinnen und Forscher von Projektpartnern wie dem Lebensmittelgroßhändler Kastner erhielten. „Die Grundlage jeder Analyse ist ein solider und gut gepflegter Datensatz,“ erklärt Big-Data-Experte Philip Ramprecht von Fraunhofer Austria.

„Die Kastner-Gruppe und ein weiterer Partner haben uns umfangreiche Daten zur Verfügung gestellt. Bei Kastner handelt es sich hierbei beispielsweise um die Echtdaten aus der Lieferkette des Großhandels für selbstständige Kaufleute und die Daten des Bio-Fachhandels. Dank dieser Kooperationen können wir in unserem Dashboard Warenströme visualisieren und sofort sehen, welche Produktgruppen aus welchen Regionen geliefert werden. Die Antworten auf wesentliche Fragen der Grundversorgung sind jetzt nur noch wenige Klicks entfernt.“

Mit künstlicher Intelligenz zum Plan B

Nicht minder ambitioniert ist das Projekt Spaicer (Skalierbare adaptive Produktionssysteme durch KI-basierte Resilienzoptimierung), an dem das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und die Universität des Saarlandes mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten: Ziel: die Zukunft berechenbarer machen und dafür sorgen, dass Unternehmen im Fall des Falles den passenden Plan B in der Tasche haben. "Produktionsunterbrechungen und der Ausfall von Lieferketten sind seit vielen Jahren das Geschäftsrisiko Nummer eins“, sagt Wolfgang Maaß, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes und Leiter des Forschungsbereichs Smart Service Engineering am DFKI - und nicht erst seit der Corona-Pandemie.

Wie Prof. Wolfgang Maaß erläutert, ist es Ziel des Spaicer-Projekts, die sogenannte Resilienz der Unternehmen zu stärken, also ihre Fähigkeit, sich permanent an interne und externe Veränderungen und Störungen anzupassen und schwierige Situationen stabil zu überstehen.
Wie Prof. Wolfgang Maaß erläutert, ist es Ziel des Spaicer-Projekts, die sogenannte Resilienz der Unternehmen zu stärken, also ihre Fähigkeit, sich permanent an interne und externe Veränderungen und Störungen anzupassen und schwierige Situationen stabil zu überstehen.
(Bild: Oliver Dietze)

Die Plattform soll konkrete Vorschläge liefern, wie Unternehmer im Einzelfall gegensteuern können. „Unser Ziel ist es, die sogenannte Resilienz der Unternehmen zu stärken, also ihre Fähigkeit, sich permanent an interne und externe Veränderungen und Störungen anzupassen und schwierige Situationen stabil zu überstehen. Gerade auch durch Industrie 4.0 wird die Produktion zunehmend komplex. Das Resilienz-Management wird damit zu einem unabdingbaren Erfolgsfaktor für Produktionsunternehmen“, erklärt Wolfgang Maaß.

Wirkungsketten transparent machen

So soll das Spaicer-System nicht nur die voraussichtlichen Auswirkungen drohender Pandemien auf die Produktion transparent machen, sondern auch bei politischen Konflikten Empfehlungen für eine optimierte Produktionsplanung geben. „Dafür fließen kontinuierlich zum Beispiel Trendanalysen für Rohstoffpreise und Analysen politischer Beiträge in das System ein, um Störungen wie den Ausfall von Zulieferern vorherzusagen“, erklärt Maaß. Außerdem füttern die Forscherinnen und Forscher ihre Plattform unter anderem mit prognostizierten Pegelständen, Temperaturentwicklungen, Urlaubszeiten oder Trends der Logistikbranche.

Aus all diesen Daten und Informationen berechnen Algorithmen Lösungsvorschläge. „Mögliche Handlungsoptionen des Automobilzulieferers aus dem erwähnten Beispiel wären etwa, das Lieferantennetzwerk zu erweitern, das Auftragsvolumen zu optimieren, die Produktion auf mehr Standorte zu verteilen oder etwa Lagerbestände anzupassen. Lieferketten können je nach Lage beizeiten stabilisiert werden, etwa durch frühzeitige, alternative Logistikplanung über Straßen, Schienen und Wasserwege oder Anfrage von Ersatzlieferanten“, erläutert der Wirtschaftsinformatiker.

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