Suchen

Smart City

Die Industrie kehrt in die Stadt zurück

| Redakteur: Jürgen Schreier

Der VDI (Verein Deutscher Ingenieure) sieht die urbane Produktion und Logistik als integrale Teile der Stadt der Zukunft. Anstelle monofunktionaler Betriebs- und Wohngebiete müssen neue Mischformen von Leben und Arbeiten eine nachhaltige Stadtentwicklung sicherstellen.

Das Wittenstein-Werk in Fellbach bringt die Bereiche Arbeiten und Leben wieder näher zusammen. Der Antriebstechnikretseller trägt mit seiner urbanen Produktionsstätte der Notwendigkeit Rechnung, dass Industrie geräuscharm, energieeffizient und ressourcenschonend sein muss, um von den Anwohnern akzeptiert zu werden.
Das Wittenstein-Werk in Fellbach bringt die Bereiche Arbeiten und Leben wieder näher zusammen. Der Antriebstechnikretseller trägt mit seiner urbanen Produktionsstätte der Notwendigkeit Rechnung, dass Industrie geräuscharm, energieeffizient und ressourcenschonend sein muss, um von den Anwohnern akzeptiert zu werden.
( Bild: Wittenstein )

Die hohe Lebensqualität in deutschen Städten wird meist mit den Themen Wohnen, Versorgung, Bildung, Kultur und Erholung in Verbindung gebracht. Dagegen findet die Rolle, die die Industrie mit ihren Arbeitsplätzen und ihrem starken Einfluss auf die Lebensqualität spielt, kaum Beachtung - so der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Mit seinem Positionspapier „Urbane Produktion und Logistik“ bekennt sich der VDI zur Unterstützung der Entwicklung einer lebendigen Industrie im urbanen Umfeld. Dazu gehört insbesondere die Erhöhung spezifischer Qualitäten für bestehende Betriebsstandorte, aber auch die Bereitstellung von geeigneten und ausreichenden Flächen.

Stadtökonomie: Neue Mischformen realisieren

Aufgrund immer stärker werdender Verflechtungen von Produktion, Logistik, Wissen, Forschung, Entwicklung, Kultur und Dienstleistungen seien urbane Produktion und Logistik heute und in Zukunft nicht mehr wegzudenkende Bausteine einer innovativen Stadtökonomie, in der die wechselseitige Vernetzung unterschiedlicher Branchen immer wesentlicher wird. Konkret bedeutet dies, die Ambition zu neuartigen Formen von Durchmischung in Städten: Anstelle monofunktionaler Betriebs- und Wohngebiete müssen neue Mischformen von Leben und Arbeiten eine nachhaltige Stadtentwicklung sicherstellen.

Viele „reine“ Produktionsflächen wurden allerdings in den vergangenen Jahren aufgrund des enormen Zustroms in die Ballungsräume und des damit einhergehenden Nachfragedrucks auf den Wohnungsmarkt für Wohnzwecke umgewidmet. Nicht zuletzt im Interesse eines sozial stabilen Gesamtwachstums, und damit auch im Interesse des Wohnens selbst, stünden urbane Produktion und Logistik für den Stopp dieser Entwicklung, so der VDI.

Laut einer aktuellen Umfrage sind zwei Drittel aller befragten Mitglieder der VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL) überzeugt, dass urbane Produktion ein wichtiges Element der Stadt der Zukunft sein wird. Dazu jedoch bedürfe es aber der Entwicklung neuer Konzepte, Kooperationen und Abstimmungen mit allen Stakeholdern: Unternehmen, Mitarbeiter, Städte und Behörden, Anwohner und regionale Umfelder. Konsequenter als bisher müssen Wirtschafts-, Stadt- und Kulturpolitik miteinander verknüpft werden, wozu kreative und ganzheitliche Ansätze erforderlich seien. Diese Ansätze zu denken, zu planen, zu realisieren und zu betreiben ist nach Auffassung des VDI nicht zuletzt Aufgabe von Ingenieurinnen und Ingenieuren.

Veränderte Planungsverfahren erforderlich

Für den VDI steht außer Frage, dass dazu veränderte Formen und neue Qualitäten in Beteiligungsprozessen und Planungsverfahren notwendig sind. Daraus ergeben sich erhebliche Konsequenzen für Städte und Kommunen: Speziell in ihrem Handeln nach außen, das heißt bei der Ansprache und der Integration von Unternehmen und Bürgerschaft im Rahmen der Konzeption und Organisation von Beteiligungsprozessen. Zukünftig müssen sich Kommunen und Unternehmen als Entwicklungspartner verstehen, um die Potenziale einer zeitgemäßen Stadtentwicklung zu mobilisieren.

Eine solche urbane Produktionstätte hat der Antriebstechnikhersteller Wittenstein bereits vor einigen realisiert. Das Werk für Verzahnungen, in dem auch Industrie-4.0-Konzepte erprobt und umgesetzt werden, befindet sich in unmittelbarer Nähe eines Wohngebiets. Sie liegt direkt neben einer Passivhaussiedlung in Fellbach im Ballungsraum Stuttgart. Der ungewöhnliche Standort bietet eine hohe Lebens- und Arbeitsqualität. Die Produktionsanlage wurde harmonisch in die Umgebung integriert, das Wohnumfeld wird durch sie nicht beeinträchtigt. Gebäude und Außenbereiche sind mit den umliegenden Grundstücken vernetzt. Die Mitarbeiter profitieren vom urbanen Umfeld, das kurze Wege zur Arbeit und eine sehr gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr bietet.

Neben der komplett regenerativen Energieversorgung wurden zahlreiche weitere Faktoren berücksichtigt: Lärm und Abgase, Abfall und CO2-Ausstoß, Wasser und Abwasser. So wird Regenwasser in einer Zisterne gesammelt und für die sanitären Anlagen genutzt. Ebenso wichtig ist das Raumklima. Die ständige Entfeuchtung der Luft in den Produktionsräumen sorgt für optimale klimatische Bedingungen.

Darüber hinaus stellt die vollklimatisierte Produktion die Stabilität der Produktionsprozesse und damit eine außergewöhnlich hohe technische Präzision sicher. Im Vergleich zu bereits bestehenden Produktionseinrichtungen werden in Fellbach 35 Prozent Energiekosten pro Quadratmeter eingespart – trotz der vollklimatisierten Produktion.

Innovationsverbund Urban Production

Im Verbundforschungsprojekt "Urban Production" erforscht das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) den Wandel hin zur Verstädterung und seine Auswirkungen auf produzierende Unternehmen. Dabei stehen folgende Fragen im Fokus:

Wie wirkt sich die Urbanisierung auf produzierende Unternehmen aus?

Welche Chancen bieten sich?

Welche Herausforderungen müssen zusätzlich gemeistert werden?

Welche Arbeitsweisen, Prozesse und Technologien sind notwendig, um durch die Symbiose aus Unternehmen und Umfeld Mehrwert für alle zu schaffen?

Wie kann der notwendige Wandel in Unternehmen und Gesellschaft herbeigeführt und gesteuert werden?

Ein multidisziplinäres Netzwerk aus Wissenschaftlern, innovativen Lösungsanbietern und vorausdenkenden Anwendern erforscht sowohl organisatorische, soziale als auch technologische Phänomene der urbanen Produktion. Gemeinsam mit den teilnehmenden Unternehmen entwickelt das Fraunhofer IAO konkrete Handlungsoptionen und erarbeitet Lösungen, diese erfolgreich zu gestalten und zu implementieren.

Save-the-Date: VDI Industriedialog und öffentliche Abendveranstaltung "Urbane Produktion und Logistik" am 26. September 2018 am Fraunhofer IAO in Stuttgart.

Das VDI-Positionspapier ist kostenfrei zum Download verfügbar.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45410998)