Interview Raffaello Lepratti, Mendix “Die Dringlichkeit, Prozesse schnell anzupassen, hat einen enormen Schub auch für Low-Code gegeben“

Von Sebastian Human

Low-Code gilt als Lösung für viele Probleme: vom Bedarf nach kürzeren Software-Entwicklungszeiten bis zum oft thematisierten Fachkräftemangel. Nutzen Low-Code-Anbieter den Programmier-Ansatz selbst? Was ist mit den Risiken? Ein Interview mit Raffaello Lepratti von Mendix gibt Antwort.

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Als Gegenentwurf zu komplexem Programmcode ermöglicht es Low-Code, Mitarbeiter ohne speziellen IT-Hintergrund in Digitalisierungsprojekte miteinzubeziehen, sagt Dr. Raffaello Lepratti.
Als Gegenentwurf zu komplexem Programmcode ermöglicht es Low-Code, Mitarbeiter ohne speziellen IT-Hintergrund in Digitalisierungsprojekte miteinzubeziehen, sagt Dr. Raffaello Lepratti.
(Bild: gemeinfrei/Mendix / Pexels )

Die Idee von Low-Code ist so simpel wie genial. Mittels intuitiver Bedienbarkeit einer Software, die vorgefertigte Code-Bausteine zu gebrauchsfertigen Apps werden lässt, sollen Profis wie Citizen Developers vom deutlich reduzierten Programmieraufwand profitieren. Wie hat sich die Nachfrage nach solchen Angeboten entwickelt, profitieren Konzerne mehr als KMU und wie steht es um die Risiken, die mit dem Low-Code-Ansatz einhergehen? Diese und weitere Fragen haben wir Dr. Raffaello Lepratti, der als Vice President bei der Siemens-Tochter Mendix arbeitet und die Industrial Manufacturing Cloud des Low-Code-Anbieters verantwortet, gestellt.

Herr Lepratti, das Thema Low-Code zieht immer weitere Kreise. In einem Working Paper hat beispielsweise auch die Hans-Böckler-Stiftung, die dem Deutschen Gewerkschaftsbund entspringt, dessen Einsatz eine hohe Relevanz attestiert. Wie steht es aktuell um das tatsächliche Interesse an diesem Programmierungsansatz?

Die Nachfrage nach Tools für die digitale Transformation ist zuletzt stark gestiegen. Man hat gesehen, wie fragil die Lieferketten in der herstellenden Industrie sind. Die Dringlichkeit, Prozesse schnell anzupassen, hat einen enormen Schub auch für Low-Code gegeben. Mit entsprechenden Plattformen, wie Mendix, lässt sich Digitalisierung schnell und effizient vorantreiben und individuell bis auf die Ebene einzelner Mitarbeiter zuschneiden. Wenn man Technologien und Prozesse modular aus vorgefertigten Bausteinen zusammenzusetzt, kann man sie mehrfach verwenden oder bei Bedarf einfach austauschen. Das erhöht die Flexibilität und Resilienz in den Unternehmen. Gartner hat diesen Ansatz einmal als Composable Enterprise bezeichnet. Low-Code unterstützt die personalisierte Entwicklung von Apps, die mehr und mehr eben auf der Basis vorgefertigter Bausteine und Konnektoren erfolgen soll. Immer mehr Unternehmen erkennen das riesige Potenzial, das da drinsteckt.

Was heißt das für den praktischen Einsatz? Bewegt sich hier etwas und sehen Sie Unterschiede zwischen KMU und Konzernen?

Mit Mendix ist es möglich, Packaged Business Capabilities, kurz PBC, die alle wesentlichen Funktionen bereits beinhalten, als vorgefertigte Blocks für die Applikationsentwicklung zur Verfügung zu stellen. Wenn das Resultat einer Produktentwicklung zum Beispiel eine 3D-Visualisierung ist, die alle relevanten Merkmale der Geometrie sowie zusätzliche Informationen wie Material, Bauteile, Zusammenhänge und so weiter beinhaltet, kann dieses Package als Baustein in der Low-Code-Applikationsentwicklung nutzbar gemacht werden. Zum Beispiel kann eine Applikation für den Einkauf anhand der Visualisierung entwickelt werden, ohne dass das ganze Produktentwicklungstool installiert sein muss. Der Einkaufsmitarbeiter hat damit den gleichen Informationsstand und die gleiche visuelle Sprache wie der Ingenieur und kann sich mit ihm im internen Gespräch gezielter austauschen. Das hat ein anderes Niveau als wenn er nur mit einer Excel-Datei arbeitet.

Low-Code erlaubt eine einfache Anpassung und Personalisierung der Applikationen. Auch Mitarbeiter ohne tiefere Programmierkenntnisse können zum Beispiel eine zusätzliche Datenquelle zuschalten oder ähnliches. Komplexität wird so nicht zum Hindernis, sondern zum Wettbewerbsvorteil. Bei großen, vielfältig vernetzten Produktionsbetrieben ist das naheliegend, aber auch kleine und mittlere Unternehmen profitieren enorm von Low-Code, unter anderem weil sie über den Mendix-Marketplace auch Tools Dritter, zum Beispiel von großen Beratungshäusern, einfach für sich adaptieren können.

Beispiel Konzern: Mendix gehört zu Siemens. Können Sie etwas darüber sagen, wie Low-Code dort intern eingesetzt wird?

Siemens setzt Low-Code in vielfältiger Weise ein und hebt damit Synergien auf verschiedenen Ebenen. Zunächst nutzen verschiedene Siemens-Werke Mendix bereits zur Verschlankung von Prozessen und zur Personalisierung von Applikationen. Die Werke entwickeln entweder selbständig in lokalen App-Factorys oder durch Partner Anwendungen für ihren Bedarf in den unterschiedlichen Bereichen wie beim Einkauf und der Personalplanung sowie in der Fertigung direkt an den Produktionslinien. Manche solcher Applikationen sind Best Practices, die wir als Templates dann unternehmensweit einsetzen und im Erfolgsfall auch unseren Kunden zur Verfügung stellen wollen.

Gleichzeitig beschleunigen wir mit Mendix die Modernisierungszyklen zum Beispiel im Bereich der Automatisierung. Die Mendix-Plattform funktioniert hier als eine Art Bindeglied zwischen IT und OT. So ermöglichen wir intern konzernweit und technologisch für unsere Kunden enorme Skalierungseffekte.

Aber auch für die einzelnen Mitarbeiter ergeben sich neue Chancen. Ein Kollege zum Beispiel arbeitete im Schichtbetrieb in der Produktion. Weil es für die Schichtplanung so viele unterschiedliche Tools und Excel-Tabellen gab, arbeitetet er sich in Mendix ein und fasste alle Daten in einer einzigen App zusammen. Die alten Listen wurden damit überflüssig. Der Kollege arbeitet jetzt im Bereich der Digitalisierung. Für ihn war die Beschäftigung mit Mendix also in mehrfacher Hinsicht ein Erfolg.

Der Low-Code-Ansatz soll auch auf dem bekannten Problemfeld weitläufig verstreuter Daten helfen können. Wie genau darf ich mir das vorstellen?

Genauso wie man über Mendix fertige App-Strukturen, standardisierte Schnittstellen oder 3D-Visualisierungen als Packaged Business Capabilities zur individuellen Nutzung und Anpassung zur Verfügung stellen kann, so eben auch Datenpakete zum Beispiel von IoT-Netzwerken.

Eine Sammlung strukturierter Daten aus Maschinen und Sensoren wird dann in einer einzelnen Datei gebündelt und kann ganz einfach mithilfe vorkonfigurierter Konnektoren, also API, mit anderen Datenquellen kombiniert werden. So lassen sich Daten aus den unterschiedlichsten ERP, MES/MOM, PLM und IPaaS-Plattformen sowie zahlreichen anderen externen Quellen anschließen. Die Nutzerinnen und Nutzer – Entwickler ebenso wie Fachexperten – können über den Mendix Data Hub relevante Daten im gesamten Ökosystem finden und per Drag-and-Drop in ihre App ziehen.

Die Hans-Böckler-Stiftung weist in ihrem Papier auch auf Risiken durch nicht IT-affine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hin. Zum Beispiel würde der Schulungsaufwand in manchen Fällen unterschätzt. Wie sehen Sie das, braucht es hier klareres Erwartungsmanagement?

IT ist und bleibt ein komplexes Thema. Dafür braucht man Spezialistinnen und Spezialisten. Die digitale Transformation kann aber auch nicht auf die IT-Abteilung beschränkt bleiben, sondern erfasst die Unternehmen oder sogar ganze Industrien insgesamt. Das gilt auch und besonders für die produzierende Industrie.

Low-Code bietet den passenden technischen Rahmen, mehr Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen in Digitalisierung und Automatisierung mit einzubeziehen. Zusammenarbeit wird vereinfacht, Entwicklungsprozesse werden beschleunigt, externe Quellen lassen sich einbinden. Technikaffine Fachkräfte ohne speziellen IT-Hintergrund kommen damit in der Regel gut zurecht, benötigen aber die Bereitschaft sich tief einzuarbeiten und, wenn es komplexer wird, die Unterstützung von erfahrenen Entwicklern. Digitale Transformation hat auf jeden Fall viel mit lebenslangem Lernen zu tun. Bei Low-Code ist die Einstiegshürde jedoch vergleichsweise gering. Und: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich nicht nur an Technologien anpassen, die im großen Stil eingesetzt werden, sondern können digitale Lösungen auch ein Stück weit für sich personalisieren und individualisieren. Das gibt ihnen mehr Handlungsmacht in einer sich schnell verändernden Arbeitswelt.

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