Blick zurück nach vorn

Die Cebit 2018

| Autor / Redakteur: Wilfried Platten / Lisa Marie Waschbusch

Auf der Cebit 2018 werden keine neuen Besucherrekorde erwartet.
Auf der Cebit 2018 werden keine neuen Besucherrekorde erwartet. (Bild: Deutsche Messe AG)

Wir erleben das Jahr EINS der neuen Cebit: Statt Wetterkapriolen im März erwarten uns jetzt Wetterkapriolen im Juni. Aber es geht natürlich um viel mehr.

Es war einmal eine weltberühmte Messe, die größte ihrer Art weltweit – Aussteller- und Zuschauermagnet, Schauplatz epochaler Innovationen und spektakulärer Flops, hochdeutscher Leuchtturm und Ausrufezeichen in einer von US-Ideen und -Giganten geprägten IT-Welt. Kein Amerikaner mochte so recht glauben, dass die niedersächsische Tiefebene für das IT-Volk tatsächlich um ein Vielfaches attraktiver war als sämtliche US-Events zusammen. Bis er dann selbst stundenlang in der Dienstdiesel-Schlange vor der grünen Ampel an der Hildesheimer Straße stand oder sich in der Tram daneben langsam aber sicher der Erstickungs- oder Erdrückungsohnmacht näherte. Las Vegas um Mitternacht war dagegen Peanuts.

Da ging es ihm nicht besser als all den Japanern, Russen, Skandinaviern, Taiwanesen, Arabern, Schweizern, Chinesen oder sonstigen Temporär-Hannoveranern, die nach und nach (nicht in dieser Reihenfolge!) das Gesicht der tollen Tage im Schatten des gehelmten Messe-Kriegers prägten.

Win-Win-Win-Win....

Sie alle einte eine gemeinsame Vision: mit IT-Innovation Unternehmen attraktiver und erfolgreicher, und das Leben der Menschen schöner, bequemer, aufregender und einfacher zu machen – und kräftig daran zu verdienen. Heilsversprechen mit Margengarantie, was für eine Mischung! Wer erinnert sich nicht an die ersten Handy-Träger, die ihren alles andere als klammheimlichen Stolz partout nicht verbergen konnten, und schon gar nicht ihre Ziegelstein-großen Geräte am Halfter, an dem sie auch unter Aufbietung physischer Reserven schon nach kurzer Tragezeit schwer zu schleppen hatten. Aber endlich konnte man im Gehen telefonieren, ohne eine Telefonzelle im Schlepptau haben zu müssen, Wahnsinn! Avantgardist in einem avantgardistischen Umfeld zu sein, mehr geht nicht, oder?

Hinter roten Vorhängen wurden revolutionäre Prototypen gezeigt, auf Konferenzen der nächste (oder gleich der übernächste) Quantensprung ausgerufen, im Hinterstübchen nicht weniger als „the next big thing“ angekündigt. Nirgendwo war die Zukunftsdichte höher, der Optimismus grenzenloser – und generell waren ausschließlich Marktführer unterwegs. Was für ein exklusiver Massen-Zirkel (nicht Massen-Zirkus, bewahre!), die Widerspruchslogik war außer Kraft gesetzt.

Prachtbauten

Und dann die Hallen! Auch hier war Platzangst ebenso verbreitet wie unausweichlich. In der Halle 1 seligen Angedenkens prunkten die Stände mit schierer Größe um die Wette. Gigantismus als Ausdruck des überschäumenden Erfolgs einer selbstverliebten Branche. Auf den Parkflächen unter der Halle konnte man das komplette Saarland unterbringen, na ja fast. Allein in dem später von Informix gekauften dreistöckigen Telekom-Stand war ungefähr soviel Platz wie in einem gutbürgerlichen Westerwälder Landhotel. Eigentlich hätten die Mitarbeiter gar keine überteuerten Kellerverschläge am anderen Ende der Stadt gebraucht, sondern gleich vor Ort übernachten können. Es waren zwar WCs, aber leider keine Duschen drin.

Die berühmten Trelemente auf dem Dach sind da noch nicht mal eingerechnet. Wer jemals in feuchtkaltem Frühjahrs-Nordost zitternd zwischen diesen Betonhütten mit der langweiligen, aber exklusiven Aussicht auf die Südstadt umherirrte, weiß wovon die Rede ist. Und solche Stand-Monster gab es in dem Hallen-Moloch gleich im mehrfachen Dutzend. Verlaufen und verirren war also vorprogrammiert. Erstaunlich, dass bei der Schließung 2008 weder traumatisierte Überlebende noch Knochenreste vergessener Besucher in den Geisterhallen gefunden wurden. Aber vielleicht hat man ja auch einfach nicht danach gesucht. Gerüchte, dass grausige Funde heimlich beiseite geschafft wurden, entbehren natürlich jeglicher Grundlage.

Alles neu...

Mit diesem real existierenden Messe-Wahnsinn ist es vorbei. Die „CeBIT“ hat ihr „e“ geopfert und sich zum „Business-Festival“ gewandelt. Statt auf einem breiten Fundament ruht die Cebit jetzt auf vier selbsterklärend benannten Säulen: d!conomy, d!tec, d!talk und d!campus. Bitte fragen Sie nicht, was das jeweilige Ausrufezeichen an zweiter Stelle bedeutet und schon gar nicht wie man das ausspricht. Ob es was mit der gewünschten Lautstärke der Intonation des vorangestellten „d“ zu tun hat? Keine Ahnung!

Zugegeben, es gibt wichtigere Fragen. Etwa die, ob sie an die glorreichen Gründer- und Boom-Zeiten anknüpfen kann. Antwort: nein! Schon allein deshalb, weil sie sich den Bonus der retrospektiven Verbrämung erst erarbeiten muss. Gigantismus fällt mangels vergleichbarer Masse ebenso flach wie der Turbo-Effekt des Unschulds-Charmes einer Branche, die selbigen schon lange verloren hat. Der von der Messe gesetzte Besucher-Forecast liegt bei 200.000. Gemessen an den über 800.000 der frühen 2000er-Jahre ist das ein sehr bodenständiger Ansatz. Bravo! Und ob Klasse die nicht vorhandene Masse ersetzen kann, steht ebenfalls noch in den Sternen.

Wohl und Wehe

Über die Zukunft der Cebit entscheidet letztlich die Akzeptanz der buchenden (oder eben nichtbuchenden) Branche. Und diese wiederum ist eine Ableitung des Zuschauerinteresses an den Ausstellern und ihren wie auch immer gearteten Produkten. Das ist der Knackpunkt. Und der erste Schuss muss sitzen! Denn wir alle kennen den Lemming-Charakter, der für die IT-Branche zwar nicht charakteristisch ist, aber dort wie bei so vielen anderen greift. Misserfolg spricht sich noch schneller herum als Erfolg und führt zum Fluchtreflex, wenn nicht sogar zum Rette-sich-wer-kann-Effekt.

Welcher Huawei-, IBM- oder SAP-Eventmanager wird 2019 noch Budgets loseisen können, wenn 2018 kein Renner war. Und solche Firmen messen das an harten Faktoren wie dem „Validated Lead Revenue“, der durch den Messebesuch(er) induziert wurde. Microsoft ist ja eh' schon raus. Das ist das Dilemma und deshalb sind Zugpferde so wichtig. Ein Aussteller wie Salesforce ist Gold wert. Nachdem die Telekom sich schon verabschiedet hatte (wer erinnert sich noch an den Megastand 2017?) ist sie jetzt zumindest nominell wieder an Bord. Wenn auch mit sehr viel bescheidenerem Engagement.

Ein weiterer Erfolgsfaktor wird die Attraktivität der Startup-Szene sein. Frisches Blut, neue Ideen und visionäre Querdenker waren schon immer ein Pfund, mit dem IT-Branche mehr und besser wuchern konnte als der Rest der Welt. Auch wenn sie meist irgendwann in den starren, aber gut bezahlten Konzern-Strukturen von Matrix-Organisationen landeten. Aber es gibt sicher schlimmere Schicksale. Das der Cebit werden wir demnächst live mitverfolgen können. Deshalb gab es schon lange keinen besseren Grund mehr, sie zu besuchen. Hopp oder Topp? Wetten darauf werden noch angenommen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal IT-BUSINESS erschienen.

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