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Expertenbeitrag

 Arman Sarhaddar

Arman Sarhaddar

CEO, Vault Security Systems AG

Distributed Ledger Technologie Die Blockchain hat ungeahntes Umweltschutz Potenzial

| Autor / Redakteur: Arman Sarhaddar / Vivien Deffner

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Blockchain fällt in diesem Kontext eher als Negativbeispiel. Da stellt sich die Frage: Energiefresser oder Umweltschützer? Arman Sarhaddar, CEO der Vault Security Systems AG, im Interview über Blockchain und Nachhaltigkeit.

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Der schlechte Ruf der Blockchain aufgrund des hohen Energieverbrauchs ist eigentlich unbegründet. Sie kann sogar zum Umweltschutz beitragen.
Der schlechte Ruf der Blockchain aufgrund des hohen Energieverbrauchs ist eigentlich unbegründet. Sie kann sogar zum Umweltschutz beitragen.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Nachhaltige Wirtschaftsmodelle werden Unternehmen und Endverbrauchern immer wichtiger. Gleichzeitig wird die Blockchain-Technologie als großes Zukunftsthema gehandelt, obwohl sie häufig mit hohem Energieverbrauch und geringer Umweltverträglichkeit assoziiert wird.

Herr Sarhaddar, ist der schlechte Ruf der Blockchain begründet?

Es stimmt, dass Blockchain in Bezug auf ihre Ökobilanz keinen guten Ruf hat. Das hängt damit zusammen, dass der Begriff trotz wachsender Kenntnis vielfach immer noch stark mit Kryptowährungen wie Bitcoin verbunden wird. Diese sind in der Tat energieintensiv. Das Mining, also der Proof-of-Work-Algorithmus (PoW), durch den Transaktionen verifiziert und neue Coins generiert werden, ist mit einem sehr hohen Rechenaufwand verbunden. Bei Bitcoin fällt das besonders stark ins Gewicht. Jede einzelne Transaktion verbraucht inzwischen so viel Energie wie 1,5 amerikanische Durchschnittshaushalte am Tag. Die Skalierbarkeit dieser Währung wird zurecht in Frage gestellt.
Der hohe Energieverbrauch ist auch deshalb kritisch zu sehen, weil besonders viel Mining beispielsweise in China stattfindet. Dort kommt der nötige Strom oft aus Kohlekraftwerken, ist also ausgesprochen klimaschädlich.

Aber Bitcoin ist nicht Blockchain und Blockchain ist nicht Bitcoin. Der energieintensive PoW-Algorithmus hat tatsächlich einige Vorteile. Es ist spannend zu sehen, wie viele große Energiedienstleister weltweit bereits im Bitcoin-Mining aktiv sind, einige bauen mittlerweile sogar ihre eigenen Computer-Chips.

Wie sieht es mit Blockchain-Anwendungen abseits der Kryptowährungen aus, sind diese automatisch umweltverträglicher?

Im Bereich Blockchain als Technologie für Unternehmen gibt es heutzutage viele Alternativen zum PoW, die weniger oder gar netto null Energie verbrauchen. Zum Beispiel kann auf einem vorhandenen Server eine Node (ein „Zugangspunkt“, vereinfacht gesprochen) eingerichtet werden. Diese verbraucht bei Verwendung aktueller Hardware einen maximal einstelligen Prozentsatz an Leistung. Je nach Anwendungsart kann auch ein Protokoll mit PoW durchaus Sinn machen und muss nicht gleich umweltschädlich sein. Jedoch setzen die meisten Unternehmen durchaus auf weniger energieintensive Methoden: Bei einem Firmennetz oder Netz zwischen sich bekannten Konsortium-Teilnehmern ist eine so starke Absicherung wie bei Bitcoin schlicht nicht nötig. Heute können wir aus vielen verschiedenen Algorithmen wählen. Jede Option hat Vor- und Nachteile, die bezogen auf die Anwendung, genauso wie auch auf Umweltverträglichkeit, abgewogen werden müssen.

Die meisten Blockchain- bzw. Distributed-Ledger-Technology-Anwendungen (DLT), die für Unternehmenszwecke entwickelt werden, kommen ohne den energieintensiven PoW aus. Die Voraussetzung dafür sind Netzwerke, die nicht wie das Bitcoin Network frei zugänglich sind, sondern einer Erlaubnis bedürfen (permission-based). Statt eines Proof-of-Work kann beispielsweise ein Proof-of-Stake zur Verifizierung und Konsensbildung eingesetzt werden. Dadurch reduziert sich die benötigte Rechenleistung und damit der Energiebedarf um ein Vielfaches, dennoch erzielen diese Lösungen die gewünschte Leistung.

Kann Blockchain-Technologie einen Beitrag zum Umweltschutz leisten?

Wie jede Technologie kann die Blockchain für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden. Prinzipiell kann die Blockchain-Technologie durch die sichere und permanente Aufzeichnung von ständig abrufbaren Daten den Papierverbrauch enorm senken.Darüber hinaus ist es auffällig, dass es viele Geschäftsmodelle gibt, die soziale und ökologische Probleme mit SDGs (Sustainable Development Goals) direkt angehen.
Durch ihre Eigenschaft, Daten unveränderlich aufzuzeichnen, hat die Blockchain für den Umweltschutz ein besonders großes Potenzial. Aktuell wird sie bereits genutzt, um Daten über die natürliche Umwelt aufzuzeichnen und Veränderungen in Ökosystemen zu erfassen. Im Handel gibt es unter anderem Anwendungen, die verantwortungsvoll gefangenen Fisch nachverfolgbar machen und Öko-Zertifizierungen nachweisen.

Die Überwachung der Lieferkette ermöglicht es, minderwertige Produkte früher zu identifizieren. Das Ausmaß der Neuproduktion und Rückrufe kann so reduziert werden, was einen positiven Effekt auf die Treibhausgasbilanz und andere Ressourcen hat. Ein weiteres wichtiges Thema ist Fälschungsschutz. Produktfälschungen sind oft sehr stark schadstoffbelastet und stellen deshalb eine Gefahr für die Umwelt dar.

Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische Dimension. Wie sieht es mit der sozialen Verträglichkeit von Blockchain-Lösungen aus?

Der Fälschungsschutz und die Nachverfolgung der Produktion hat neben der ökologischen auch eine ethische Komponente. Vom Verbraucherschutz einmal abgesehen, kann die Blockchain sicherstellen, dass Waren unter verantwortungsvollen Bedingungen produziert wurden. Nicht nur im Fair-Trade-Warensegment etablieren sich diese Lösungen nach und nach und gewährleisten menschenrechtskonforme und faire Arbeitsbedingungen.
Ein weiterer Aspekt: In manchen Märkten sind bis zu 70 Prozent der Medikamente Fälschungen. Im Jahr sterben weltweit schätzungsweise 100.000 Menschen durch die Einnahme gefälschter Medikamente. Eine Technologie, die die Echtheit medizinischer Produkte nachweisen kann, trägt dazu bei, das Risiko zu senken und die Diskrepanz zwischen stark und wenig betroffenen Ländern zu nivellieren.
Auf der Technologieseite ermöglicht Blockchain Smart Contracts, die unter bestimmten, gemeinsam vereinbarten und unveränderlichen Bedingungen automatisch in Kraft treten. Das „Wenn-Dann“-Prinzip kann zum Beispiel bei automatischen Zahlungen eingesetzt werden. Zahlungsverzüge oder -unterschlagungen sind dadurch nicht möglich.

Die gesamte Geschäftswelt kann von vertrauensvolleren, transparenteren und unmittelbaren Beziehungen profitieren. Dies entspricht auch dem Grundgedanken der Technologie: Im Genesis-Block von Bitcoin verlinkte der Erfinder Satoshi Nakamoto einen Artikel, der den Absturz von Lehman Brothers und den Start der Finanzkrise thematisiert. Ein transparentes Netzwerk, in welchem Transaktionen von jedem einsehbar sind und nachverfolgt werden können, würde bei einer Adoption jegliche Korruption ausschließen.

Was muss geschehen, um die Ökobilanz und das Image der Blockchain aufzuwerten?

Eine wichtige Voraussetzung ist, dass das öffentliche Bewusstsein für den Unterschied der Blockchain-Technologie und der Kryptowährungen steigt. Dass Bitcoin einen sehr hohen Energieverbrauch hat, der zum Beispiel den von Ländern wie der Schweiz übersteigt, wird medial bisweilen thematisiert. Wir benötigen noch mehr Aufklärungsarbeit dahingehend, dass es fundamentale Unterschiede zwischen Bitcoin und den Blockchain-Anwendungen gibt, die jetzt langsam in die Praxis umgesetzt werden.

Angetrieben durch die steigenden Forderungen nach umweltverträglichen Wirtschaftsmodellen schreitet die technische Entwicklung der Blockchains, die für Unternehmensanwendungen verwendet werden, stetig voran. Wir befinden uns bereits auf einem guten Weg – die Anwendungen, die sich für eine bessere Welt einsetzen und zum Beispiel Energieeinsparungen oder Müllvermeidung ermöglichen, machen ihren Energieverbrauch mehr als wett. In der Zukunft wird diese Bilanz noch besser ausfallen.

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