Gast-Kommentar

Die Angst geht um im Silicon Valley

| Autor / Redakteur: Kai Anderson / Jürgen Schreier

Kai Anderson ist Gründer und Vorstand der HR-Beratung Promerit AG und zählt zu Deutschlands führenden Experten für Veränderungsprozesse.
Kai Anderson ist Gründer und Vorstand der HR-Beratung Promerit AG und zählt zu Deutschlands führenden Experten für Veränderungsprozesse. (Bild: Promerit)

Im Silicon Valley bekommt man zunehmend Angst vor der eigenen Geschwindigkeit. Macht das alles so noch Sinn? Wie sähe stattdessen es mit einem guten Schuss Augenmaß in der Digitalisierung aus?

Nach Jahrzehnten grenzenlosen Technikglaubens, gepaart mit dem Willen, die Welt zu verändern, bekommen die Protagonisten im Silicon Valley kalte Füße. Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert – haben wir zwar gehört, aber nicht wirklich verstanden. Keiner der handelnden Akteure hat sich bis vor ein paar Monaten gefragt, ob dieser Fortschritt in der Geschwindigkeit so Sinn macht, und was das in der Konsequenz bedeutet. Weder gesellschaftlich, noch unternehmerisch, noch für den Menschen.

Soziale Medien entscheiden Wahlen, künstliche Intelligenz womöglich mehr

Doch fangen wir von vorne an. Zwei Entwicklungen haben ein Umdenken eingeleitet, das längst überfällig war. Da ist zum einen die Rolle der sozialen Medien, die heute gewichtig genug ist, Wahlen zu entscheiden. Denn hätte die Kandidatin der demokratischen Valley-Elite gewonnen, wäre die Erkenntnis nicht so schockartig gekommen, aber gekommen wäre sie trotzdem. Und so gibt sich Mark Zuckerberg heute nicht nur nachdenklich, sondern stellt gleich 3000 neue Mitarbeiter ein, die uns vor Fake-News und Hass-Botschaften bewahren sollen. Da sage einer, die Digitalisierung schaffe keine neuen Arbeitsplätze. Was uns zur zweiten Entwicklung führt.

Weniger öffentlichkeitswirksam, aber noch viel weitreichender in seinen Auswirkungen ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Bereits letztes Jahr haben zahlreiche renommierte Wissenschaftler und Unternehmer vor den möglichen Gefahren der KI gewarnt, darunter Persönlichkeiten wie Bill Gates, Elon Musk oder Stephen Hawking. Hawking setzt sich in letzter Zeit besonders kritisch mit dem Thema auseinander, was in seiner Aussage gipfelte, dass die künstliche Intelligenz die großartigste Errungenschaft der Menschheit werden kann, bedauerlicherweise allerdings auch die letzte.

Der Supercomputer passt heute in die Jackentasche

Derart drastische Worte lohnen einen zweiten Blick darauf, was sich hier in den letzten Jahren verändert hat: Die Computerisierung ist ein alter Bekannter – begonnen in den 1940er Jahren und der Nährboden für die Automatisierung, die uns in Deutschland Produktivitätszuwächse von jährlich drei bis fünf Prozent beschert hat. Mit dem Internet begann in den 1990er Jahren das, was wir heute als Digitalisierung bezeichnen. Der mobile Zugang zum Internet ermöglicht völlig neue Kundeninteraktionen, das Internet der Dinge, neue Wertschöpfungsketten, alles zusammen neue Geschäftsmodelle und weiterhin eine steigende Produktivität.

Nun ist bereits ein dauerhaftes Wachstum von mehr als einem Prozent pro Jahr eine exponentielle Entwicklung – fühlt sich aber im einstelligen Bereich linear an. Betrachten wir die reine Rechenleistung, stellt sich das schon anders dar. Dem Moorschen Gesetz folgend verdoppelt sich die Rechenleistung jedes Jahr, was dazu führt, dass wir heute eine Computerpower in der Jackentasche haben, die noch vor zehn Jahren in einem Gebäudekomplex untergebracht war.

Mit Deep Learning ändert sich das Spiel

Diese gigantisch wachsende Rechenleistung wurde lange Zeit nur genutzt, die Algorithmen schneller zu machen, die unser Umfeld zunehmend bestimmen. Mit Deep Learning änderte sich das Spiel grundlegend. Im Unterschied zu den linearen Programmierverfahren der Vergangenheit setzte man hier auf neuronale Netze, die der Funktion des menschlichen Gehirns nachempfunden sind. Deep-Learning-Verfahren schaffen eigenständige Verbindungen, erkennen Muster durch Beobachtung und sind in der Lage, sich selbst weiter zu entwickeln. Das ist nicht weniger als die Blaupause der menschlichen Evolution.

In Kombination mit der ungeheuren Rechenleistung, wird das, was wir künstliche Intelligenz nennen, exponentiell wachsen und uns einen guten Teil der Arbeit abnehmen, die wir heute machen. Vielleicht mehr als das - und hier bekommt selbst das Silicon Valley Angst.

Was macht KI eigentlich mit den Personalstrukturen?

Was uns bleibt, sind die kreativen Tätigkeiten, strategisch leitende Aufgaben und alles, was echte menschliche Interaktion erfordert. Das ist nicht wenig, aber bringt eine massive Verschiebung unserer Tätigkeiten mit sich. Vom Sachbearbeiter klassischer Prägung werden wir uns in den nächsten zehn Jahren verabschieden können. Das bedeutet, wir werden uns schnell mit dem Thema auseinandersetzen müssen.

Aus unternehmerischer Perspektive gilt es zu klären, wie sich der Einsatz von künstlicher Intelligenz auf die Tätigkeitsschwerpunkte und Personalstrukturen auswirken wird. Investitionen in entsprechende Technologien werden von kreativen Personalmaßnahmen begleitet und vorbereitet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir heute bereits in zahlreichen Ausbildungsberufen die falschen Schwerpunkte setzen.

Was hilft, wen wundert’s...

Ohne Zweifel ist Bildung der zentrale Schlüssel, wenn es darum geht, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Es muss nicht jeder programmieren lernen, aber die eigene Qualifikation auf die neuen Erfordernisse am Arbeitsmarkt abzustimmen, bedeutet permanentes Lernen und Technologie professionell anwenden zu können.

Wir werden kreativ sein müssen, die Künstliche Intelligenz so einzusetzen, dass sie in Summe mehr Wohlstand für alle bringt. Wenn es uns gelingt, die Digitalisierung mit Augenmaß und ohne Angst anzugehen, haben wir dem Silicon Valley vielleicht etwas voraus.

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