Suchen

Industrie 4.0 Deutsch-chinesischer Schulterschluss

Redakteur: Jürgen Schreier

Synergien und Potenziale für eine deutsch-chinesische Zusammenarbeit in Sachen Industrie 4.0 auszuloten, standen im Mittelpunkt des 1st Sino-German Forum on Manufacturing (SGFM) 2017 in Nanjing. Der Anlass: Im Reich der Mitte wird die Digitalisierung mit Verve vorangetrieben.

Firma zum Thema

Nanjing, eine Industriemetropole im Jangtsekiang-Delta, war Austragungsort des 1st Sino-German Forum on Manufacturing (SGFM) 2017.
Nanjing, eine Industriemetropole im Jangtsekiang-Delta, war Austragungsort des 1st Sino-German Forum on Manufacturing (SGFM) 2017.
(Bild: Pixabay / CC0 )

Zwei Wissenschaftsorganisationen riefen und rund 400 Teilnehmer kamen zum 1st Sino-German Forum on Manufacturing (SGFM) 2017. Nach Nanjing eingeladen hatten die die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik (WGP) und ihr chinesischer Counterpart, die Chinese Mechanical Engineering Society (CMES).

„Ziel dieses Forums war der Austausch der unterschiedlichen Sichtweisen von Industrie 4.0. Wo gibt es Synergien und Potenziale für eine Zusammenarbeit, wie sie ja auf politischer Ebene bereits mit der Kooperation der nationalen Initiativen Plattform Industrie 4.0 und Made in China 2025 vereinbart wurden?“, erläutert Prof. Eberhard Abele, Präsident der WGP und Leiter des Instituts Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen PTW der TU Darmstadt.

Bildergalerie

Ideen zu gemeinsamen Perspektiven wird Abele auch bei einem weiteren deutsch-chinesischen Treffen zu „Intelligent Manufacturing and Smart Services“ am 1. Juni 2017 in Berlin ansprechen können. Dabei wird Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang zusammenkommen und 50 chinesische Unternehmer und Produktionswissenschaftler werden über Kooperationsmöglichkeiten der nationalen Industrie-4.0-Initiativen sprechen.

An einem Strang ziehen

„In China werden Digitalisierung und Vernetzung derzeit mit enormem Tempo vorangetrieben“, berichtet der vormalige WGP-Präsident Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. mult. Uwe Heisel, Institut für Werkzeugmaschinen der Universität Stuttgart: „Und es zeigen sich dieselben Probleme, mit denen wir auch hierzulande zu tun haben. Das haben die Vorträge beider Seiten, aber auch die sehr angeregten Diskussionen schnell klar gemacht.“

Thematisiert wurden unter anderem die Möglichkeiten und Grenzen des Additive Manufacturing, etwa bezüglich der Tauglichkeit für Massenprodukte oder der erreichbaren Festigkeiten der Werkstoffe. Auch organisatorische Fragen, etwa zu Abläufen in digitalisierten und vernetzten Produktionsstätten, wurden bei dem Meeting angesprochen.

Ergänzend zur Plenumsveranstaltung fand in Taicang ein Treffen mit hochrangigen Vertretern der Commercial Aircraft Corporation of China Ltd. (COMAC) statt, dem Hersteller des ersten chinesischen Airbus. Dort tauschten sich die Experten über „Trends und Anwendungen auf dem Weg zu einer intelligenten Fertigung in der zivilen Luftfahrt“ aus. Dabei zeigte sich, dass auch in der Flugzeugindustrie durch die Bündelung der Kompetenzen das Ziel „Luftfahrt 4.0“ leichter und schneller erreichbar werden könnte. „Aus diesem Grund wollen wir den Austausch und gemeinsame Forschungsprojekte weiter vorantreiben“, so Heisel, der Abele in China vertrat.

Viele WGP-Institute haben bereits gute China-Kontakte

Eine ganze Reihe von WGP-Instituten unterhält bereits enge Kontakte zu chinesischen Universitäten, darunter das Darmstädter PTW, die WGP-Institute des Karlsruher KIT, das Berliner IWF sowie das Stuttgarter IfW. Letzteres pflegt seit über 20 Jahren enge Beziehungen mit der University of Shanghai for Science and Technology (USST). Dort ist nun ein Joint-Institut in Planung, das sich die Regierung in Shanghai sehr viel Geld kosten lässt.

Von deutscher Seite werden sich Stuttgarter Institute der Fakultät Konstruktion, Produktion und Fahrzeugtechnik sowie voraussichtlich Institute der TU Berlin beteiligen. Auch sollen Forscher aus den USA dazu stoßen. Die Forschungen werden drei Schwerpunkten gewidmet sein: Produktionstechnik, Optik und Medizintechnik.

„China betreibt derzeit riesige Anstrengungen, um Industrie 4.0 in seinen Unternehmen zu verankern“, konstatiert Prof. Heisel. „Dies ist eine große Chance für alle beteiligten Partner. Und letztendlich können dank dieser internationalen Vernetzung auch die Exportchancen steigen.“

Auf chinesischer Seite sieht man das ebenso, weshalb die Forscher auf dem ersten deutsch-chinesischen Produktionsforum vereinbarten, künftig über die gemeinsamen Forschungsaktivitäten hinaus regelmäßige Kolloquien zu organisieren. „Hier hat sich ein Zwei-Jahres-Rhythmus sehr bewährt“, ist Heisel überzeugt. „Wir werden also womöglich schon 2019 wieder die Gelegenheit haben, über aktuelle Forschungsfragen zu sprechen.“

Kanzlerin schlägt gemeinsamen Forschungsfonds vor

Auch beim Innovationsforum, zu dem sich Bundeskanzlerin Angela Merkel, der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang, Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und ihr chinesischer Amtskollege Wan Gang am 1. Juni in Berlin trafen, stand das Thema Industrie 4.0 und die Möglichkeiten zu einer noch intensivere Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung auf der Agenda.

Das BMBF setzt jährlich etwa 20 Millionen Euro pro Jahr für die Umsetzung seiner China-Strategie 2015-2020 ein. Bundeskanzlerin Merkel schlug die Einrichtung eines gemeinsamen Forschungsfonds vor, um der strategischen Kooperation mit China einen verlässlichen Rahmen zu geben. Dieser Fonds soll 2018 starten und ab 2020 jährlich mit bis zu vier Millionen Euro von jeder Seite ausgestattet sein.

"In unserer Zusammenarbeit in Forschung und Innovation steckt noch viel Potenzial", sagte Wanka. "Mit dem gemeinsamen Forschungsfonds wollen wir diese Zusammenarbeit strategisch ausbauen und Forschungsorganisationen und forschende Unternehmen aus Deutschland und China dabei unterstützen innovative Technologien zu entwickeln".

Eine stärkere Ausrichtung auf Innovation in der Zusammenarbeit mit China erlaubt es insbesondere forschenden Unternehmen, sich besser auf die Bedürfnisse des chinesischen bzw. asiatischen Marktes einzustellen. Zudem fördert die Kooperation die Entwicklung von gemeinsamen Normen und Standards. Deutschland setzt sich darüber hinaus für gute Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit ein: Dazu gehören gesicherte und faire Marktzugangsbedingungen und die uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit der deutschen Forschungs- und Mittlerorganisationen in China. Nur so werden Unternehmen gemeinsam mit Forschungseinrichtungen bereit sein, sich nachhaltig an dieser Kooperation zu beteiligen.

Ein bilateraler Lenkungsausschuss wird künftig die Instrumente für die gemeinsamen Fördermaßnahmen entwickeln, die Verfahren und Rahmenbedingungen anpassen sowie die Themen diskutieren. Die konstituierende Sitzung wird in der übernächsten Woche in China stattfinden.

Industrie 4.0, E-Mobilität und Energiesysteme im Fokus

Deutschland und China haben 2014 beschlossen, Forschung und Innovation in der Zusammenarbeit systematisch zu stärken. Die bilaterale Innovationskooperation wird beispielsweise auch durch eine Plattform intensiviert, in der deutsche und chinesische Expertinnen und Experten beraten, in welchen Technologiefeldern gemeinsame Forschungsprojekte umgesetzt werden können. Die ersten Ergebnisse der Arbeit der Plattform werden auf der Deutsch-Chinesischen Innovationskonferenz im Jahr 2018 in China diskutiert.

Zu Beginn dieses Jahres haben China und Deutschland - als Pilotvorhaben einer vertieften Innovationskooperation - zeitgleich und abgestimmt Fördermaßnahmen für Partnerschaften zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen veröffentlicht. Im Fokus standen unter anderem Zukunftstechnologien wie Industrie 4.0, E-Mobilität und Energiesysteme, die nun auch in der weiteren Kooperation verfolgt werden. Die ersten Projekte sollen noch in diesem Jahr starten.

China gehört inzwischen zu den wichtigsten Forschungsnationen der Welt und baut seine Innovationskapazität systematisch aus.

(ID:44724248)