Interview mit Benedikt Ilg von Flip „Deskless-Work wird in zehn Jahren komplett anders aussehen"

Das Gespräch führte Sandro Kipar

Benedikt Ilg, CEO von Flip, ist sich sicher: wir brauchen eine humanisierte Digitalisierung. Was das genau bedeutet, was er vom Wirtschaftsstandort Deutschland hält und wie die Zukunft von Deskless-Workern aussehen könnte, erklärt er im Interview.

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Benedikt Ilg, Geschäftsführer und Gründer von Flip.
Benedikt Ilg, Geschäftsführer und Gründer von Flip.
(Bild: Flip)

Jeden Tag werden neue Technologien entwickelt und der Druck auf die Unternehmen ist groß, bei der Digitalisierung nicht abgehängt zu werden. Doch nicht nur bei der Unternehmensführung, auch bei den Beschäftigten kann dieser Gedanke für einen sorgenvollen Blick in die Zukunft sorgen. Kann ich noch mithalten, wenn im Wochentakt neue Tools in der Abteilung eingeführt werden? Werde ich irgendwann durch eine Maschine ersetzt? Geschäftsführer Benedikt Ilg fordert, dass die Digitalisierung in ein anderes Licht gerückt werden muss. Humanisierte Digitalisierung, so nennt er das Konzept, in welchem digitale Produkte als Ergänzung zur menschlichen Arbeitskraft gesehen werden und nicht als Substitution. Im Interview erklärt er genau, worauf es ihm dabei ankommt.

Herr Ilg, laut Ihnen soll der Mensch Schlüssel zu einer erfolgreichen Digitalisierung sein. Wie genau soll das funktionieren?

Es klingt erst einmal wie ein Widerspruch, ist es aber überhaupt nicht. Von komplett automatisierten Fabriken sind wir noch weit entfernt. Die nächsten 100 Jahre werden ein Zeitalter sein, wo wir es schaffen müssen, eine Brücke zwischen der Technologie und dem Menschen zu erschaffen. Alles wird immer vernetzter werden. Nicht dieses klassische Internet of Things, sondern auch die Vernetzung zwischen Technologie und Mensch. Das muss eine humanisierte Digitalisierung sein, weil der Mensch mit diesem Fortschritt umgehen können muss. Das fängt bei Themen wie User Experience an, geht aber komplett in die Tiefe, dass Produkte auf die einfache Verwendbarkeit ausgerichtet sind. Nicht auf das, was technisch möglich ist, sondern was der Mensch damit tun kann. Wenn ein Tool ganz viele Möglichkeiten hat, die aber nicht genutzt werden, dann ist das Tool wertlos. Darauf zielt meine Aussage ab.

Sie sind der Meinung, dass Mensch und Digitalisierung sich gegenseitig brauchen. Können Sie diesen Gedanken weiter ausführen?

Die Technologie ist nichts anderes als ein Schraubenzieher. Ohne den Mensch ist er nichts wert. Das gleiche gilt für digitale Werkzeuge. Der Ansatz, dass der Mensch in der Arbeitswelt auf die Technologie angewiesen ist und die Technologie nichts wert ohne den Menschen ist, soll sagen: je besser die Symbiose aus beidem funktioniert, umso besser wird das Ergebnis sein. Darin liegt der Schlüssel unserer Zukunft. Die Industrien, Unternehmen oder Produkte, die ganz nah am Mensch sind, sind extrem erfolgreich. Das ist auch der Grund, warum WhatsApp zum Beispiel erfolgreich ist. Weil es so einfach ist, es ist ganz nah am Menschen dran. Von der Oma bis zum Kind verstehen alle sofort, wie die App funktioniert und für was sie gut ist. Ich glaube, ganz viele Technologien der Zukunft werden sich an diesem Prinzip orientieren. Wir kommen aus einem Zeitalter, wo immer alles gebaut wurde, was möglich war. Das bringt aber nichts, wenn der Mensch davor sitzt und es nicht versteht und nicht benutzen kann.

Der Trend geht also zur Technologie, die nah am Menschen dran ist?

Komplett, ja. Das merkt man auch daran, dass Unternehmen immer mehr Zeit in User-Tests investieren. SAP ist zum Beispiel das Gegenteil von User Experience. Heutzutage wird es keine neuen Anwendungen mit tausenden Knöpfen geben, bei denen keiner mehr weiß, was sie machen. Die Tools, die heute auf den Markt kommen, sind leicht zu verwenden, man versteht sie sofort. Das ist der einzige Weg, wie man es heute noch schafft, Kunden oder auch Mitarbeiter für sein Unternehmen zu gewinnen.

Bei der zunehmenden Automatisierung werden auch Arbeitnehmer auf der Strecke bleiben. Besonders niedrigqualifizierte Arbeiter werden es in der Zukunft wahrscheinlich schwer haben. Wie passt das zur humanisierten Digitalisierung?

Arbeitsplätze werden in bestimmten Branchen wegfallen, gleichzeitig werden in anderen Branchen neue entstehen. Ich glaube aber, was da entsteht sind keine guten Arbeitsplätze im Allgemeinen. Während an der Produktionslinie die ein oder andere Station durch einen Roboter ersetzt wird, gibt es beispielsweise mehr Fahrer bei Gorillas oder Deliveroo. In diesem Umfeld werden auch Leute händeringend gesucht. Ein anderes Beispiel ist England, wo die LKW-Fahrer fehlen. Wir müssen als Gesellschaft schauen, dass auch diese Jobs gut bezahlt werden, denn Automatisierung und Digitalisierung können hier in den nächsten Jahren keine flächendeckende Lösungen anbieten. Das wird eine Herausforderung werden. Und genauer betrachtet sind sogar diese Jobs technologiegetrieben. Der Gorillas-Fahrer hat einen Fahrplan, der über eine Plattform gesteuert wird.

Sie selbst haben bei Porsche studiert und gearbeitet und so einen Einblick in die Industriebranche bekommen. Welche Fortschritte hat die Branche in der Digitalisierung gemacht?

Sie hat verstanden, dass sie sich bewegen muss. Inzwischen ist das Verständnis da, es muss aber noch viel passieren. Die Veränderungen kommen viel schneller, als die meisten sich das vorgestellt haben. Die Unternehmen müssen jetzt aber aufpassen, nicht in diese Falle zu treten und als erste Reaktion hundert neue Tools für die Mitarbeiter einzuführen. Und man muss die Leute natürlich auf die Reise mitnehmen. Man ist nicht von heute auf morgen ein digitales Unternehmen, das funktioniert nicht. Es braucht zunächst einen Kulturwandel, dass Technologie nichts schlechtes ist sondern ein praktisches Werkzeug für den Menschen.

Wo sehen Sie aktuell die größten Defizite?

Bei den Deskless-Mitarbeitern. Die kriegen den Schichtplan noch auf dem schwarzen Brett, haben keine Zugänge zum Unternehmen, können sich nirgendwo einloggen, kriegen den Gehaltszettel per Post und sind damit noch sehr weit weg von dem Begriff Digitalisierung. Das ist einer der undigitalisiertesten Bereiche, die es gibt. Dabei sind diese Mitarbeiter ein wichtiger Teil der Wertschöpfungskette. Die Wertschöpfung kommt in der Regel nicht von den drei Leuten, die in Videokonferenzen sitzen. Viele Unternehmen wachen gerade auf und merken, dass sie hier in den vergangen Jahr Potenzial liegen lassen haben.

Ihr Unternehmen Flip gehört aktuell zu den am schnellsten wachsenden Start-ups in Deutschland. Ein Zeichen dafür, dass Unternehmen in der Corona-Krise aus dem digitalen Dornröschenschlaf geweckt wurden?

Ganz sicher. Wir wachsen deshalb so schnell, weil in der Corona-Krise viele Unternehmen bemerkt haben, dass sie ihre eigenen Leute nicht mehr erreichen. Gleichzeitig rückt der Mensch immer mehr ins Zentrum. Auch die niedrig bezahlten und qualifizierten Fachkräfte sind kein Gut mehr, dass einfach zu kriegen ist. Einen guten Mitarbeiter für den Shopfloor von Daimler zu finden ist nicht mehr einfach. Da beginnt der War of Talents. Die Corona-Krise hat das verschärft und dabei Defizite schonungslos offengelegt. Viele unserer Kunden mussten am Anfang der Corona-Krise den ganzen Tag Telefonate führen damit jeder mitbekommt, dass am nächsten Tag die Firma schließen muss. Sie konnten ihre Mitarbeiter nicht anders erreichen. Wir gehen deshalb davon aus, dass in den nächsten zwei Jahren jeder so eine Applikation wie unsere Flip-App einführen wird.

Und der Standort Deutschland? Wie schätzen Sie die Chancen für eine zügige Digitalisierung hierzulande ein?

Wir haben in Deutschland richtig viele Tech-Talente, viele kommen auch aus dem Ausland zurück. Von Deutschen, die etwa in den USA große IT-Firmen aufgebaut haben, kommt jetzt die nachfolgende Generation wieder zurück in die alte Heimat. Da sind auch Leute dabei, die bei Facebook oder Microsoft gearbeitet haben. Die werden den Standort Deutschland entscheidend mitgestalten. Der globale Chef von Amazon Web Services ist zum Beispiel zu Flip nach Stuttgart gekommen. Hinzu kommt, dass wir die besten Universitäten haben, die richtig gute Programmierer ausbilden. Das Software as a Service – Umfeld wächst stark und ich glaube, dass wir uns mit diesen Faktoren in der Zukunft sehr gut entwickeln werden. Es findet ein Mindchange statt, dass wir uns entwickeln müssen.

Was wünschen Sie sich in puncto Digitalisierung von der kommenden Bundesregierung?

Ein Digitalministerium, das ist absolut überfällig. Ich sehe es nicht ein, dass ich für die Verlängerung meines Ausweises zwei Stunden Wartezeit auf einem Amt in Kauf nehmen muss, obwohl ich einen Termin habe. Da haben wir ganz verkrustete Systeme, das muss anders gehen. Ähnlich wie ein Unternehmen, sollte der Staat dem Bürger hier ein Angebot machen. Das ist aktuell jedoch sehr schlecht im Bereich Behördengänge.

Das Konzept der humanisierten Digitalisierung könnte hier also auch greifen?

Auf jeden Fall. Die Mitarbeiter auf dem Rathaus haben auch keine Lust, die Leute so lange im Wartezimmer sitzen zu lassen, um einen Zettel abzugeben. Da wäre eine digitale Lösung natürlich praktisch und würde Platz schaffen für dringende Fälle, wo jemand wirklich Hilfe braucht.

Haben Sie eine Idee, wie wir in zehn bis 15 Jahren arbeiten werden? Was denken Sie wird die größte Änderung sein, auf die wir uns einstellen müssen?

Wir werden viel mehr Aufgaben haben, die uns Spaß machen. Wir werden durch Technologie viel mehr bewegen können. Mit New Work wird auch ein Wandel bei operativen Mitarbeitern stattfinden. Aktuell kann ein Mitarbeiter an einer Produktionslinie nicht ins Homeoffice gehen, aber ich denke, auch hier wird ein Wandel stattfinden: Schichtzeiten flexibler ändern, mehr Einbindung in das Unternehmen. Bei den Desktop-Workern wird sich dagegen wenig tun, aber Deskless-Work wird in zehn Jahren komplett anders aussehen, davon bin ich überzeugt.

Über Benedikt Ilg und Flip

Bis Ende 2018 war Benedikt Ilg als Projektleiter bei der Porsche AG tätig und verantwortete dort die Konzipierung der Data Analytics Strategie. Es fehlte ihm ein klares, einheitliches Tool für die interne Kommunikation. Kurzerhand gründete er sein heutiges Unternehmen Flip. Seine Vision: mit der gleichnamigen Mitarbeiter-App alle Mitarbeiter eines Unternehmens gleichermaßen schnell und effizient zu informieren sowie miteinander zu vernetzen. Heute ist er CEO von Flip und arbeitet mit einem rund 70-köpfigen Team.

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