Suchen

Expertenbeitrag

Eric Schaeffer

Eric Schaeffer

Senior Managing Director, Accenture Industrial practice, Accenture

Digitale Transformation

Der Neustart des Geschäftsmodells führt über die Neuerfindung der Produkte

| Autor/ Redakteur: Eric Schaeffer / Sebastian Human

Reicht es aus, den Geschäftsbetrieb zu digitalisieren, um die Effizienz zu steigern? Oder liegt das eigentliche - und viel größere - Geschäftspotenzial in der Digitalisierung von Produkten und der Schaffung völlig neuer Wertschöpfungspotenziale?

Firma zum Thema

Bisher lag der Schwerpunkt der Industriedigitalisierung auf der Verbesserung des Front- und Backoffice-Betriebs, doch dieser Fokus verschiebt sich.
Bisher lag der Schwerpunkt der Industriedigitalisierung auf der Verbesserung des Front- und Backoffice-Betriebs, doch dieser Fokus verschiebt sich.
( Bild: Photo by rawpixel.com from Pexels / CC0 )

Die Sache mit der digitalen Technologie ist, dass sie nicht nur die Art und Weise verändert, wie Unternehmen Dinge machen - sie verändert auch die Dinge selbst. Heute kann es keinen Zweifel mehr daran geben, dass wir bereits in eine neue Ära von Produkten eingetreten sind – dabei handelt es sich um das Zeitalter von intelligenten, vernetzten Produkten; Produkte, die mit integrierten Sensorfunktionen, Software, Konnektivität und sogar KI ausgestattet sind.

Diese Ära wird wahrscheinlich außergewöhnliche Möglichkeiten für Unternehmen und ihre Kunden mit sich bringen. Aber bisher haben erst sehr wenige Firmen begonnen, diese zu nutzen. Die meisten halten an ihren etablierten Methoden zu Herstellung, Verkauf und Verwendung von Produkten fest - und verpassen das enorme Potenzial, das neue, aufkommende digitale Technologien bieten können.

In naher Zukunft werden Hardware-, wie Autos, Haushaltsgeräte, schwere und industrielle Maschinen, und auch Softwareprodukte nicht mehr nach statischen Produkteigenschaften unterschieden werden.

Stattdessen werden die Hersteller dazu übergehen, diese Geräte so zu gestalten, dass sie hoch personalisierte und "fließende" – also nicht an Gerätegrenzen gebundene - Erlebnisse bieten, die auf digitalen und anderen Diensten basieren, die an die Bedürfnisse eines einzelnen Kunden angepasst werden können. Mit anderen Worten: Die Zukunft wird eine Ära der „lebendigen Vernetzung" sein.

Aber was bedeutet das für die Hersteller? Auf welche Veränderungen sollten sie sich vorbereiten? Und wie könnten sie diese Veränderungen nutzen, um ihr gesamtes Unternehmen neu zu erfinden?

Eine bedeutende Zäsur für die Hersteller

Erstens: Was bedeutet der Aufstieg dieser neuen Produkte für die Hersteller? Einfach ausgedrückt: ein großer Schritt in der Digitalisierung - und in der Art und Weise, wie Unternehmen über Produkte denken, diese entwerfen, herstellen, verkaufen und betreuen.

Bisher lag der Schwerpunkt der Industriedigitalisierung auf der Verbesserung des Front- und Backoffice-Betriebs, das heißt Dinge wie Marketing und Vertrieb oder Planung, Beschaffung, Finanzen und Personal sowie IT. Aber dieser Fokus verschiebt sich. Denn das Internet of Things, Sensoren, Edge Computing und die Cloud haben es Ingenieuren ermöglicht, Rechenleistung, Konnektivität und Software in fast jedes Hardwareprodukt einzubetten. Und dies wiederum ermöglicht die Entstehung von hyperpersonalisierten Produkterfahrungen und Dienstleistungsangeboten, die alle auf digitalen Technologien basieren.

Der Hauptvorteil dabei: Hersteller können endlich ausgetrampelte Pfade verlassen und den vollen Wert des Digitalen nutzen. Durch die Kombination von digitalisierten Geschäftsabläufen und industriellen Workflows mit neuartigen Produkten und Dienstleistungen können Unternehmen nicht nur ihre Kerneffizienz verbessern, sondern sich auch kontinuierlich neu erfinden, um neue Wachstumschancen und digital gestützte Einnahmequellen zu erschließen. Und: Die neuen Produkte und Dienstleistungen werden es ihnen wahrscheinlich ermöglichen, ihren Betrieb noch weiter zu optimieren, zu vereinfachen und zu digitalisieren.

Betrachten wir zum Beispiel die Automobilindustrie, die bereits durch einige dieser Veränderungen beeinflusst wird: Der Aufstieg vernetzter, elektrifizierter Fahrzeuge und neuer Angebote wie "Mobilitätsdienste" - wie digitales Carsharing und Ride-Hailing - verändert bereits die Branche und schafft neue Möglichkeiten. OEMs werden so gezwungen, ihre Arbeitsweise zu überprüfen, zu überarbeiten und neu zu erfinden. Und es zeichnen sich bereits weitere Veränderungen ab, die durch KI-Lösungen vorangetrieben werden, die Dinge wie die Personalisierung des Erlebnisses im Fahrzeug und natürlich selbstfahrende Autos ermöglichen.

Wie sich die Dinge ändern werden

Andere Hersteller werden sehr bald etwas Ähnliches erleben. Denn der Wandel, der sich derzeit in der Automobilindustrie vollzieht, wird auch in Sektoren wie Luft- und Raumfahrt oder Verteidigung, bei Konsum-, Schwer- oder Industriegütern Einzug halten. Diese fünf Veränderungen werden entscheidend:

  • Produkte werden vermehrt in Softwareumgebungen eingebettet, einschließlich Algorithmen und KI. Bis zu 90 Prozent des Wertes eines typischen Produkts werden letztendlich von der Software und den digitalen Komponenten und nicht von den mechanischen Teilen ausgehen (wichtige Beispiele: die "Smart Speakers" von Amazon, Google und anderen).
  • Hersteller werden intelligente vernetzte Produkte in Trägersysteme für Dienstleistungen verwandeln, basierend auf der operativen Agilität und Anpassungsfähigkeit dieser neuen Geräteklasse.
  • Das bedeutet folglich, dass sich Hardwarekäufer nicht mehr mit Produkten mit statischen Funktionsprofilen zufrieden geben werden. Stattdessen erwarten sie "intelligente" und vernetzte Produkte, die flexibel genug sind, um hochpersonalisierte und geräteübergreifende Erfahrungen zu ermöglichen, die genau ihren Bedürfnissen entsprechen.
  • Viele Produkte werden zu Plattformen ausgebaut, die entweder als zentrale Anker in breiteren Geschäftsökosystemen oder als untergeordnete Komponenten eines Plattformökosystems dienen (denken Sie wieder an Autos und wie sie bereits zu Plattformen für digitale Dienste wie Navigation, Musik-Streaming, Reisen und Produktivität werden).

Der Übergang vom "Verkaufen" zum "Managen"

Aber es sind nicht nur die Produkte selbst und die Art und Weise, wie sie hergestellt werden, die sich ändern werden - es ist auch die Beziehung, die die Hersteller zu den Dingen haben, die sie kreieren. Da Produkte über eine Reihe digitaler Technologien, die günstig und leicht zu bedienen sind und sich somit konstant weitverbreiten, zunehmend intelligent und vernetzt werden, können Unternehmen diese nicht mehr einfach nur verkaufen und sich anschließend zurücklehnen.

Stattdessen müssen sie den Fernkontakt und einen permanenten Austausch von Daten, Dienstleistungen, Over-the-Air-Updates und Upgrades mit der "installierten Basis" ihrer Produkte vor Ort pflegen (wiederum: genau wie Softwareunternehmen) - und auf diese Weise zum "Manager" der Erfahrungen mit diesen Produkten werden.

Dieser Rollenwechsel führt zu einer Reihe von damit verbundenen Verschiebungen: Die Hersteller müssen die Fähigkeiten aufbauen, die für diese Art von „umsorgender“ Arbeit erforderlich sind. Sie müssen darüber nachdenken, wie sie für diese spezielle Dienstleistung eine Vergütung erhalten können. Und sie müssen Strategien entwickeln, wie sie die Erkenntnisse dieser Bemühungen nutzen können, um entweder ihre bestehenden Produkte und Dienstleistungen zu verbessern oder neue zu entwickeln.

All dies wird natürlich viel Arbeit erfordern (und die Hersteller sollten sich darauf vorbereiten). Aber es wird ihnen auch ermöglichen, Strategien zu verfolgen, die bis vor kurzem nur dem Software- oder Verbraucher-Internetbetrieb zur Verfügung standen: Der Aufbau besserer Kundenbeziehungen, zum Beispiel durch den Verkauf von Dienstleistungsangeboten, um das Wachstum voranzutreiben, die Monetarisierung des "Datenausstoßes" (gemeint sind die Daten, die sie schon immer hatten, aber nicht nutzten) oder der Aufbau von Plattformunternehmen - all das kann viel höhere Wachstumsraten und Gewinne bringen als der reine Verkauf von Produkten.

Wie können sich Hersteller vorbereiten?

Wie also sollten die Hersteller mit diesen Herausforderungen umgehen und die notwendigen Veränderungen vornehmen, damit sie alle diese Chancen nutzen können? Wie können sie, anders ausgedrückt, von dem alten, nahezu ausschließlich fertigenden und verkaufenden Geschäftsmodell, zum Neuen übergehen?

Die kurze Antwort darauf lautet: Es gibt eine Reihe von Schritten, die Unternehmen gehen sollten; diese haben sich bei Firmen bewährt, die bereits eine eigene, produktgesteuerte digitale Transformation gestartet haben.

Es beginnt mit der Gestaltung einer klaren Vision und Produktstrategie um den Wert, den ein Unternehmen schaffen will. Sobald dies erledigt ist, kann sich das Unternehmen auf die Digitalisierung seiner bestehenden Kerngeschäftsprozesse konzentrieren, um eine höhere betriebliche Effizienz zu erreichen, um den Ansatzpunkt für das "Neue" zu schaffen, zum Beispiel wenn sich das Geschäft vom Produktverkauf zu Dienstleistungen verlagert.

Wenn das neue Unternehmen wächst, müssen die Verantwortlichen sicherstellen, dass das Unternehmen auch sein Ökosystem und seine Partnerschaften - die fast immer ein Schlüsselfaktor für digitale Strategien sind - erweitert und sicherstellen, dass die Partner- und Kundenerfahrung mit der Unternehmensausrichtung übereinstimmen. Sobald diese Schritte unternommen wurden, können Führungskräfte damit beginnen, den Wandel zu vollziehen, indem sie behutsam von den alten Geschäftsmethoden zu neuen wechseln.

Best Practices auf die Praxis übertragen

Alle diese konzeptionellen Schritte sind natürlich sehr unternehmensspezifisch; der Weg dorthin ist von Firma zu Firma unterschiedlich. Aber es gibt ein paar Best Practices, die jeder Art von Fertigungsunternehmen nutzen können.

Einer dieser bewährten Schritte betrifft den Aufbau der Schlüsselkompetenzen für die Produktneuerfindung, wie die effiziente Beherrschung des Datenmanagements (dazu gehören Dinge wie der digitale Zwilling – die digitale Darstellung eines physischen Produkts - und digitale Darstellungen der Produktlebenszyklen), den Einsatz agiler, iterativer Ingenieurspraktiken oder die Fähigkeiten, die zum Management von Ökosystemen und Partnerschaften erforderlich sind.

Ein weiterer hat damit zu tun, diese Fähigkeiten in ein Unternehmen einzubringen: Viele Unternehmen sehen bereits große Erfolge bei der Schaffung einer geeigneten digitalen Servicefabrik - einer Art Produkt- und Erlebnis-Innovationszentrum, das alle erforderlichen interdisziplinären Kompetenzen bündelt und andere Geschäftsfelder mit neuen Produkten und Dienstleistungen versorgt.

Aufsummiert bedeutet das, dass es zwar keine einheitliche Strategie gibt, um ein produzierendes Unternehmen vom Produkt bis zur Neuentwicklung des Geschäftsmodells zu führen, aber es sollte mehr als genug Impulse geben, damit ein Unternehmen diese Reise beginnen und dann seinen eigenen Weg in die Zukunft finden kann.

Beginnen Sie jetzt mit der Neuentwicklung von Produkten!

Die Neuerfindung von Produkten und schließlich eines ganzen Unternehmens ist keine leichte Aufgabe (Harvard Business School Professor Sunil Gupta hat es mit dem Austausch des Triebwerks eines Flugzeugs während des Fluges verglichen.).

Aber es ist eben auch eine Anstrengung, die es wert ist, unternommen zu werden: Die Forschung deutet darauf hin, dass die vollständige Digitalisierung unserer Geschäfte einen Wert von 100 Billionen US-Dollar für Gesellschaft und Wirtschaft schaffen könnte, von denen etwa zwei Drittel aus weiteren Digitalisierungsvorgängen und Kundenerfahrungen stammen werden. Und wie kann man dieses außerordentliche Potenzial besser und effizienter nutzen, als das Herzstück dieser beiden Dimensionen, nämlich die Produkte und die Art und Weise, wie sie Werte schaffen, neu zu erdenken und zu erfinden?

Wir haben alles Notwendige an der Hand, um unsere Vorstellung davon, was zu tun ist und wie wir es tun, neu zu erfinden. Also gehen wir es an - und zwar jetzt.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45812283)

Über den Autor

Eric Schaeffer

Eric Schaeffer

Senior Managing Director, Accenture Industrial practice, Accenture