Interview mit Philipp Ramin, Ronny Steinhagen und Dr. Frank Breitenbach

„Der Mittelstand fühlt sich nach wie vor überhaupt nicht abgeholt.“

| Autor / Redakteur: Nikolas Fleschhut / Nikolas Fleschhut

Im Gespräch von links: Philipp Ramin, Ronny Steinhagen und Dr. Frank Breitenbach.
Im Gespräch von links: Philipp Ramin, Ronny Steinhagen und Dr. Frank Breitenbach. (Bild: Vogel Business Media)

Seit Jahren wird Industrie 4.0 intensiv diskutiert. Ob dabei immer die richtigen Teilnehmer zur Sprache kommen, ist jedoch fraglich. Wir haben ein Gespräch über Buzzwords, dynamische Konzepte und Silodenken mit Philipp Ramin, Ronny Steinhagen und Dr. Frank Breitenbach geführt, die gemeinsam neue Ansätze in der Diskussion um Industrie 4.0 verfolgen.

„Gemeinsam veranstalten Sie den ‚Reality Check 4.0‘ in Köln. Was ist das Ziel des Events und worin sehen Sie die Notwendigkeit einer weiteren Veranstaltung zum Thema?“

Philipp Ramin: „Die Intention Ihrer Frage ist offensichtlich und beinhaltet bereits das Problem: Der Begriff ‚Industrie 4.0‘ ist verbraucht, zum klassischen Buzzword verkommen. Das mindert allerdings nicht das riesige Potential, das sich dahinter verbirgt – angefangen bei neuen Geschäftsmodellen bis hin zu neuen Märkten. Die Diskussion findet allerdings größtenteils ohne diejenigen statt, die hauptsächlich von der momentanen Entwicklung betroffen sind: Dem Mittelstand. Das Ziel des Reality Checks ist eine realistische, pragmatische Sicht auf Industrie 4.0 zu ermöglichen und diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die sonst nur selten sprechen: die Anwender!“

„Woran liegt es, dass die Anwender so selten zu Wort kommen?“

Philipp Ramin: „Auf den meisten Veranstaltungen präsentieren vor allem die Hersteller Ihre unglaublich guten I40-Lösungen oder Komponenten. Und wenn dann doch der eine oder andere Anwendungsfall gezeigt wird, geht es darum, das eigene Projekt als Leuchtturm zu positionieren. Dass es keine perfekte, allgemeingültige Lösung gibt, wird dabei oft außen vor gelassen.“

Ronny Steinhagen: „Außerdem sind es doch meistens die großen Konzerne, die dort sprechen. Das sind die großen Treiber des Themas Industrie 4.0. Deren Ziele unterscheiden sich jedoch von denen eines klassischen Mittelständlers.“

„Inwiefern? Was sind aus Ihrer Sicht die Ziele von Industrie 4.0?“

Philipp Ramin: „Ich spreche oft mit Unternehmen die mit Industrie 4.0 klassische, ganz und gar nicht neue Ziele verfolgen: Kosten zu senken, Effizienz & Qualität zu steigern, schneller werden – um nur einige zu nennen.“

Ronny Steinhagen: „Aber diese Ziele gibt es, seit es Industrie gibt. Die Ziele sollten doch nachhaltigeres Wirtschaften, die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle oder attraktivere Arbeitsumfelder sein.“

Reality Check 4.0 Am 06. Juli findet in Kön der Reality Check 4.0 statt. Sie möchten mitdiskutieren? Dann sichern Sie sich noch heute Ihr Ticket .

„Welche Branchen profitieren denn am meisten?“

Philipp Ramin: „Das ist eine wirklich schwere Frage, da Industrie 4.0 alle Unternehmen betrifft, die etwas produzieren. Es wäre unseriös, hier einzelne Branchen zu benennen.“

Frank Breitenbach: „Wenn Unternehmen die richtigen Ansätze für sich identifizieren, können alle Branchen gleichermaßen profitieren. Ob es jetzt um Prozesse, Time-to-market oder Losgröße 1 geht, entscheidend ist der richtige Ansatz. Wichtig ist, sich im ersten Schritt die bestehenden Prozesse bewusst zu machen, zu evaluieren, welche Daten zur Verfügung stehen und was diese letztendlich aussagen können. Erst dann kann man sich Gedanken über das ausführende System machen. Als angehender Pianist kaufe ich auch nicht im ersten Schritt einen sündhaft teuren Konzertflügel, bevor ich überhaupt Klavier spielen kann.“

„Was sind denn persönlich Ihre größten Learnings der letzten Jahre, was dieses Thema betrifft?“

Ronny Steinhagen: „Industrie 4.0 ist als Konzept für die Industrie der Zukunft zu verstehen. Allerdings würde es der Thematik nicht gerecht, dieses Konzept heute zu schreiben und morgen anzuwenden, sondern wir müssen es jeden Tag neu schreiben. Nur so können wir der Dynamik des Themas gerecht werden.“

Philipp Ramin: „In meinen Schulungen sehe ich immer wieder eines: Viele Unternehmen ergreifen Initiative um der Initiative Willen. Es ist allerdings essentiell, dass man sich Ziele setzt, strukturiert loslegt, die eigene Zielsetzung immer wieder hinterfragt und überprüft und so letztendlich Erfahrung sammelt und jeden Tag besser wird. Industrie 4.0 ist keine technologische Herausforderung, sondern in erster Linie eine Herausforderung für Führungskultur, Unternehmensstrategie und Kultur - ganz generell ausgedrückt für den Menschen.“

Frank Breitenbach: „Und wie so oft ist es wichtig, dass man miteinander spricht, Erfahrungen teilt und voneinander lernt. Meine Erfahrung: Das tut nicht weh, ganz im Gegenteil!“

„Warum wird im Moment noch so wenig gesprochen?“

Ronny Steinhagen: „Das sehe ich anders: Es wird sehr viel gesprochen. Oft muss ich persönlich allerdings die Frage nach der Relevanz stellen. Die meisten, mit denen ich mich tagtäglich austausche, sind im Mittelstand zu Hause. Die fühlen sich von den Themen, die momentan in den Fokus gestellt werden, überhaupt nicht abgeholt.“

Philipp Ramin: „Aber auch dort muss ein gewisser Sinneswandel stattfinden: der Mittelstand ist es, der sich öffnen muss und Erfahrungen teilen muss, um Probleme gemeinsam lösen zu können. Die Zeit der Silos ist vorbei.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Ergänzendes zum Thema
 
Das sind die Initiatoren des Reality Check 4.0

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