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Expertenbeitrag

 Stefan Müller

Stefan Müller

Manager in der Unternehmensberatung (BearingPoint)

Industrie 4.0 in der Praxis Der lange Weg zur Industrie 4.0 in der Produktion

| Autor: Stefan Müller

Die vierte industrielle Revolution lässt auf sich warten: Trotz mehrerer Jahren voller Schlagwörter tun sich Unternehmen mit der Umsetzung der Digitalisierung in der Produktion noch schwer: Vor der Umsetzung visionärer Zukunftsszenarien müssen erst ihre Hausaufgaben machen und die "Industrie 3.x" erfolgreich umsetzen.

Industrie 4.0 ist für viele Unternehmen noch eine große Herausforderung
Industrie 4.0 ist für viele Unternehmen noch eine große Herausforderung
(Grafik: Anton Deviatnikov - 123rf.com )

Die durch die Initiative der Bundesregierung 2011 ausgerufene vierte industrielle Revolution [1] ist inzwischen schon seit mehreren Jahren ein werbewirksames Schlagwort, das sich phantastisch verkaufen lässt. Von Sensorik-Anbietern über Softwarehersteller, bis hin zu Unternehmensberatern sind viele Unternehmen auf den Marketing-Zug aufgesprungen. Doch nach dem ersten Hype stellen sich viele Unternehmen die Frage, was denn tatsächlich dahinter steckt. Wo bleibt die Revolution, die durch die zunehmende Vernetzung ausgelöst werden soll?

Aktuell ist es insbesondere das Internet der Dinge, das für viele Anwendungen neue, verteilte Lösungsansätze ermöglicht und beispielsweise im Supply Chain Management eine bislang ungeahnte Transparenz für Warenlieferungen ermöglicht oder es Herstellern erlaubt, ihre ausgelieferten Produkte auch über den weiteren Produktlebenszyklus begleiten und überwachen zu können [2].

Durchgängige autonome und dezentrale Lösungen lassen noch auf sich warten

Doch welche Industrie 4.0 Use Cases bleiben im Produktionsumfeld? Auch wenn einzelne Pilotprojekte die Abkehr von der Fließbandfertigung versprechen [3], lassen durchgängige autonome und dezentrale Lösungen noch auf sich warten.

Was die Unternehmen in diesem Umfeld vielmehr beschäftigt, ist das, was man eigentlich „Industrie 3.x“ nennen müsste. Keine Revolution also, sondern das evolutionäre Nachholen dessen, was im Konzept des Computer Integrated Manufacturing (CIM) bereits in den 1970er Jahren in wesentlichen Zügen als Zukunftsvision beschrieben wurde [4].

Es geht um die Integration von Daten und von Systemen. Dass Echtzeitdaten von Anlagen im Unternehmen durchgängig zur Verfügung stehen und auch in den Geschäftsprozessen genutzt werden, ist längst noch keine Selbstverständlichkeit (die sogenannte vertikale Integration). Auch die horizontale Integration, beispielsweise das Verknüpfen von Logistik-, Produktions- und Qualitätsmanagementsystemen zur transparenten Rückverfolgbarkeit durch die Produktion ist für Großkonzerne genauso wenig durchgängig werksübergreifend umgesetzt wie für mittelständische Unternehmen.

Unternehmen müssen sich in den nächsten Jahren entsprechend bemühen, erst einmal die Basis für Industrie 4.0 zu schaffen. In einer Studie des BmWi [5] wurde diese in fünf Schritten beschrieben (vgl. die abgeleitete eigene Darstellung in der Abbildung).

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Das Prinzip dabei zieht sich einheitlich durch die einzelnen Schritte: Erst einmal müssen Daten vorhanden sein (beispielsweise durch eine Anbindung von Maschinen oder eine Integration von Systemen). Darauf aufsetzend können (und müssen) Unternehmen dann mit diesen Daten arbeiten um ihre Prozesse zu optimieren. Beispiele hierfür sind in einfacher Weise die datenbasierte Rüstzeitoptimierung oder komplexer mittels Data Analytics Technologien Anwendungen wie Predictive Maintenance.

Erst wenn dies umgesetzt ist und im Unternehmen das Wissen über Daten und die darin verborgenen Informationen vorhanden ist, dann kann man ansatzweise über eine tatsächliche Umsetzung von Industrie 4.0 Szenarien denken, die über einzelne Prototypen hinausgehen. Bis dies soweit ist, wird jedoch noch einige Zeit ins Land gehen.

 

Quellen:

[1] Müller, Stefan: Manufacturing Execution Systeme (MES) – Status Quo und Ausblick in Richtung Industrie 4.0, BOD Verlag Norderstedt, 2015 (S. 93)

[2] Müller, Stefan: Internet of Things (IoT) – Ein Wegweiser durch das Internet der Dinge, BOD Verlag Norderstedt, 2016 (vgl. S. 41ff)

[3] Audi: Modulare Montage statt Fließband, Automobil Industrie, online unter: http://www.automobil-industrie.vogel.de/audi-modulare-montage-statt-fliessband-a-562363/ (Abruf am 19.12.2016)

[4] Harrington, Joseph: Computer Integrated Manufacturing, Industrial Press New York, 1973

[5] BMWi: Erschließen der Potenziale der Anwendung von „Industrie 4.0“ im Mittelstand (Studie), online unter: http://www.bmwi.de/DE/Mediathek/publikationen,did=716886.html (Abruf am 19.12.2016)

Über den Autor

 Stefan Müller

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