Selbstfahrende Systeme Der autonome Kollege

Autor / Redakteur: Benedikt Hofmann / Christoph Seyerlein

Robotik, Automatisierung und autonome Systeme – das klingt nach großen Konzernen. Aber es gibt Möglichkeiten, durch die auch kleinere Unternehmen von den Möglichkeiten profitieren könnten.

Firmen zum Thema

Jungheinrich automatisiert ausschließlich Seriengeräte an der Linienproduktion selbst.
Jungheinrich automatisiert ausschließlich Seriengeräte an der Linienproduktion selbst.
(Bild: Jungheinrich)

AGV, FTF, FTS – die Begriffe, mit denen selbstfahrende Transportsysteme und Plattformen beschrieben werden, sind vielfältig und die Unterscheidung liegt häufig in Nuancen. Im Kern geht es immer um das Gleiche: ein System, das sich autonom durch eine Lager oder eine Produktion bewegt und Dinge von A nach B bringt. Die tatsächlich eingesetzten Produkte unterscheiden sich allerdings nicht nur in Form und Größe teilweise eklatant, sondern haben auch vielfältigste unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten. Einen Vorteil haben sie ihren Produzenten zufolge aber alle gemein: Sie lassen sich sowohl in neuen als auch in bestehenden Infrastrukturen einsetzen. Die Experten von Adept gehen sogar so weit, zu sagen, dass bestehende Fabrikumgebungen ein ideales Einsatzgebiet für ihre mobilen Roboter sind. Das liegt unter anderem an der Navigation, die eine autonome Bahnfindung innerhalb der Anlage ermöglicht, ohne dass Änderungen an der Infrastruktur nötig werden.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Das ist bei den Systemen der MLR-Gruppe ähnlich. Auch hier sieht man es als einen der großen Vorteile, dass sich die Routen für die fahrerlosen Fahrzeuge schnell und flexibel ändern lassen. Es ist daher unerheblich, ob es sich um Neubauten handelt oder ob die automatischen Fahrzeuge bereits vorhandene Gebäudestrukturen nutzen. Deshalb eignen sich die Fahrzeuge dem Unternehmen zufolge gerade für Werksumgebungen, in denen es immer wieder Änderungen im Produktionsprozess gibt, Maschinen umgebaut und umgestellt werden oder Aufnahme- und Abgabestationen häufig wechseln.

Bei Adept kommt die Software Mobile Planner zum Einsatz, mit der Grundrisse und Karten für den Einsatz von mobilen Robotern erstellt werden. Die lasergesteuerten Roboter erfassen die vorhandene Umgebung mit allen Details. Virtuelle Routen lassen sich beliebig erstellen und anpassen – inklusive der Einrichtung von nicht befahrbaren Bereichen und Grenzlinien.

Integration in verschiedenen Bereichen

Wenn es bei der Integration von größeren selbstfahrenden Systemen doch zu Problemen kommt, liegt das häufig an den Fahrwegen, wie die Verantwortlichen bei Jungheinrich betonen. Ist ein Unternehmen über die Jahre gewachsen, dann ist es demnach oft so, dass Hallen miteinander verbunden worden sind, dass es relativ enge Stellflächen oder Fahrwege gibt. Der Einsatz automatisierter Stapler benötigt jedoch Platz, da zusätzlich zur Breite des Fahrzeugs Sicherheitsabstände eingehalten werden müssen. Die Einbindung in bestehende IT-Landschaften ist dem Unternehmen zufolge dagegen relativ problemlos möglich, ebenso wie die Anbindung an die bestehenden Fördertechniken, vorhandenen Maschinen oder Tore.

Bei MLR hat man für diese Fälle mit dem multifunktionalen Logistic Operating System Log-OS eine eigene Steuer- und Leitsoftware entwickelt, die die fahrerlosen Fahrzeuge steuert aber auch externe Fahrzeuge wie Gabelstapler und Krane sowie Fördertechniken und Hochregallager in das Gesamtsystem integriert. Das System hält dem Unternehmen zufolge Standardschnittstellen für die gängigen ERP- und Warenwirtschaftssysteme bereit, die eine schnelle und kostengünstige Integration in bereits bestehende IT-Strukturen ermöglichen sollen.

Folgt man den an diesem Artikel beteiligten Unternehmen, liegt einer der großen Vorteile dieser selbstfahrenden Transporter in ihrer Skalierbarkeit, wodurch sie auch kleineren Unternehmen die Möglichkeit geben, ihren Materialfluss zumindest in Teilen zu automatisieren. Das sieht man auch bei Egemin so, wo die Produkte so ausgelegt werden, dass Systeme sowohl für Groß- als auch für Kleinunternehmen zur Verfügung stehen. Dabei kann eine FTS-Lösung aus nur einem Fahrzeug und einem Leitrechner bestehen, wodurch sich die Investitionskosten auch im Rahmen halten. Bei Georg Menshen, einem Produzenten von Kunststoffverschlüssen und -verpackungen für Kosmetik, Chemie, Reinigungs- und Lebensmittel, sorgen beispielsweise vier fahrerlose Transportfahrzeuge (FTF) in Kombination mit der FTS-Leitsoftware „E’tricc“ und der Navigationssoftware „E’nsor“ für einen reibungslosen Materialfluss.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Adept bietet als Einstieg in die mobile Roboterwelt das Starter-Kit Lynx, in dem alle nötigen Komponenten für die Inbetriebnahme enthalten sind. Dazu gehören die Lynx-Plattform, eine Ladestation, ein Joy­stick und die Mobile-Planner-Software. Im Unternehmenseigenen Trainingszentrum in Dortmund kann der Umgang mit dem System in Einsteigertrainings erlernt werden.

Bei Jungheinrich reichen die bestehenden Anwendungsfälle von der Automobil- und Schwerindustrie über die Metallverarbeitung, die Logistik- und Distributionsbranche bis zur Lebensmittel- und Verpackungsindustrie. Darunter sind auch Anwendungen, bei denen nur ein Fahrzeug im Einsatz ist. Es kommt dem Unternehmen zufolge immer auf den Prozess an, der automatisiert werden soll, denn auch kleine Unternehmen haben zum Beispiel standardisierte Transporte von der Produktion in ein Lager oder einen Mitarbeiter, der nur damit beschäftigt ist, Produktionsmaschinen leerzuräumen und in ein Zwischenlager zu bringen. Hier sollen die Auto Pallet Mover (APM) eine wirtschaftliche Alternative sein.

Gründe pro Automation

Wann aber sollte ein Unternehmen darüber nachdenken, ein automatisiertes System für den Materialfluss anzuschaffen? Laut Jungheinrich müssen sich die Verantwortlichen folgende Fragen stellen: Sind einige Mitarbeiter nur damit beschäftigt, Produktionsmaschinen leerzuräumen, um die Taktzeiten der Maschinen einzuhalten? Oder gibt es Mitarbeiter, die den ganzen Tag Waren von A nach B fahren? Haben Sie vielleicht täglich wiederkehrende innerbetriebliche Transportaufgaben, die Ihre Mitarbeiter zusätzlich zu ihrer Haupttätigkeit belasten? Wenn eine oder mehrere dieser Fragen mit ja beantwortet werden können, dann haben Unternehmen dem Fördertechnikspezialisten zufolge die ersten potenziellen Anwendungen bereits festgestellt.

Laut MLR ist es sinnvoll, über eine solche Anschaffung nachzudenken, wenn die Produktion ausgeweitet oder rund um die Uhr produziert werden soll. Gibt es im Unternehmen bereits viele standardisierte Transportvorgänge oder fahren die Gabelstabler regelmäßig feste Auf- und Abgabestationen an, trifft dies ebenfalls zu. Bei Egemin sieht man vor allem die Flexibilität der FTS als ein wichtiges Argument. So sollten Unternehmen, wenn die Voraussetzungen vor Ort passen, immer über eine solche Anschaffung nachdenken, damit sie Flexibilität und Wirtschaftlichkeit verbessern.

Um den Einstieg in die neue Technik zu erleichtern, ermitteln die Experten von Adept gemeinsam mit den Kunden das notwendige Investitionsvolumen und führen Machbarkeitsuntersuchungen durch. Nach Projektsimulationen im Applikationslabor und Livedemonstrationen in der vorhandenen Fabrikumgebung vor Ort beim Kunden können dann gesicherte Aussagen über die Höhe der Investition und den ROI gegeben werden. Wenn dann alles passt, reduzieren oder eliminieren die Systeme mit moderner Technik manuelle innerbetriebliche Transportaufgaben, verkürzen die Durchlaufzeiten, senken die Logistikkosten und erhöhen die betriebliche Effizienz, so das Unternehmen.

Neue Player am Markt

Dass es sich bei den autonomen Transportsystemen um einen sehr interessanten Markt mit großem Zukunftspotenzial handelt, zeigen auch die neuen Player, die immer wieder auf der Bildfläche erschienen. Schon vor einiger Zeit haben wir das Roboter-Start-up Magazino aus München im MM MaschinenMarkt vorgestellt. Das Unternehmen, an dem Siemens mittlerweile eine signifikante Beteiligung hält, hat gerade eine neue Version des Kommissionierroboters Toru präsentiert. Der Toru Cube soll eine intelligente Objekterkennung mit einer präzisen Greiftechnik vereinen und ermöglicht so den stückgenauen Zugriff auf das einzelne Objekt. Er verfügt jetzt außerdem über ein herausnehmbares Kommissionierregal. Der Cube kann nicht nur Bücher kommissionieren, sondern auch größere quaderförmige Objekte – von einem kleinen Taschenbuch über einen Schuhkarton bis zu einem schweren Lexikon oder einer Schachtel Schrauben.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Auch Bito, ein Unternehmen das bisher auf Lager- und Betriebseinrichtungen sowie auf die Kommissioniertechnik spezialisiert war, will sich jetzt auf diesem Markt etablieren. Zur Logimat 2016 präsentiert das Unternehmen ein selbstfahrendes Transportsystem namens „LEO Locative“. Die Transporteinrichtung verfügt über zwei Elektromotoren und einen Wechselakku mit mindestens acht Stunden Betriebs­zeit und befördert Behälter und Kartonagen mit einem Gewicht bis zu 20 kg. Das Besondere an LEO ist, dass es auf seinem Weg durch die Hallen einer optischen Spur folgt, die der Anwender einfach auf den Boden kleben und im Bedarfsfall auch schnell wieder entfernen oder verändern kann. Über zusätzliche Markierungen weiß das Gefährt, wo es sich befindet, und kann so seine Ziele sicher ansteuern.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei unseren Kollegen von MM Maschinenmarkt erschienen.

(ID:43891991)