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Interview, McKinsey Deutschland „Das Zauberwort lautet Flexibilität“

Autor / Redakteur: Jürgen Schreier / Sebastian Human

Maschinenbauer auf dem Weg aus der Krise: Was Manager und Entscheider aus der Industrie jetzt auf ihre To-do-Listen schreiben sollten, um ihre Unternehmen in ruhigeres Fahrwasser zu navigieren. Ein Interview mit Heike Freund und Dr. Dorothee Herring von McKinsey in Deutschland.

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Dr. Dorothee Herring und Heike Freund sind Partnerinnen bei McKinsey in Deutschland. Sie haben jahrelange Erfahrung in der Beratung von Maschinenbau- und Automatisierungsunternehmen.
Dr. Dorothee Herring und Heike Freund sind Partnerinnen bei McKinsey in Deutschland. Sie haben jahrelange Erfahrung in der Beratung von Maschinenbau- und Automatisierungsunternehmen.
(Bild: McKinsey Deutschland)

Die Industrie scheint sich nach dem Corona-Einbruch langsam wieder zu stabilisieren. Ist bald schon alles wieder „gut“? Besteht gar kein besonderer Handlungsbedarf?

Dorothee Herring: Handlungsbedarf besteht auf jeden Fall, selbst wenn die meisten Maschinenbauer zuversichtlich in die Zukunft schauen und die Aussichten grundlegend positiv bewerten. Fakt ist: Die Corona-Pandemie wird uns noch lange begleiten. Neuerliche Lockdowns können die verschachtelten Lieferketten jederzeit wieder beeinträchtigen. Und die meisten Kundenindustrien der Maschinen- und Anlagenbauer sind stark von der Krise betroffen und treten auf die Bremse, was Investitionen in neue Maschinen und Anlagen angeht. Auch wenn das Geschäft in den Kundenindustrien wieder anzieht, wird es eine Weile dauern, bis die Investitionstätigkeit und damit auch das Geschäft der Maschinen- und Anlagenbauer wieder anzieht. Wir gehen in unseren Berechnungen davon aus, dass das Vorkrisenniveau im Maschinenbau erst Ende 2023 oder Anfang 2024 erreicht wird. Dies ist allerdings stark abhängig von der Endkunden-Industrie, die der Maschinenbauer beliefert. Das heißt aber nicht, dass das für alle Unternehmen gelten muss – in jeder Krise gibt es auch Gewinner.

Viele Unternehmen melden in fast allen Bereichen geringere Beeinträchtigungen als zu Zeiten des Lockdowns – insbesondere in den Lieferketten. Ist es trotzdem sinnvoll, die Lieferketten neu zu strukturieren, um auf Sicht die Risiken herauszunehmen?

Heike Freund: Lieferketten sind der Blutkreislauf von Maschinenbau- und Automatisierungsunternehmen und damit lebenswichtig. Außerdem sind sie oftmals sehr komplex – wie sich gezeigt hat, teilweise zu komplex. Deshalb ist es enorm wichtig, Transparenz über Lieferketten und Partnerstrukturen zu haben und diese regelmäßig zu optimieren, und eine Situation wie jetzt in der Corona-Krise verstärkt das nur noch weiter. Wenn beispielsweise ein Tier-2-Lieferant Schwierigkeiten hat, Teile zu beschaffen, erfahren die Unternehmen dies unter Umständen erst mit deutlicher Verzögerung. So ein Risiko sollten Unternehmen optimalerweise minimieren, um auch in wechselhaften Zeiten eine größtmögliche Planungssicherheit zu haben.

Wie könnte das konkret aussehen?

Dorothee Herring: Um Risiken zu reduzieren, können die Organisationen etwa den Materialfluss innerhalb ihres Netzwerks abbilden. Auf diese Weise identifizieren sie kritische Bauteile, gewinnen Klarheit bezüglich Wiederauffüllungsvorlaufzeiten und können die aktuellen Lagerbestände bewerten. Bei so einer Analyse wird sich oftmals herausstellen, dass Partner im Netzwerk derzeit nicht in der Lage sind, Teile innerhalb des gewünschten Zeitrahmens zu liefern. Hier sollten Entscheider in den Organisationen dann direkt ansetzen und sich nach möglichen Alternativen umschauen.

Viel ist die Rede von Reshoring oder Nearshoring? Sind das geeignete Strategien?

Dorothee Herring: Ich glaube, wenn uns die Pandemie eines gezeigt hat, dann, dass viele Unternehmen widerstandsfähiger werden müssen. Maschinenbauer sollten dazu in der Tat neue Insourcing- oder Outsourcing-Optionen in Betracht ziehen Dies heißt konkret, die Lieferkette zu verlagern und weitere Quellen für kritische Teile aufzubauen, idealerweise auch in geografischer Nähe.

Empfohlen wird auch ein verbessertes Management der Supply-Chain-Risiken. Was ist da zu tun? Gibt es dafür auch passende IT-Tools? Wie funktioniert das Risikomanagement?

Heike Freund: Flexibilität ist das Gebot der Stunde. Das war bereits vor der Krise strategisch empfehlenswert und die Krise hat das nochmal verstärkt. Wichtig ist dabei, dass interne Abläufe kritisch hinterfragt werden und – wenn sinnvoll – mit den nötigen Anpassungen flexibler und widerstandsfähiger gemacht werden. Außerdem ist Transparenz über die komplette Lieferkette und über verschiedene Stufen essenziell, um systemkritische Lieferanten zu identifizieren. Hier können auch IT-Tools helfen.

Ein weiteres Buzzword heißt Deglobalisierung. Ist das wirklich mehr als nur ein Buzzword? Welche Auswirkungen hätte eine Deglobalisierung für die deutsche Maschinenbau- beziehungsweise Automatisierungsbranche?

Dorothee Herring: Die Geschehnisse und Ankündigungen der letzten Wochen zeigen ja sehr klar, dass wir es hier mit mehr als einem Buzzword zu tun haben. Und dies stellt das in der Vergangenheit erfolgreiche Geschäftsmodell des exportorientierten deutschen Maschinen- und Anlagenbaus vor eine gewaltige Herausforderung. Unternehmen sollten sich in dem Kontext zwei Fragen stellen: Erstens, wie müssen wir Produktions-Footprint und Lieferketten anpassen, wenn künftig mehr Wertschöpfung „local for local“ stattfinden muss. Zweitens, was ist unser Wertbeitrag für die Abnehmer auf globalen Märkten und warum sollte ein amerikanisches oder chinesisches Unternehmen trotzdem noch auf deutsche Technologielösungen zurückgreifen.

Trotz einer gewissen Stabilisierung auf der Supply-Seite bleibt die Auftragslage im Maschinenbau angespannt. Ähnliches gilt für die Robotik und Automation. Normalerweise hinkt die Konjunktur in beiden Branchen der allgemeinen Konjunkturentwicklung hinterher. Wie überbrückt man diesen „Lag“?

Heike Freund: Dieser „Lag“ stellt in der Tat eine Herausforderung für Maschinenbauer und Automatisierungsunternehmen dar. Grund dafür ist, dass sie im B2B-Segment aktiv sind und als Dienstleister von der Zugkraft ihrer Endmärkte abhängen. Ihre Abnehmer geben etwaige krisenbedingte Einschnitte meist mit ein wenig Zeitverzögerung an sie weiter. Mit neuen Aufträgen wird aber oftmals auch nach einer Erholung gewartet, um auf Nummer sicher zu gehen – die Konsequenz: Maschinenbauer und Automatisierer können sich nur langsamer erholen. Wichtig ist deshalb, dieses Risiko bereits im Vorfeld strategisch einzuordnen, um Kunden Angebote machen zu können, die auf diese besonderen Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Der Auftragseingang ist schwach, die Stornierungen sind hoch - sogar in weiten Teilen der sogenannten „Digitalindustrie“. Was lässt sich tun, um die Kunden bei der Stange zu halten?

Dorothee Herring: Es ist wichtig, dass Maschinenbauer und Automatisierungsunternehmen verstehen, wie es ihren Kunden geht und was ihre aktuellen Bedürfnisse sind. Auch wenn es etwas pathetisch klingt: Letztendlich sind praktisch alle von der Corona-Krise betroffen und deshalb gilt es jetzt zusammenzuhalten. Zum Beispiel wird ein Kunde, der dabei ist, eine neue, wichtige Produktinnovation umzusetzen, das Projekt fortsetzen wollen – und diejenigen Maschinenbauer, die die gewünschten Lieferfristen für Material und Bauteile einhalten oder beschleunigen, könnten dann auch in Zukunft zum Anbieter der Wahl werden.

Ergibt es Sinn, jetzt neue Märkte zu erschließen und neue Produkte auf den Markt zu bringen – beispielsweise digitale?

Heike Freund: Grundsätzlich gilt es jetzt zweigleisig zu fahren und einmal sich auf die eigenen, individuellen Stärken zu besinnen und gleichzeitig das Geschäft dennoch auf Möglichkeiten abzuklopfen, neue Angebote und Geschäftsfelder aufzutun.

Die Digitalisierung hat in Summe durch COVID-19 einen enormen Schub erfahren, das spiegelt sich auch in den Kundenwünschen bezüglich neuer Produkte wider. Dieser strategische Blick auf die Zeit nach Corona ist wichtig. Und gerade in den letzten Wochen haben wir gelernt, dass die digitalen Vorreiter besser durch die Krise gekommen sind, zum Beispiel wenn Servicedienste auch remote stattfinden konnten oder es bereits digitale Kooperations-Tools im Projektgeschäft gab.

Eine Strategie, die Maschinenbauern und Automatisierern nahegelegt wird, ist, vom Hardwarehersteller zum Lösungsanbieter zu werden, also auch (digitale) Services anzubieten? Nicht wenige Unternehmen sind damit schon recht erfolgreich – zum Beispiel Harting, Weidmüller oder Trumpf, um nur ein paar Namen zu nennen. Wäre das für andere ein Weg aus der Krise?

Heike Freund: Immer mehr Kunden erwarten End-to-End-Lösungen und auch digitale Services, um ihre eigenen Prozesse weiter zu optimieren. Insofern ist es für Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus wichtig, hier nicht den Anschluss zu verlieren. Aber es gilt ganz klar: weniger ist mehr – Unternehmen sollten sich sehr klar auf diejenigen digitalen Services fokussieren, die einen deutlichen Mehrwert für den Kunden bringen. Beispiele hierfür sind eine Steigerung der Anlagenproduktivität oder ein optimierter Ressourcenverbrauch.

Fachleute erwarten dank der positiven Erfahrung während der Corona-Krise einen „Digitalisierungsschub“. Ist das realistisch. Und was wird da in den Unternehmen digitalisiert beziehungsweise wo besteh Handlungsbedarf (Produktion, Administration, Vertrieb, Logistik…)?

Dorothee Herring: Die Pandemie hat noch einmal deutlich gemacht, dass eine umfassende Digitalisierungsstrategie aus zukunftsgewandten Unternehmen nicht mehr wegzudenken ist. In den vergangenen Monaten sind Modelle digitaler Zusammenarbeit vom „Nice-to-have“ zum „Must-have“ geworden. Digitale Prozesse sind nun Routine und dies zeigt: Unternehmen sollten sich unbedingt weiterhin damit beschäftigen und die Vorteile einer klugen Digitalisierung ernten, etwa durch ein verbessertes Risikomanagement dank besserer Analyse großer Datenmengen oder durch innovative Automatisierungs- und Planungslösungen in Logistik und Produktion.

Welche Wirkung hat die Digitalisierung auf die Arbeitsplätze? Werden Roboter (inklusive RPA) nicht doch den Menschen ersetzen?

Heike Freund: Grundsätzlich können Unternehmen dank Digitalisierung effizienter arbeiten – sie zu verschlafen, wäre fatal. Das bedeutet aber nicht, dass direkt Arbeitsplätze wegfallen. Dies ist von Fall zu Fall verschieden. Trotz Weiterentwicklungen in der Robotik werden Menschen an vielen Stellen noch gebraucht.

Inzwischen ist der Herbst da. Wie können sich die Unternehmen auf eine mögliche 2. Corona-Welle vorbereiten?

Dorothee Herring: Das Zauberwort ist hier weiterhin Flexibilität. Selbst wenn in Deutschland die schlimmste Phase der Pandemie überwunden schien, kann man eine zweite Welle sicher nicht ausschließen. Anstatt die gegenwärtige Krise als ein einmaliges Ereignis zu betrachten, sollten Führungskräfte jetzt ihre Erfahrungen sammeln und daraus Strategien entwickeln, die bei weiteren Einschränkungen in der Zukunft den Fortbestand des Unternehmens sichern und Wachstum ermöglichen.

Das häufig beschworene New Normal nach der Pandemie: Wie sieht das für Maschinenbauer/Automatisierer, ihre Kunden, Zuliefere und die Belegschaften aus?

Heike Freund: Maschinenbauer werden ihr Portfolio überprüfen und möglicherweise Produkte entfernen, um dem neuen Umfeld gerecht zu werden. Auch werden sich an einigen Stellen Wertschöpfungsstrukturen ändern, um „resilienter“ gegen weitere Disruptionen in der Supply Chain zu sein. Digitale Arbeitsweisen werden sowohl in Entwicklung, Fertigung und Logistik als auch in der Verwaltung gestärkt sein. Und bei alldem ist der enge Austausch mit den Kunden wichtiger als je zuvor.

Die Corona-Krise überlagert den Strukturwandel zum Beispiel in der Automobilindustrie. So erfordert die Produktion von Elektroautos andere Maschinen und Systeme als bisher. Können die deutschen Maschinenbauer den Strukturwandel „parallel“ zur aktuellen Krise erfolgreich bewältigen oder werden viele Unternehmen auf der Strecke bleiben?

Dorothee Herring: Es ist sicherlich eine geballte Herausforderung für viele Unternehmen. Aber darin steckt auch eine Chance. Ich sehe an vielen Stellen, dass die Corona-Krise Kräfte freigesetzt und Entscheidungswege deutlich beschleunigt hat. Dies sollten die Unternehmen nutzen, um auch die strukturellen Herausforderungen der Industrie anzugehen.

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