Interview mit Raghuram Joshi, Robert Bosch Engineering Das digitale Erwachen der Fertigung

Von Sebastian Human

Erfolgreiche Plattform-Geschäftsmodelle oder die Servitisierung als Erweiterung des bisherigen Angebotsportfolios sind nur zwei Beispiele, wie die Digitalisierung auch die industrielle Wertschöpfung verändert. Ein Gespräch zweier Branchenexperten zum Thema.

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Vielversprechende Technologien und Innovationen gehen mit der Digitalisierung auch für die Fertigung einher.
Vielversprechende Technologien und Innovationen gehen mit der Digitalisierung auch für die Fertigung einher.
(Bild: gemeinfrei / Pexels )

Wir durften ein Gespräch zwischen Edmund Dück, Vice President of Sales, EMEA & Managing Director, DACH bei Liferay, und Raghuram Joshi, Senior General Manager bei Robert Bosch Engineering und Business Solutions, verfolgen. Im Interview gibt der Branchenexperte Joshi Handlungsempfehlungen und erklärt, warum digitale Plattformen völlig neue Services ermöglichen.

Welche Entwicklungen haben Sie in den letzten Jahren in der Fertigungsindustrie beobachtet?

Eine der bedeutendsten Veränderungen der letzten Jahre ist die Etablierung digitaler Lösungen als Kernbestandteil des Herstellungsprozesses. Dabei werden IoT, KI, Blockchain und andere moderne Technologien eingesetzt, um den Herstellungsprozess effizienter, berechenbarer und ausgereifter zu machen.

Ein weiterer Aspekt ist die zunehmende Komplexität der organisatorischen Prozesse. Hersteller müssen eine größere Vielfalt und das richtige Produkt anbieten – und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt.

Gleichzeitig ermöglicht es die Digitalisierung, nicht nur die Fertigungsstraßen des OEM (Original Equipment Manufacturer) zu vernetzen, sondern sich auch über eine Organisation hinaus zu verbinden, beispielsweise mit Händlern, Lieferanten oder Partnern. Eine engere, integrierte Zusammenarbeit unterstützt alle Beteiligten, effizienter zu arbeiten und die gesamte Lieferkette zu optimieren.

Reseller spielen mittlerweile eine doppelte Rolle, da sie Teil eines bidirektionalen Informationsflusses sind. Sie können dem Hersteller zeitgleich einen Hinweis darauf geben, wie sich der Markt in Bezug auf die Lieferkette und die Kundenperspektive entwickelt. Heute geht es nicht nur um die Lieferung eines Produkts, sondern darum, das Kundenfeedback zu erhalten und zu erfahren, wer der eigentliche Endverbraucher ist, wie das Produkt genutzt wird und welche Art von Reparaturen stattfinden. Durch das frühzeitige Sammeln dieser Informationen kann der Hersteller seine Produkte verbessern und das Feedback bereits in der frühen Produktions- und Designphase berücksichtigen. Die Markteinführung eines Produkts basiert heute deshalb viel stärker auf einem kollaborativen Ansatz.

Da die Kundenanforderungen immer weiter steigen, hat die Benutzererfahrung einen großen Einfluss auf das Design und die Herstellung von Produkten. Selbst Hersteller, die bisher keinen direkten Zugang zum Endkunden hatten, versuchen nun, aus erster Hand Einblicke und Informationen von ihren Endverbrauchern zu gewinnen. Diese sind für die Hersteller fast noch wertvoller als für den Reseller. Denn der Hersteller hat ein größeres Interesse an der Wartung, der Verlängerung des Vertrages und der Kundenbindung.

Hinzu kommt, dass es in der Vergangenheit einfacher war, Wettbewerber zu identifizieren. Im Zuge der Digitalisierung wird dies immer schwieriger, da der Wettbewerb auch aus alternativen Branchen hervorgehen wird. Allerdings beobachten wir häufig auch Fälle, in denen Wettbewerber gezielt gemeinsam daran arbeiten, Probleme ihrer gesamten Branche zu lösen.

Edmund Dück ist Vice President of Sales, EMEA & Managing Director, DACH bei Liferay und verantwortet die Umsetzung der Vertriebs - und Marketingstrategie für die Liferay DXP Produktpalette. Er hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen B2B-Kommunikation, Medienproduktion und digitales Marketing.
Edmund Dück ist Vice President of Sales, EMEA & Managing Director, DACH bei Liferay und verantwortet die Umsetzung der Vertriebs - und Marketingstrategie für die Liferay DXP Produktpalette. Er hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen B2B-Kommunikation, Medienproduktion und digitales Marketing.
(Bild: Liferay)

Welche Initiativen haben Sie hinsichtlich der Servitisierung (Servitization) in der Fertigung im Markt beobachtet?

Bislang war die Generierung von Umsatz in der Fertigungsindustrie linear - das heißt je mehr produziert wurde, desto mehr wurde verkauft. Die Digitalisierung ermöglicht jedoch neue nichtlineare Geschäfts- und Umsatzmodelle. Deshalb bewerten Hersteller die Art und Weise neu, wie sie ihre Kunden bedienen. So werden beispielsweise abonnementbasierte Modelle wie „Pay as you go“ oder „Pay as you use“ immer wichtiger. Endverbraucher wollen Produkte als Dienstleistung und nicht als Investition (CAPEX). Man spricht von einem gesamtwirtschaftlichen Trend hin zu einem Kombinationspaket von Sachgütern und Dienstleitungen.

Jeder will in die Servitisierung einsteigen, aber der Wandel geschieht nicht in dem Tempo, das die Menschen erwarten. Das liegt hauptsächlich daran, dass Hersteller hierzu ihr gesamtes Ökosystem aktivieren müssen. Dieses Ökosystem umfasst Händler, Partner, Lieferanten, eigene Mitarbeiter und manchmal auch den Wettbewerb. Für die Hersteller geht es darum, den gesamten Prozess von der Produktentwicklung bis zum Zeitpunkt des Verbrauches ganzheitlich zu betrachten. Dazu müssen sie in der gesamten Lieferkette und am Produktionsstandort Fortschritte erzielen und ihr Produkt als Dienstleistung anbieten. Mit anderen Worten: Sie müssen den gesamten Stack aktivieren. Deshalb ist es als Hersteller in der digitalen Welt unerlässlich, mit dem digitalen Zwilling eines Produkts zu arbeiten. Ohne eine solche digitale Infrastruktur laufen Unternehmen Gefahr, die Vorteile der Monetarisierung von Software und Dienstleistungen zu verpassen.

Wie kann eine digitale Plattform Herstellern bei der digitalen Transformation helfen?

Die Digitalisierung in der Produktion vollzieht sich auf mehreren Ebenen. Die erste betrifft den digitalen Kern. Dieser besteht aus den ERP- (Enterprise Resource Planning) und PLM- (Product Lifecycle Management) Prozessen innerhalb eines Unternehmens. Das sind die Systeme, auf denen die weitere digitale Infrastruktur aufbaut. Heutzutage überdenken Organisationen diesen digitalen Kern und untersuchen, wie effizient ihre Systeme zur Lösung von Geschäftsprozessproblemen eingesetzt werden.

Auf der zweiten Digitalisierungsebene kommen digitale Plattformen ins Spiel. Diese Ebene unterstützt die verschiedenen Interessengruppen dabei, an der übergeordneten digitalen Transformation zu partizipieren. Daher lassen sich die Unternehmensinfrastruktur oder der digitale Kern nicht von dieser Schicht trennen. Insbesondere die Mitarbeiter spielen hier eine wichtige Rolle. Durch ihr Verständnis hinsichtlich der Kundenerwartungen und des Kundenengagements können sie die sich ständig verändernden Bedürfnisse der Konsumenten besser erfüllen.

Ein wesentliches Merkmal, das bei der Auswahl einer digitalen Plattform zu berücksichtigen ist, ist die Flexibilität. Es ist sehr wichtig, eine ausgereifte Plattform innerhalb eines Unternehmens zu nutzen. Darüber hinaus wird eine flexible Umgebung benötigt, die in der Lage ist, mit der Außenwelt zu interagieren. Andernfalls besteht die Gefahr, dass man quasi auf einer „Insel“ zurückgelassen wird. Heutzutage sind wir allerdings mit einem „hochgradig demokratisierten Umfeld“ konfrontiert, in dem sich nur schwer vorhersagen lässt, mit wem Hersteller als nächstes interagieren und welche Technologieplattformen dazu angewendet werden. Deshalb müssen Unternehmen genau überlegen, wie sie ihre digitale Plattform am besten integrieren und dazu nutzen, ihre Position innerhalb des Ökosystems weiter aufzubauen. Denn darauf basieren dann ihre neuen Geschäfts- und Preismodelle, das heißt die Geschwindigkeit und Agilität, mit der sie auf Kundenwünsche reagieren können.

Eine der größten Herausforderungen in der Digitalisierung ist neben der Flexibilität die Skalierbarkeit, sowohl im Hinblick auf unterschiedliche Zugangspunkte, Werte oder die Reichweite. Sie betrachtet die Fähigkeit, mehrere Geschäfts- und Preismodelle auf Basis der gleichen Datenpunkte bereitzustellen, die aus der Interaktion mit dem Kunden und aus Produkten gewonnen werden. Der Maßstab bezüglich der Reichweite bezieht sich auf die Fähigkeit, mehr Menschen durch Technologie und Touchpoints zu erreichen.

Was sind die wichtigsten Herausforderungen für Hersteller in Bezug auf die digitale Transformation?

Die größten Hürden lassen sich bei der Migration von Altsystemen, Change Management und Logistik innerhalb des Ökosystems beobachten.

Raghuram Joshi ist bei Robert Bosch Engineering und Business Solutions (RBEI) für Enterprise Applikationen, einschließlich IoT- und Cloud-Implementierung sowie digitale Content-Management-Systeme verantwortlich. Er besitzt eine zwanzigjährige Markterfahrung.
Raghuram Joshi ist bei Robert Bosch Engineering und Business Solutions (RBEI) für Enterprise Applikationen, einschließlich IoT- und Cloud-Implementierung sowie digitale Content-Management-Systeme verantwortlich. Er besitzt eine zwanzigjährige Markterfahrung.
(Bild: Robert Bosch Engineering und Business Solutions (RBEI))

Um langfristige Investitionen zu sichern, müssen Initiativen zur digitalen Transformation bereits vorhandene Technologien berücksichtigen. Der erste Schritt ist die Extraktion von Daten aus Altsystemen. Die einzelnen Setups sind sehr unterschiedlich. Aus diesem Grund ist es notwendig, Tests und Pilotanwendungen durchzuführen und diese dann in der gesamten Organisationsstruktur auszurollen, ein zeit- und kostenintensiver Prozess.

Bisher war es eher unwahrscheinlich, dass Fachwissen in Frage gestellt wurde – das ist jetzt vielleicht nicht mehr der Fall. Es ist daher oftmals schwieriger als die rein technische Umsetzung, die erforderliche neue Unternehmenskultur und Bereitschaft einzuführen, um die Digitalisierung fest zu verankern.

Industrie 4.0 und die Digitalisierung bieten Konnektivität innerhalb der eigenen Produktionsstruktur und auch hin zu Lieferanten, Kunden und anderen Partnern. Dies eröffnet neue Herausforderungen in Bezug auf die IT-Reife und ein gemeinsames Verständnis von Sicherheit im gesamten Ökosystem.

Von welchen bisher häufig gemachten Fehlern bei der digitalen Transformation können Entscheidungsträger lernen?

Fehler sind bei der digitalen Transformation unvermeidlich. Zu den häufigsten Fehlern gehören unklare Zielsetzungen, die es schwierig machen, den Erfolg der Transformation zu messen. Dann in der IT-Abteilung isolierte Digitalisierungsteams, die nicht im ganzen Unternehmen verzahnt sind und unskalierbare Pilotprojekte. „Scale by Design“ ist hier ein wichtiges Element - nicht nur bezogen auf die Technologie, sondern auch auf externe Partner und den gesamten Geschäftsbetrieb eines Unternehmens.

Es ist sehr aufregend und interessant, heutzutage in der Fertigung zu arbeiten und die vielen neuen Möglichkeiten – sei es in Bezug auf die Technologie oder die Dienstleistungen – die wir jetzt anbieten können, mit zu gestalten. In dieser nichtlinearen Umgebung sind im Allgemeinen niemals zwei Lösungen gleich, sowohl aus technologischer als auch aus Geschäftsmodellsicht. Aber genau die Unternehmen, die es schaffen, diese beiden Aspekte zu kombinieren, können sich einen großen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Das Tempo des Wandels ist schneller als je zuvor. Obwohl noch nicht alle Komponenten zur Digitalisierung der Fertigung voll ausgereift sind, kann es riskant sein, sie nicht auszuprobieren. Alle Unternehmen, die künftig eine Rolle spielen wollen, müssen die Einführung neuer Technologien ganz oben auf ihre Prioritätenliste setzen.

Lange gab es eine Lücke zwischen der Verfügbarkeit von Technologie und den Erwartungen des Kunden. Diese Lücke, wenn sie heute überhaupt noch existiert, schließt sich rasant. Die Menschen sind bereit für die digitale Transformation, und wir müssen die notwendigen Plattformen schaffen, um sie zu ermöglichen.

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