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Umweltpolitische Digitalagenda Covid-19: Deutliche Auswirkungen auf Digitalisierung und Umwelt

| Redakteur: Jürgen Schreier

Die "Zwischenbilanz Covid-19: Umweltpolitik und Digitalisierung“ zeigt: Durch mehr Home Office und Videokonferenzen ist der Personenverkehr stark gesunken. Doch hat sich im Gegenzug das Datenvolumen kräftig erhöht. Damit dieses künftig nicht zu einem deutlich höheren Energieverbrauch führt, werden Effizienzmaßnahmen nötig sein.

Die Corona-Pandemie hat den Personenverkehr stark schrumpfen lassen.
Die Corona-Pandemie hat den Personenverkehr stark schrumpfen lassen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Weniger Verkehr, mehr Datenverbrauch und ein größeres Interesse an regionalen Angeboten: Die Corona-Pandemie hat das Bewegungs- und Konsumverhalten der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland geändert. Dies hat deutliche Auswirkungen auf die Umwelt – positiv wie negativ. Das Wuppertal Institut und die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young) haben diese Auswirkungen in der Studie „Zwischenbilanz Covid-19: Umweltpolitik und Digitalisierung“ untersucht und am 11. Juni 2020 in Berlin vorgestellt.

Die Studie soll als Grundlage für die Weiterentwicklung der in der umweltpolitischen Digitalagenda zusammengefassten Maßnahmen dienen und die Chancen der Digitalisierung für die Umweltpolitik hervorheben.

Virtualisierung der Arbeit reduziert Personenverkehr

Doch was sind die Fakten? Der Personenverkehr ging durch die Corona-bedingten Einschränkungen deutlich zurück. Gerade in der Anfangszeit der Corona-Maßnahmen stieg damit die Nutzung digitaler Medien, wie Videokonferenzen und Onlineshopping. Ein Viertel aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeitete zeitweise im Homeoffice, teilweise reduzierten sich die Aufenthalte am Arbeitsplatz um bis zu 45 Prozent.

In einer Befragung von EY geht mehr als ein Drittel aller Interviewten davon aus, dass interne und externe Meetings auch in den kommenden Jahren durch Videokonferenzen ersetzt werden. 31 Prozent erwarten, dass sie weniger berufliche Reisen unternehmen. Nach Ansicht der Studienautoren lässt sich vor diesem Hintergrund der gesamte Personenverkehr künftig um bis zu acht Prozent reduzieren – wenn möglichst zeitnah Homeoffice und das virtuelle Arbeitsleben gefördert würden. Dies könne beispielsweise über die steuerliche Förderung von Heimarbeitsplätzen geschehen.

Bitkom: Staat muss ortsflexibles Arbeiten erleichtern

Bitkom-Präsident Achim Berg kommentiert die Zwischenbilanz zu den Klimawirkungen der Maßnahmen gegen das Coronavirus, die Bundesumweltministerin Svenja Schulze präsentierte, wie folgt: „Der Klimawandel bleibt auch in der Corona-Krise eine der bedeutendsten Herausforderungen unserer Zeit. Der Zwischenbericht, den die Bundesumweltministerin heute vorgestellt hat, zeigt, welche immensen Potenziale in digitalen Technologien für die Einsparung von Treibhausgasen liegen: So sorgen etwa Home-Office und Videokonferenzen für weniger Autos auf den Straßen, weniger Lärm und eine bessere Luft in unseren Städten. Alle Unternehmen sind gefordert, Home-Office für geeignete Tätigkeiten einzuführen und auch nach der Krise zum Standard zu machen."

Dafür müsse die Politik zügig Hürden beseitigen, die dem flächendeckenden Einsatz solcher digitalen Anwendungen nach wie vor im Wege stehen, so Berg. Er nennt in diesem Zusammenhang eine Modernisierung des Arbeitsrechts, um zeit- und ortsflexibles Arbeiten zu erleichtern.

Verwaltung braucht Digitalisierungsschub

Zugleich seien digitale Lösungen auch dort zum Einsatz bringen, wo es mit der Digitalisierung in den letzten Jahren gehakt hat, etwa in der öffentlichen Verwaltung. Auch der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) in der EU, der am 11. Juni publiziert wurde, stellt Deutschland bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ein schlechtes Zeugnis aus. So steht Deutschland hier nur auf Rang 21. Für Bitkom-Präsident ist das "ein Armutszeugnis für den digitalen Staat".

Umso wichtiger sei es, dass das jüngste Konjunkturpaket der Regierungsparteien einen Schwerpunkt in der Digitalisierung der Verwaltung setzt. Berg: "Die Corona-Krise hat uns Deutschlands digitale Defizite deutlich vor Augen geführt – vom Gesundheitssektor bis zur Bildung. Den coronabedingten Digitalisierungsschub müssen wir erhalten und nutzen, um die Digitalisierung zu beschleunigen und zu verstetigen. Die Corona-Krise ist der Digital-Turning-Point – auch für Umwelt und Klima.“

Die Auswirkungen einer Verlagerung von Tagungen ins "Netz" hat auch das Borderstep Institut untersucht - und zwar anhand eines ganz konkreten Events, der jährlichen Konferenz der International Society for Professional Innovation Management (ISPIM), die vom Borderstep Institut mitveranstaltet wird. Diese bringt führende Innovationsforscher und -praktiker aus aller Welt zusammen. Eigentlich war Berlin als Veranstaltungsort vorgesehen. Aufgrund der aktuellen Lage heißt das neue Konferenzmotto jedoch "Innovating in times of crisis". Getagt wird im Netz.

Die wegfallende Anreise der Teilnehmenden führt etwa zu einer Reduktion des CO2-Fußabdrucks um den Faktor 20. An der ISPIM-Konferenz hätten etwa 600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern teilgenommen, davon über 130 mit weltweiten Anreisen von anderen Kontinenten.

Diese Veranstaltung vor Ort würde allein durch die Interkontinentalflüge zu CO2-Emissionen in der Höhe von etwa 850 Tonnen führen, einschließlich des Aufenthalts der Reisenden vor Ort. Die Anreise der europäischen Teilnehmenden zu einer Veranstaltung und der Aufenthalt in Berlin würde weitere 100 Tonnen CO2 verursachen.

Können Netztagungen den persönlichen Austausch ersetzen?

Fazit: Mit der virtuellen Konferenz werden nun etwa 95 Prozent der CO2-Emissionen der ursprünglich geplanten Veranstaltung vor Ort eingespart. Unter Klimaschutzgesichtspunkten haben virtuelle Konferenzen eindeutig Vorteile. Allerdings können "Netztagungen" nicht den persönlichen Austausch in der Kaffeepause oder das informelle Networking bei den Social Events und der Konferenzparty ersetzen.

Für das Borderstep Institut könnte die Lösung deshalb darin bestehen, physische Tagungen im Wechsel mit virtuellen Konferenzen durchzuführen oder Mischformen zu nutzen, bei denen Keynote Speaker nicht mehr eingeflogen, sondern per Video dazu geschaltet werden.

Verändert Corona das Reiseverhalten im Job auch langfristig? Borderstep beschäftigt sich bereits seit Herbst 2019 in einem Forschungsprojekt mit der Frage, wie die Digitalisierung zum Klimaschutz beitragen kann. Das Forschungsteam hat dafür Befragungen rund um virtuelle Konferenzen und das Geschäftsreiseverhalten durchgeführt.

Es zeigt sich, dass bisher für viele die Kommunikation per Video nur eine untergeordnete Rolle spielte. Seit März 2020 aber nutzen viele Unternehmen den virtuellen Raum nicht nur für die interne Kommunikation, sondern auch für Veranstaltungen. Die Borderstep-Studie zeigt, warum sich erst jetzt, wo nicht mehr gereist werden kann, die Videokonferenz erstmals wirklich durchsetzt. Die Interviews weisen darauf hin, dass das Reiseverhalten im Job nie mehr so wird wie vor Corona.

Mit den Corona-Beschränkungen stieg der Datenverkehr

Doch eine Bilanz hat nach den Regeln der doppelten Buchführung stets zwei Seiten - Aktiva und Passiva. Nach Recherchen des Wuppertal Instituts stieg gleichzeitig mit dem Rückgang des Personenverkehrs das Datenvolumen – getrieben durch Streaming und Videokonferenzen. Dieser nahm um rund zehn Prozent verglichen mit dem durchschnittlichen Datenvolumen vor Covid-19. Insbesondere waren Videokonferenzen (plus 120 Prozent) und Online-Gaming (plus 30 Prozent) dafür verantwortlich.

Damit steigende Datenvolumen nicht zu einem deutlich höheren Energieverbrauch führen, schlagen die Studienautoren vor, die bereits in der umweltpolitischen Digitalagenda angelegten Maßnahmen zur Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks der Digitalisierung umzusetzen. Dies ließe sich beispielsweise erreichen durch Effizienzmaßnahmen, wie energieeffiziente Software, intelligente Auslastungssteuerung oder verstärkte Abwärmenutzung. Gleichzeitig müsse die vollständige Umstellung auf Strom aus erneuerbaren Energien vorangetrieben werden, so die Studie.

Rapider Anstieg des Online-Business

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchungen von Wuppertal Institut und EY: Online-Transaktionen nahmen um bis zu 60 Prozent zu. Profitiert haben aber in der Regel die großen Anbieter, obwohl das Interesse an regionalen Produkten durchaus gestiegen ist – aber die Angebote fehlten in der Breite. Eine Förderung regionaler digitaler Vertriebsplattformen kann hier einen Schub geben.

Dr. Holger Berg, Co-Leiter des Forschungsbereichs Digitale Transformation in der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut, sagte: „Die Daten zeigen, dass Verhaltensänderungen möglich sind. Bisher zögerlich genutzte digitale Lösungen für Homeoffice sind quasi über Nacht akzeptiert worden – das ist eine Chance. Wir können so zum Beispiel Energieverbrauch und Emissionen für Mobilität reduzieren. Allerdings erhöht sich der Bedarf an Technologie und digitaler Infrastruktur, was gleichzeitig unseren Bedarf an Ressourcen hierfür erhöht.“

EY-Partner Thomas Losse-Müller sagte: „Unsere Konsumdaten zeigen, dass sich das Verbraucherverhalten ändert: Damit regionale Wertschöpfungsketten davon profitieren, muss der lokale Einzelhandel in eigene Onlineangebote investieren. Das ist ein Feld, das bisher kaum bedient worden ist. Hier haben Unternehmen und gerade der regionale Einzelhandel Chancen, neue Wertschöpfung zu generieren.“

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