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 Emmanuel Schalit

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Kommentar Contact Tracing hat ein UX-Problem

| Autor / Redakteur: Emmanuel Schalit / Sebastian Human

In den Medien wird diskutiert, ob mit Hilfe von Contact Tracing Apps Kontaktketten zu mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen nachverfolgt werden sollten – durch die Auswertung unserer Handydaten. Viele Menschen sind skeptisch.

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Die Debatte um eine Contact Tracing App zur weiteren Eindämmung des Coronavirus hat einen bekannten inhaltlichen Kern: Schutz der eigenen Privatsphäre vs. Schutz der Allgemeinheit.
Die Debatte um eine Contact Tracing App zur weiteren Eindämmung des Coronavirus hat einen bekannten inhaltlichen Kern: Schutz der eigenen Privatsphäre vs. Schutz der Allgemeinheit.
(Bild: gemeinfrei / Pexels )

Apple und Google schlugen vor, dass anonym aufgezeichnet werden sollte, wenn sich Geräte mit eingeschaltetem Bluetooth in Reichweite zueinander befinden. So könnten Kontakte lückenlos nachverfolgt werden. Unsere Handys tuen dies bereits bis zu einem gewissen Grad, indem sie nach anderen Bluetooth-Geräten suchen – doch sie führen kein Protokoll dieser potenziellen Verbindungen.

Contact Tracing - Das Mittel gegen die Pandemie?

Wird der Vorschlag von Apple und Google umgesetzt, würde jede dieser Verbindungen aufgezeichnet und protokolliert werden. Wird SARS-CoV-2 bei einer Person nachgewiesen, können Kontaktpersonen ausfindig gemacht und isoliert werden. Nutz man Contact Tracing, besteht die Möglichkeit, sich im Falle einer Infektion als Virusträger zu melden. Automatisch werden alle Handybesitzer darüber informiert, die in Ihrer Nähe waren, dass sie potenziell einer Infektion ausgesetzt wurden.

Bis weltweit genügend Corona-Tests durchgeführt werden können, um den Infektionsstatus jedes Menschen bestimmen zu können, müssen wir nicht nur herausfinden, wer krank ist, sondern auch, wer krank sein könnte. Auch Virologen sehen die Kontaktnachverfolgung als effiziente Lösung zur Eindämmung des neuen Corona-Virus an.

Privatsphäre vs. Allgemeinwohl – Eine Frage der User Experience

Bei seriösen Anbietern steht der Schutz der Privatsphäre an oberster Stelle, sogar, beziehungsweise gerade, gegenüber der Regierung. Auch viele Kritiker äußern ihre Bedenken zum Contact-Tracing. Unsere Bewegungsprofile könnten zum Beispiel von einzelnen Akteuren innerhalb der zuständigen Technologieunternehmen, der Regierung und auch Hackern missbraucht werden.

Leicht vergisst man hierbei jedoch, dass Contact Tracing als Mittel gegen die Virus-Ausbreitung nur funktionieren kann, wenn mehr als 60 Prozent der Bevölkerung mitwirken. Das wird nicht passieren.

In unserer Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen haben wir ein Sprichwort: „Cyber-Security hat ein UX-Problem“. Anders ausgedrückt: Wir haben im letzten Jahrzehnt als Anbieter von Cyber-Security-Lösungen gelernt, dass wir so viele Lizenzen für unseren Passwortmanager verkaufen können, wie Unternehmen benötigen, aber es wird keinen positiven Einfluss auf die Sicherheit des Unternehmens haben, wenn Mitarbeiter unser Produkt nicht gerne nutzen. Sie werden das Produkt nur nutzen, wenn es leicht verständlich ist und das digitale Leben einfacher macht. Das heißt, die User Experience muss möglichst positiv sein.

Wir können White Paper und Statistiken veröffentlichen, die aufzeigen, dass die Benutzung eines Passwortmanagers die Internetnutzung nicht nur sicherer, sondern auch einfacher und schneller macht. Doch ist die User Experience unzureichend, sind diese Bemühungen umsonst.

Wenn es also um die Nachverfolgung von Kontaktketten geht, muss man sich fragen: Welchen Nutzen bringt Contact-Tracing? Die Antwort auf diese Frage ist offenbar nicht die folgende: Einzelnen Personen helfen gesund zu bleiben, sodass dieser Zustand zur Gesundheit der Allgemeinheit beiträgt.

In Singapur lässt sich das bereits beobachten. Obwohl die Bevölkerung im Vergleich zu westlichen Ländern hier toleranter gegenüber Eingriffen in die Privatsphäre durch die Regierung ist, sind nur etwa 16 Prozent der Bürger bereit, die TraceTogether-App des Landes herunterzuladen (Stand: April 2020). Das entspricht nur einem Fünftel der Anzahl an Personen, die nötig wäre, um die Kontaktverfolgung wirksam umsetzten zu können.

Man muss Anreize schaffen

Ich schlage stattdessen vor, dass wir die gezielte Frage stellen: Welchen Nutzen bringt die Verwendung einer Contact-Tracing App für jeden Einzelnen? Denn das Allgemeinwohl scheint als ausschlaggebendes Argument nicht ausreichend zu verfangen. Der einzige Weg, wie Contact-Tracing zielführend umgesetzt werden kann, wird sein, dass es für jeden Einzelnen einen Mehrwert durch die Nutzung gibt, der so überwältigend ist, dass dieser die Bedenken in Bezug auf die Privatsphäre überwiegt.

Auf die Frage, wie dieser aussehen könnte, habe ich zurzeit keine eindeutige Antwort, doch ich vermute, dass die Verschlankung und Individualisierung der User Story ein großer Teil der Antwort sein wird. Es ist schwer, eine Person davon zu überzeugen, einen Teil der eigenen Freiheit zum Wohle einer anonymisierten Allgemeinheit zu opfern.

Einfacher ist es, Menschen daran zu erinnern, dass sie sich um Freunde, Nachbarn und Familie sorgen. Die richtige Botschaft zu finden, die verdeutlicht, warum die Ermittlung von Kontaktpersonen dazu beitragen würde, reale Personen, die man kennt und liebt, zu schützen, muss sicherlich ein großer Teil der Antwort sein. Zudem muss die Verwendung einer entsprechenden App reibungslos funktionieren – bereits vor dem Download, bis weit nach der Installation.

In jedem Falle kann und wird die Lösung nicht so aussehen, dass Regierungen ihrer Bevölkerung predigen, dass eine Contact-Tracing App verwendet werden muss, „weil sie gut für dich ist“. Solange Unternehmen und Regierungen, die an der Entwicklung einer solchen App beteiligt sind, nicht herausfinden, wie sie die potenziellen Nutzer überzeugen können, besteht kaum eine Chance, dass sie überhaupt zielführend umgesetzt werden kann.

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