Factoring 4.0

Mit Blockchain-Technologie zu mehr Liquidität

| Autor: Lisa Marie Waschbusch

Die Blockchain-Technologie soll ganze Branchen revolutionieren.
Die Blockchain-Technologie soll ganze Branchen revolutionieren. (Bild: Pexels / CC0)

Liquidität ist ein entscheidender Faktor innerhalb der Supply Chain. Doch oftmals müssen Unternehmen mehrere Wochen auf ihre Bezahlung warten. Das Berliner Startup Centrifuge will mithilfe der Blockchain hier ansetzen: Im Interview erläutert Co-Founder Maex Ament dessen Lösungsansatz für die Lieferantenfinanzierung und welche Rolle dabei der Blockchain zukommt.

Wie ist Centrifuge entstanden?

Seit vielen Jahren bin ich mit meinen Mitgründern im Bereich „Fintech“ oder Financial Supply Chain unterwegs. Es ist mittlerweile unser viertes Startup im gleichen Gründerteam. Heute warten KMUs im Durchschnitt weltweit 60 Tage auf ihr Geld. In Deutschland ist es weniger, aber in anderen Ländern können es auch mal 90 oder 120 Tage werden. Das heißt, richtig lange warten, bis mein Kunde mich bezahlt. In unseren vorherigen Startups haben wir dafür Software gebaut, die es für Unternehmen einfacher macht, nicht mehr so lange warten zu müssen, sondern früher an Kapital, Liquidität und Cash zu kommen. Da wir uns lange mit dem Gebiet beschäftigen, wissen wir mittlerweile was funktioniert und was nicht. Wir glauben, mit Blockchain-Technologie können wir das Ganze künftig wesentlich besser, fairer und skalierbarer machen.

Welche Probleme will Centrifuge mit Centrifuge OS lösen?

Das Problem der Lieferantenfinanzierung. Der Markt, auf dem wir uns bewegen, ist sehr groß. Ein Markt, der größer ist als der CRM- oder ERP-Markt, auf dem z. B. SAP unterwegs ist. Bislang ist es so, dass dieser Markt hauptsächlich von Banken bedient wird.

Also stehen Sie mit Centrifuge praktisch in direkter Konkurrenz zu Banken aber auch zu Factoring-Gesellschaften.

Ja, wenn es um die Vermittlung einer Finanzierung geht. Diese erfolgt bei Centrifuge ohne Mittelsmann oder zentrale Plattform dezentralisiert über unsere Blockchain-Lösung. Nein, wenn es um die Finanzierung per se geht. Es gibt nach wie vor Kapitalgeber. Das können Banken, aber auch andere heute noch nicht am Supply Chain Finance Markt aktive Spieler, wie Versicherungen, Pensionsfonds, oder Family Offices sein, die kurzfristige, attraktive Anlageformen suchen. Wir glauben, dass Factoring heute zu teuer, zu kompliziert und zu inflexibel ist, um langfristig erfolgreich zu bleiben.

Hört man das Kürzel "OS", denkt man unwillkürlich an ein Betriebssystem. Inwiefern versteht sich Centrifuge OS als solches?

Ein Betriebssystem erlaubt es uns als Endanwender erst wirklich einen Computer oder ein Smartphone zu nutzen. Anbieter können auf diesen Standard einfach ihre Lösungen anbieten und wir als Benutzer, brauchen diese Programme und Apps nur zu installieren und können starten. Wieso denken wir, dass Centrifuge OS das Betriebssystem für die Financial Supply Chain ist? Weil wir genau diese Plattform für unsere User sein wollen. Jede Bank, jedes Netzwerk oder jeder Lösungsanbieter kann unser OS nutzen, um seinen Kunden und allen anderen Unternehmen auf Centrifuge seine Dienstleistungen anzubieten. Wir sind Open Source. Jeder, wirklich jeder, kann es nutzen. Auch wenn wir zuerst eine einfache und flexible Finanzierung der Lieferkette auf Centrifuge OS anbieten, kann jeder andere auf Centrifuge eine eigene Lösung in Konkurrenz zu unsere anbieten. Die Unternehmen haben die Wahl. Diese Wahl ist auch deutlich einfacher als bisher, da die Daten bereits auf unserem Centrifuge OS liegen. Ein Unternehmen muss also einer anderen Lösung nur Zugriff auf seine hierfür notwendigen Daten geben und kann starten. Genau wie eine App auf dem iPhone.

Markus (Maex) Ament, Mitgründer und CEO von Centrifuge, hat mit seinen Geschäftspartnern vor Centrifuge bereits drei Unternehmen (u.a. Taulia) in den Bereichen Enterprise Software und Supply Chain Financing erfolgreich aufgebaut.
Markus (Maex) Ament, Mitgründer und CEO von Centrifuge, hat mit seinen Geschäftspartnern vor Centrifuge bereits drei Unternehmen (u.a. Taulia) in den Bereichen Enterprise Software und Supply Chain Financing erfolgreich aufgebaut. (Bild: Centrifuge)

Aus welchem Grund haben Sie sich für die Ethereum-Blockchain entschieden?

Was Ethereum unserer Meinung nach auszeichnet, ist einerseits das bereits vorhandene Ökosystem anderer Applikationen, die entwickelt werden oder zum Teil sogar schon verfügbar sind, andererseits die Community, bestehend aus einer Vielzahl von erfahrenen Entwicklern. Und seien wir mal ehrlich: Bis vor einem Jahr gab es wenige Alternativen auf dem Smart Contracts-Umfeld. Heute gibt es – wenn auch erst seit wenigen Wochen EOS; Dfinity ist noch nicht ausgereift, oder natürlich IOTA und andere. All diese Lösungen haben im Vergleich zu Ethereum noch nicht bewiesen, dass sie tatsächlich funktionieren. Daher halten wir aktuell, wenn es um Smart Contracts geht, Ethereum für die beste Wahl. Natürlich wissen wir, dass Ethereum nicht perfekt ist. Wir glauben auch, dass klassische zentrale Ansätze immer performanter sind und besser skalieren, aber wirkliche Dezentralisierung ohne Mittelsmann bietet so viele neue Möglichkeiten mit Businessmodellen, die heute noch keiner oder nur im Ansatz kennt, dass die Blockchain sich im B2B-Bereich durchsetzen wird. Berlin hat so viele großartige Blockchain-Projekte, wie Polkadot oder Golem, die sehr aktiv mit der Ethereum-Foundation daran arbeiten, Ethereum besser zu machen und die Probleme wie Performance, Skalierung und weitere zu lösen. Das ist für uns auch der Grund, in Berlin zu sein. Mitten drin in der Crypto-Capital.

Welchen technologischen Zusatz leistet Centrifuge?

Unsere technologische Basis ist die Ethereum-Blockchain. “Zusatzleistungen” unseres OS bauen darauf auf. Wir legen Schichten darüber, auf der Business-Entitäten und -Objekte – Kunden, Lieferanten, Rechnungen, Bestellungen, Zahlungen – verfügbar und handhabbar gemacht werden, ohne dass der Entwickler wirklich verstehen muss, wie die Blockchain funktioniert.

Für welche Branchen ist Centrifuge OS interessant?

Buchhaltung mit Rechnungen, Lieferketten mit Bestellungen, gebundenes Umlaufvermögen und den Bedarf an Finanzierung gibt es überall. Deshalb sind wir branchenübergreifend unterwegs. Für jedes Unternehmen dieser Erde mit jeder Lieferantenkette könnte unser System interessant sein.

Wie ist die Resonanz auf dem Markt? Welche „Kunden“ haben Sie?

Aktuell arbeiten wir an zwei Projekten: Ein Projekt ist in Zusammenarbeit mit einem großen deutschen Chemiekonzern, bei dem wir in den nächsten zwei Monaten als Proof-of-Concepts zeigen wollen, dass das System funktioniert und dass Daten zwischen dem Konzern und seiner Lieferantenkette ausgetauscht werden können. Das zweite Projekt ist im Versicherungsumfeld. Hier arbeiten wir mit einer Kreditversicherung zusammen. Den Begriff Kunde würde ich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht verwenden. Ich glaube nicht, dass es im Blockchain-Umfeld wirklich viele Live-Projekte gibt. Das sind Proof-of-Concepts und da wollen wir uns mindestens noch sechs Monate Zeit nehmen, bis wir live gehen.

Welchen Nutzen bietet Centrifuge dem Anwender?

Unsere Anwender sind Firmen und Enterprises jeglicher Größe aus dem B2B-Bereich. Wenn ich beispielsweise als Lieferant unser System benutze, habe ich Zugang zu Finanzdiensten, die ich vorher so nicht hatte. Ich kann einzelne Rechnung zu attraktiven Konditionen früher bezahlen lassen. Ich kann eine günstige Kreditversicherung bekommen, die vorher nicht so einfach verfügbar war. Der Grund dafür ist, dass die zugrundeliegenden Daten, sprich die Rechnung oder die Bestellung, auf denen die Finanztransaktion stattfindet, verifizierbar sind. Es ist demnach also nicht nur ein Stück Papier, es ist eine verifizierbare Rechnung, die zwischen mir und meinem Kunden kryptographisch signiert wurde. Diese kann ich meinem Dienstleister zeigen und somit beweisen, dass es sich um eine valide Rechnung handelt, die bezahlt wird. Der Onlinehandel hat sich nicht durchgesetzt, weil es vorher keinen Handel gab, sondern weil es so viel einfacher ist auf eine nahezu unbegrenzte Auswahl zuzugreifen. Auf Centrifuge starten wir mit dem Angebot, das jeder mit wenigen Schritten, Mausklicks, Fingertips die für sich beste Finanzierung oder Versicherung findet.

Sie sagten Centrifuge sei bereits das vierte Startup im selben Gründerkreis. Inwiefern unterscheidet sich Centrifuge von Taulia?

Taulia unterscheidet sich von traditionellen Factoring-Lösungen. Wir sind zu allen - auch den kleinen - Lieferanten großer Unternehmen gegangen und haben ihnen gesagt, dass ihr großer Kunde die Zahlung garantiert. Die Überweisung dauert zwar immer noch 90 Tage, aber Taulia hat eine Zahlung zum früheren Wunschzeitpunkt angeboten. Die Zwischenzeit bis zur endgültigen, garantierten Zahlung durch den Kunden wird sehr günstig zum Ausfallrisiko dieses Kunden refinanziert. Das ist im Vergleich zum klassischen Skonto (oft 2% und mehr) oder klassischen Factoring um Größenordnungen günstiger und war damals neu. Eine Einschränkung dieses zentralen Ansatzes ist allerdings, dass es sehr schwer ist, potenzielle Partner zu finden. Es entsteht sehr schnell eine Konkurrenz durch sich überschneidende Angebote. Partner zögern daher Zugriff auf die eigenen Daten (eigentlich die Daten der eigenen Kunden) zu gewähren und ohne dies funktioniert eine Partnerlösung nicht. Centrifuge ist neutral. Durch die dezentrale Blockchain gibt es keinen Mittelsmann mit Datenhoheit mehr. Wir reden momentan mit sehr vielen Anbietern, die gerne ihre Lösung um Lieferantenfinanzierung ergänzen möchten, jedoch aus genannten Gründen keinen passenden Partner finden.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45403966 / Internet of Things)