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Weltfrauentag 2020 "Beim Thema Frauenquoten bin ich eher zwiegespalten"

| Redakteur: Vivien Deffner

Frauen in der Forschung sind grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Wenn es um IT geht, sieht das schon wieder anders aus. Dr. Simone Braun gehört aber dazu. Sie spricht mit uns über ihre Berufswahl, Frauenquote, Herausforderungen und Veränderungen des Frauenbildes in der IT-Branche.

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Dr. Simone Braun ist als Head of Business Development bei Uniserv tätig.
Dr. Simone Braun ist als Head of Business Development bei Uniserv tätig.
(Bild: Uniserv)

Dr. Simone Braun arbeitet als Head of Business Development bei Uniserv und ist dort für die Weiterentwicklung des Geschäftsfeldes Geschäftspartnerdaten-Management betraut. Sie hat über zehn Jahre Erfahrung in anwendungsorientierter Forschung und Innovationen in der IT. Ihre Karriere ist für einige vielleicht ungewöhnlich, im Interview spricht sie über Hürden in ihrer Laufbahn und über die Zukunft von Frauen in der IT.

Frau Braun, mussten Sie sich für Ihre Ausbildungs- und Berufswahl schon einmal rechtfertigen?

Nein, für meine Berufswahl musste ich mich bisher nicht rechtfertigen. Im Gegenteil, ich habe immer sehr viel Unterstützung und Rückhalt erfahren. Ich war schon seit jeher mathematisch geprägt und hatte das Glück, beruflich immer von meiner Familie und Freunden unterstützt zu werden. Natürlich konnten sich nur Wenige unter meinem Studium der Mediensysteme etwas vorstellen. Das Studium ist im Grunde genommen vergleichbar mit der Medieninformatik und war sehr stark informatisch geprägt. Der Frauenanteil war entsprechend gering.

Auch in meiner anschließenden Promotion in der Angewandten Informatik auf dem Themengebiet „Kollaborative Ontologie-Entwicklung“ gab es nur wenige Frauen, in meiner Forschungsgruppe war ich zeitweise sogar die Einzige. Mittlerweile sind Frauen erfreulicherweise in vielen Unternehmen gerne gesehen, vor allem weil eine große Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften besteht. Doch die Kehrseite der Medaille ist, dass der Frauenanteil gerade in männergeprägten Berufsdomänen oft noch recht gering. Das liegt auch daran, wie das Thema immer noch gesellschaftlich besetzt ist.

Es gab sicher auch Momente, in denen ich Benachteiligung gespürt habe oder in meiner Gegenwart typische Frauenwitzchen gemacht wurden. Während meiner frühen Karriere war ich zum Beispiel Mitglied eines Forschungsprojekts, dem ich als Frau fachlich gleichgesetzt einer Runde von Professoren angehörte. Die Frage ist dann immer, wie Frauen in diesem Kontext agieren, proaktiv und konstruktiv nach vorne gehen oder zurückweichen. Da Rückzug nicht meine Sache ist, habe ich ein Coaching absolviert, um mit solchen Situationen einfach besser umgehen zu können und mich stärker zu behaupten. Ich empfehle jeder Frau, sich auf das Arbeiten in von Männern dominierten Gruppen einzustellen. Es gibt beispielsweise Codes, die Männer unbewusst verstehen. So schauen Männer den Leader einer Gruppe immer an, wenn sie sprechen, aber auch, wenn ein anderer spricht – also gar nicht so sehr die Person, an die die Nachricht adressiert ist. Kennen Frauen diese Codes, fallen ihnen viele Dinge leichter. Aus diesem Grund finde ich auch Frauen-Netzwerke, wie etwa Women in Tech oder Women in Voice, sehr wichtig. Hier geht es vor allem um Austausch, gegenseitige Unterstützung und Förderung von Frauen untereinander. Ich selbst bin auch in solchen Netzwerken aktiv und bringe mich zudem in Hochschulen ein.

Haben Sie das Gefühl, als Frau in einer männerdominierten Branche muss man seine fachliche Kompetenz mehr unter Beweis stellen, als es in anderen Branchen der Fall wäre?

Meiner Meinung nach, werden in männerdominierten Branchen immer noch höhere Erwartungen an Frauen gestellt – verglichen mit ihren männlichen Kollegen. Aber auch die Frauen selbst stellen höhere Erwartungen an sich und ihr Können. Ich sehe immer noch, dass Frauen eher dazu tendieren, ihr Licht unter den Scheffel und sich selbst mehr in Frage zu stellen. Aus meiner Sicht sind Männer da weniger zurückhaltend und stellen ihre Kompetenz im Vergleich deutlich mehr in den Vordergrund, sie haben mehr Mut zur Lücke. Ich würde aber auch sagen, dass es in der IT-Branche für Frauen beruflich eher leichter ist voranzukommen als in anderen männerdominierten Branchen. In den IT-Teams herrscht nämlich mehr Diversität, weil sich gezeigt hat, dass solche Teams einfach produktiver und erfolgreicher sind.

Das sind einige von Deutschlands Digitalisierungs- und Industrie-4.0-Expertinnen:

Weltfrauentag

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Hat sich das Bild der Frau in der Industrie in den letzten Jahren verändert? Haben Sie das Gefühl, es steigen mehr Frauen in die Branche ein?

Ich sehe schon, dass sich die klassischen Rollenbilder zwar langsam, aber sicher ändern – vor allem dadurch, dass die Themen Work-Life-Balance und Elternzeit in der Öffentlichkeit so präsent geworden sind. Dies wiederum regt auch die Debatte um Frauenanteile in bestimmten Branchen an, darunter auch in der IT. Zwar ist er in meinen Augen immer noch zu niedrig, aber der Anteil nimmt zu. Zum einen, weil wir alle durch unseren zunehmend technologisierten Alltag viel mehr und früher Bezug zu dem Thema IT bekommen. Zum anderen stellt sich die Informatik viel interdisziplinärer auf, durchdringt also auch andere Bereiche – das sehen wir zum Beispiel an Studiengängen wie Medizin- oder Umweltinformatik, E-Learning oder Digital Business. All diese Aspekte tragen aus meiner Sicht dazu bei, dass Frauen sich auch stärker für solche Berufe interessieren.

Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass weibliche Teenager immer noch zurückhaltender sind, wenn es darum geht, IT- oder MINT-Berufe zu ergreifen. Dabei sind die technischen Berufe tolle Berufe für Frauen, mit erheblichem Potenzial wie beispielsweise Weiterbildungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Auch die monetäre Seite ist hoch attraktiv. Hinzu kommt der kreative Anteil in vielen Bereichen. Mittlerweile gibt es deutlich vielfältigere Berufsbilder in der IT als noch vor ein paar Jahren. Zum Beispiel sind Anwendungsentwicklung und App- sowie UX-Design solche hochkreativen Berufe. Daher sollten MINT-Fächer, neue Berufsbilder und MINT-bezogene Themen bereits in Kitas im Rahmen einer Frühförderung und auch stärker an Schulen unterstützt werden.

Wie stehen Sie zu der Frauenquote?

Beim Thema Frauenquoten bin ich eher zwiegespalten. Einerseits schaffen Quoten Bewusstsein für das Thema, andererseits lösen sich so nicht die Grundprobleme, zum Beispiel wie Karriere und Kinder oder die Pflege von Angehörigen unter einen Hut zu bringen sind. Alles immer noch typische Frauenaufgaben, die meist automatisch einen Karriereknick bedeuten. Die Frage ist daher, wie wollen wir mit solchen Lebensabschnitten gesellschaftlich, aber auch auf Arbeitgeberseite umgehen. Für mich sollten daher weniger Quoten, sondern eher moderne Arbeits- und Führungsmodelle im Fokus stehen. Zum Beispiel wie wir das Modell des Job-Sharings gleichberechtigt für Frauen und Männer etablieren können.

Ganz grundsätzlich ist aus meiner Sicht also eine Veränderung auf beiden Seiten notwendig: Zum einen müssen wir moderne Arbeitsmodelle mit notwendiger Work-Life-Balance für alle Geschlechter ermöglichen – und andererseits Frauen ermutigen, auch in noch männerdominierte Branchen vorzudringen, sich einfach zu trauen und auszuprobieren.

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