Marktbereinigung

Bei IoT-Plattformen trennt sich die Spreu vom Weizen

| Autor / Redakteur: Michael Hase / Lisa Marie Waschbusch

Beobachter rechnen damit, dass sich der Markt für IoT-Plattformen, in dem sich rund 450 Anbieter tummeln, schon bald konsolidieren wird.
Beobachter rechnen damit, dass sich der Markt für IoT-Plattformen, in dem sich rund 450 Anbieter tummeln, schon bald konsolidieren wird. (Bild: Pixabay / CC0)

Rund 450 Anbieter von IoT-Plattformen drängen sich im Markt. Das Gros der Kunden wird bis 2020 wesentliche Investitionsentscheidungen treffen. Daraus ergibt sich eine einzigartige Dynamik, die zu einer Bereinigung des fragmentierten Markts führen muss.

Nach der Aufbruchstimmung der ersten Jahre hat der Markt für IoT-Plattformen inzwischen einen Wendepunkt überschritten. Schon 2016 wurden erstmals mehr Anbieter (17), übernommen, als neue (13) gegründet, wie die Marktforscher von IoT Analytics ermittelt haben. Mehr als 450 IoT-Plattformen listen die Hamburger Experten auf. Rund 30 davon kommen auf Jahreserlöse von mehr als zehn Millionen Dollar. Gemessen am Umsatz führen die Hyperscaler Microsoft Azure und Amazon Web Services (AWS), die ihr Portfolio mittlerweile um IoT-Verarbeitungs- und Analysefunktionen ergänzt haben, das Feld an. Von den deutschen Playern schlagen sich Bosch, die Software AG und SAP nach Auskunft von IoT Analytics derzeit am erfolgreichsten.

Unter den Anbietern von IoT-Plattformen findet sich inzwischen fast alles, was Rang und Namen hat: IT-Konzerne wie Cisco, Dell, Fujitsu, HPE, Huawei, IBM, Oracle und Samsung, Telco-Spezialisten wie die Deutsche Telekom, Ericsson, Nokia, QSC, Telit und Vodafone sowie Schwergewichte aus der Industrie wie General Electric (GE), Rockwell und Siemens. Außerdem bewegen sich in dem Segment zahlreiche Startups. Schließlich birgt es immens großes Potenzial.

Enormes Wachstum

Nach Einschätzung von Bain & Company wächst der Markt jährlich um 15 bis 20 Prozent. 2020 werden weltweit 470 Milliarden Dollar für IoT-Geräte, Netzwerk-Technologie, Analyse-Software und Integrationsleistungen ausgegeben, prognostiziert das Beratungshaus. Davon werden rund 330 Milliarden auf den B2B-Sektor entfallen, wozu Branchen wie Automobil, Energie, Gesundheitswesen, Handel, Industrie sowie Transport und Logistik zählen.

Besondere Dynamik erhält der Markt dadurch, dass sich derzeit viele Unternehmen mit dem Internet der Dinge befassen und Investitionen planen. Bis 2020 werden Bain zufolge die meisten potenziellen Kunden eine Technologie ausgewählt haben. Rund 20 Prozent von ihnen werden dann sogar eine Plattform unternehmensweit einsetzen. Mehr als 60 Prozent werden zumindest mit ersten Implementierungen begonnen haben. Spätestens 2025 werden fast alle Investitionsentscheidungen gefallen sein. Das Zeitfenster ist somit begrenzt, sodass sich bei den Anbietern innerhalb der kommenden drei Jahre die Spreu vom Weizen trennen dürfte.

Mit einer Marktbereinigung bei IoT-Plattformen rechnet man bei der Software AG sogar schon für das laufende Jahr. „2018 werden wir zahlreiche Übernahmen und Zusammenschlüsse sehen, aber auch eine natürliche Auslese“, erwartet Werner Rieche, Deutschlandchef des Darmstädter Unternehmens. Der Hersteller hat im vergangenen Jahr selbst zur Konsolidierung des Markts beigetragen. Im März kaufte die Software AG das Düsseldorfer Nokia-Spinoff Cumulocity.

Zukauf von Know-how

Die Hessen sind nicht die ersten, die sich auf diese Weise IoT-Kompetenz ins Haus geholt haben. So übernahm PTC, ein führender Spezialist für Product Lifecycle Management (PLM), schon 2013 das Startup ThingWorx für 112 Millionen Dollar. Samsung akquirierte SmartThings im Jahr darauf für geschätzte 200 Millionen Dollar. Zu einem nicht genannten Preis kaufte Amazon 2015 den Hersteller 2lemetry, der eine Management-Plattform für vernetzte Geräte entwickelt hatte.

Gründe für eine anstehende Konsolidierung sehen Experten in der starken Fragmentierung des Markts und der Notwendigkeit einer stärkeren Standardisierung, wie die Analysten von Frost & Sullivan in ihrer Studie „Growth Opportunities for Service Providers in the Internet of Things (IoT)” schreiben. Diese Einschätzung teilt Software-AG-Geschäftsführer Rieche. Nach seinen Worten sind die Angebote technologisch längst noch nicht ausgereift. „Bisher gibt es keine IoT-Plattform auf dem Markt, die alle Funktionen und Anwendungsbereiche abdeckt.“ Aus diesem Grund würden Anbieter künftig verstärkt Kooperationen eingehen, erwartet der Manager.

Zentrale Schaltstellen

IoT-Plattformen dienen als Schaltzentralen im Internet der Dinge. Sie stellen die Konnektivität zwischen verschiedenen Geräten her und sorgen für einen reibungslosen Datenfluss über unterschiedliche Protokolle und Datenformate hinweg. Auf diese Weise liefern sie die Basis für Applikationen und Services, die Nutzern eine Interaktion mit der Welt der Dinge ermöglichen. Idealerweise kommunizieren Geräte und Anwendungen so miteinander, dass sie automatisiert aufeinander reagieren.

Um diese Anforderungen zu erfüllen, müssen die Systeme ein breites Spektrum an Merkmalen und Funktionen abdecken. Dazu zählen die Anbindung, Identifikation und Verwaltung von Geräten, die automatisierte Verarbeitung von Daten auf Regelbasis sowie die Analyse und Visualisierung von Daten. Die Plattformen sollten außerdem Werkzeuge zur Entwicklung von Applikationen und Schnittstellen zur Anbindung an andere Systeme bieten.

Vertikale Plattformen

Neben den horizontalen entwickeln sich vertikale IoT-Plattformen, die branchenspezifische Datenformate, Schnittstellen und Protokolle unterstützen. So baut beispielsweise die Software AG im Rahmen des Joint Venture Adamos (Adaptive Manufacturing Open Solutions) gemeinsam mit den Unternehmen ASM, DMG Mori, Dürr und Zeiss eine Plattform für den Anlagen- und Maschinenbau auf. Als Basis dafür dient die horizontale Technologie von Cumulocity.

Abhängig von der technologischen Herkunft des Herstellers weisen die am Markt verfügbaren IoT-Plattformen unterschiedliche Stärken und Schwächen auf. Und längst nicht jedes System, das unter diesem Label angeboten wird, deckt das gesamte Funktionsspektrum ab. Im Rahmen des „PAC Innovation Radar“ haben Analysten der CXP Group die Systeme von 30 Anbietern hinsichtlich ihrer Funktionen für Geräte-Management, Inbetriebnahme von Applikationen, Datenanalyse und Device-Entwicklung untersucht. Dabei wurden die Plattformen von Bosch, GE, IBM, Microsoft, PTC und SAP in allen vier Kategorien als „Best in Class“ bewertet.

Bislang fällt es Analysten schwer, ein stimmiges Ranking nach Umsatzgröße aufzustellen. Denn bei vielen Anbietern ist nicht transparent, wie sie IoT-Einnahmen von Erlösen aus anderem Geschäft abgrenzen. Einen interessanten Blick auf die Szene werfen die Berater von Bain, die die Größe der IoT-Entwickler-Teams betrachten. Demnach liegt der Industriegigant GE, an dessen Plattform Predix rund 3.000 interne und externe Entwickler arbeiten, vor PTC mit einer Zahl von 2.700. Dahinter folgen Microsoft Azure (1.300), IBM (1.200), AWS (810) und Cisco (690). Verglichen damit, nehmen sich die Teams der deutschen Player Bosch (260), Siemens (175) und SAP (100) bescheiden aus.

Risikokapital

Interessant wird zu beobachten sein, welche Startups sich auf lange Sicht im Markt behaupten werden. Was die Kapitalausstattung der IoT-Pioniere angeht, haben Unternehmen aus dem Silicon Valley einen Standortvorteil. In seiner jüngsten Finanzierungsrunde kam der Anbieter C3 IoT zu Beginn dieses Jahres auf die Summe von 100 Millionen Dollar. Bislang sammelte das Startup, das der CRM-Pionier Tom Siebel aus der Taufe hob, insgesamt 243 Millionen Dollar bei Investoren ein. Der Plattform-Anbieter Ayla Networks erhielt im vergangenen Jahr eine Kapitalspritze in Höhe von 60 Millionen Doller. Zu den größten Geldgebern im IoT-Markt zählen Cisco Investments, Intel Capital, GE Ventures und Kleiner Perkins Caufield & Byers (KPCB).

Von den Summen ihrer amerikanischen Mitbewerber sind deutsche Startups weit entfernt. 2016 bekam das Berliner Unternehmen Relayr immerhin 23 Millionen Dollar nach 11 Millionen im Jahr zuvor. Der IoT-Middleware-Spezialist ist ein enger Partner von Cisco und gehört der Innovation Alliance des Netzwerkriesen an, die sich die Digitalisierung des deutschen Mittelstands auf die Fahnen geschrieben hat.

Bei der Vermarktung seiner Plattform setzt das Berliner Startup auf den Channel. Im April vergangenen Jahres gab der Münchner Distributor Tech Data eine Kooperation mit Relayr bekannt. Auch der direkte Mitbewerber Arrow ECS, bei dem IoT – wie bei Tech Data – inzwischen zu den Schwerpunktthemen zählt, hat eine Plattform im Portfolio. Mit Arrow Connect stellt der VAD seinen Partnern eine Eigenentwicklung bereit.

Aus Sicht von Systemhäusern und Systemintegratoren ist eine IoT-Plattformen ein wesentliches Modul in Kundenprojekten. Denn sie liefert ihnen grundlegende Funktionen in einem integrierten System und erleichtert so ihre Arbeit. Statt für jeden Kunden eine individuelle Lösung von Grund auf entwickeln zu müssen, können sie sich darauf konzentrieren, eine Plattform in die Systemlandschaft des Anwenders zu integrieren und an dessen Anforderungen anzupassen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal BigData-Insider erschienen.

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